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Spielfilm "Un homme qui crie": Trügerisches Herz

Foto: Cine Global

Afrika-Drama "Un homme qui crie" Trügerisches Herz

Drama der leisen Töne: "Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit" ist beeindruckendes Kino aus dem von jahrzehntelangen Bürgerkriegen geschüttelten Tschad mitten im Herzen Afrikas - eine Innensicht auf einen Mann und sein Land.
Von Ilse Henckel

Adam (Youssouf Djaoro) ist ein gut erhaltener Mittfünfziger. Seit 30 Jahren arbeitet er am Pool einer gehobenen Hotelanlage in der Hauptstadt N'Djamena. Er war der erste Bademeister überhaupt im Tschad, und es ist eine gute Stellung, die ihm Respekt und Ansehen einbringt. Er wacht fürsorglich-gestreng über die Gäste und verwaltet zuverlässig sein von Elend und Chaos scheinbar unberührtes Reich. In seiner Jugend war er Schwimmchampion von Zentralafrika, bis heute zehrt er von seinem Ruhm. Das ändert sich plötzlich, als das Hotel an einen chinesischen Investor übergeht und der Champion aus Altersgründen vom Beckenrand weg zum Parkplatzwächter degradiert wird. Ein Schlag für den stolzen Mann, erst recht, da sein Sohn Abdel (Dioucounda Koma), bisher Hilfsbademeister unter seiner Aufsicht, hinter seinem Rücken die Arbeit am Pool übernimmt.

Als Adam von seinem Bezirkschef bedrängt wird, endlich seinen Beitrag zum Krieg zu leisten, liefert er sein einziges Kind an die Regierungstruppen aus. Und kehrt auf seinen für sein Selbstwertgefühl so unerlässlichen Posten zurück.

Kontrollverlust eines Achtbaren

Vor dem Hintergrund der stets präsenten, doch nie direkt ins Blickfeld der Zuschauer gerückten Bürgerkriegswirren berichtet der tschadische Regisseur und Drehbuchautor Mahamet-Saleh Haroun in seinem vierten Spielfilm vom entgleisenden Alltagsleben in seinem Land, von Massenflucht, als die Kämpfe näher rücken, von Armut und Entfremdung. Und von einem achtbaren Menschen, der in diesen Umständen die Kontrolle über sein Leben und sich selbst verliert, sich entwertet fühlt und damit nicht umgehen kann.

Adams Frau Mariam (Hadje Fatime N'Goua) folgt dabei einem anderen Selbstverständnis. Sie redet oder handelt, wo es nötig ist, wo ihr fehlgeleiteter Mann verstummt. So nimmt sie Djeneba ohne Umschweife in ihr Haus auf, nennt sie "meine Tochter" - ein fremdes schwangeres Mädchen, das Abdel sucht. Angesichts von Djenebas Kummer um ihren vom Vater verratenen Freund bricht irgendwann auch Adams innere Erstarrung auf.

Haroun beginnt seine gleichnishafte Vater-Sohn-Geschichte in einem Swimmingpool. Die beiden Hauptfiguren tauchen um die Wette in dem künstlichen Gewässer. Der Schluss findet sie in der lebendigen Strömung des Flusses, an dem die Hauptstadt liegt.

Sein Film gibt dem gesellschaftlichen Drama ein privates Gesicht. Unsentimental, reserviert, subtil und bis zum offenen Ende sehr langsam erzählt, verzichtet er auf schnelle Schnitte und raumgreifende Musik; Stimmengewirr, Fluglärm von Militärjets über der Stadt, das Knattern von Adams Hotelmotorrad, ein herzergreifendes Lied, das ist genug. Dazu die in milden Farben fotografierten Bilder von Kameramann Laurent Brunet. Für all das gab es im vergangenen Jahr auf dem Festival in Cannes den Großen Preis der Jury.

Einmal besucht Adam einen erkrankten Freund, den von der neuen Hotelleitung entlassenen Koch David. "Das Herz spielt verrückt, Champion", sagt der, "es versagt, wenn man's am meisten braucht. Das Herz ist trügerisch."


"Un homme qui crie - Ein Mann, der schreit". Start: 7.4. Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Youssouf Djaoro, Dioucounda Koma, Hadje Fatime N'Goua.