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Ai Weiwei: "Menschliches Verhalten ist so widersprüchlich"

Foto: NFP

Flüchtlingsdoku "Human Flow" Wenn nur Ai Weiwei nicht wäre

Geht es ihm um die Flüchtlinge - oder doch um sich selbst? Das humanitäre Engagement von Ai Weiwei ist umstritten. Jetzt hat er die Flüchtlingsdoku "Human Flow" gedreht.

Eine Möwe fliegt über das Mittelmeer, weiße Flügel, die sich abheben vor Tiefblau. Dann schiebt sich ein Boot ins Bild. Langsam, mit einer unausweichlichen Ruhe. Als sei dies hier kein Ausnahmezustand, obwohl sich doch Dutzende Menschen in Rettungswesten auf Deck drängen.

Ein dermaßen majestätischer Blick auf Fluchtbewegungen, wie ihn Ai Weiweis Dokumentarfilm "Human Flow" ausbreitet, ist neu für den Zuschauer. Ästhetische Maßstäbe in der künstlerischen Verarbeitung der Flüchtlingskrise setzte bislang vor allem die Doku "Seefeuer", für die Gianfraco Rosi die Einwohner der italienischen Insel Lampedusa begleitete und mit spröden Bildern eine Gesellschaft abbildete, die mit dem Tod der Bootsflüchtlinge vor der eigenen Küste umgeht, indem sie ihn ausblendet. Weis ästhetischer Ansatz bei seinem Mammutprojekt "Human Flow", für das er in über 20 Ländern drehte, ist im Vergleich Hochglanz.

Kurzrezension zu "Human Flow" im Video:

Wie viel Schönheit verträgt das Unrecht? Man beginnt gerade, diese Frage auszutarieren, wird nach wenigen Minuten aber aus den Gedanken gerissen. Schnitt. Jetzt im Bild: ein rundlicher Mann, der an einem Straßenrand durch den Staub robbt, eine Kamera in den Händen. Warum sich Ai Weiwei in dieser Szene so filmen lässt, erzählen die Bilder zunächst nicht. Ai nimmt so einfach erst mal Raum ein.

Ai Weiwei und seine Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise, das ist eine schwierige Sache - bereits in der Vergangenheit stellte der Kunst-Weltstar sich und das eigene Engagement manchmal so prominent in den Vordergrund, dass Selbstinszenierung und humanitäre Geste zu einem ziemlich schiefen Eindruck verwuchsen.

Im vergangenen Jahr legte sich Ai auf Lesbos an den Strand, eine Pose, die die des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi nachahmen sollte. Das wirkte nicht empathisch, sondern wie pietätlose Aneignung von Leid.

Als Ai an der griechisch-mazedonischen Grenze im Flüchtlingslager Idomeni an einem Flügel eine junge Syrerin spielen ließ, um dann zu verkünden, dass Kunst den Krieg besiege, war das platt.

Die Interviews zu "Human Flow" finden in Ais Atelier in Prenzlauer Berg statt, ein riesiger, stillgelegter Brauereikeller mit Backsteinwänden und voll wuseliger Assistenten. Man muss gar nicht fragen, Ai kennt die Vorwürfe mittlerweile so gut, dass er selbst darauf kommt: "Es ist nicht so, dass ich mich in den Mittelpunkt stelle, wie die deutschen Medien schreiben. Ich bin als Flüchtling geboren. Mein Vater wurde von der Führung in abgelegene chinesische Gebiete verbannt. Ich bin damit aufgewachsen, ich weiß, wie es sich anfühlt." Ganz so glatt ist es aber eben nicht, wenn einer die eigene Biografie mit dem Schicksal anderer verwebt und daraus öffentlich eine Bedeutung konstruiert.

"Human Flow" erntete im September bei den Festspielen in Venedig Kritik. Und ja, es gibt diese Autsch-Szenen: Wenn sich Ai im Straßengraben rollt. Wenn Ai im Flüchtlingslager in Kenia einfach nur sein Handy in der Hand hält und die Kamera ihn dabei filmt: Ai Weiwei filming things. Wenn Ai mit einem jungen Mann in einem Flüchtlingslager darüber scherzt, dass sie doch Pässe tauschen könnten.

Ai Weiwei (rechts) hält im März 2016 in Idomeni eine Plane über eine syrische Klavierspielerin

Ai Weiwei (rechts) hält im März 2016 in Idomeni eine Plane über eine syrische Klavierspielerin

Foto: © Stoyan Nenov / Reuters/ REUTERS

Der Mann lacht. Aber der Zuschauer weiß eben um Ais Biografie: Er weiß, dass der Künstler und Regimekritiker in seiner Heimat China verfolgt wurde, ihm der Pass und so die Ausreise vier Jahre lang verweigert wurde, es massive Kritik an dem Fall aus dem Westen gab. Er weiß, dass Ai vor zwei Jahren nach Berlin fliegen konnte, wo er seitdem arbeitet. Er weiß nichts von dem jungen Mann. Aber er sieht die Baracken des Flüchtlingslagers und weiß, hier sind sich zwei Leben nicht gleich. Dein Schmerz ist mein Schmerz? Man braucht diesen Übergriff nicht, um Ais Biografie und seinem Leid nahezukommen. Und man braucht seine Person nicht, um das Elend globaler Flüchtlingspolitik zu verstehen.


"Human Flow"
Deutschland 2017
Regie: AI Weiwei
Drehbuch: Chin-Chin Yap, Tim Finch, Boris Cheshirkov
Produktion: Participant Media, A C Films, Ai Weiwei Production
Verleih: NFP marketing & distribution
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 6
Start: 16. November 2017


"Human Flow" ist so auch in den Momenten am stärksten, in denen Ai nicht vorkommt. Denn blendet man die Klitsch-Szenen aus, bleibt ein Film, der als Aufruf zu einer humaneren Flüchtlingspolitik durchaus funktioniert.

Vieles von dem, was Ai im Gespräch in Berlin zur aktuellen Flüchtlingspolitik zu sagen hat, geht zwar über die Phrase nicht hinaus ("Die Flüchtlingskrise ist eine humanitäre Krise." Oder: "Seit Anbeginn der Menschheit sind die Menschen in Bewegung."). Aber diese Flachheit muss man ihm im Gegensatz zur Selbstinszenierung nicht übelnehmen, weil im Film die Ästhetik die Moral sanft und gelungen bettet.

Es ist gewissermaßen eine schöne Welt, die Ai zeichnet: Er zeigt die Menschenwanderungen über den Balkan als stille Prozessionen, die Geschichte schreiben. Brennende Ölfelder vor Mossul, die aussehen wie ein Motiv aus einem Naturkalender. Die silbrigen Rettungsdecken, mit denen Bootsflüchtlinge an den Küsten Südeuropas vor Unterkühlung geschützt werden, das Überleben leuchtet knisternd. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass es eine Welt ist, in der junge Mädchen im Gaza-Streifen nur von Reisen träumen können. In der Männer weinen und nicht mehr aufhören können, weil fast die komplette Familie bei der Flucht über das Meer umkam. Und in der westliche Chancengleichheit als Pose entlarvt wird, wenn uniformierte Menschen andere Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze mit Tränengas zurückdrängen.

"Human Flow" - Kino-Trailer ansehen:

"Human Flow" zeigt so das Grauen als globalen Alltag und hat doch die Möglichkeit des humanitären Handelns nicht aufgegeben.

Diese Haltung funktioniert dabei so eindrücklich, dass einem nicht die Szenen in Erinnerung bleiben, in denen Ai sich am Leid anderer bedient. Sondern die, in denen Ai Tausende aufgetürmte Rettungswesten aus der Vogelperspektive filmt. Je höher die Kameradrohne steigt, desto stärker verschwimmen die orangenen Konturen. Am Ende bleiben nur noch schraffierte Muster, wie unberührte Bergketten. Dabei ist das hier doch alles menschengemacht.

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