"Akte X" im Kino Glaube, Liebe, Humbug

Hänsels und Gretels anämische Wiedergänger: Ein (wahrscheinlich) letztes Mal öffnen die FBI-Agenten Mulder und Scully in "Jenseits der Wahrheit" ihre mysteriösen X-Akten. Für Fans der legendären TV-Serie ist der neue Kinofilm ein Fest, für den Rest ein Thriller, der keiner sein will.

"Trust No One": Vertraue niemanden, denn die Verschwörung ist überall. Wer sollte das besser wissen als die Anhänger von "The X-Files", der bahnbrechenden TV-Serie über zwei FBI-Agenten und ihre aufopferungsvolle Suche nach rettenden Antworten in einer aus den Fugen geratenen Welt voller Schatten und Geheimnisse. Wenn nun sechs Jahre nach der letzten Folge quasi aus dem Nichts ein zweiter Kinofilm auftaucht, so gibt das Anlass zu Spekulationen und gehöriger Skepsis. Das deutsche Publikum hat zusätzlichen Grund zum Misstrauen gegenüber den neugeöffneten X-Akten: Die so schön verschnupfte Synchronstimme von Hauptdarsteller David Duchovny wurde ausgetauscht, und der gelinde gesagt irreführende Titelzusatz "Jenseits der Wahrheit" hat rein gar nichts mit dem amerikanischen Original "I Want to Believe" gemein.

Doch weit schwerer wiegt die Frage: Was sollen die gebeutelten Ermittler Fox Mulder (Duchovny) und Dana Scully ( Gillian Anderson) eigentlich noch aufspüren? Neun Staffeln und einen vorherigen Kinofilm lang grübelten sie über allen denk- sowie undenkbaren paranormalen Phänomenen und entkamen dabei nur knapp einer globalen Konspiration von Außerirdischen und dem militärisch-industriellen Komplex. Zuletzt sah man das ungleiche Gespann, welches nie sein erotisches Potential verwirklichen durfte, keusch nebeneinanderliegend in einem Motelbett.

Das Kreuz mit dem X

Da schienen sie so müde und zugleich erleichtert wie die Fernsehzuschauer, dass Serienschöpfer Chris Carter seine zuletzt immer verstiegenere und letztlich erlahmende Erzählung zu einem halbwegs guten, wenn auch selbstverständlich gähnend offenen Ende führte. Schließlich speiste sich das zutiefst masochistische Vergnügen an den X-Files stets aus dem Umstand, dass die vielbeschworene Wahrheit, welche dem längst klassischen Credo der Serie zufolge irgendwo da draußen ihrer Entdeckung harrt, bestenfalls eine diffuse Ahnung blieb. Es ist halt ein Kreuz mit dem X.

Die kontinuierliche Frustration aller Erwartungen ließ sich nur dank der stilbildenden ästhetischen Qualitäten dieser ausufernden Schnitzeljagd ertragen - und weil mit Mulder und Scully ein faszinierendes, gegen alle bis dato geltenden Genreregeln aufspielendes Duo die Herzen und Hirne des Publikums für sich gewinnen konnte. Auf der einen Seite Mulder, der seit Kindestagen traumatisierte Rufer in der Wüste, der mit Empathie und Intuition gegen das korrupte System aus Desinformation und Verschleierung antritt und dem keine Erklärung zu phantastisch sein kann. Ihm gegenüber Scully, die zweifelnde Katholikin und kritische Wissenschaftlerin, die Mulders esoterische Höhenflüge mittels nüchterner Analyse erdet und doch immer wieder an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft gerät.

Paradepaar der Paranoia

Allein das bewegende Schicksal dieser beiden Figuren legitimierte das ausdauernde Interesse an der Serie, und der jetzt nachgereichte Film trägt dem Rechnung. Das ist eine famose Neuigkeit für alle Verehrer des Paradepaars der Paranoia, das mit sprödem Sex-Appeal und sedierter Screwball-Comedy zur Ikone der Popkultur aufstieg. Wer sich indes eine schmissige Science-Fiction-Sause samt Ufos, finsteren Regierungsknechten und sonstigen Thrillerstandards erhofft, wird entgegen der effektheischenden Werbekampagne bitter enttäuscht werden. Zuschauer ohne jegliche Aktenkenntnis sind ohnehin hoffnungslos verloren, denn Chris Carters auf die große Leinwand gezogenes Puschenkino schert sich weder um Schauwerte noch um allgemeine Verständlichkeit.

Somit nach herkömmlichen Maßstäben ein unmöglicher Film, richtet sich "The X-Files: I Want to Believe" lediglich nach den Bedürfnissen einer eingeweihten Fangemeinde und spürt den Motivationen seiner leidgeprüften Protagonisten nach. Die kommen für einen Fall aus der Versenkung, der eigentlich keine Erwähnung verdient: Nicht etwa, weil damit das chronisch verschneite Szenario seiner Spannung beraubt würde. Sondern weil der letztlich irrelevante Krimiplot um mysteriöse Entführungen in der Provinz, einen pädophilen Priester mit Visionen und eine verschwundene FBI-Agentin nur mäßig überzeugender Vorwand für das sagenhaft entschleunigte Passionsspiel von Mulder und Scully ist.

Der Anti-Actionfilm

Denn tatsächlich geht es Carter um Glaubensfragen, wenn er die nunmehr als Ärztin praktizierende Scully in einer kirchlichen Klinik über das ethische Für und Wider der Stammzellentherapie streiten lässt. Oder Mulder zaghaft aus der selbstgewählten Isolation holt, um ihn auf einen weiteren Kreuzzug gegen Ignoranz und Bürokratie zu schicken.

Wenn die beiden wiedervereint im FBI-Büro vor den Porträts von Präsident Bush und dem skandalumwitterten J. Edgar Hoover stehen und dazu auf dem Soundtrack die berühmte X-Files-Erkennungsmelodie flötet, dann ist alles in vertrauter Unordnung in Watergate-Land. Und wie in den besten Momenten der Serie brillieren Duchovny und Anderson als anämische Wiedergänger von Hänsel und Gretel, die von bösen Eltern – die Regierung, das FBI, der fiese Weltenplan überhaupt – in der Finsternis ausgesetzt wurden.

Trost spendet da weiterhin nur die Gewissheit, dass wie hundert Male zuvor jeder der beiden das Unmögliche wagen wird, um den Partner der Dunkelheit zu entreißen. Irgendwann nach Hause zu gelangen ist dabei weniger entscheidend als die Frage, ob Mulder und Scully nach 15 Jahren gemeinsamen Aktenwälzens endlich zueinander finden dürfen.

Nun sollte das einzig brennende Geheimnis des Anti-Actionfilms, in dem Mulder einmal ein Treppenhaus hochjoggt und als schwerstes Geschütz ein Notfallhämmerchen zückt, nicht verraten werden. Nur so viel: Am Ende des Abspanns präsentiert Chris Carter das wohl außerirdischste Bild der gesamten Serie, und kein Alien war je so aufsehenerregend wie diese letzte Aufnahme von Mulder und Scully: Glauben sie es ruhig, aber vertrauen sie niemandem.

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