AKW-Doku "Unter Kontrolle" Abhängen vor dem Abklingbecken 

Männer in Bademänteln, Castoren warm wie Kuhbäuche: Zum 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl zeigt die Kino-Doku "Unter Kontrolle" das Leben in deutschen Atomkraftwerken. Eine aus Reaktorimpressionen gespeiste Symphonie - die sich ins Requiem für eine sterbende Branche verwandelt.

farbfilm verleih

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Ja, sind wir hier denn in einem türkischen Dampfbad? Unter kessen kurzen Bademänteln quietschen die Gummilatschen, überall sieht man nur Männer. Es sind die Mitarbeiter vom Kernkraftwerk Gundremmingen, die Mittagspause haben und zu bequem sind, sich nach Ablegen der leicht verstrahlten Schutzkleidung komplett umzuziehen. Sie lungern nacktbeinig auf dem Werksgelände rum und rauchen oder fläzen mit der Zeitung auf Stühlen herum: Abhängen vor dem Abklingbecken.

Für seine Kino-Dokumentation "Unter Kontrolle" (ab Ende Mai im Kino) hat Regisseur Volker Sattel deutsche Atomkraftwerke besucht. Die Bilder sind von rigoroser Sachlichkeit, aus dem Off gibt es keinen Kommentar, trotzdem wird man beim Zuschauen das Gefühl nicht los, einem sterbenden Industriezweig zuzuschauen. Wo gibt es denn so etwas noch im 21. Jahrhundert - eine ganze Branche, in die Frauen keinen Zutritt haben?

So wirkt der geschlossene Kraftwerkskosmos in "Unter Kontrolle" wie ein einziger Anachronismus. Dabei spart Regisseur Sattel jegliche Polemik aus. Im kunstvoll genutzten Cinemascope-Format versucht er die spezielle Architektur der AKW auszuloten, für ihre geometrischen und technologischen Eigenheiten findet er eine ganz eigene Bildästhetik. Die massiven Meiler wirken in Sattels Fotografie (er führte auch die Kamera) erstaunlicherweise niemals wie Fremdkörper.

Unser Atomkraftwerk ist ein Idyll

Das Kernkraftwerk Grohnde im schönen Emmertal an der Weser etwa präsentiert der Filmemacher konsequent im landschaftlichen Idyll. Die Bevölkerung der Umgebung war in der Mehrheit für die Anlage, schließlich wurden dank ihr Arbeitsplätze geschaffen. Sattel zeigt den Reaktor durch Reihenhäuser hindurch oder wie er sich in der Panaromaaufnahme an den sich windenden Fluss schmiegt. Nachts steigt der Dampf der Meiler pittoresk vor den Mond.

Das AKW Grohnde wirkt auf diese Weise wie ein großer freundlicher Riese, der die Menschen schützt statt bedroht. Dazu passt, dass der Werksleiter stolz die Nebelkanonen auf dem Werk präsentiert. Bei einem drohenden Anschlag mit einem entführten Flugzeug würden sie innerhalb von wenigen Minuten das gesamte Emmertal in rettenden Nebel tauchen. Risiko? Geht gegen Null!

Aber genau hier - sowie vor dem Hintergrund des Jahrestags der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - entwickelt die nüchtern komponierte Kernkraftsymphonie untergründige Wirkung: "Unter Kontrolle" zeigt den AKW-Mitarbeiter in einem Raum, der komplett nach dem Prinzip der Risikoverwaltung organisiert ist. Der Mensch selber ist hier Teil des Risikos, weil er Fehler macht. Sattel setzt ihn in Zusammenhang zu einem Apparat, der mächtiger scheint als die Summe der Menschen, die ihn bedienen.

Die Zukunft war gestern

In ruhigen Kamerafahrten werden die blinkenden Schaltzentralen durchmessen, unaufgeregt werden die Mitarbeiter in den Kontaminationsscannern ins Bild gesetzt. Ein Angestellter präsentiert in einem Zwischenlager geometrisch aufgereihte Castoren. Der Mann hält die Hand an den Strahlenmüllbehälter wie ein Bauer die Hand an den Bauch seiner besten Milchkuh: 40 Grad seien die Castoren heiß, man kann sich sogar an ihnen wärmen.

Doch am Ende wird klar: Die Zukunft der Kernenergie war gestern. Die AKW-Symphonie wird zum Requiem für eine sterbende Industrie. Mit der gleichen kühlen Präzision, mit der Regisseur Sattel zuvor die noch laufenden Kraftwerke gezeigt hat, leuchtet er nun die Ruinen aus. Er zeigt die beiden älteren Herren, die das Werk Zwentendorf in Niederösterreich seit über zwei Jahrzehnten bewachen - jenen Reaktor, der nach seiner Fertigstellung 1978 durch eine Volksabstimmung nie ans Netz gehen durfte und der heute als Schulungszentrum und Filmsetting dient. Sat.1 drehte hier seinen Anti-AKW-Thriller "Restrisiko".

Sattel folgt aber auch dem einsamem Wächter durch die weniger gut in Stand gehaltene Anlage des "Schnellen Brüters" in Kalkar. Kurz vor seine Vollendung fiel damals der GAU von Tschernobyl, die Politik ließ das Projekt fallen, die mobilen Teile der Anlage verdealte man in die Sowjetunion. Jetzt leuchtet der alte Mann durch die leeren, verfallenen Hallen.

Vor der Industrieruine von Kalkar hat ein findiger Mensch einen kleinen Jahrmarkt aufbauen lassen, in einem der ehemaligen Kühltürme jaulen Kinder auf einem Kettenkarussell. So viel Spaß kann es machen, eine Branche zu beerdigen.

insgesamt 32 Beiträge
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louis_quatorze 25.04.2011
1. Polemik
Ohne Polemik... Der Spiegel sollte sich da mal ein Beispiel nehmen. Da arbeiten ja nur Männer, wie soll da was Anständiges rauskommen? Unter den Windkraftbauern finden sich sicherlich auch sehr viele Frauen. Wieso gibts da nicht ne politisch korrekte Frauenquote? Nach der ökologisch korrekten Energie kommt die politisch saubere Energie. Der Film ist aber sicherlich sehenswert. Ein künstlerischer Akzent, der aus dem politischen Schlammgeschäft heraussteht.
Klaus Helfrich 25.04.2011
2. An den Autor des Artikels...
Warum suchen sich Menschen wie Sie den Beruf des Schreiberlings aus? ---Zitat--- Sie lungern nacktbeinig auf dem Werksgelände rum und rauchen oder *fletzen* mit der Zeitung auf Stühlen herum:... ---Zitatende--- fläzen ---Zitat--- fläzen, sich (ugs. für nachlässig sitzen; sich hinlümmeln); du fläzt dich; ---Zitatende--- (c) Dudenverlag. Selbst das gesprochene Wort "fläzen" würde eine solche Verballhornung (fletzen) nicht hergeben
gorge11, 25.04.2011
3. Da muss man differenzieren in demTeilchenzoo
Zitat von sysopMänner in Bademänteln, Castoren warm wie Kuhbäuche: Zum 25. Jahrestag*der Katastrophe von*Tschernobyl zeigt die Kino-Doku "Unter Kontrolle" das Leben in deutschen Atomkraftwerken. Eine aus Reaktorimpressionen gespeiste Symphonie - die sich ins*Requiem für eine sterbende Branche*verwandelt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,758411,00.html
In Kalkar hat man einen speziellen Reaktor erstellen wollen. Den schnellen Brüter. Die normalen AKWs weltweit sind mit dessen Beerdigung noch lange nicht beerdigt, in so 50 Jahren vielleicht, mitunder eher, da der gewohnt günstige Uranerwerb wohl bald ein Ende haben wird, und andere Energiearten allein dadurch billiger werden. Das kann man mit einem schnellen Brüter verhindern, und das war auch die Absicht. Die hatten andere Länder auch, angefahren, braucht mehr strom, als er her gibt, unbezahlbar, eingemottet. Ausser in Japan, da wird er wieder angeworfen http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Monju um die nuklearen Muskeln zu zeigen. Kosten bisher, so 5-10Mr€ genau wie Kalkar. Kalkar ist nie nuklear beladen worden, somit konnte man es für gerüchteweise 25 Millonen (nicht Milliarden) an einen findigen Niederländer verkaufen, der es zu einem Freizeitpark machte. Der nukleare Kern lagert aber immer noch irgendwo, und kostet, oder er wurde zerbröselt, und in konventionellen AKWs verfeuert. Den THTR in Hamm ereilte ein ähnliches Schicksal, Aber er war schon mal an, deshalb keine Freizeitpark für Kinder. Und noch Mülheim Kärlich, Whyl,Wackersdorf ... Der ganze Milliardenteuere Teilchenzoo ist gar keinem bewusst mehr, der über den ach so günstigen Atomstrom spricht.
soylentyellow1 25.04.2011
4. Rauch oder Dampf?
"Der Rauch aus dem Meiler" Ich hoffe ja mal sehr dass es sich dabei um Dampf handelt, denn wenn es Rauch sein sollte dann brennt das AKW und das ist schlecht.
alfredo_spencer 25.04.2011
5. Kein Titel!
---Zitat von :--- Dazu passt, dass der Werksleiter stolz die Nebelkanonen auf dem Werk präsentiert. Bei einem drohenden Anschlag mit einem entführten Flugzeug würden sie innerhalb von wenigen Minuten das gesamte Emmertal in rettenden Nebel tauchen. Risiko? Geht gegen Null! http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,758411,00.html ---Zitatende--- Welch Naivität in Zeiten von (D)GPS und Radar. Bleibt nur zu hoffen das Terroristen keine ausreichende Schlechtwetternavigationsausbildung haben und nichts von Funknavigation verstehen.
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