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16. Januar 2014, 09:17 Uhr

Roadmovie "Nebraska"

Kleiner Mann, wie eklig

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Der skurril-bösartige Schwarzweiß-Film "Nebraska" wird von den Kritikern geliebt und sogar als Oscar-Kandidat gehandelt. Wie kann es bloß sein, dass Alexander Paynes Roadmovie so vielen Leuten gefällt? Für die US-Provinz und ihre Bewohner hat er nur Verachtung übrig.

Das Bauerntheater ist die Kunstform der wohligen, dreist überdrehten Spießigkeit, des Frauenhasses und der Heimatduselei. Der amerikanische Regisseur Alexander Payne hat diese Kunstform zusammen mit Drehbuchautor Bob Nelson für einen Film wiederbelebt, in dem böse Leute auf die Gräber von verstorbenen Verwandten pinkeln. Gut möglich, und diese Pointe ist besser als jede im Film selbst, dass Payne und sein Hauptdarsteller Bruce Dern am Ende für ihr Höllenwerk "Nebraska" den einen oder anderen Oscar bekommen.

"Nebraska" ist ein Film aus Schwarzweißbildern. Sie feiern die öde Landschaft im gleichnamigen US-Bundesstaat (und ein bisschen auch in Montana), die klapprigen Siedlungen dort und die Gesichter von kaputten Menschen. Der kaputteste von allen wird gespielt von Bruce Dern. Er war in vielen berühmten Hollywoodfilmen zu sehen, darunter in Jack Claytons "Der große Gatsby", und er ist heute 77 Jahre alt. In "Nebraska" trägt Dern das Haar in wirren Flusen um den Schädel, das Gebiss sehr locker und die schlechte Laune schiefmäulig vor sich her.

Paynes Film ist als Komödie deklariert. Er erzählt von einem netten Verlierertypen in mittleren Jahren und dessen scheußlichen Eltern. Der sympathische Verlierer heißt David und hängt in einem Kleineleutekaff in Montana fest, dargestellt wird er sehr treuherzig von Will Forte ("Saturday Night Live"). Davids Eltern sind ein ehemals schlimm versoffener, nun selbst für Sauftouren zu tatteriger Greisenvater Woody (Dern) und dessen stetig keifende Gattin Kate (June Squibb), die vor lauter Hass auf ihren Gatten übel verfettet ist.

Die Geldgier erwacht

Eines Tages legt sich der Alte plötzlich die fixe Idee zu, er habe eine Million Dollar gewonnen und müsse sich das Geld in der Stadt Lincoln in Nebraska höchstpersönlich abholen, bloß weil ein Werbeprospekt das behauptet. Also setzt sich der gutmütige Sohn mit dem väterlichen Mistkerl ins Auto. Es beginnt das, was Alexander Payne, der schon in "About Schmidt" (2002) und "Sideways" (2004) und "The Descendants" (2011) ratlose Menschen auf seltsame Reisen schickte, für ein typisch amerikanisches Roadmovie zu halten scheint.

Payne ist ein Spezialist fürs Skurrile. Hier lässt er uns dabei zusehen, wie ein absurd böser, abstoßend hergerichteter alter Mann und sein Sohn über Highways und Landstraßen zockeln, sich in hingeschluderten Dialogen ein bisschen näherkommen und allerlei schratigen Typen begegnen. Bevor sie Lincoln erreichen, die Stadt der Verheißung, legen die zwei einen Zwischenstopp bei der halb vergessenen nebraskischen Verwandtschaft ein. Der Alte erkennt den Ort seiner Kindheit wieder und erzählt allen Leuten, dass er jetzt reich sei; sofort erwacht die Geldgier in ehemaligen Freunden, Geliebten und geistig minderbemittelten Neffen. Auch in der Dorfkneipe treiben sich allerhand raubeinige Opas herum, allesamt natural born Halsabschneider. Insgesamt lässt sich sagen: Das Personal der Provinz besteht komplett aus ekligen Leuten, die herzlos und hohl und verkommen daherreden.

Jetzt aber das Wunder des Films. Viele Amerikaner und offenbar auch ein paar nichtamerikanische Kinozuschauer finden die Sorte Grauen, die hier ausgebreitet wird, brutal lustig und herzerweichend. Als "Nebraska" im Mai 2013 in Cannes gezeigt wurde, bekam Bruce Dern die Auszeichnung als bester Schauspieler des Festivals hinterhergeworfen. Viele amerikanische Kritiker lobten den Film, weil er "voller schwarzem Humor" sei und weil er typische Amerikaner zeige, die trotz aller Schroffheit ihr Herz angeblich am richtigen Fleck tragen - was man offenbar untrüglich erkennt an wiederkehrenden Sätzen wie: "Her damit, ich will was von deiner Million sehen!"

Natürlich machen die Lobeshymnen "Nebraska" nicht besser. Sie belegen eher, dass die derbsten Verächter des sogenannten Durchschnittsamerikaners immer noch die amerikanischen Großstadtintellektuellen sind; oder die, die sich dafür halten. Jedenfalls zeichnet sich Paynes Film durch eine abgrundtiefe Herablassung gegenüber den vermeintlich einfachen Menschen der US-amerikanischen Provinz aus, ein fortgesetztes Naserümpfen, das durch ständiges Augenzwinkern mehr verdeutlicht als kaschiert wird.

In sonnigem Herbstlicht zeigt der Regisseur knorrige Bäume, deren Blätter abgefallen sind, vom Wind leergefegte Ackerlandschaften, grell ausgeleuchtete und grausam zerfurchte Menschengesichter: Man sieht diesem Film an, dass er es unbedingt mit Samuel Becketts "Warten auf Godot" aufnehmen will. Er erzählt aber nicht von existentieller Einsamkeit, sondern bloß von einer Bande Bauerntrottel, die ohne Not dem Zuschauergelächter ausgeliefert werden.

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