"Ali" Künstlerisches K.o.

Statt der Person hinter der Box-Legende Muhammad Ali mit filmerischen Mitteln nahe zu kommen, drehte Regisseur Michael Mann mit "Ali" einen unfertig wirkenden Videoclip, der den Zuschauer mit dokumentarischer Kälte auf Distanz hält.

Es muss eine Enttäuschung für Will Smith gewesen sein. Der Oscar für den besten Hauptdarsteller ging in diesem Jahr an Denzel Washington, nicht an ihn. Man soll nicht ungerecht sein gegenüber Washington, der seinen ersten "bösen" Charakter in dem Cop-Thriller "Training Day" überzeugend, wenn auch nicht unbedingt oscarwürdig verkörpert hatte. Smith hingegen, bisher eher als großmäuliges Leichtgewicht auf der Leinwand auffällig gewesen, hatte sich mit seiner ersten Charakterrolle gleich einen schweren Brocken ausgesucht: Muhammad Ali, die größte lebende Box-Legende.

Man hat von den Anstrengungen gehört, die Smith unternahm, um "Ali" zu spielen: Muskeln und Gewicht trainierte er sich an, studierte Stunde um Stunde die alten Filmdokumente und Kampf-Aufzeichnungen und traf sich sogar mit dem am Parkinson-Syndrom leidenden Idol, um dessen Aura und Wesen einzufangen. Um es kurz zu machen: Smith schaffte es, den jungen Ali, seine Sturheit, seine Überzeugtheit, seine freche, beeindruckende Eloquenz auf der Leinwand wieder lebendig werden zu lassen.

Hätte doch auch der Regisseur eine solche Höchstleistung vollbracht. Michael Mann, ehemals Autor und Regisseur der effektreichen Pastell-Polizeiserie "Miami Vice", hatte sich zwar mit den cineastischen Edelsteinen "Heat" und "The Insider" rehabilitiert, verhob sich jedoch am Porträt des legendären Schwergewichtsweltmeisters.

"Ali" spielt zwischen 1964 und 1974, der wichtigsten Periode in dem bewegten Leben Muhammad Alis. Wir erleben den ersten siegreichen Weltmeisterschaftskampf des jungen Cassius Clay gegen Sonny Liston, sind Zeuge seiner Hinwendung zum muslimischen Glauben und seiner Verstrickung mit Malcolm X und der radikalen Polit-Bewegung "Nation of Islam". Wir sehen, wie Ali sich couragiert und selbstbewusst seiner Einberufung in den Vietnam-Krieg verweigert und für seine Überzeugungen sogar den Meistertitel und seine Karriere, ja beinahe seine Existenz zu opfern bereit ist. Und wir sehen das triumphale Comeback Alis beim "Rumble in the jungle" in Zaire gegen George Foreman.

Wir sehen das alles, doch eindringen in die Handlung und die Motive der Figuren lässt Mann uns nicht. Wie ein Dokumentarfilmer, hält der Regisseur den Zuschauer auf Distanz und verhindert Identifikationen. Zahlreiche wichtige Personen im Leben Alis tauchen auf, geben Stichworte und verschwinden wieder, ohne dass man sich ihrer Relevanz bewusst wird: Der Fotograf und Weggefährte Howard Bingham (Jeffrey Wright) - ein Statist, der im Hintergrund bleibt und mit bedeutungsschwangeren Blicken irritiert. Alis Trainer Angelo Dundee (Ron Silver) - eine Nebenfigur ohne jenen Sinn. Das Maskottchen Drew "Bundini" Brown (Jamie Foxx) - ein wirres Drogenwrack, dessen spirituell verbrämte Cassandra-Rufe ohne Resonanz verhallen. Selbst Alis Vater (Giancarlo Esposito) wird zwar als schillernde Figur eingeführt, später jedoch genauso achtlos fallen gelassen wie die anderen Nebenakteure.

Fast hat man den Eindruck, als hätte Mann pflichtschuldig all diese Leute versammelt, weil sie nun einmal unweigerlich zu Alis Biografie gehören. Was sie im Film letztlich darstellen oder zeigen sollen, ist ihm wohl beim Drehen seines 156 Minuten langen Monuments der Langeweile entglitten. Die losen Fäden, die die Personen mit ihren Dialogen und Handlungen auslegen, führt er nie wirklich zusammen, lässt den Zuschauer stattdessen im Dunkeln tappen und wirft ihn auf seine eigene Interpretation der Ereignisse zurück. Selten weiß man, wo oder wann die Handlung gerade spielt, wer und wie wichtig das Gezeigte ist.

Gleich drei Frauen, dargestellt von den starken Schauspielerinnen Jada Pinkett Smith, Nona M. Gaye und Michael Michele, sollen Verständnis für Alis privaten Charakter als Ehemann und Liebhaber schüren, doch Mann lässt auch ihnen weder Raum noch Tiefe. Während er immer wieder scheinbar achtlos über wichtige Schlüsselsequenzen hinweggleitet, immer nur kurze Schnipsel wie Appetithäppchen anbietet und auch seinem Hauptdarsteller kaum Gelegenheiten gibt, schauspielerisch zu punkten, hält er sich an anderer Stelle unnötig lange auf.

So scheint es in der ersten Hälfte mehr um den religiösen Politaktivisten Malcolm X (Mario Van Peebles) zu gehen als um Ali, der den Niedergang und Tod seines Freunds und Vertrauten beinahe ebenso passiv begleitet wie der Kinozuschauer. Minutenlang zeigt Mann das Attentat auf den Prediger und lässt danach Ali durch die in Aufruhr befindliche Stadt fahren, als Beobachter, nicht als Akteur. Dabei war es Ali selbst, der das FBI Ende der sechziger Jahre in Angst und Schrecken versetzte, indem er sich gegen den Krieg in Fernost wandte, weil er den Feind, den weißen Mann, im eigenen Land wähnte. Doch gerade über diese entscheidenden Momente, in denen Alis politische und gesellschaftliche Macht sichtbar wurde, huscht Manns Film hinweg, als wären sie bloße Fußnoten.

Als der bankrotte, nach drei Jahren Regierungs-Schikane endlich rehabilitierte Ali schließlich in Zaire zum Weltmeisterschaftskampf gegen Foreman eintrifft, lässt Mann ihn durch die Straßen Kinshasas joggen und im überwältigenden Zuspruch der Massen baden, die ihn als Erlöser feiern. Ganze zehn Minuten widmet der Regisseur diesem Moment, wechselt unter dröhnenden Ethno-Klängen immer wieder zwischen Alis Gesicht und den johlenden, hüpfenden Menschen. Doch wieder spiegelt sich in Smiths Miene kaum etwas wider. Falls dem Boxer hier etwas Wichtiges bewusst wurde, kann es der Filmzuschauer nur aus der schieren Länge der Szene und dem dramatischen Dräuen der Musik schließen. Ein Paradebeispiel für Manns unentschlossenen Regiestil, der den Eindruck hinterlässt, man sehe einen Film, der noch in der Rohfassung ist, dem noch die Pointierung und die Richtung, die Aussage und die Seele fehlt.

Nur wenige Momente in "Ali" lassen erahnen, dass hier ein guter Film hätte entstehen können. Eng verknüpft Mann das Schicksal des Boxers mit dem TV-Sportreporter Howard Cosell (brillant und fast unkenntlich: Jon Voight), der Ali als Vertrauensmann und verbaler Sparringspartner dient. Alis Scherze vor laufenden Kameras auf Kosten Cozells bringen den ansonsten schmerzlich vermissten Humor in den Film und werfen Licht auf die leichte, geistreiche Seite des Boxers, der mit seinen rotzig dahin gerappten Sprüchen ebenso schlagfertig war wie mit seinen Fäusten im Ring. Wiederum ist es aber nur Will Smith, der - von der Leine gelassen - hier in seinem Element ist. Kamera und Inszenierung schaffen jedoch immer wieder Distanz, haben es zu eilig, zum nächsten Ereignis zu hetzen.

Auch in den akribisch originalgetreu choreografierten Kämpfen macht Smith eine gute Figur, obwohl Mann es vermied, die blutige und schmerzhafte Realität des Boxens allzu authentisch darzustellen. Es hätte wohl sein ästhetisches Konzept gestört, mit dem er sich an den schnittigen und schauwertigen Videoclips der Popmusik orientiert zu haben scheint, wo es selten um Tiefe, aber immer um eine schimmernde Oberfläche geht. So bleibt auch "Ali" am Ende nur eine glatte, in durchaus schönen Farben funkelnde Blase, die zerplatzt, sobald man versucht, sie zu greifen.

"Ali". USA 2001. Regie: Michael Mann; Buch: Gregory Allen Howard, Stephen J. Rivele; Darsteller: Will Smith, Jon Voight, Jamie Foxx, Mykelti Williamson, Ron Silver, Jada Pinkett Smith, Nona M. Gaye, Mario van Peebles; Produktion: Columbia Pictures, Forward Pass, Initial Entertainment; Verleih: Columbia TriStar; Länge: 156 Minuten; Start: 15. August 2002.

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