"Alien"-Prequel "Prometheus" Die Götter müssen Monster sein

Wurde die Menschheit von Außerirdischen geschaffen? In "Prometheus" erzählt Ridley Scott eine etwas andere Schöpfungsgeschichte. Sein "Alien"-Prequel besticht mit schrecklich-schönen Bildern, überzeugt mit starken Stars und überrascht mit Humor. Ein Glücksfall.
"Alien"-Prequel "Prometheus": Die Götter müssen Monster sein

"Alien"-Prequel "Prometheus": Die Götter müssen Monster sein

Foto: Twentieth Century Fox

Schon die erste Ankündigung, dass Ridley Scott mit "Prometheus" in das fiktive Universum seines stilbildenden Science-Fiction-Schockers "Alien" zurückkehren würde, sorgte für reichlich Spekulationen. Zunächst war von einer weiteren Fortsetzung die Rede. Dann sprach man über ein Prequel. Und schließlich von irgendetwas dazwischen.

Die Zeit verging, die Verwirrung wuchs. Und die Erwartungen waren zwiespältig. Umso beeindruckender ist nun das Ergebnis. Scott und seine Drehbuchautoren Jon Spaihts und Damon Lindelof nehmen sich des Erbes an, würdigen es und überführen es zugleich in eine eigenständige Erzählung. "Prometheus" wirkt zwar von der Titelsequenz an in vielen Details vertraut, doch er befreit sich in den entscheidenden Momenten vom Ballast des Vorherigen. Übrig bleibt der beste "Alien"-Film, der keiner ist. Das klingt paradox, funktioniert aber prima.

Angesichts der Entwicklung, die das von H. R. Giger entworfene und mit sexuellen Motiven aufgeladene Alptraumwesen seit seinem virtuosen Debüt im Jahr 1979 nahm, hätte das auch anders kommen können: Nachdem Scott die wohl traumatischste Begegnung der dritten Art gezeigt hatte, vervielfachte James Camerons fulminanter "Aliens" (1986) das verstörende Wesen mit dem erbarmungslosen Fortpflanzungstrieb in einem adrenalingetränkten Spektakel. Später bot David Fincher in "Alien3" (1992) dräuenden Industrial-Horror. Und schließlich fuhr der ambitionierte, aber heillos überladene "Alien Resurrection" (1997) von Jean-Pierre Jeunet die Geschichte gegen die Wand.

Dies bedeutete auch den Abschied von Lt. Ellen Ripley, jener von Sigourney Weaver ebenso intelligent wie hingebungsvoll verkörperten Heldin, die dem Monster in Einzigartigkeit in nichts nachstand. Sie ersparte sich damit immerhin die hochpeinlichen "Alien vs. Predator"-Filme, in denen die einst so bedrohliche und faszinierende Kreatur endgültig zum Gruselgimmick verkam. Längst in Comics und Computerspielen angelangt, ist das Alien heute eine Ikone der Popkultur. Allein, zum Fürchten schien es nicht mehr zu sein. Bis jetzt.

Zurück in die Ursuppe der Alpträume

Die Neudeutung der Geschichte beginnt jetzt im Jahr 2089 mit einem sensationellen Fund: Rund um den Globus entdecken die Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus den schwedischen Stieg-Larsson-Filmen) und ihr beruflicher wie auch privater Partner Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) in Höhlenmalereien verschiedener Urvölker die wiederkehrende Darstellung einer bestimmten Sternenkonstellation. Außerirdische, so Shaws kühne Schlussfolgerung, haben die frühe Menschheit geprägt, ja vielleicht sogar erschaffen. Das Motiv der Sternenkarte ist für sie daher nicht nur historisches Zeugnis, sondern konkrete Einladung, die fortan "Engineers" genannten Vorfahren im All zu finden.

Fotostrecke

Weltall-Horrorfilm "Prometheus": Tödliche Ursuppe

Foto: Twentieth Century Fox

Die allgegenwärtige Weyland Corporation - ein vielsagender Name im Alien-Universum - finanziert daraufhin eine Weltraumexpedition, die das Raumschiff "Prometheus" nach langem Flug zum vermuteten Zielplaneten bringt. An Bord weckt der Androide David (Michael Fassbender) die im künstlichen Schlaf gehaltene menschliche Besatzung. Zu der gehören neben Shaw, Holloway und einer Handvoll Wissenschaftler und Crewmitglieder auch Janek (Idris Elba, "Luther"), der pragmatische Captain der "Prometheus", sowie Meredith Vickers (Charlize Theron) als machtbewusste Repräsentantin des Weyland-Konzerns.

Tatsächlich finden sich auf dem Planeten imposante, augenscheinlich längst verlassene Bauhinterlassenschaften einer Zivilisation. Die Erkundung einer der riesigen Strukturen bringt erstaunliche Einsichten. Und die folgenschwere Erkenntnis, dass nicht alles tot sein muss, was leblos scheint.

Alsbald weicht daher die hehre Frage "Wo kommen wir her?" einem hysterischen "Wie kommen wir hier weg?", und was als erhaben fotografierte Erich-von-Däniken-Gedächtnisveranstaltung beginnt, mündet in konkreten, körperlichen Horror. Scott inszeniert so eine wendungsreiche, in betörend verfremdeten Farben gehaltene Schöpfungsgeschichte, die nicht nur mit schrecklich-schönen Bildern, sondern auch mit bitterem Humor überrascht.

Evolution als grausamer Treppenwitz

Aber in all dem um sich greifenden Dunkel gibt es auch Licht: Wenn sich die Evolution als grausamer Treppenwitz des Universums entpuppt, vermeintliche Götter als rücksichtslose Manipulatoren, ja regelrechte Schweinepriester dastehen und das prometheische Feuer der Erleuchtung dem vernichtenden Flammenwerfer weicht, dann braucht es eine widerständige Heldin, die nicht den Glauben verliert. Die gleichermaßen ätherische wie zupackende Noomi Rapace erweist sich hierfür als Idealbesetzung. Ihre religiös motivierte Elisabeth Shaw wird arg geprüft, insbesondere in einer drastischen Szene, die eine atemberaubend bizarre Zuspitzung der Idee medizinischer Selbstversorgung präsentiert. Wer das übersteht, so viel ist klar, kann auch außerirdischer Willkür die schwarze Ursuppe versalzen.

Auch der wie immer souveräne Michael Fassbender verleiht der Figur des Androiden - der in den "Alien"-Filmen ja nicht selten im übertragenden oder buchstäblichen Sinn den Kopf verliert - eine neue Ambivalenz und die feingeschnittenste Andersartigkeit seit David Bowie in "The Man Who Fell To Earth" (1976). Ebenso sehenswert sind Charlize Theron als frivol-frostige Managerin sowie Idris Elba in der Rolle des geerdeten Raumfahrers, der auf handfeste Lösungen statt auf kryptische Botschaften setzt.

Das illustre Ensemble transportiert nicht zuletzt den abgefeimten Spaß, den Scotts Höllenritt macht. Die fast satirische Distanzierung von naturseligen Heilsversprechen macht "Prometheus" nebenbei zum Anti-"Avatar", der James Camerons quietschbunter Wald-und-Wiesen-Philosophie einen rasanten, elegant-monochromen Skeptizismus entgegensetzt. Da ist es nur konsequent, dass dieser Film am Ende eine ganz andere Art Sternenkind gebiert als einst "2001".

Und das ist denn auch die frohe Botschaft für das Science-Fiction-Kino: "Prometheus" macht das All wieder undurchdringlich, aufregend und gefährlich. Zu einem Ort, an dem dich niemand schreien hört.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.