"All die schönen Pferde" Ja, wo reiten sie denn...?

Ein Ritt durch zwei Stunden Langeweile: Billy Bob Thorntons Western-Tragödie "All die schönen Pferde" vergaloppiert sich in der Weite bedeutungsschwerer Bilder.

Von Daniel Haas


Wann ist ein Mann ein Mann? Matt Damon als abenteuerlustiger Cowboy Cole
Columbia TriStar

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Als "kanonische imaginative Leistung" und "universelle Bluttragödie" lobte Harold Bloom, Amerikas vielleicht einflussreichster Literaturkritiker, Cormac McCarthys Werk; sein deutscher Kollege Ulrich Greiner, Literaturchef der "Zeit", schwärmte vom "dunklen, sonoren grandiosen Singsang von McCarthys Sprache." Die Rede war freilich von der Romantragödie "Die Abendröte im Westen", über "All die schönen Pferde" schwiegen sich die beiden Star-Exegeten aus.

Zu Recht: Der unter gleichem Titel von Billy Bob Thornton verfilmte Roman beschwört in kulturpessimistischer Sprachgewalt einen ehemals wilden Westen, in dem Männer Pferde reiten, stoisch leiden und an unglücklicher Liebe schweigsam verzweifeln. Thornton, als Schauspieler ("Ein einfacher Plan") wie als Regisseur ("Sling Blade") eigentlich ein Garant für anspruchsvolle Unterhaltung, ist dem elegischen Duktus seiner Vorlage aufgesessen: "All die schönen Pferde" trabt angestrengt durch eine zerdehnte Handlung und mündet schließlich in eine wehmütige Sanktion von Machismo und Melancholie.

Verbrachte er mehr Zeit bei Ehefrau Angelina Jolie als am Set? Regisseur Billy Bob Thornton (M.) mit Darstellern
Columbis TriStar

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Vier Stunden lang soll die Erstfassung des Films gewesen sein; im Schnitt sind dann aber wohl auch jene Szenen weggefallen, die aus Thorntons Western-Parabel ein ernstzunehmendes Drama gemacht hätten. So bleibt es bei einer zweistündigen zähen Episode im Leben von John Grady Cole (Matt Damon), deren entscheidende Momente jedoch seltsam uninspiriert abgehandelt werden. Cole ist ein texanischer Cowboy, von der Mutter ums väterliche Erbe gebracht, auf dem Weg nach Mexiko. Dort vermuten er und sein Freund Lacey (Henry Thomas) noch jene Abenteuer, die einen Mann zum Mann gestalten. Unterwegs schließt sich ihnen Blevins (Lucas Black) an, ein Tagelöhner und Hasardeur, der sie prompt in einen Pferdediebstahl verwickelt. Später wird Blevins dafür hingerichtet und Cole in einem mexikanischen Gefängnis fast ermordet.

Melancholie und Machismo: Cowboys auf der Suche nach den Weiten des Gefühls
Columbia TriStar

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Doch vorher verdingen sich die Freunde auf der Ranch des Viehbarons Rocha (Rubén Blades) als Zureiter von Wildpferden. Rocha hat nicht nur jede Menge Land, sondern auch eine bildschöne Tochter (Penélope Cruz), die sich in Cole verliebt. Natürlich ist dies eine Mesalliance, und so müssen sich Held und Heldin wider Willen trennen. Ihre Romanze kommt dabei als hastig absolvierter Bilderreigen daher, ähnlich wie Coles Gefängnisaufenthalt, der doch eigentlich das Kernstück seines Leidenswegs darstellen soll.

Viel Zeit lässt sich Regisseur Thornton jedoch mit der Verzeichnung von Wind und Weite, Stock und Stein, all jenen Requisiten also, die das Inventar von Freiheit und Abenteuer bilden. Mexiko, du hast es besser, lautet die Devise: Anders als im puritanisch verkniffenen Nordamerika gibt es hier noch die Weiten des Gefühls, die Wüsteneien großer Tragik und Frauen, die durch das Korsett des Katholizismus nur um so begehrenswerter werden. Dazu Dialoge, die - mit langen Pausen effektvoll orchestriert -, existenzielle Bedeutungstiefe suggerieren, in ihrer manierierten Schlichtheit jedoch allenthalben zu wortkargem Trübsinn taugen: "Ich kann nicht" - "Nun, wenn du nicht kannst, dann kannst du nicht."

Love Story inklusive: Cole (Matt Damon) verliebt sich in Rochas Tochter (Penélope Cruz)
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Das Darsteller-Ensemble dieses Entwicklungsromans im Western-Outfit ist allerdings erstklassig: Matt Damon und Henry Thomas geben die dickköpfigen Pferdekenner ebenso überzeugend wie Rubén Blades den mit Macht imprägnierten Großgrundbesitzer und Penélope Cruz das starrsinnige Girl aus gutem Hause. In den bedeutungsschweren Weiten der Inszenierung müssen sie sich dennoch verlieren - und zurück bleibt - frei nach Loriot - nur ungewollte Konfusion: "Ja, wo reiten sie denn?"

"All die schönen Pferde" ("All the Pretty Horses"). USA 2001. Regie: Billy Bob Thornton; Buch: Ted Tally, nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy; Darsteller: Matt Damon, Penélope Cruz, Henry Thomas, Lucas Black, Rubén Blades; Länge: 112 Minuten; Verleih: Columbia TriStar; Start: 12. Juli 2001



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