"Alles inklusive" von Doris Dörrie Die kleine Apple sucht ihre Mama

Hach, die freie Liebe kann aber auch eine Last sein! Doris Dörries neue Komödie "Alles inklusive" erzählt von der abgründigen Beziehung zwischen einer Hippie-Mutter und ihrer Spießer-Tochter. Und von einem Mops namens Dr. Freud.
"Alles inklusive" von Doris Dörrie: Die kleine Apple sucht ihre Mama

"Alles inklusive" von Doris Dörrie: Die kleine Apple sucht ihre Mama

Foto: Constantin

Ingrid fremdelt: Nach einer Hüft-OP soll sich die alternde Hippie-Frau (Hannelore Elsner) in der Plastiktristesse eines All-inclusive-Hotels an der Costa del Sol erholen. Hier, wo sie in einem Aussteigercamp vor mehr als 40 Jahren die freie Liebe zelebrierte, reihen sich jetzt Touristenbunker aneinander, vor denen deutsche Urlauber ihre Speckrollen bei der Wassergymnastik im Hotelpool bouncen lassen. Ihre Tochter Apple (Nadja Uhl) schleppt derweil erschöpft ihren Mops durch die grauen Klassizismus-Kulissen Münchens - und ist auch sonst ziemlich durch mit dem Leben: Ihre Männer verliert sie reihenweise, ihren Job vermutlich bald auch. Verantwortlich für ihre allgemeine Lebensverunsicherung macht Apple die Mutter, die sie als Kind zwar unfreiwillig beim Freie-Liebe-Machen beobachten musste, die ihr aber nie die Sicherheit bieten konnte, nach der sich Apple sehnte.

Im neuen Film von Doris Dörrie "Alles inklusive" - Dörrie hat ihren eigenen Roman verfilmt - fächert sich die Geschichte über die Mutter-Tochter-Beziehung auf. Es ist die Spezialität der Regisseurin, die Identität ihrer Protagonisten nicht über Handlungsziele, sondern über die Liebe zu erzählen, aber auch über Verletzungen, die daraus entstehen. Dabei macht Dörrie (die im obigen Video exklusiv ihre Lieblingsszene erklärt) nie den Fehler, nach Schuld und Opfern zu fragen, sondern beobachtet über die individuellen Verstrickungen zurückhaltend präzise, warum ihre Figuren sind, wie sie sind. Meisterlich gelang ihr das in "Kirschblüten - Hanami", wo sich die ehrfürchtige Weltoffenheit eines Mannes erst zeigte, weil dieser nach dem Tod seiner Ehefrau nach Japan reiste, um deren versäumtes Leben nachzuholen.

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Neuer Doris-Dörrie-Film: Hippie-Mutti, Spießer-Tochter

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Auch in "Alles inklusive" stellt Dörrie nie die langweilige moralische Frage nach der Verantwortung für Apples verpfuschtes Leben. "Es war, wie es war", sagt Ingrid. "Es ist, wie es ist." Aber dennoch scheitert der Film. Denn Dörrie erzählt die Beziehung zwischen Mutter und Tochter in all ihrer Widersprüchlichkeit gar nicht. Stattdessen verlässt sie sich darauf, dass einige hingeklatschte - und abgeschmackte - Assoziationsanstöße genügen, auf dass sich der Zuschauer die Beziehung mit dem vielen, das schief-, und dem wenigen, das richtig lief, selbst zusammenreimen möge. Mutter und Tochter zusammen in einer verwischten Rückblende: Apple, die sich beim Tollen am Strand im Arm ihrer Mutter windet, von den nackten Brüsten der Mutter fast erdrückt wird. Ingrids pikierter Blick auf das Frühstücksbuffet im Hotel, weil sie mit dem platten Luxusprinzip nichts anfangen kann. Apple, die schon fast karikaturenhaft die frühere Lebenswackligkeit mit Lebensangst überkompensiert und ihren Mutterfrust auf Mops Dr. Freud ablädt.

Filme wie dieser passieren Regisseuren, die sich ihrer Sache zu sicher sind - Dörrie schlägt einen Ton an, im Zuschauerkopf geht eine Schublade auf. Darin: nichts Neues, weil ja allgemein bekannt ist, dass Mutter-Tochter-Beziehungen immer ihre Abgründe haben; und dass ein selbstverwirklichter Mensch seine Mitmenschen in deren Selbstverwirklichung beschneiden kann. Dörrie selbst fügt weder dem Spannungsgefüge zwischen Mutter und Tochter noch dem Gegensatz zwischen Hippie und Spießer etwas Eigenes hinzu.

Die Hüfte, die Hüfte!

In "Alles inklusive" funktionieren deshalb auch nicht die leichten Momente, die Dörries Filmsprache sonst auszeichnen. Potentiell berührende Momente schlittern dagegen in den Akademikerkitsch (Element-of-Crime-Sänger Sven Regener ist für den Soundtrack verantwortlich!): "Das, woran man am meisten hängt, bereitet einem irgendwann am meisten Kummer", sagt ein Tierarzt mit Augenaufschlag zu Apple. Und potentiell satirische Momente geraten klamottig: Wenn Ingrid beim Sex mit einem Ferienflirt ("Tatort"-Kommissar Axel Prahl als einsamer Krankenpfleger) brunftig "House of the Rising Sun" trällert, wirkt das nicht wie eine leichtfüßige Karikatur, sondern wie die Parodie eines Abziehbilds.

Leider zu selten blitzt Dörries großes Talent für feine Beziehungszeichnungen auf: Dem Tierarzt, den sie vielleicht in ihr Leben lassen will, beschreibt Apple mit einem einzigen Satz die Beziehung zu ihrer Mutter, der prägnanter ist als der ganze Film. Warum sie den geliebten Dr. Freud trotz Gehbehinderung nicht töten lassen will? "Meine Mutter hatte auch Hüftprobleme. Die habe ich ja auch nicht einschläfern lassen."

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