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29. September 2015, 09:36 Uhr

Pixar-Komödie "Alles steht Kopf"

Wenn die Wut übernimmt

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Der neue Pixar-Hit "Alles steht Kopf" spielt in der Gefühlswelt einer Elfjährigen, aber er ist nicht nur etwas für Kinder: So mitreißend hat schon lange kein Film mehr über die Herausforderung des Lebens erzählt.

Was zieht uns Zuschauer eigentlich immer wieder ins Kino und vor den Flachbildschirm? Klar, wir möchten unterhalten werden, Spaß haben. Aber dahinter steckt noch mehr. Wir wollen uns unserer selbst vergewissern, möchten anhand fiktiver Figuren mehr lernen über uns selbst. Nichts anderes sind sämtliche Filme und Serien, Romane und Zeitschriften zusammengenommen: Erzählungen über die Erfahrung, ein Mensch zu sein. Der Animationsfilm "Alles steht Kopf" ist nun wie die Summe aller dieser Erfahrungen.

Ganz wörtlich stellt die Produktion aus dem Pixar-Studio die Fragen: Wie ticken wir Menschen? Was machen unsere Emotionen mit uns? Was passiert in unserem Inneren, wenn wir handeln, wie wir handeln? Und weil es sich eben um einen Animationsfilm handelt, einen rasend unterhaltsamen und irrwitzig komischen dazu, bekommen die Gefühle, die uns ständig begleiten und denen wir ausgeliefert sind, hier Körper.

Die wahren Stars in "Alles steht Kopf" sind also die inneren Stimmen der Charaktere, die sich in eigenständige Figuren verwandeln. So macht die Geschichte unsichtbare Vorgänge sichtbar und schlägt daraus derartige erzählerische Funken, das Minuten nach Beginn des Films, bildlich gesprochen, der gesamte Kinosaal in Flammen steht.

In der Welt von "Alles steht Kopf" steht hinter jeder Stirn eine "Raumschiff Enterprise"-mäßige Kommandobrücke, an der Gefühlskobolde sitzen, die - wörtlich genommen - die Knöpfe drücken. Kapitän auf Rileys Kommandobrücke ist eindeutig Joy. Sie sorgt für die beständige gute Laune der Elfjährigen. Die anderen Gefühlskobolde Kummer, Angst, Wut und Ekel dürfen ganz selten mal ans Steuer.

Das ändert sich allerdings drastisch, als Riley mit ihren Eltern wegen Papas neuem Job von Minnesota nach San Francisco umzieht. Joy glaubt, jetzt erst recht die Zügel in der Hand behalten zu müssen, damit Riley ihr neues Leben immer hübsch positiv sieht. Aber so einfach ist das nicht.

Igitt, Brokkoli-Pizza!

Riley findet das neue Haus gruselig, so dass Angst die Kontrolle auf der Brücke übernimmt. Ekel tritt ins Rampenlicht, als Riley in der Pizzeria um die Ecke ernsthaft Brokkoli-Pizza angeboten wird. Wut reißt die Regler ganz nach oben, als Riley nach dem missratenen ersten Schultag mit ihrem Vater in Streit gerät. Und Schuld daran, dass sie vor der versammelten neuen Klasse in Tränen ausbricht, ist Kummer. Überhaupt - ständig bringt Kummer jetzt alles durcheinander. Jede eigentlich schöne Erinnerung, die sie berührt, verwandelt sich in eine traurige.

Was sich aus dieser simplen Grundidee entwickelt, ist der beste und komplexeste Pixar-Film seit vielen Jahren. Seit "Oben", um genau zu sein. Das berauschende Abenteuer um einen Rentner, der mithilfe einer Traube Luftballons mit seinem Haus abhebt und nach Südamerika fliegt, wurde ebenfalls von Pete Docter inszeniert. Die Filme des 52-Jährigen unterscheiden sich vom Gros des ohnehin schon distinguierten Pixar-Outputs. Sie sind noch verspielter, verrückter, eigenständiger, erwachsener, mutiger.

Während das Studio wegen seiner vielen Fortsetzungen ("Toy Story 3", "Cars 2", "Die Monster Uni") auch in der Kritik steht, verschiebt Docter die Grenzen des Animationsfilms. Weil er sich um Zielgruppen und Marketing nicht schert und seiner Fantasie völlig frei folgt. Docter ist Pixars Autorenfilmer.

Mit seinem Debüt "Die Monster AG" drehte er 2001 noch einen Kinderfilm. "Oben" und "Alles steht Kopf", für die er jeweils auch die Story-Ideen selbst entwickelte, begeistern sicher auch größere Kinder. Ganz eigentlich aber drehte Docter mit ihnen Kinderfilme für Erwachsene. Beiden Filmen liegen komplexe und abstrakte Konzepte zugrunde. Nicht nur, was die Geschichten angeht, sondern auch die Bilderwelten, in denen sie spielen.

Wiedersehen mit dem imaginären Freund

Das wird in "Alles steht Kopf" besonders deutlich. Nur ein Drittel des Films spielt in der realen Welt, der überwiegende Teil in Rileys Psyche. Und die besteht aus bunten Kugeln, die Rileys Erinnerungen darstellen, Röhren, die diese transportieren, endlosen Regalreihen, in denen sie archiviert werden.

Joy und Kummer geraten während einer gefährlichen Reise, mit der sie Rileys seelisches Gleichgewicht wieder herstellen wollen, in Rileys Unterbewusstsein, ihre Fantasie, ihre Traumfabrik. Und sie begegnen im Labyrinth ihres Gedächtnisses ihrem imaginären Freund Bing Bong, der dort seit Rileys Zeit als Kleinkind ein vergessenes Dasein fristet.

Es sind diese Figuren und Bilder, die ganz direkt das Herz öffnen. Mit der größten Animationskunst lassen Docter und sein Team die Figuren vor Lebendigkeit beinahe platzen und schenken den Bildern ein inneres Glühen. Man freut sich schon direkt nach dem ersten Kinobesuch auf ein Wiedersehen mit diesem Film, um wenigstens ansatzweise alle visuellen Gags und Spielereien entdecken zu können. "Alles steht Kopf" lädt ein in ein magisches Bilderreich, dessen Einfallsreichtum staunen macht.

Und doch artet diese Ausfahrt in die Fantasie nie in einen unablässig hupenden, klingelnden, bimmelnden Zirkus aus. Docter traut sich, damit eine ernste Geschichte darüber zu erzählen, wie Menschen mit einer Welt umgehen, deren Anforderungen sie sich immer wieder aufs Neue stellen müssen und die von ihnen verlangt, sich beständig zu entwickeln.

Docter ist es ganz ernst damit, zu zeigen, wie lohnend, aber auch schwierig und schmerzhaft dieser Prozess ist. Bing Bong kann ein Lied davon singen.

Im Video: Der Trailer von "Alles steht Kopf"

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