Kriegsdrama "Allied" mit Pitt und Cotillard Meine Frau, der Feind

Zwei Agenten verlieben sich, dann wird sie als Nazi-Spionin verdächtigt. Was nach einem spannenden Spiel mit Lüge und Wahrheit klingt, gerät zur müden Fingerübung - auch wegen Brad Pitt.

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Am Ende stehen sie sich auf einem Flugfeld gegenüber, er, sie, daneben eine kleine Propellermaschine. Der strömende Regen taucht alles in Sepiagrau, dazu Streichermusik. Ja, die Szene spielt Anfang der Vierziger, aber nein, es sind nicht Rick und Ilsa in der Schlussszene von "Casablanca". Leider.

Allein dass Regisseur Robert Zemeckis und Drehbuchautor Steven Knight wirklich alles getan haben, damit in ihrem Zweite-Weltkriegs-Agentendrama "Allied - Vertraute Fremde" permanent der Filmklassiker aus dem Jahr 1942 mitschwingt, im Setting, im Look, in der Liebesgeschichte ohne Happy End, ist so auffällig bemüht, dass der Eindruck entsteht: ganz schön schlicht gestrickt.

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"Alllied" - Agenten undercover: Schlicht gestrickt

Statt Humphrey Bogart und Ingrid Bergman spielen sich hier Brad Pitt und Marion Cotillard als kanadisch-französisches Agentendoppel Max Vatan und Marianne Beauséjour durch das Art-déco-Casablanca zu Zeiten des Vichy-Regimes, gekleidet in fließendes Leinen und wie hingegossene Seide. Der Royal-Air-Force-Mann und die geflohene Résistance-Kämpferin sind undercover als Ehepaar, um auf einem Empfang den deutschen Botschafter zu ermorden, fliehen zusammen nach London. Liebe, heiraten, ein Kind bekommen - und dann, nach einer Dreiviertelstunde Film, geht das eigentliche Drama erst los.

Denn auf einmal taucht der Verdacht auf, Marianne sei eine Doppelagentin im Auftrag der Deutschen - und würde die heißen Informationen der Alliierten-Geheimdienste abgreifen. Sie sitzt dank ihres Mannes ja direkt an der Quelle. Als Max gezwungen wird, ihr eine Falle zu stellen, parallel aber selbst ermittelt, um ihre Unschuld zu beweisen, schleudert die Geschichte vollends aus der Verankerung. Wie er, der sein Leben in den Dienst einer höheren Sache gestellt hat, zum Egomanen mutiert, der den Tod Dutzender in Kauf nimmt, nur um sicherzustellen, wen er da in seinem Bett hat, ist schlicht hanebüchen.


"Allied - Vertraute Fremde"

USA 2016
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Steven Knight
Darsteller: Brad Pitt, Marion Cotillard, Lizzy Caplan, August Diehl, Jared Harris, Simon McBurney
Verleih: Paramount Pictures Germany
Länge: 124 Minuten
FSK: 12
Start: 22. Dezember 2016


Dabei hätte man aus dieser Versuchsanordnung so viel machen können. Zwei Figuren, die als Agenten vorgeben, etwas zu sein und zu fühlen, spiegeln uns die Rolle, die Schauspieler im Film haben. Eine Doppelbödigkeit, die dazu einlädt, die Wahrnehmung der Zuschauer aufs Glatteis zu führen: Ist das nun Spiel im Spiel - oder filmimmanent wahrhaftig? War alles, was wir bis dahin sahen und hörten, eine Inszenierung der Frau, die sich Marianne nennt?

Nichts scheint in der Schwebe

Doch derlei Finten werden nicht gelegt, das Potenzial der verschiedenen Realitätsebenen nicht einmal angerührt. Etwa der Zettel, auf dem Max auf Befehl von ganz oben die falsche Botschaft notiert, um Mariannes Loyalität zu testen: Da auf dem Nachttisch gerät er zwar ab und an ins Bild - aber das war es auch schon.

Selbst die sparsamen Spiegelblick-Szenen wirken zu zufällig, als dass sie ein Stilmittel sein könnten für eine verkehrte Welt-im-Film. Allein der Satz über ihren Erfolg als Agentin, den Marianne ganz am Anfang wie mit einem fetten Ausrufezeichen in den Raum stellt: "Meine Gefühle wirken immer echt - deswegen funktioniert es." Max muss ihn sich - und damit den Zuschauern - später sogar nochmals vorsagen, um etwas Wirkung zu entfalten. Nichts davon ist genug, damit für die Betrachter alles in der Schwebe scheint.

Dabei kann das Spiel mit den Inszenierungen sogar unterhaltsam klappen. Das bewies etwa der Doppelagentenfilm "Duplicity" von 2009 mit Julia Roberts und Clive Owen, wo sich die Zuschauer schnell in einem Vortex aus Realität und Fiktion wiederfinden. Auch im Action-Blockbuster "Mr. & Mrs. Smith", jenem anderen Brad-Pitt-Film mit ähnlicher Geschichte, funktionierte das besser. (Der Vollständigkeit halber: Ja, das ist der, bei dem er seine jetzt-bald-wieder Ex-Frau Angelina Jolie kennenlernte.)

Man fragt sich, wie das passieren konnte. Zumal wir Regisseur Zemeckis Klassiker verdanken wie die "Zurück in die Zukunft"-Reihe, "Forrest Gump" oder "Cast Away". Und Steven Knight hat allein mit "Eastern Promises" bewiesen, wie genial gestrickt seine Plots sein können.

Ja, Marion Cotillard wirft sich zwar wie immer mit voller Verve in die Rolle, spielt mit kühlem Blick gegen jedes Klischee an. Aber das hilft bei diesem Drehbuch alles nichts. Erst recht, da Pitt leider nur noch Pitt darstellen kann, und der Rest der Besetzung - so großartige Leute wie Lizzy Caplan, August Diehl und Jared Harris - bedauerlicherweise zur reinen Dekoration verkommt.

Im Video: Der Trailer zu "Allied"

Von "Allied" bleibt so nur der Eindruck einer müden Fingerübung, eines holzschnittartigen Liebesdramas vor Kriegskulisse: Am Morgen vor dem Attentat schauen die beiden den Sonnenaufgang in der Wüste an, und werden dann von einem Wüstensturm festgesetzt. Gefangen im Auto kommt es, wie es kommen muss. Aber alles Stöhnen wird prüde verschluckt vom Tösen des Sands, der wüst gegen die Scheiben prasselt. Es ist eine jener Szenen, der man jede Sekunde anmerkt, wie sie aufs Dramapotenzial hin choreografiert wurde. Stimmung kommt da zwar auf, aber wahrlich nicht die intendierte.

Dann doch lieber gleich die Woody-Allen-Version von "Casablanca", inklusive der berühmten Schlussszene in seinem "Mach's noch einmal, Sam". Da ist die Komik zumindest extra.

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insgesamt 2 Beiträge
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gersois 23.12.2016
1. Unterhaltsam, aber schlicht gestrickt
Der Film unterhält den Zuschauer, wenn der es mit Details nicht zu genau nimmt. Z.B. weiß jeder Tourist, dass er nicht von Casablanca mal kurz mit dem Auto zum Sonnenaufgang in die Sanddünen (vermutlich von Ouazarzate) kommen kann. Und natürlich ist der Nazi auch in Casablanca pünktlich, er ist ja schließlich Deutscher. Es werden zu viele Klischees bedient für einen seriöseren Film. Nette Unterhaltung war es trotzdem.
mariomeyer 23.12.2016
2. Nun ja,
der Film ist nett anzusehen, finde ich. Leider mit großen Löchern in der Geschichte, die beschrieben wird, was in der Rezension vor etwa einer Woche bei FAZonline, anders als hier, deutlich hervorgehoben wurde. Aber darüber kann man hinwegsehen, wenn man sich von schönen Menschen in schönen Kostümen inmitten schöner Kulissen unterhalten lassen will. Allerdings sieht man Brad Pitt sein Alter inzwischen auf der Leinwand an, was das gerade Geschriebene wieder relativiert (er sah vor 20 Jahren einfach knuspriger aus). Der Film hätte ein besseres Drehbuch verdient gehabt. August Diehl hat mir in seiner kleinen Rolle gut gefallen.
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