Almodóvars "Schlechte Erziehung" Im Labyrinth der Leidenschaften

Pedro Almodóvar, einst exaltierter Regisseur hysterisch-komischer Lustfabeln, ist endgültig zum bedeutenden europäischen Autorenfilmer gereift. In "Schlechte Erziehung - La Mala Educacíon" erzählt er eine kunstvoll verwobene Geschichte über Obsession, Missbrauch, Verbrechen aus Leidenschaft und die Vexierspiele des Kinos.
Von Oliver Hüttmann

Der neue Almodóvar! Dieser euphorische Ausruf ist Pedro Almodóvar nicht erst gegönnt, seit er zwei Oscars gewonnen hat - 1999 mit "Alles über meine Mutter" für den besten ausländischen Film und drei Jahre später für das Drehbuch von "Sprich mit ihr". Vorher war es aber eher als Geheimtipp gemeint. Heute kann man den einstigen Grenzgänger zwischen Kitsch, Kunst und Konfusion getrost auch außerhalb des Cineastenzirkels empfehlen. Nach fast zwei Dutzend Filmen ist der Spanier vom Exzentriker zum Erzähler gereift, der die schrillen Elemente seiner Travestien aus Satire und Sexgeschichten zurückgenommen und dabei mit erstaunlicher Souveränität in melodramatische Grandezza verwandelt hat.

Auf einen Nenner ließen sich Almodóvars Filme schon immer nur schwer bringen. Doch mit "Schlechte Erziehung" hat er stilistisch und inhaltlich eine Qualität und Komplexität erreicht, an der man mit einer Beschreibung eigentlich nur scheitern kann. Bei der Fülle an Einfällen, der Schönheit der Bilder, der Raffinesse der Montagen und verschiedenen Ebenen bleibt jedes Lob profan, wirken schwärmerische Elogen wie von Sinnen. Nach "Alles über meine Mutter" war man überrascht, mit "Sprich mit ihr" glaubte man Almodóvar am Gipfel seiner Gabe. Und doch übertrifft auch "Schlechte Erziehung" wieder alle seine Werke und zudem vieles, was man in den letzten Jahren an großartigen Filmen gesehen hat.

"Schlechte Erziehung" ist ein Drama. Aber auch eine Komödie. Und ein Thriller. Es ist eine aufwühlende Geschichte über Liebe und Lust, Missbrauch und Mord, Film und Fiktion. Pedro Almodóvar vollendet hier die Kunstfertigkeit der Spiegelung, das Spiel mit drei, vier Zeitachsen, Filmzitaten und dem Film im Film. Es geht um Kreativität, Selbstfindung und Identitäten, nicht nur im Bezug auf Homosexualität. Da schlüpft auch eine Person in mehrere Charaktere und verkörpern verschiedene Schauspieler die gleiche Figur. In diesem Labyrinth, dessen Lügen sich erst im Schlussakt lichten, entzieht sich alles einer eindeutigen Kategorie.

Der mexikanische Jungstar Gael García Bernal spielt eigentlich drei Rollen. Am Anfang sieht man ihn als Transvestit Zahara bei einem Gesangsauftritt in einer Bar. Anschließend schleppt er einen betrunkenen Jüngling ab, um ihn auf dem Hotelzimmer auszunehmen. Doch der süße Kerl entpuppt sich als sein Jugendfreund Enrique (Alberto Ferreiro), seine erste große Liebe auf der Klosterschule. Damals hieß Zahara noch Ignacio - ein Knabe, an dem sich ein Priester vergangen hat. Diesen Padre Manolo (Daniel Giménez-Cacho) sucht Zahara nun auf, um von ihm Geld zu erpressen. Wenn er nicht zahlt, sollen seine Vergehen in einem Buch publik gemacht werden.

Enrique ist auch der Name des schwulen Regisseurs, bei dem Bernal dann ohne Frauenkleider auftaucht. Er nennt sich jetzt Angel, behauptet aber, er sei Ignacio und Schauspieler. Enrique, jetzt gespielt von Fele Martínez, erkennt ihn nicht wieder, bleibt reserviert und sagt hinterher zu seinem Assistenten: "Nichts ist weniger erotisch als ein Schauspieler, der Arbeit sucht." Aber er verspricht, das Drehbuch zu lesen, das Angel ihm aufdrängt. Das Manuskript hat den Titel "Der Besuch". Es handelt von Ignacios Erlebnissen mit Enrique auf der Klosterschule.

In diesen Kindheitsszenen, die Almodóvar nach den ersten zwei Akten einfügt, zeigt er so zärtliche und aufrichtige Momente wie noch nie. Die beiden Knaben entdecken die Liebe füreinander und für Filme, berühren sich zaghaft im Kino oder nachts auf der Toilette des Schlafsaales. Vor allem aber prägen Blicke die Atmosphäre. Unsicher sehen Enrique und Ignacio auf die Leinwand, während sie nebeneinander sitzen. Sehnsüchtig schauen sie sich beim Chorgesang über die Stuhlreihen hinweg in die Augen. Und schmerzliches Entsetzen liegt in ihren Pupillen, als Enrique das Klosterinternat verlassen muss. Denn da ist auch Padre Manolos begehrlicher Blick, der zwischen Eifersucht und Brutalität wechselt. Sein schwarzes Gewand wirkt bedrohlich, darunter verzehrt sich sein verkrampfter Körper nach Ignacio. Bei einem Ausflug führt der Mann den Jungen plötzlich aus der Kameraperspektive heraus hinter ein Schilfgebüsch. Der Blick bleibt ausgespart, als die Unschuld verloren geht.

Dafür schwelgt Almodóvar bei den Szenen mit dem Regisseur Enrique und dem Schauspieler Angel elegant in Erotik aus nackten Oberkörpern, nassen Haaren und offenen Jeans am Pool. Zwischen ihnen entspinnt sich ein Machtspiel aus Anspannung und Anziehung, ihr Verhältnis ist bestimmt von gegenseitiger Verführung. Enrique will das Buch von Angel verfilmen, ihn aber nicht als Zahara besetzen, obwohl der diese Rolle ja bereits spielt, wie man am Anfang von "Schlechte Erziehung" gesehen hat.

Mit der letzten Einstellung aus der Auftaktsequenz, die also das Ende von Enriques Film ist, leitet Almodóvar dann seinen Schlussakt ein. Zahara wird in Manolos Büro umgebracht, dann gleitet die Kamera langsam zurück und gibt in der Totalen die Sicht frei auf eine Studiohalle. Enrique verlässt den Set, geht eine Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer, wo er einen fremden Mann antrifft, der erklärt: "Ich bin der Böse aus ihrem Film." Es ist der wahre Manolo, der eigentlich Berenguer (Lluis Homar) heißt, jetzt als Lektor in einem Buchverlag arbeitet und eine ganz andere Geschichte erzählt.

An diesem Punkt nimmt "Schlechte Erziehung" eine beklemmende, an Hitchcock erinnernde Wendung, die alle Rollen und ihre Motive noch einmal radikal durcheinander wirbelt. Mit dem gelüfteten Geheimnis offenbart sich auch der Film noir, den Almodóvar zuvor nur angedeutet, ja geradezu subtil versteckt hat. Nun weist er direkt darauf hin. Vor allem, als Berenguer mit Bernal, der hier in seiner dritten und tatsächlichen Identität erscheint, in ein Kino geht, das am Eingang die "Woche des Film noir" annonciert. "Es kommt mir vor, als würden alle diese Filme nur von uns erzählen", sagt Berenguer anschließend.

Mit dem Kinobesuch, der als Alibi für ein monströses Verbrechen dient, spiegelt Almodóvar noch mal die unschuldigen Kinotage der Knaben Enrique und Ignacio. Zugleich reflektiert er, wie das Kino aus dem Leben und Erinnerungen schöpft, Geschichten angepasst werden und Wahrnehmungen sich verändern. Almodóvar stellt auch das Autobiografische aus, nicht nur, weil er als Kind selbst in einem Kloster war. Es ist das Resümee seiner Zeit als Regisseur in den achtziger Jahren, in denen auch die Gegenwart von "Schlechte Erziehung" angelegt ist. Enrique, dessen Film im knalligen Stil und tuntigen Humor an seine früheren Werke gemahnt, dient Almodóvar als Alter ego.

"Schlechte Erziehung" ist wie eine dunkle Rose, die einen ebenso sinnlichen wie verstörenden Duft verströmt. Zehn Jahre hat Almodóvar diesen Stoff mit sich herumgetragen. Teile des Plots hatte er bereits 1987 in "Das Gesetz der Begierde" verwendet. Aber womöglich musste er erst "Alles über meine Mutter" und "Sprich mit ihr" drehen, wie als Übung, um so die Sicherheit für seinen nun größten Wurf zu erhalten. Unnachahmlich ist seine Handschrift, die unglaublichste Geschichten wahrhaftig werden lässt. Die Leichtigkeit, mit der er hier ganz selbstverständlich die schwule Sexualität inszeniert, macht Pedro Almodóvar zu einem Ausnahmeregisseur. Das einzige Problem: Welchen Oscar kann er für dieses Meisterwerk denn noch bekommen?


Schlechte Erziehung (La Mala Educación)


Spanien 2004. Regie und Drehbuch: Predro Almodóvar. Darsteller: Gael García Bernal, Fele Martínez, Daniel Giménez-Cacho, Javier Cámara, Lluis Homar, Francisco Boira. Produktion: El Deseo, Canal+ España, TVE. Verleih: Tobis. Länge: 106 Minuten. Start: 30. September 2004