Angefeindetes Liebesdrama "Als wir tanzten" "Wir hatten sogar Bodyguards am Set"

Schwule Tänzer im Nationalballett? Damit rührte der Film "Als wir tanzten" in Georgien an einem Tabu - gewaltsame Ausschreitungen waren die Folge. Nun ist das intensive Liebesdrama auch bei uns zu sehen.
Merab (Levan Gelbakhiani) ist ein ehrgeiziger Tänzer - als ein neuer Sportler auftaucht, verändert sich seine Welt

Merab (Levan Gelbakhiani) ist ein ehrgeiziger Tänzer - als ein neuer Sportler auftaucht, verändert sich seine Welt

Foto: Edition Salzgeber

In Georgien gab es bereits Krach, bevor für Levan Akins "Als wir tanzten" überhaupt die Projektoren angeworfen wurden. In den beiden größten Städten des Landes, Tiflis und Batumi, hatten sich im Vorfeld Proteste angekündigt, angeführt von der Georgischen Orthodoxen Kirche und homophoben Nationalisten, die Akins Film eine "Popularisierung von Sodomitenbeziehungen" attestierten und ihn "als großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte" empfanden. Ergebnis: 27 Festnahmen und einige Verletzte.

Als Kontrast: In Cannes wurde "Als wir tanzten" von der internationalen Filmgemeinschaft wenige Monate zuvor begeistert aufgenommen.

Die Ereignisse, die sich im November 2019 in Georgien um einen Film entspannen, dessen Zentrum eine homosexuelle Liebesgeschichte ist, sind bezeichnend für den Graben zwischen liberalen und konservativen Lebenspraktiken, die auch der Film selbst thematisiert.

Levan Akin, Jahrgang 1979, ist in Schweden aufgewachsen, seine Eltern waren Teil der georgischen Diaspora in der Türkei. "In Georgien gibt es drei Dinge, die als Inbegriff der Traditionen und der nationalen Identität hochgehalten werden", erklärt er: "Die Kirche, der traditionelle mehrstimmige Gesang und der traditionelle Nationaltanz."

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"Als wir tanzten"

Foto: Edition Salzgeber

Letzterem widmet sich Akin. Und er siedelt ihn in einem glaubhaften Spannungsfeld aus lustvollem Selbstausdruck und repressiver Strenge an. Hier gibt es cholerische Tanzlehrer wie Aleko (Kakha Gogidze), die sich ihre männlichen Tänzer so "gerade wie einen Nagel" wünschen und ihre Tänzerinnen mit einem Blick, der "Reinheit ausstrahlt". Platz für Schwäche gibt es im unermüdlichen Takt der Trommel keinen. Und erst recht nicht für Sexualität. Schließlich sei der georgische Tanz "kein Lambada", so Aleko.

Nach Lambada ist Merab (Levan Gelbakhiani), Student an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis, auch nicht zumute. Schon eher nach einem festen Platz im Ensemble, wo gerade ein Platz freigeworden ist. Tänzer, die es bis hierhin schaffen, verdienen nicht nur ordentlich - sie reisen auch um die ganze Welt. Eine Sehnsucht, die insbesondere Merabs Tanzpartnerin und Alibi-Freundin Mary (Ana Javakishvili) aus den Poren trieft: An eine Zigarettenschachtel aus London klammert sie sich wochenlang und füllt die längst leere Packung mit georgischen Stängeln wieder auf.

Klima der Geheimhaltung

In Merab wiederum fährt echtes Begehren erst, als ein Neuer zur Tanzgruppe stößt: Irakli (Bachi Valishvili) aus dem 200 Kilometer entfernten Küstenort Batumi, samt goldenem Ohrring, patzigen Antworten und einer großen Begabung für die kraftvoll-dynamischen, gleichsam unbefangenen Bewegungen der Volkstänze. Fortan konkurrieren Merab und Irakli um den gefragten Ensemble-Platz. Aber sie beginnen auch im Schatten der anderen miteinander zu trainieren.

Filminfo

"Als wir tanzten"
Schweden, Georgien, Frankreich 2019
Originaltitel: "And Then We Danced"
Drehbuch und Regie: Levan Akin
Darstellende: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakhiskvili, Giorgi Aladashvili, Kakha Gogidze
Produktion: French Quarter Film, Takes Film
Verleih: Salzgeber & Company Medien
Länge: 113 Minuten
Freigegeben: ab 12 Jahren
Start: 23. Juli 2020

Schattenarbeit mussten ebenfalls Levan Akin und sein Team leisten. War es Akins ursprüngliche ("naive") Idee gewesen, auf die Unterstützung populärer Ensembles wie des Sukhishvili zu setzen, wies man ihn schnell in seine Schranken: Im georgischen Tanz, ließ man ihn wissen, gäbe es keine Homosexualität. "Wir mussten unter großer Geheimhaltung und immensen Druck arbeiten", berichtet Akin. "Wir hatten sogar Bodyguards am Set."

Das Klima der Geheimhaltung ist, so unangenehm es während des Drehs gewesen sein dürfte, dem Film gut bekommen. Denn es spiegelt sich in Merabs und Iraklis fortschreitender Beziehung wider, von der keiner Wind bekommen darf.

Kokette Einlagen in strengem Korsett

Hochexpressiv ist sie dennoch. Gerade ihre feierlichsten Momente inszeniert Akin in einem überirdischen Licht, das – Achtung, Blasphemie! – nahezu heilig wirkt. Außerdem beweisen Drehbuch und Regie einen schönen Sinn für Synchronizität: Wenn sich beide Männer das erste Mal ernsthaft näherkommen, verborgen hinter einem riesigen Stein, dann dringen aus dem Hintergrund, wo gerade ein Fest stattfindet, die wohlwollenden Worte "Freude sei mit euch" zum abgelegenen, ach so verpönten Geschehen.

Gleichwohl hat der Zauber von "Als wir tanzten" viel mit Levan Gelbakhianis Spiel zu tun, für das er zu Recht mit zahlreichen Preisen belohnt wurde: Selten hat sich Verliebtheit so subtil und doch eindeutig auf einem Gesicht abgezeichnet, das, wenig später, schon wieder verfinstert, unsicher, auch erbost wirkt.

Transformationen, die sich auch im Tanz selbst niederschlagen. Dieser bildet den sinnlichen Kern und den Reibungspunkt des Films, ist ebenso Korsett wie Potenzial, Regelwerk wie Regelbruch. Levan Akin wagt es, kokett-verführerische Einlagen (wie sie Merab Irakli einmal in einer liebestrunkenen Nacht zu Robyns Dance-Pop-Nummer "Honey" darreicht) in Bezug zum identitätsstiftenden Nationaltanz zu setzen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als der Vorschlag zu einer neuen Choreografie. Merab tanzt sie sogar mit gebrochenem Fuß.

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