"American Psycho" Ein Maulkorb für die Bestie

Beruhigungsmittel für die Seele der amerikanischen Gesellschaft. Regisseurin Mary Harron verfilmte Bret Easton Ellis Skandalroman "American Psycho" und degradierte die mordende Bestie Patrick Bateman zum harmlosen Kino-Slasher.

Wenn Amerika etwas aufzuarbeiten hat, bietet sich Hollywood immer wieder als nützlicher Therapeut und Beschwichtiger an. Das Vietnam-Trauma wurde im Kino ebenso bewältigt wie unlängst der Golfkrieg. George Clooney und Mark Wahlberg brausten in "Three Kings" mit flotten Sprüchen ein paar Mal quer durch die Wüste und schon war alles irgendwie schon gar nicht mehr so diffus und beunruhigend - Hollywood besaß schon immer die segensreiche Macht, schlimme Dinge so lange zu verkitschen und zu vereinfachen, bis sie klein, niedlich und unbedrohlich wirkten. Valium fürs Volk.

Um ein weiteres, fieses Schreckgespenst der amerikanischen Gesellschaft zu bannen, brauchte es immerhin ein ganzes Jahrzehnt. 1989 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis seinen verstörenden Roman "American Psycho", der den Grad der seelischen Vereinsamung und Verrohung des Individuums in den oberflächlich so glamourösen und konjunkturreichen Achtziger Jahren schonungslos bloß stellte. Gegen die teils imaginären, teils realen Bluttaten seines ebenso eiskalten wie gesichtslosen Protagonisten Patrick Bateman, wirkten die ironischen Sottisen aus Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten" wie Sandkastenspiele. Am Tag ist Bateman ein reicher New Yorker Yuppie, der sich statt mit Akten lieber mit Restaurant-Reservierungen beschäftigt und ausführlich über die Form seiner Bauchmuskulatur philosophiert. Nächtens wird der glatte Schönling zum mordenden, frauenverachtenden Monster, das seine Opfer hemmungslos hinschlachtet.

Ellis wurde für sein nüchtern-blutrünstiges Psychogramm gerügt, geächtet und - aus purer Hilflosigkeit - verspottet. Ein dunkler Schatten, die Ahnung, dass Batemans aus überzogener Oberflächlichkeit, Reizüberflutung und emotionaler Abstumpfung gezeugte innere Bestie nicht nur im Reich der Fiktion existiert, sondern in uns allen schlummert, blieb jedoch bestehen.

Bis jetzt, denn mit der Verfilmung des kontroversen Romanstoffs, der Bebilderung eines Alptraums, der bisher sich bisher in unserer Fantasie frei entfalten konnte, wird auch das Mahnmal "American Psycho" auf Kinoleinwandgröße geschrumpft. Zwar gibt sich die Regisseurin Mary Harron ("I Shot Andy Warhol") alle Mühe, insbesondere die von Ellis akribisch beschriebene Ästhetik der vorvergangenen Dekade kaltglänzend aufleben zu lassen, und auch Hauptdarsteller Christian Bale liefert mit ausdrucksloser Miene und aalglatter Performance seine bisher beste Arbeit ab. Und doch ist die Bestie eindeutig gezähmt. Zwar sehen wir nun fasziniert zu, wie Bateman den Schädel seines verhassten Kollegen mit der Axt spaltet, und wir halten auch den Atem an, wenn er die Kettensäge als Fallbeil durchs Treppenhaus sausen lässt, um ein flüchtiges Mordopfer zu stoppen - doch war der Thrill des Buches ein ganz anderes, viel tiefer gehendes Nervenkitzeln als jene Kino-Effekte, die zum hinlänglich bekannten Grusel- und Schock-Repertoire besserer Horrorstreifen gehören.

Die Unverfilmbarkeit von "American Psycho" stand lange genug im Raum. Man kann nur von Glück sagen, dass es letztlich Bale war, der die Hauptrolle bekam, nicht Sonnyboy Leonardo DiCaprio, wie unglaublicherweise einst geplant war. So rettet sich Harrons stilsicherer und sicher auch zuweilen packender Film zumindest vor Lächerlichkeit und Selbstparodie, wenngleich es die Regisseurin nicht vermieden hat, gerade die ohnehin von der Zensur vereitelten Gewaltszenen durch Ironie und subtilen Slapstick zu brechen. Die Bestie Bateman, im Buch stets subjektiver Ich-Erzähler, wird zum Objekt. Seine Handlungen werden nur noch abgebildet, die sofortige Reflexion der Selbst-Inszenierung und -Stilisierung entfällt.

Der Killer in uns allen wird dadurch zur beherrschbaren Actionfigur, zum berechenbaren Westentaschen-Slasher, der am Ende - Harron macht eindeutig, was Ellis offen ließ - ja doch alles nur in seinem kranken Kopf erfunden hat. Na dann ist ja alles in Ordnung, soll sich der Kinobesucher denken und beruhigt, besänftigt den Saal verlassen, das Fenster zum inneren Abgrund, das die Romanfigur Bateman einst aufriss, wieder fest verschlossen. "Wir gleiten an der Oberfläche der Dinge herab" schrieb Bret Easton Ellis wahrheitsgemäß in seinem jüngsten Buch "Glamorama", einer noch perfideren Schilderung der Verblendung und Verwirrung des modernen Menschen. Hoffentlich wird es nie verfilmt.

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