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Andreas Dresen übers DDR-Kino: Von nackten Männern und subversiven Literaturexperten

Foto: DEFA-Stiftung/ Dieter Lueck

Andreas Dresen übers DDR-Kino "Das Chaos war die beste Zeit"

Indianerfilme mit Anspruch - auch das gehörte zum DDR-Kino, wie Regisseur Andreas Dresen mit einer außergewöhnlichen Filmreihe auf dem Hamburger Filmfest beweist. Vom Ende der DDR handelt auch sein nächster Film "Als wir träumten".

SPIEGEL ONLINE: Herr Dresen, aus Anlass von 25 Jahren Mauerfall präsentieren Sie nun auf dem Hamburger Filmfest die Reihe "DDR Deluxe" , Ihre ganz persönliche Auswahl von wichtigen Defa-Filmen. Kann man heute noch was vom DDR-Kino lernen?

Dresen: Ich bin mir sicher, dass man sehr viel aus diesen Filmen lernen kann. Sie öffnen nicht nur den Blick in die untergegangene DDR, sondern auch in eine Filmkultur, die für mich ein Schatz ist, der noch nicht wirklich gehoben ist. In der Kunst fußt doch alles, was wir in der Gegenwart tun, auf dem, was andere in der Vergangenheit gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Nach welchen Kriterien haben Sie die Filme ausgesucht?

Dresen: Es sind allesamt Filme, die mich geprägt haben und die man sonst nur selten sieht. Mit dem DDR-Kino verbinden viele Menschen heute nur einige bekanntere Filme wie "Spur der Steine", "Die Legende von Paul und Paula" oder "Solo Sunny". In der DDR wurden aber insgesamt mehr als 700 Spielfilme hergestellt. Da sind tolle Sachen darunter. Die sollte man keineswegs immer nur unter dem Label "Propagandistisch beeinflusste staatliche Filmproduktion" abtun. Es gab aber auch heute ulkig wirkende Unterhaltungsfilme, die "Heißer Sommer" oder "Nicht schummeln, Liebling" hießen oder eben die Indianerfilme, von denen in meiner Kindheit jeden Sommer einer ins Kino kam.

Foto: Kay Nietfeld/ picture alliance / dpa

Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Sommer vorm Balkon", "Wolke 9" und "Halt auf halber Strecke", mit denen Dresen trotz der genauen Zeichnung ostdeutscher Milieus auch international Erfolge feiert. Sein neuer Film "Als wir träumten" nach dem Roman von Clemens Meyer und mit einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase ist noch ohne Starttermin.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel "Chingachgook, die große Schlange", den Sie für Hamburg ausgewählt haben, einem typischen Defa-Indianerfilm aus dem Jahr 1967 mit Gojko Mitic in der Hauptrolle. Was verbinden Sie mit dem?

Dresen: Man kann diesen Film von Richard Groschopp heute als Skurrilität sehen. Aber mich hat er zutiefst erschüttert, als ich mit sechs Jahren von meinen Cousins ins Kino geschmuggelt wurde. Es war mein allererstes Kinoerlebnis überhaupt. Wenn man Filme wie "Chingachgook" mit den Karl-May-Verfilmungen vergleicht, die damals im Westen Erfolg hatten, dann sieht man, dass im ostdeutschen Kino viel mehr Wert auf die soziale und historische Determinierung der Figuren gelegt wurde. Die Indianerfilme waren durchaus auch politische Filme.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das für alle Filme, die Sie ausgesucht haben, zum Beispiel auch für die Komödie "Anton der Zauberer" aus dem Jahr 1978, die Lebenstory eines trunksüchtigen Taugenichtses, der sich durchs Nachkriegsdeutschland und die DDR schummelt?

Dresen: "Anton der Zauberer" von Günther Reisch war einer der erfolgreichsten Defa-Komödien überhaupt, ganz sicher auch wegen der kritischen Untertöne, die das ostdeutsche Publikum zu lesen wusste. Das ist in allen Diktaturen ähnlich, glaube ich. Ich finde den Film auch interessant, weil er 1979 auf der Berlinale laufen sollte, parallel zu Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun". In Fassbinders Film wird auf ganz ähnliche Weise deutsche Nachkriegsgeschichte bis in die damalige Gegenwart erzählt, allerdings als Melodram und mit einer weiblichen Hauptfigur. Das wäre sehr spannend gewesen, die Filme nebeneinander zu sehen. Aber dann befahl die Parteiführung in Moskau, die den amerikanischen Wettbewerbsbeitrag "Die durch die Hölle gehen" von Michael Cimino vietnamfeindlich fand, alle Filme von der Berlinale zurückzuziehen, und auch die DDR nahm ihre Produktionen ungezeigt wieder mit nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch Dokumentarfilme in Ihrer Auswahl aus der Defa-Schatzkiste, zum Beispiel "Winter adé" von 1988, in dem während einer Zugfahrt durch die DDR diverse Frauen über ihr Leben Auskunft geben. Was ist für Sie daran so besonders?

Dresen: Dieser Film von Helke Misselwitz hat mich echt umgehauen, als ich ihn 1988 in Leipzig auf der Dokumentarfilmwoche zum ersten Mal sah. Er ist das Sittengemälde eines Landes, in dem man spürt, dass bald eine große Erschütterung eintreten wird. Durch die Berichte der Frauen entsteht ein ungeschöntes Bild der DDR, und das Ende der Reise von Süd nach Nord scheint den Mauerfall vorwegzunehmen. Man sieht eine Fähre ablegen, die Schienenstränge zerreißen plötzlich. Jeder in der DDR konnte diese Filme dechiffrieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Ende der Achtzigerjahre auf der Filmhochschule. Haben Sie den Mauerfall damals kommen sehen?

Dresen: Ich habe gespürt, dass da etwas zu Ende geht, aber ich wäre niemals auch nur im Traum auf die Idee gekommen, dass die Mauer fallen wird. Und wie schnell das passieren würde. Mit unserem Hochschulleiter Lothar Bisky, der für uns Studenten vieles eigentlich Unmögliche ermöglicht hat, auch das Reisen, war ich im Mai 1989 in Paris. Wir waren über 20 Studenten, das war irre. Wir alle hatten noch nie eine Stadt wie Paris erlebt! Als ich zurückkam, war ich von Trauer und Zorn erfüllt. Ich habe einen flammenden Artikel geschrieben und ihn an die Wandzeitung der Hochschule gehängt. Darin schrieb ich, dass es ein Unding sei, dass fast allen jungen Menschen in der DDR so eine Reise verwehrt wird. Und dass die DDR ein Land ohne Amplituden sei, nicht kalt und nicht heiß, immer nur diese Mittellage. Als Künstler müsse man sich aber allen Extremen der Welt aussetzen. Der Artikel verschwand am nächsten Tag, aber Lothar Bisky hat ihn wieder aufhängen lassen. Da hing er dann drei Monate. Bisky fand, so eine Kritik müsse man aushalten.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Filmschaffende der DDR bedeutete der Mauerfall nicht bloß eine Befreiung, sondern auch die Gefährdung ihrer beruflichen Zukunft. Wie erging es Ihnen und Ihren Mitstudenten?

Dresen: Ich hatte damals Glück. Ich durfte in dieser Zeit, 1991/1992, meinen ersten Film machen, "Stilles Land", der an einem kleinen Provinztheater im Norden der DDR spielt und davon erzählt, wie die Wende über eine Theatergruppe hinwegbraust, die gerade das Stück "Warten auf Godot" einstudiert. Für uns junge Filmhochschulabsolventen gab es eine große Offenheit, wir konnten ja nicht ideologisch belastet sein. Schlimm traf es die Älteren. Ich fand es ungerecht, dass viele der tollen Defa-Kollegen keinen Job mehr hatten. Das hatte mit Vorurteilen, mit Ängsten zu tun. Leute wie mein Mentor Günter Reisch, wie Roland Gräf oder Helmut Dziuba hatten zunehmend Probleme und konnten zum Teil keine Filme mehr machen. Am übelsten erging es aber der mittleren Generation, also den Regisseuren, die damals Anfang, Mitte 40 waren und vielleicht ein, zwei Filme in der Defa gemacht hatten. Die hatten eigentlich ihre Regieleben noch vor sich. Und plötzlich waren sie nicht mehr gefragt. Das ist eine historische Ungerechtigkeit, die auch mit Unkenntnis zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst bringen bald Ihr neues Werk, eine Verfilmung des Romans von "Als wir träumten" von Clemens Meyer, ins Kino, in dem es um die wilde Nachwendezeit in Leipzig geht. Lässt Sie die Zeit rund um den Mauerfall nicht los?

Dresen: Wann erlebt man das schon mal, dass ein ganzes Land verschwindet und alles von unten nach oben umgestülpt wird? Ich denke, dass es bis heute lohnend ist, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. "Als wir träumten" erzählt nicht von ideologischen Verstrickungen, sondern von einer Zeit der Anarchie, einer Zeit der großen Möglichkeiten, vom Aufbruch ins Reich der Freiheit. Wie Bertolt Brecht in seinem Stück "Im Dickicht der Städte" am Ende schreibt: "Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit." Interessant war die Phase, in der die alten Regeln nicht mehr galten und die neuen noch nicht. Danach kam die Konsolidierung hin zum bürgerlichen Leben.


Das Filmfest Hamburg läuft vom 25. September bis 4. Oktober. Mehr zum Programm finden Sie hier .

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