Neue Regiestars "Schwarz, lesbisch - in Hollywood nicht gerade hilfreich"

Zwei Regisseurinnen haben es 2017 nach vorn geschafft: Dee Rees und Angela Robinson. Die Filme der beiden Frauen sind grundverschieden - aber ihre Erfahrungen mit dem System Hollywood ähneln sich.

Dee Rees (links) mit Mary J. Blige während der Dreharbeiten zu "Mudbound"
Netflix

Dee Rees (links) mit Mary J. Blige während der Dreharbeiten zu "Mudbound"


Was wird bleiben, wenn in einigen Wochen das Kinojahr zu Ende geht und Bilanz gezogen wird? Natürlich die Schockwellen, die die Enthüllungen über Weinstein, Spacey und Co. nach sich zogen. Sicherlich auch der historische und auf der Bühne eindrücklich versemmelte Oscar-Gewinn von "Moonlight". Doch vor allem sollte 2017 als das Jahr der Frauen hinter der Kamera in Erinnerung behalten werden.

Im Februar nahm die Ungarin Ildikó Enyedi für "Körper und Seele" den Goldenen Bären der Berlinale mit nach Hause, Patty Jenkins' "Wonder Woman" wurde zu einer der erfolgreichsten Comicverfilmungen aller Zeiten, und aktuell bricht Greta Gerwig mit ihrem wunderbaren Jugendporträt "Lady Bird" (bei uns ab April zu sehen) in den USA Kassenrekorde für Indie-Filme.

Doch es sind nicht nur weiße Frauen, die zurzeit in Hollywood reüssieren. Mit Angela Robinson und Dee Rees sind jüngst zwei Afro-Amerikanerinnen ins Rampenlicht getreten und sorgen nun mit ihren neuesten Arbeiten für Aufsehen - die eine sogar für Oscar-Geraune. Ihre Wege nach Hollywood sind allerdings alles andere als geradlinig verlaufen und lassen erahnen, wie mies es um Chancengleichheit in der Filmbranche bestellt ist.

Angela Robinson
Getty Images

Angela Robinson

Auch Angela Robinson, geboren in Chicago und Absolventin der New York University, hat sich in ihrem neuen Film mit Wonder Woman auseinandergesetzt: "Professor Marston and the Wonder Women" läuft gerade in den deutschen Kinos, leider nicht in sonderlich vielen. Ihr feines Drama erzählt allerdings keine Comicabenteuer nach, sondern handelt viel mehr von deren Entstehung. Genauer gesagt vom Psychologie-Professor William Marston und seiner Dreiecksbeziehung mit Ehefrau Elizabeth Marston und Mitarbeiterin Olive Byrne, die ihn - so Robinsons Drehbuch - in den Vierzigern zur Schöpfung der feministischen Ikone Wonder Woman inspirierten.

Institutionalisierte Misogynie

Zwölf Jahre ist es her, dass Robinson zuletzt einen Film ins Kino brachte. Damals ließ sie auf ihr Debüt "D.E.B.S." die Disney-Produktion "Herbie: Fully Loaded - Ein toller Käfer startet durch" mit Lindsay Lohan folgen, die weltweit fast 150 Millionen Dollar einspielte.

Hollywoods Produzenten standen anschließend trotzdem nicht Schlange. Ihren Lebensunterhalt musste sich die Regisseurin stattdessen - ähnlich übrigens wie Patty Jenkins von"Wonder Woman" - beim Fernsehen verdienen, wo sie Folgen von Serien wie "The L Word" inszenierte und Episoden für "True Blood" oder "How to Get Away With Murder" schrieb.

"Natürlich lässt sich daran eine gewisse institutionalisierte Misogynie erkennen, die fest im System Hollywood verankert ist", sagt Robinson im Interview mit Blick auf männliche Kollegen wie Colin Trevorrow ("Jurassic World") oder Jordan Vogt-Roberts ("Kong: Skull Island"), die unmittelbar nach einem ersten kleinen Achtungserfolg bei teuren Großproduktionen auf dem Regiestuhl sitzen durften.

"Nachdem 'D.E.B.S.' ein bisschen Aufmerksamkeit erregte, öffneten sich erst einmal ein paar Türen, und ich durfte einige Stoffe für große Studios und Produktionsfirmen entwickeln. Doch was mich dabei interessierte, waren starke Frauenfiguren - und es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass in Hollywood niemand diese Ideen auch wirklich umsetzen würde. Doch im Kabelfernsehen schien es dafür Platz zu geben, also habe ich die Chance ergriffen, als man mich einlud, zu 'The L Word' zurückzukehren, wo ich ganz ursprünglich schon als Autorin meine Karriere begonnen hatte."

Dee Rees bei der Premiere von "Mudbound" beim Toronto International Film Festival
Netflix/ WireImage

Dee Rees bei der Premiere von "Mudbound" beim Toronto International Film Festival

Rees, geboren in Nashville, inszenierte 2011 ihren autobiografisch-geprägten Erstling "Pariah", der unter anderem in Sundance und den Independent Spirit Awards ausgezeichnet wurde. Erst jetzt folgt mit "Mudbound" der Nachfolger, der ab dem 17. November bei Netflix (und in den USA auch in einigen Kinos) zu sehen ist. Der Streamingdienst hatte im Januar in Sundance 12,5 Millionen Dollar gezahlt, um den klassischen Filmverleihern die Rechte an dem Drama um zwei unterschiedliche Familien im ländlichen Mississippi kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wegzuschnappen.

"Schwarz zu sein ist die Schublade"

Auch Rees war in der Zwischenzeit fürs Fernsehen tätig, sie inszenierte für HBO das Biopic "Bessie" und führte Regie bei der Erfolgsserie "Empire". Ihre Erfahrungen ähneln denen von Robinson, auch wenn Rees dem Thema Hollywood von vornherein mit mehr Skepsis begegnete. "Mein allererstes Meeting bei einem der großen Studios habe ich damals, direkt nach 'Pariah' erst einmal abgesagt", erinnert sich die Regisseurin. "Der Film, um den es bei dem Meeting gehen sollte, war das Gegenteil meines Debüts, in dem ganz viel persönliche Erfahrungen, Herzblut und harte Arbeit steckten. Schon ein Gespräch mit diesen Produzenten wäre ein Verrat an meinen Mitstreitern gewesen - und an meiner Stimme als Filmemacherin."

Was nicht heißen soll, dass Rees nicht auch vor "Mudbound" an der Umsetzung weiterer Filmprojekte gearbeitet hätte: "Unter anderem schrieb ich ein Drehbuch über eine Polizistin in Memphis. Zu meiner Vision gehörte es, dass sie lesbisch ist, ohne dass es darum in der Geschichte groß gegangen wäre. Daran hatte allerdings das Studio kein Interesse und ich fand nicht einmal eine Schauspielerin, die das spielen wollte."

Mary J Blige und Dee Rees am Set von "Mudbound"
Netflix

Mary J Blige und Dee Rees am Set von "Mudbound"

Dass sie selbst lesbisch ist, hat Rees nach eigenen Angaben in der Karriere ansonsten kaum im Weg gestanden. Ihre Hautfarbe dagegen schon eher. "Schwarz zu sein ist die Schublade, aus der man meiner Erfahrung nach in der Filmbranche am schwersten ausbrechen kann", sagt sie. "Als Afroamerikanerin vergleichen mich die Leute automatisch immer nur mit Kolleg*innen, die die gleiche Hautfarbe haben. Ich mache drei Kreuze, wenn mal ein Journalist einen weißen männlichen Regisseur zum Vergleich heranzieht. Weil das bedeutet, dass es wirklich um meine Arbeit geht, nicht um meine Person. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn bei der Nennung meines Namens automatisch auch die Worte schwarz und weiblich fallen. Dabei ist doch auch nie die Rede vom 'weißen männlichen Filmemacher' Steven Spielberg."

Massenkompatibel von komplexen Frauenfiguren erzählen

Angela Robinson, die ebenfalls lesbisch ist, hat auf die Frage, welches Label man am schwersten los wird, eine andere Antwort: "Schwarz, lesbisch, weiblich - das ist alles in Hollywood nicht gerade hilfreich. Aber Frau zu sein ist sicherlich der größte Nachteil", sagt sie.

"Dass fängt schon damit an, dass es reicht, Frau zu sein, um in unserer Branche in die Rubrik 'Diversität' zu fallen. Weiß und männlich, das ist die Norm, weswegen man als Frau in der gleichen Schublade steckt wie etwa schwarze Männer. Dabei sind 51 Prozent der Weltbevölkerung weiblich. Frauen allgemein bei der Diversität miteinzubeziehen ist völliger Quatsch und bloß sexistisch. Eine bequeme Weise für das weiße Patriarchat, Frauen weiterhin in der Nische und auf Abstand zu halten."

Angela Robinson beim Dreh von "Professor Marston & the Wonder Women"
Sony Pictures

Angela Robinson beim Dreh von "Professor Marston & the Wonder Women"

Bis vor kurzem schien diese Diagnose noch Bestand zu haben: 2015 wurde Ava DuVernay für "Selma", ihr furioses Filmporträt von Martin Luther King, gefeiert - und bei den Oscar-Nominierungen doch ignoriert. Die Empörung darüber speiste sich auch in die erhitzten Debatten um #oscarssowhite ein.

Doch irgendwann zwischen den Erfolgen von "Moonlight", "Get Out" und "Wonder Woman" (ganz zu schweigen von den Diskussionen über die Bedingungen hinter der Kamera) scheint sich 2017 in Hollywood die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass es sich lohnen kann, massenkompatibel von komplexen Frauenfiguren, queeren Themen und ethnischer Identität zu erzählen.

Für diese Stoffe stehen mit Rees und Robinson neben DuVernay nun zwei weitere große Talente bereit. Rees werden sogar Außenseiterchancen eingeräumt, als erste Afroamerikanerin für einen Regie-Oscar nominiert zu werden. In der Zwischenzeit hat sie schon mal mit der Vorbereitung ihres neuen Films begonnen: "An Uncivil War" über die amerikanische Frauenrechtsbewegung mit Carey Mulligan als legendärer Aktivistin Gloria Steinem.

Auch Robinson hätte schon eine Idee für die Zukunft: "Sollte mir jemand anbieten, mal einen 'Wonder Woman'- oder anderen Superhelden-Film zu inszenieren, würde ich vermutlich nicht nein sagen."


"Professor Marston & The Wonder Women" läuft derzeit in deutschen Kinos. "Mudbound" ist seit dem 17. November beim Streamingdienst Netflix verfügbar.

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spon-facebook-512000273 20.11.2017
1. Ironie?
Zitat: "Ich mache drei Kreuze, wenn mal ein Journalist einen weißen männlichen Regisseur zum Vergleich heranzieht. Weil das bedeutet, dass es wirklich um meine Arbeit geht, nicht um meine Person. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn bei der Nennung meines Namens automatisch auch die Worte schwarz und weiblich fallen." Überschrift von SpOn: "Schwarz, lesbisch - in Hollywood nicht gerade hilfreich" Wieso wird den Frau Rees dann in diesem Artikel direkt in die "weiblich (lesbisch) und schwarz"-Kategorie gepackt und auch noch mit einer anderen schwarzen Regisseurin zusammen? Die Frau hat doch ausdrücklich gesagt, dass sie sich das von Journalisten nicht wünscht. Der Artikel war ja mit Sicherheit gut gemeint, aber hat meiner Ansicht nach sein Ziel ganz schön verfehlt.
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