Film über "Hofmohr" Angelo Soliman Der kalte Hauch der Geschichte

Wie gelangte ein aus Afrika verschlepptes Kind an den Wiener Hof? Aus den Fragmenten der Biografie von "Hofmohr" Angelo Soliman macht Markus Schleinzer eine Erzählung über koloniales Erbe und Gewalt.

Grandfilm

Von Esther Buss


Seine Geschichte, die Angelo vor höfischem Publikum immer wieder erzählt, ist eine so bild- wie sprachgewaltige Abenteuerstory. Afrika ist darin ein fernes Reich mit schwarzen Flüssen, flammenden Bergen, fantastischen Tieren und einem so mächtigen wie tapferen König. Der "Hofmohr" Angelo (Makita Samba) perfektioniert die exotistische Fantasie zu einem Schauspiel mit pantomimischen Gesten und Zungengeschnalze. Er selbst agiert darin wie eine Puppe - oder eine lebende Skulptur. Bei einem Auftritt ist seine Spielfläche tatsächlich eine Art Sockel.

An den Menschen hinter dem Bild ist nicht zu kommen. Nicht in den geschichtlichen Überlieferungen und nicht in der filmischen Verarbeitung des Österreichers Markus Schleinzer, die nun in die Kinos kommt. Um Angelo Soliman, der zum festen Bestandteil der Wiener Stadtmythologie gehört und von dem der Regisseur schon als Kind erfuhr, ranken sich zwar zahlreiche Anekdoten. Die historischen Quellen sind jedoch rar und wenig verlässlich; was außerdem fehlt, ist seine eigene Stimme.

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Historienfilm "Angelo": Koloniales Erbe und Gewalt

Bekannt ist, dass er um die Zwanzigerjahre des 18. Jahrhunderts als etwa siebenjähriges Kind von Sklavenhändlern geraubt und von Afrika nach Europa verschleppt wurde, wo man ihn christlich taufte und als Flöte spielendes Schmuckstück unter den Fürstenfamilien weiterreichte.

Unter dem Einfluss der Aufklärung begann man sich gerade von der Vorstellung zu verabschieden, dass Menschen aus Afrika von teuflischer Geburt und dem Affen verwandt sind. Die "Menschwerdung" des "Anderen" galt nun als lobenswerte Aufgabe - für Europäer, die die ihnen "gehörenden" Afrikaner zu zivilisieren glaubten.

So wird Angelo zum Ornament, das "neuen Glanz" ins Haus bringt, wie es im Film einmal heißt. Auf dem Höhepunkt seiner vermeintlichen Integrationsgeschichte führt er mit dem Kaiser am Hof in Wien philosophische Gespräche über das Sein. Dabei glaubt der Kaiser gar, in Angelos Anderssein seine eigene Fremdbestimmung gespiegelt zu finden. "Zuweilen muss ich gegen meinen Willen etwas sein. Doch was bin ich dann? Eine Behauptung?", monologisiert er.

Das Drama des Identitätsverlusts

Schleinzer zeigt Angelo als Behauptung, die so oft wiederholt wird, bis sie in dessen Identität vollständig aufgeht. Konsequenterweise rückt der Regisseur Auftritte seiner Figur ins Zentrum, in Salons, Hofgärten und Theatern, auch das Ankleiden und Verkleiden, das Schauen und Betrachtetwerden. Der Film wird dabei selbst zum bühnenhaften Modell, vom Bildgestalter Gerald Kerkletz in oft frontalen, aber immer noch atmenden Tableaux gefilmt. Das 4:3-Format verstärkt den Schaukasteneffekt.


"Angelo"
Österreich, Luxemburg 2018

Regie: Markus Schleinzer
Buch: Alexander Brom, Markus Schleinzer
Darsteller: Makita Samba, Alba Rohrwacher, Larisa Faber, Kenny Nzogang
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion GmbH, Amour Fou Luxembourg, Markus Schleinzer, ORF
Verleih: Grandfilm
Länge: 111 Minuten
Kinostart: 28. November 2019


Dafür ist die "Rückseite" der Figur nur schemenhaft erkennbar, stets im Halbdunklen, meist dem Betrachterblick abgewandt. Einmal sieht man Angelo mit dem Rücken zur Kamera erschöpft in seiner Dachkammer auf dem Bett sitzen. Und dann formen sich seine Hände doch wieder zu den eingeübten Gesten der Projektionsfigur.

Noch spürbarer wird das Drama seines Identitätsverlusts, als er sich nach Erfolgen im Glücksspiel eine selbstständige Existenz mit einem heimlich geehelichten Dienstmädchen aufzubauen versucht. Gefangen in der internalisierten Fantasie weiß er ihr keine eigene Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig bekommt er mit zunehmender Autonomisierung die Grenzen seiner Handlungsmacht aufgezeigt: "Glaubt er jetzt vielleicht, er ist ich?", fragt ihn der Fürst - und schenkt ihm zur "Strafe" die Freiheit.

Seit seinem Debüt "Michael" gilt Schleinzer als ein intelligenter Dialektiker mit einer Vorliebe für präzise, fast schon klinische Anordnungen. Auch "Angelo" weht einen kühl an. Darin liegt gleichermaßen respektvolle Distanz wie eine schmerzhafte Abwesenheit. Anstatt die Figur mit eigenen Zuschreibungen aufs Neue zu vereinnahmen, arbeitet der Film mit den vorhandenen. Die Gewalt, die darin liegt, muss man aushalten.

Klugerweise wird den Fallen der Reproduktion immer wieder mit starken Abstrahierungen begegnet. Die Figuren sind allein durch ihre Funktion - "Comtesse", "Fürst" und "Kaiser" - benannt. Was nicht zeigbar ist, verlagert sich ins Off, einige Szenen - der Sklavenmarkt, die Präparierung des toten Angelo zum Exponat für das kaiserliche Naturalienkabinett - spielen in einem heutigen Lagerraum mit Stahlträgern und Neonleuchten, andere in einer Blackbox.

Im Video: Der Trailer zu "Angelo"

Grandfilm

Regelrecht seziert wird die Rolle der Museen und ihr Anteil an der kolonialen Gewalt (was auch die sehr gegenwärtigen Debatten über Restitution aufruft). So bekommt der alte Angelo eine exklusive Führung durch die demnächst eröffnende Sammlung. Wenige Zeit später wird er selbst in der Nachbarschaft eines Eisbären als der "erste Vertreter des Menschengeschlechts" mit Muschelkette und Federkrone in einer Vitrine bestaunt. Der selbe Mensch, der ihn zuvor durch die Räume führte, sagt jetzt über ihn: "Es ist eine Allegorie."



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Weltgeisterer 29.11.2019
1. Tendenziös
Solcherlei Filme deuten die Geschichte rückwirkend um. Wie anders sollten Europäer Afrikaner denn wahrnehmen, wenn nicht als ungebildete Wilde? Im Gegenteil war es doch ein Fortschritt, wenn man beweisen konnte, dass ein Afrikaner ebenso zu einem gebildeten und zivilisierten Menschen erzogen wurde. Der biologische Rassismus war eine Erscheinung des späteren 19. Jahrhunderts. Bereits zu Lebzeiten Solimans gab es Bewegungen gegen die Sklaverei, die übrigens nur außerhalb Europas herrschte. Wer in Europa lebte konnte kein Sklave sein (sehrwohl aber, wie die meisten Europäer auch, Abhängige). Versklavt wurde Soliman nicht von Europäern, sondern von Afrikanern. Europäer haben ihn befreit. Soliman ist bei weitem nicht der einzige Afro-Europäer. In Lissabon lebten schon im 16. Jh. viele Afrikaner als Europäer. Hier ein wenig bekanntes Bild afrikanischer Musiker: http://www.kimballtrombone.com/wp-content/uploads/2010/01/St-Ursula-detail.jpg Berühmt ist die Geschichte des Chevalier de Saint-Georges, Sohn einer Sklavin. Er war alles andere als ein Sklave. Probleme bekam er nicht, weil er halb schwarz war, sondern als Royalist in der Revolution. https://www.youtube.com/watch?v=vILAgsHUlt8 Der Vater der berühmten Schriftsteller, selbst erfolgreicher General, war Sohn einer Sklavin: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas Filme wie "Angelo" drücken der Geschichte also einen Stempel auf, der ahistorisch ist. In Europa irgendwie schwarz oder gemischt zu sein war im 18. und frühen 19. Jh. kein Hindernis, und auch später eher nicht -- auch nicht in Deutschland: Der erste schwarze Professor Deutschlands: https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Wilhelm_Amo Und dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/e/e2/Gustav_Sabac_el_Cher.jpg/800px-Gustav_Sabac_el_Cher.jpg Wann lernen Menschen endlich, dass Versklavung nicht "vom weißen Mann" ausgeht, sondern von Psychpathen aller Couleur auf der ganzen Welt?
cavefelem 30.11.2019
2. Internalisiertes falsches Afrika-Bild
--- Wie anders sollten Europäer Afrikaner denn wahrnehmen, wenn nicht als ungebildete Wilde? --- Wie gleichberechtigte Menschen. Anders, als heute noch viele meinen, waren Afrikaner eben keineswegs "ungebildete Wilde" - ganz im Gegenteil, vor der Kolonialisierung durch europäische Mächte gab es insbesondere in Westafrika große Reiche, die in Sachen Wohlstand, Infrastruktur und Bildung Europa durchaus gleichkamen und teilweise übertrafen. Die berühmte Gelehrtenstadt Timbuktu liegt im heutigen Mali, und der reichste Mann aller Zeiten war Mansa Musa, ein König des Mali-Reichs. Leider geht das Wissen des durchschnittlichen Europäers über afrikanische Geschichte gegen Null; noch immer herrscht das koloniale Bild von Afrika als geschichtslosem Kontinent vor. --- Der biologische Rassismus war eine Erscheinung des späteren 19. Jahrhunderts. --- Das ist falsch. Tatsächlich liegen seine Wurzeln im Beginn der Kolonialisierung, da die Abwertung der betroffenen Bevölkerung unabdingbar dafür war, die Unterwerfung dieser Regionen zu rechtfertigen. --- Wer in Europa lebte konnte kein Sklave sein --- Das gilt nur für Frankreich. In anderen europäischen Ländern hielt sich die Sklaverei (ja, die echte - nicht Leibeigenschaft) sehr viel länger. Davon waren auch keineswegs nur Afrikaner betroffen. In Rumänien wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Roma als Sklaven (ja, so wie in den Südstaaten der USA und genauso lange) gehalten: https://en.wikipedia.org/wiki/Slavery_in_Romania --- Versklavt wurde Soliman nicht von Europäern, sondern von Afrikanern. --- Was für eine peinliche Rechtfertigung für die Gräueltaten, die den versklavten Menschen von Europäern und Amerikanern angetan wurden! Dabei wird völlig ignoriert, dass sich die Konzepte von Sklaverei in den betroffenen afrikanischen Regionen deutlich von den europäischen/amerikanischen unterschieden und dass der Sklavenhandel bewusst von den Europäern angeheizt wurde. Er war die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg Europas und - neben der Kolonialisierung - die Ursache dafür, dass Afrika bis heute wirtschaftlich abgehängt und in weiten Teilen politisch instabil ist.
vulcan 03.12.2019
3.
Sehr schön, wie Sie das im Sinne der aktuellen politischen Korrektheit beantwortet haben. Leider ist ein Gutteil davon absoluter Unsinn. Die 'berühmte Gelehrtenstadt' war gegenüber Europa hoffnungslos im Rückstand und keinesfalls vergleichbar. Restafrika war genau das, was man gemeinhin vom Afrika des 18./19. Jh annimmt. Wild. Und die These, dass die Sklaverei Europas und Amerikas für den heutigen Zustand Afrikas verantwortlich ist, ist wohl etwas mehr als abenteuerlich.
Weltgeisterer heute, 09:26 Uhr
4. Danke
Vielen Dank Vulcan für die Rückendeckung! @Cavefelem: Lesen Sie doch einmal die Berichte über Afrika um 1500, z. B. die Reiseberichte der Vasco-da-Gama-Expeditionen. Dass Afrikaner von vornherein als "Wilde" bezeichnet werden, finden wir nicht darin. Im Gegenteil werden alle Menschen entlang der Afrikanischen Küsten bis nach Indien als gleichberechtigte Handelspartner betrachtet. Man wundert sich lediglich über die Nachfrage nach billigem Schmuck und anderen Schnickschnack, während die Araber und Inder den Handel genauso betreiben wie Europäer. Urteile über die Völker weiter innen in Afrika werden über einzelne Personen berichtet, die selbst jahrelang unter Eingeborenen gelebt haben. Ein Urteil fiel nicht sehr positiv aus, war aber eben kein Vorurteil. Und ich bleibe dabei: Afrikaner in Europa waren keine Sklaven, sondern ganz normale Untertanen mit den gleichen Rechten und dem gleichen Maß an Unterdrückung wie es in Feudalsystemen nun einmal der Fall ist. Lesen Sie über den schwarzen Trompeter der Tudors: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Blanke oder wenn Sie Englisch können über den Seidenweber mit dem Namen "Reasonable Blackman". https://en.wikipedia.org/wiki/Reasonable_Blackman Der Name spricht für sich und belegt gleichzeitig eine nicht-biologische Sicht. Auch ein Afrikaner kann Vernunft haben. Ich bleibe dabei, dass Europäer nicht selbst auf Sklavenjagd gegangen sind, sondern die Sklaven von Stämmen abgekauft haben, die andere Stämme versklavt haben. Oder von Arabischen Sklavenhändlern. Ihre Visionen von "großen Vergangenen Reichen" hält einer genaueren Sicht nicht stand. Städte waren in Afrika eingemauerte Dörfer. Zeigen Sie mir nur ein Schloss eines Afrikanischen Königs (die Reiche sind nur durch Europäer so mächtig geworden - Portugiesen, die sich für das Afrikanische Gold interessiert haben). Zeigen Sie mir eine afrikanische Mittelalterliche Konstruktion, die an eine gotische Kathedrale herankommt, oder auch nur an ein mehrstöckiges Fachwerkhaus. Es ist keine Schande, näher an der Natur zu leben ("wild"). Aber es ist eine Schande, wenn man Menschen eine falsche Vorstellung nicht zuletzt auch sich vor sich selbst gibt. Die übelsten und gewalttätigsten Parteien Afrikas nutzen die Vorstellung von der großen Afrikanischen Vergangenheit, die vom bösen Europäer kaputtgemacht wurden. Lesen Sie einmal über die Bantu-Expansion. Schon vor 2000 Jahren gab es Kolonisation Südafrikas - von Afrika aus! Die Bantu-Stämme haben die Eingeborenen der südlichen Länder versklavt oder schlicht umgebracht. Über die Probleme von Kolonialisierung kann man sich bewusst sein ohne Einseitigkeit. Letztlich bleibt es immer dabei: Menschen ohne Empathie beuten andere Menschen aus, Menschen mit Empathie sehen andere Menschen auf Augenhöhe - oder wie sie eben sind.
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