Japanisch-europäischer Animationsfilm Schiffbruch mit Schildkröte

Für "Die Rote Schildkröte" hat sich Regisseur Michael Dudok de Wit mit dem japanischen Studio Ghibli zusammengetan. So unvereinbar ihre Stile zunächst wirken, so organisch und schön ist das Ergebnis.
Von Karsten Munt
Japanisch-europäischer Animationsfilm: Schiffbruch mit Schildkröte

Japanisch-europäischer Animationsfilm: Schiffbruch mit Schildkröte

Foto: Universum Film

Wer auf einen Strand schaut, sieht zunächst nur eine Fläche. Millionen Sandkörner, so dicht aneinandergedrängt, dass sie nur noch als starre Ebene wahrzunehmen sind. Regisseur Michael Dudok de Wit erweckt diese Fläche zum Leben, indem er einen kleinen Krebs aus seinem Sandloch aufscheucht. Hektisch flitzt der über den Sand und führt den Blick des Zuschauers, während sein kleiner Schatten sich über den Strand zieht und das Bild in der Balance hält. Ein Punkt, eine Linie und eine Fläche: mehr braucht es nicht, um eine konturlose Ebene mit Leben zu füllen und mit ihr eine Geschichte zu erzählen.

Michael Dudok de Wit ist ein Meister des minimalistischen Stils. Bereits in seinem Oscar-prämierten Kurzfilm "Father and Daughter" erzählen schlichte Linien und von ihnen angedeutete Flächen eine Geschichte - ohne Worte oder Mimik. Eine Bildsprache, die stark geprägt ist von der Strichführung japanischer Farbholzschnitte und mit ihrer aquarellartigen Farbgebung an Bilder aus Isao Takahatas "Die Legende der Prinzessin Kaguya" erinnern.

So gesehen ist es kaum überraschend, dass Takahata und Hayao Miyazaki, die Gründer von Studio Ghibli, auf Dudok de Wit aufmerksam wurden. Die beiden Altmeister stehen seit jeher für die unverkennbare Handschrift des japanischen Animationsstudios. Ghibli steht für Traditionsbewusstsein. Während Pixar und der Rest der Welt ihre Geschichten in technisch aufwändig gerenderten 3D-Animationen erzählen, deren Detailreichtum mit immer höherer Rechenleistung weiterwächst, setzt Ghibli seit jeher vordergründig auf die Technik und Ästhetik klassischer Zeichnungen.

Mit "Die Rote Schildkröte" öffnet sich das Studio erstmals für eine Zusammenarbeit mit einem Regisseur, der nicht der eigenen Schule, nicht mal der eigenen Animationstradition entstammt. So betreten Ghibli und Dudok de Wit - der noch nie vorher einen Langfilm animiert hat - zusammen künstlerisches Neuland und finden gleichzeitig zu den unverkennbaren Stärken ihres Stils.

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"Die rote Schildkröte": Schlichte Striche, große Wirkung

Foto: Universum Film

In der Geschichte des Films ist dieses Neuland eine unbewohnte Insel. Ein gewaltiger Sturm spült den Protagonisten, einen Schiffbrüchigen, an ihren Strand an. Der Gestrandete ist ein Archetyp, ein Mann ohne Vergangenheit. Auf seinem Gesicht ist kaum mehr Individualität zu erkennen als in dem der Strandkrabbe, die in sein Hosenbein krabbelt und ihn mit einem Zwicken ins Leben zurückholt: seine Augen sind schlichte schwarze Punkte, Nase und Mund einfache, generische Striche. Was der Mann fühlt und wie er sich zu seiner Umwelt verhält, erzählt der Film nur über Bildkomposition und Körpersprache. Die strahlt, kurz nach seinem Erwachen Entschlossenheit aus. Der Mann will die Insel verlassen. Er baut sich ein Floß und paddelt mit ihm aufs Meer hinaus. Doch kaum auf offener See angekommen, wird es von einer geheimnisvollen roten Schildkröte zerstört. Nach einigen versuchen, die damit enden, dass er fast ertrinkt, ist der Mann gezwungen, auf der Insel zu verweilen.


"Die rote Schildkröte"

Frankreich, Japan, Belgien 2016
Drehbuch und Regie: Michael Dudok de Wit
Produktion: Why Not Productions, Wild Bunch, Studio Ghibli, Arte France Cinéma, Belvision
Verleih: Universum Film GmbH

Länge: 80 Minuten
FSK: 0 Jahre
Start: 16. März 2017


Die Verzweiflung des Gestrandeten zeigt der Film nie mit Nahaufnahmen seines Gesichts. Immer ist es seine Körperhaltung, die vor dem Hintergrund der Insel zu sehen ist, die er zunächst als sein Gefängnis begreift. Die impressionistische Schönheit dieser unberührten Insel hält der Film in Tableaus fest, die den unverkennbaren Zeichenstil der Ghibli-Filme mit den ganz eigenen Techniken des niederländischen Regisseurs verweben. Oft schimmert die Körnung der Zeichenfolien durch die feinen Farbtöne und Nuancen der Hintergründe. Die Figuren, die Dudok de Wit angelegt an Hergés Ligne claire mit dünnem Strich und einfachen Farbflächen darstellt, heben sich stilistisch deutlich von ihnen ab. Doch so unvereinbar diese Stilrichtungen zunächst wirken, so organisch fügen sie sich im Film zusammen.

Im Video: Der Trailer zu "Die Rote Schildkröte"

Selbst die Traumbilder des Films fügen sich so nahtlos in die Erzählung ein, dass sie zunächst gar nicht erkennbar sind. Oft schleichen sie sich mit den fein schraffierten Kohlezeichnungen ein, die mit ihrem monochromatischem Licht den Nachthimmel zum Glänzen bringen. Langsam führen sie den Gestrandeten aus seinem Alltag in eine Traumwelt vom Fliegen und der roten Schildkröte. Denn auch in dieser Traumwelt kann sich der Mann nicht von der Natur lossagen. Sie kommt zu ihm, in Form einer roten Schildkröte und in Form einer Frau.

So erzählt "Die Rote Schildkröte" die Geschichte eines natürlichen Kreislaufs, die so einfach wie universell und doch vielschichtig ist. Man möchte sich länger sattsehen an den einzelnen Frames, die wie Gemälde wirken und doch so spielerisch ineinanderfließen. Dudok de Wit erschafft mit nur wenigen klaren Linien Momente solcher Schönheit, dass der gewaltigste Tsunami vor der Küste zum Stehen kommt, der letzte Krebs aus seinem Versteck gelockt wird und das kleinste Sandkorn zum Leben erwacht.