Anke Engelke "Oft bin ich wahnsinnig dogmatisch"

Anke Engelke spricht in "Findet Dorie" die herrlich schusselige Hauptfigur. Im Interview erzählt sie, warum sie Synchronarbeit liebt und warum sie Angst vor tiefem Wasser hat.

Engelke, 50, zählt zu den beständigsten deutschen Unterhalterinnen. Geboren im kanadischen Montreal, aufgewachsen in Rösrath bei Köln, begann sie ihre Karriere Ende der Siebzigerjahre bei Radio Luxemburg. Seit 1996 gehörte Engelke dem Ensemble der Sat.1-"Wochenshow" an, 2002 startete ihre Reihe "Ladykracher". Die Fischdame Dorie synchronisierte sie bereits in "Findet Nemo", außerdem ist sie die Stimme von Mutter Marge in "Die Simpsons".

SPIEGEL ONLINE: Frau Engelke, was kann man von einem Fisch lernen?

Engelke: Von Dorie viel. Sie ist der Beweis, dass man jemanden liebhaben kann, obwohl er sich katastrophal verhält.

SPIEGEL ONLINE: Dorie ist schusselig, vergesslich, bekommt kaum etwas auf die Reihe.

Engelke: Aber sie ist nicht aus Bosheit so, sondern weil sie unter Amnesie leidet. Man muss ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen können, aber man sollte sie respektieren. Es ist okay, wenn Dorie Zeit braucht, um etwas zu verstehen. Es ist gut, wenn sie dazulernt. Wir sollten mehr vergeben, wenn jemand Mist gebaut hat.

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"Findet Dorie": Was würde Dorie tun?

Foto: Disney

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das gut?

Engelke: Ich arbeite daran. Oft bin ich wahnsinnig dogmatisch. Ich habe so klare moralische Vorstellungen, bin so bemüht, Haltung zu zeigen, das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich wegen meines Berufs "öffentlicher" bin als andere. Das ist ein bisschen brutal. Nicht nur für andere, auch für mich. Aber es gibt noch etwas anderes, das man aus diesem Film herausziehen kann. Ich musste ja ganz oft die Suche nach einer Lösung spielen, etwa wenn Dorie sich mal wieder verschwommen hat. Sie überlegt dann laut: Warte, da sind Wasserpflanzen, da sind Muscheln, das bedeutet, ich muss jetzt da rum.… So sollte man das auch im Job machen. Wenn man nicht weiter weiß, alles Schritt für Schritt durchgehen. Struktur reinbringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen "spielen", wenn Sie von Ihrer Synchronarbeit reden. Wie sehr bewegen Sie sich im Studio?

Engelke: Manchmal zu sehr. Das Mikrofon ist wahnsinnig empfindlich. Gunnar, der Tontechniker, sagt oft: Anke, mach nicht so viel mit den Händen, ich höre das! Und ich antworte: Ist doch gut, wenn du es hörst, ich schwimme ja gerade durch den Ozean. Nein, sagt er, nimm die Hände nach hinten. Am ersten Tag stand ich da, spielte ein paar Takes, irgendwann fragte Gunnar: Anke, hast du eine Wasserflasche auf? Ich sagte, ja, aber es ist stilles Wasser. Er: Ich hör da was. Ich: Da steht noch mein Kaffee. Wissen Sie, was er gehört hatte? Den Milchschaum!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, Synchronarbeit sei das Schönste an Ihrem Beruf.

Engelke: Weil dabei Körper, Geist und Zunge funktionieren müssen. Ich mag es, mehrfach gefordert zu werden. Im Beruf, und auch sonst. Aber oft pfusche ich mich einfach durchs Leben. Ich kann nämlich ganz vieles nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Engelke: Ich kann nicht gut nachts Auto fahren. Ohne Brille grüße ich die falschen Menschen auf der Straße, andere ignoriere ich. Ich kann mir keine Jahreszahlen merken. Ich muss immer die kaputte Glühbirne in den Laden mitnehmen, wenn ich eine neue kaufe, weil ich Volt und Watt und den ganzen Kappes nicht kapiere. Ich kann nicht gut schwimmen, zum Glück war das keine Voraussetzung, um Dorie zu synchronisieren. Ich tauche auch nicht. Tiefes Wasser ängstigt mich, ich denke, dass da unten etwas ist, das mich am Bein zieht, und ich ertrinke. Ich finde überchlorte Schwimmbäder schlimm. Mich interessieren Abenteuer nicht, Bungee- oder Fallschirmspringen. Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt. Ich weiß nicht, was eine X-Box ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Kind Disney-Filme geschaut?

Engelke: Ich kenne Sie alle. Es lief nichts anderes in Rösrath im Gemeindesaal. Am liebsten mochte ich das "Dschungelbuch", wegen der Songs. Es gab jetzt eine Neuverfilmung, mit viel Action. Ich habe sie mir noch nicht angeschaut. Ich fürchte, sie würde mir etwas kaputt machen.

SPIEGEL ONLINE: Dorie wird im Original von der US-Entertainerin Ellen DeGeneres gesprochen. Haben Sie sich mal kennen gelernt?

Engelke: Nein, das möchte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn nicht?

Engelke: Ich würde ohnmächtig werden. Ich verehre sie zu sehr.

Im Video: Der Trailer zu "Findet Dorie"

Walt Disney Germany
"Findet Dorie"

USA 2016

Regie: Andrew Stanton, Angus MacLane

Drehbuch: Andrew Stanton, Victoria Strouse

Synchronstimmen (deutsche Fassung): Anke Engelke, Christian Tramitz, Udo Wachtveitl

Synchronstimmen (Originalfassung): Ellen DeGeneres, Albert Brooks, Idris Elbe, Kaitlin Olson, Ed O'Neill, Eugene Levy, Diane Keaton, Willem Dafoe

Produktion: Pixar Animation Studios, Walt Disney Company

Verleih: Walt Disney Germany

Länge: 97 Minuten

Start: 29. September 2016

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