"Antwone Fisher" Herbes Schicksal, süßes Ende

Großer Film mit kleinen Fehlern: Oscar-Preisträger Denzel Washington gibt mit "Antwone Fisher" sein Regiedebüt – die anrührende Geschichte eines jungen Soldaten, in dessen Leben sich ein gesellschaftliches Drama spiegelt.

Von Daniel Haas


Patient und Therapeut: Antwone (Derek Luke) und Davenport (Denzel Washington)
20th Century Fox

Patient und Therapeut: Antwone (Derek Luke) und Davenport (Denzel Washington)

Lügen, Geheimnisse, Detektivarbeit und die Lösung eines Falls: Die Rede ist nicht vom Thriller, sondern vom Therapiefilm, jenem Subgenre, das sich in Hollywood großer Beliebtheit erfreut. Spätestens seit "Good Will Hunting", Gus van Sants Drama vom hochbegabten Will und seinem Therapeuten, weiß man, wie spannend Seelenarbeit sein kann.

Auch "Antwone Fisher" erzählt anhand eines therapeutischen Prozesses eine komplexe Geschichte, und wie im Falle des guten Will, der seinen Machern gleich mehrere Oscars einbrachte, ist Denzel Washingtons auf einer wahren Geschichte basierendes Regiedebüt großes, anspruchsvolles Gefühlskino geworden.

Fisher (Derek Luke) ist ein junger Navysoldat mit einem deutlichen Agressionsproblem; seine cholerischen Ausbrüche befördern ihn in die Sprechstunde von Jerome Davenport (Denzel Washington), dem Militärpsychologen. Dort schweigt sich Fisher erst einmal aus; mit dem Seelenklempner reden sollen andere. Doch langsam rüstet der junge Mann ab und öffnet sein Herz. Und was dann - in Rückblenden bebildert - zu Tage tritt, ist ein Lebensdrama, das grausamer und anrührender kaum sein könnte.

Früh von der Mutter im Stich gelassen, landet Antwone erst im Heim, dann bei einer Pflegemutter (Novella Nelson). Hier durchlebt das Kind eine Hölle aus Gewalt, Missbrauch und rassistischer Verachtung. Nach dem Tod des einzigen Jugendfreunds erscheint die Navy als der letzte Ausweg.

Führte erstmals auch Regie: Oscar-Preisträger Washington
20th Century Fox

Führte erstmals auch Regie: Oscar-Preisträger Washington

In Davenport findet Fisher eine Orientierung, einen Vaterersatz, und es gehört zu den Pointen dieses Films, dass ausgerechnet Davenport selber ein Lädierter, ein von den eigenen Problemen Überforderter ist. So liebevoll er sich seines Schützlings annimmt, so kühl und distanziert verhält er sich gegenüber seiner Frau, die er für eine Kränkung bestraft, an der sie eigentlich schuldlos ist. So wird das hierarchische Verhältnis von Arzt und Patient unterlaufen; der Fall Antwone Fisher ist weniger ein zu lösendes Seelenrätsel, als die Aufgabe, an der alle wachsen und lernen können.

In einer so beiläufig eingestreuten wie bedeutsamen Szene erhält Fisher von Davenport eine Ausgabe von John W. Blassingames Buch "The Slave Community". Dort wird die Gewalt afroamerikanischer Eltern gegen ihre Kinder als Verinnerlichung jener Aggression beschrieben, die die Schwarzen von ihren Sklavenhaltern erlebten. Die Sklavenhalter, so das Buch, fungierten als schreckliches Rollemodell, deren Verbrechen von Generation zu Generation in Form von Selbsthass und Verachtung weitergereicht werde.

Den individuellen Konflikt zurück zu binden an ein ethnisch-kulturelles, gesellschaftliches Dilemma ist die vielleicht größte Leistung dieses am Ende etwas süßlich-versöhnlichen Films. Was als privates Seelendrama erscheint, erzählt immer auch vom Ausmaß einer politischen Konstellation, deren Unrecht und Gewalt sich durch die Generationen fortsetzt - und die bis heute ihre Opfer fordert.


Antwone Fisher

USA 2002. Regie: Denzel Washington. Buch: Antwone Fisher. Darsteller: Derek Luke, Denzel Washington, Joy Byrant, Novella Nelson, Viola Davis. Produktion: Mundy Lane, MDP Worldwide, Antwone Fisher Productions, Hoffund/Polone. Verleih: 20th Century Fox. Länge: 120 Minuten. Start: 12. Juni 2003



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