CIA-Thriller "Argo" Film' um dein Leben!

Wer gaukelt uns mehr vor? Hollywood oder die CIA? In seinem fulminanten Polit-Thriller "Argo" erzählt Regisseur und Hauptdarsteller Ben Affleck, wie sechs US-Amerikaner während der Revolution aus Iran fliehen - getarnt als kanadische Filmemacher. Eine irre Geschichte. Und eine wahre.
CIA-Thriller "Argo": Film' um dein Leben!

CIA-Thriller "Argo": Film' um dein Leben!

Foto: Warner Bros.

Er hat lediglich ein paar schwarzweiße Storyboards zur Hand, doch mit seinem engagierten Vortrag lässt der Mann aus den schlichten Zeichnungen ein phantastisches Kinospektakel in den Köpfen seiner Zuhörer entstehen. Aber diese Schlüsselszene aus "Argo" zeigt keinen gewöhnlichen Pitch einer Filmidee. Denn der Mann, der hier ein bewaffnetes Publikum von den Qualitäten eskapistischer Unterhaltung überzeugen will, redet buchstäblich um sein Leben.

Mit "Argo" präsentiert Regisseur und Hauptdarsteller Ben Affleck die freie Dramatisierung einer tatsächlichen Rettungsaktion, die sich im Schatten der islamischen Revolution in Iran und der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran im Jahr 1979 abspielte. Afflecks Film versucht sich dabei in der effektvollen Inszenierung des Zeitkolorits, verlässt sich auf klassische Spannungsmomente und formuliert eine Liebeserklärung an die alten Hütchenspielertricks Hollywoods. Ihm gelingt ein fulminanter Thriller, obschon - oder gerade weil - sein Ausgang bereits durch die Geschichte vorgegeben ist.

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Polit-Thriller "Argo": Lassen Sie mich raus, ich bin Schauspieler!

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Details der Operation unterlagen zunächst jahrelanger Geheimhaltung, inzwischen gibt es einige Beschreibungen der Ereignisse. Das Drehbuch von Chris Terrio stützt sich dabei insbesondere auf den Artikel "The Great Escape", den der Journalist Joshuah Bearman im Magazin "Wired" veröffentlichte, sowie das Buch "The Master of Disguise" von Antonio J. Mendez, einem ehemaligen Agenten der CIA.

Im Film übernimmt Affleck selbst die Rolle von Mendez, der als Spezialist für die verdeckte Ausschleusung von Personen aus Feindgebieten mit einem prekären Auftrag betraut wird: Sechs Angehörige der US-Botschaft in Teheran konnten der Geiselnahme durch die iranischen Revolutionäre entgehen und verstecken sich seither in der Residenz des kanadischen Botschafters Ken Taylor (Victor Garber). Da das Risiko ihrer Festnahme stündlich steigt, soll der Geheimdienst Szenarien für eine unbemerkte Ausreise der US-Bürger entwickeln.

"Star Wars" liefert Inspiration

Nachdem Optionen wie eine Flucht auf Fahrrädern über die türkische Grenze oder die Tarnung der Amerikaner als Lehrer einer internationalen Schule verworfen werden müssen, wagt Mendez den wohl verstiegensten Vorschlag: Er will die sechs als Mitglieder einer kanadischen Filmcrew ausgeben, die in Iran nach möglichen Drehorten für eine Spielfilmproduktion sucht. Mit falschen Pässen und entsprechenden Identitäten ausgestattet, soll die Gruppe so das Land per Linienflug verlassen.

Um seinem Bluff die notwendige Glaubwürdigkeit zu verleihen, holt sich Mendez fachkundige Unterstützung in Los Angeles. Maskenbildner John Chambers (John Goodman) und Produzent Lester Siegel (Alan Arkin) werden seine spielfreudigen Komplizen beim Versuch, aus dem Nichts ein plausibles Kinoprojekt zu simulieren. Als Fassade gründen sie kurzerhand eine Produktionsfirma und suchen ein geeignetes Drehbuch.

Da dank "Star Wars" ganz Hollywood auf Weltraumabenteuer setzt, fällt ihre Wahl auf "Argo", ein bislang wohl völlig zu Recht verschmähtes Science-Fiction-Skript. Binnen weniger Tage werden die üblichen Ankündigungen in den Fachzeitungen geschaltet, ein hinreichend knalliges Plakat entworfen und sogar eine öffentliche Lesung des Drehbuchs in Kostümen organisiert.

Die konzertierte PR-Schaumschlägerei und vor allem der Mangel an Alternativen überzeugen Mendez' Vorgesetzen Jack O'Donnell (Bryan Cranston), der Aktion grünes Licht zu geben. Als vermeintlicher kanadischer Filmproduzent reist Mendez nach Teheran, wo die mittlerweile seit drei Monaten in ihrem exterritorialen Versteck ausharrenden Amerikaner sowie eine Vielzahl von Gefahren warten.

Die Koteletten breit, die Telexgeräte aktiv

Die Kunst der Illusionsbildung, so die reizvolle Prämisse von "Argo", ist das schlüssige Bindeglied zwischen chronisch lautem Filmgeschäft und bestenfalls verborgener Geheimdiensttätigkeit. So ist Afflecks Film vor allem eine packende Lektion in Sachen make believe, wodurch komplexe historische Hintergründe zwangsläufig Kulissencharakter bekommen.

Zwar erinnert zumindest ein kurzer Prolog an die unrühmliche Rolle der Vereinigten Staaten beim Sturz von Persiens erster demokratischer Regierung und der Installation des despotischen Schah-Regimes, doch ansonsten werden kritische Aspekte des US-amerikanischen Engagements zugunsten des rasanten Plots ausgeblendet.

Umso detailreicher zelebriert der Film den Look der ausgehenden Siebziger - von breiten Koteletten und Krawatten über ausladende Brillengestelle bis hin zum alten Warner Bros. Logo im Vorspann. Es ist trotz der lebensbedrohenden Krise eine sonderbar tröstlich wirkende Welt, in der noch in Flugzeugen geraucht wird, Telexgeräte rattern und ein klingelndes Festnetztelefon für nervenzehrenden Suspense sorgen kann. Und die empathische Zeichnung der Figuren sowie das unablässige Mitfiebern angesichts ihres waghalsigen Unterfangens lässt sogar kurzzeitig vergessen, dass die nicht gerade als karitativer Verein bekannte CIA hier bisweilen wie ein hemdsärmeliger Rettungsdienst erscheint.

Die Botschaft von "Argo" ist somit unwiderstehlich einfach. Denn ob in Hollywood oder in der höchsten Not - um die Gunst der Stunde zu nutzen, braucht es vor allem einen guten Agenten.

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