Science-Fiction-Meilenstein "Arrival" Die Aliens verstehen - oder untergehen

In "Arrival" kommen Außerirdische die Erde besuchen. Doch was wollen sie? Eine Linguistin soll für Verständigung sorgen und wird so zur Menschheitsretterin. Ein brillanter Film über unsere Zukunft.
Science-Fiction-Meilenstein "Arrival": Die Aliens verstehen - oder untergehen

Science-Fiction-Meilenstein "Arrival": Die Aliens verstehen - oder untergehen

Foto: Sony Pictures

Riesige Ufos am Horizont, die Erde im Ausnahmezustand und eine Begegnung der dritten Art, welche über Wohl und Wehe der Welt entscheidet - geht man allein nach Schlagworten und Motiven, erscheint "Arrival" zunächst vertraut. Doch eben solche vermeintlichen Gewissheiten hebelt Denis Villeneuves Science-Fiction-Film von der ersten Einstellung an aus.

Die Ankunft einer außerirdischen Intelligenz mit unbekannten Absichten ist hier kein Anlass für einen weiteren Ausflug auf ausgetretenen Erzählpfaden, vielmehr verleihen Villeneuve und Drehbuchautor Eric Heisserer bekannten Zeichen neue Bedeutung. Wie virtuos sie dabei sicher geglaubte Annahmen auf den Kopf stellt, sorgt für echtes Erstaunen. Noch unerwarteter als das Spiel mit den Kinokonventionen ist jedoch die existentielle Erschütterung, die das menschliche Drama des Films bewirkt.

In dessen Zentrum steht die Sprachwissenschaftlerin Louise Banks, von Amy Adams mit stiller Eindringlichkeit verkörpert. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass Louises Tochter an Krebs gestorben ist und der traumatische Verlust schwer auf ihr lastet. Doch dann wirft ein anderes Ereignis große Schatten: Unvermittelt tauchen zwölf gigantische Raumschiffe auf, und verharren rund um den Globus verteilt im Himmel.

Louise wird von Colonel Weber (Forest Whitaker) rekrutiert, als Linguistin soll sie das US-Militär bei der Kontaktaufnahme mit einem Alien-Schiff unterstützen, das über einer unbesiedelten Ebene in Montana seine Position hält. Neben Louise holt Weber auch den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) in sein Team, das unter Druck nach Antworten suchen muss. Denn mit jedem Tag ohne Erklärung für die außerirdische Präsenz nimmt die verunsicherte Menschheit die Raumschiffe mehr als Bedrohung wahr, was die Gefahr einer fatalen Eskalation zusehends wachsen lässt.

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"Arrival": Sprich mit ihnen

Foto: Sony Pictures

Alsbald stehen Louise und Ian zu Füßen des Flugkörpers, dessen Boden sich in einem exakten Turnus für ein Zeitfenster öffnet: Eine Einladung zum Übertritt ins Unbekannte, der die ungleichen Wissenschaftler folgen. Was sie im Inneren des Raumschiffs erwartet, soll man hier nicht im Detail nachlesen, sondern im Idealfall unvoreingenommen sehen. Nur soviel: Der initiale Gang ins Schiff und die erste Begegnung mit seiner Besatzung gehören zum Spannendsten und Schönsten, was Science Fiction in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Was bedeuten die Tintenklekse?

Was weiterhin erwähnt werden muss: Bei ihrer Feldforschung registrieren Louise und Ian erstmals das, was mutmaßlich die Schriftsprache der Außerirdischen darstellt und damit vielleicht den Schlüssel zur weltrettenden Kommunikation mit ihnen liefern könnte. Nur gibt es keinerlei irdisches Referenzsystem für die kreisförmigen und komplett kryptischen Logogramme der Aliens. Während sich auf anderen Kontinenten bereits die Armeen zur Konfrontation mit den Außerirdischen rüsten, sucht Louise mit Ians Unterstützung nach einem Zugang zur Sprache der Fremden - wohlwissend, dass mangelnde Kenntnis von Syntax und Semantik zu gefährlichen Fehlinterpretationen führen kann. Oder wie es Louise selbst treffend formuliert: Wenn ich nur einen Hammer habe, wird alles zum Nagel.

Diese semiotische Detektivarbeit mag kopflastig klingen, ist in Villeneuves Inszenierung aber nicht nur stets nachvollziehbar, sondern eine zutiefst sinnliche Erfahrung. Louises Ringen mit der Arbitrarität der Zeichen in "Arrival" entfaltet einen eigenen Zauber: Die großartige Amy Adams beim Decodieren anmutig eigentümlicher Tintenkleckse zu beobachten, zieht mehr in den Bann als gewaltige Effektgewitter. Überhaupt, gab es je zuvor einen Film, in dem die Sapir-Whorf-Hypothese - der zufolge jede Sprache eine ganz spezifische Wahrnehmung der Welt formt - als Inspiration für eine verblüffende Erzählvolte dient, die alles zuvor Gesehene plötzlich in neuem Licht zeigt?


"Arrival"

USA 2016

Regie: Denis Villeneuves

Drehbuch: Eric Heisserer nach der Kurzgeschichte "Story of Your Life" von Ted Chiang

Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker

Verleih: Sony Pictures

Länge: 116 Minuten

FSK: 12

Start: 24. November 2016


Die radikale Wendung in Louises Geschichte wirkt keineswegs aufgesetzt und bestätigt in ihrer klugen Herleitung einmal mehr die Ausnahmestellung Denis Villeneuves: Von seinen kanadischen Arthouse-Meilensteinen wie "Maelstrom" (2000) und "Incendies" (2011) bis hin zu seinen Hollywood-Erfolgen mit "Prisoners" (2013) und "Sicario" (2015) hat er Stilwillen und dramaturgischen Mut bewahrt und sich zugleich frei von Manierismen gezeigt. Was Villeneuves so unterschiedliche Arbeiten zudem eint, ist eine Aufrichtigkeit im Umgang mit den Figuren, zu denen seine Filme eine empathische, nicht selten schmerzliche Nähe wahren. Etwa wenn "Arrival" in Großaufnahmen nur das Gesicht von Amy Adams' Louise zeigt und allein durch ihre Reaktion ein Augenblick bodenloser Trauer vollständig begreifbar wird.

Nicht minder kunstvoll brechen Villeneuve und Kameramann Bradford Young ("Selma") in betörend beiläufigen Bildern die Erhabenheit eines Ufos über grüner Wiese auf eine unmittelbar menschliche Perspektive herunter. Mit Louise, die trotz ihrer Versehrungen furchtlos nach Erkenntnis strebt, gelangt der Film zu einer kostbaren Wahrhaftigkeit. Die liegt jenseits der herkömmlichen Weltsicht und macht Bemerkenswertes möglich: "Arrival" erzählt wunderbar geerdet von Liebe, die Grenzen von Zeit und Raum überwindet.

Im Video: Der Trailer zu "Arrival"