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Kunst-Porno "Bedways": Im Bett sind alle erstmal Player

Foto: Independent Partners Film

Arthouse-Porno "Bedways" Go, Libido, go!

Hardcore-Drama, Hardcore-Bilder: Die komplett unabhängig finanzierte Produktion "Bedways" erzählt vom Dreh eines Films, in dem die Grenzen zwischen gespieltem und echtem Sex gefährlich verwischen. Ein cineastischer Selbstversuch - und der aufregendste Film aus Berlin seit langer Zeit.

Ist Sex eine subjektive Erfahrung? Nicht für die junge Regisseurin Nina (Miriam Mayet). Mit der Kamera glaubt sie, ein Werkzeug in der Hand zu haben, das das individuelle Lustempfinden der Menschen objektivierbar macht. Wobei dieser Objektivitätsbeweis noch in weiter Ferne steht: Zurzeit probt sie lediglich mit den Schauspielern Marie (Lana Cooper) und Hans (Matthias Faust) in einer maroden Berliner Altbauwohnung zu einem Indie-Movie, für das es noch kein Buch gibt - und auch noch kein Budget.

Der Weg ist für Regisseurin Nina das Ziel: Möglichst unmanipuliert sollen sich die Körper aneinander gewöhnen; das Hardcore-Drama, das ihr vorschwebt, soll gefälligst auch in Hardcore-Bilder umgesetzt werden. Während den männlichen Hauptdarsteller vor allem die Sorge plagt, ob er vor der Kamera später auch "einen Ständer" bekommt, fühlt sich die Hauptdarstellerin durch die lockere Spielanordnung der Regisseurin irritiert. Die Anweisungen von Nina klingen dann auch eher nach denen einer Sexualtherapeutin als nach denen einer Regisseurin: "Denk nicht so viel nach", mahnt sie. "Du tust einfach, was ich dir sage." Ach so, und das ist dann authentisch, oder wie?

Aber da sind wir dann auch schon bei der Kernfrage, auf deren Beantwortung dieses experimentelle und extrem explizite Kammerspiel hinarbeitet: Gibt es überhaupt sowas wie eine ungesteuerte Lust, einen nicht-inszenierten Sex, eine Erotik jenseits aller festgelegten Spielanleitungen? Ob die Kamera nun aus ist oder an - im Bett sind doch alle Beteiligten erst einmal Player.

Die Anarchie der Lust

So improvisieren und penetrieren die drei Charaktere in "Bedways" vor sich hin, ohne dass daraus eine Handlung im eigentlichen Sinne wird, weder für den fiktiven Film noch für den realen. Die Regisseurin wird nämlich schon bald zur willfährigen Vollstreckerin der Kräfte der Lust und zur - wie es in einer Zwischentafel mit Verweis auf den Philosophen und Soziologen Michel Foucault heißt - "Beute einer ungeheuren Neugier auf Sex".

Und die Berliner Band Die Haut, die noch aus jener Zeit stammt, als die Mauer stand und in der Stadt Musik gemacht wurde, die wirklich gefährlich war, raunt dazu: "Make up the law, follow the law, break the law." Erfinde das Gesetz, folge dem Gesetz, brich das Gesetz.

Der Regelverstoß in "Bedways" wirkt indes zugleich als Fluch und Segen. Denn wo die Anarchie der Lust als gestalterisches Element eingesetzt wird, lösen sich natürlich auch alle Konventionen des klassischen Erzählens und die damit einhergehenden Figurenzeichnungen auf - mit angenehmen Begleiterscheinungen: Denn all der soziologischen Folklore, die zurzeit in geförderten Hauptstadtfilmen über die Kinder der Krise verbreitet wird, setzt "Bedways", dieser aufregendste Berlin-Film seit vielen Jahren, ein paar wirklich prekäre (sexuelle) Lebensidentitätskonstruktionen entgegen: Go, Libido, go!

Erotikdrama

Irgendwann hat die Regisseurin im Film einen Produzenten am Start, der in das Unternehmen einsteigen will. Doch dem erteilt sie eine Abfuhr: "Bei dir wird Sex immer gleich zur Ware und damit zum Problem." Als Ware wiederum taugt der komplett unabhängig produzierte Film "Bedways" ganz und gar nicht. Denn im Spannungsfeld zwischen , Blue Movie und Porno bleibt dieser cineastische Selbstversuch unkategorisierbar. Von Filmförderung und Fernsehen war deshalb, verständlich irgendwie, keine finanzielle Unterstützung zu erwarten.

"Jeder für sich und die Kamera"

Wie hätte die denn auch aussehen sollen? Wie hätte man einem staatlichen Prüfer erklären sollen, dass man gerne ein Erotikdrama mit realen Beischlafszenen drehen wolle, um dann mal zu gucken, wo die Sache so hinführe? Da kann man auch dem aufgeschlossensten Filmförderer nicht genug Foucault-Zitate unter die Nase reiben. Und welcher Fernsehsender könnte zu welcher Stunde auch immer einen Film zeigen, bei dem erigierte Penisse und lustvoll geöffnete Vaginas einen nicht unerheblichen Teil der Handlung mitgestalten? Denn das war wohl die Idee des Projekts: der Reflexion über den Sex die Konkretion des Sex mitzugeben.

So konnte der Regisseur und Produzent RP Kahl, der mit Oskar Roehlers "Silvester Countdown" schon mal ein ähnliches risikofreudiges Filmprojekt angeschoben hat, nur eigenes Geld investieren. Gut so. Es entstand ein Film, der so selbstgeißelnd, so sinnlich, so aufwühlend über das Sehen und die Lust erzählt wie sonst fast nur französische Produktionen - oder die des italo-amerikanischen Radikalfilmers Abel Ferrara, dessen Fetisch-Drama "Dangerous Game" eine gewisse Ähnlichkeit in der Spielanordnung aufweist. Auch wenn Ferraras Hauptdarstellerin Madonna 1993 bei aller Skandalfreude nicht zu solch expliziten Aufnahmen bereit gewesen ist wie jetzt die Berliner Bande um RP Kahl.

Am Ende von "Bedways" geht es denn auch noch in die Videokabinen eines Homo-Darkrooms. Regisseurin und Hauptdarsteller schließen sich in unterschiedliche Zellen ein, masturbieren vor den dort installierten Kameras, so dass der andere auf dem Fernsehbildschirm zuschauen kann. Der Akt, der unter der Kapitelüberschrift "Jeder für sich und die Kamera" steht, wird dann schließlich doch noch gemeinsam in derselben Kabine vollzogen. Ein Vereinigungsprozess? Nicht wirklich.

Der Franzose nennt den sexuellen Höhepunkt bekanntlich den kleinen Tod, und davon abgeleitet lautet die Erkenntnis dieses so kunst- wie lustvollen Arthouse-Pornos: Jeder stirbt für sich allein.