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Produzent Artur Brauner: Massenunterhalter und Mahner

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Zum Tod von Artur Brauner Ein filmreifes Leben

Mit Karl-May-Western und Romy-Schneider-Dramen prägte der Produzent Artur Brauner die westdeutsche Nachkriegsunterhaltung. Am wichtigsten blieb dem Holocaust-Überlebenden aber immer die cineastische Aufarbeitung der Nazi-Zeit.

In den letzten Jahrzehnten seines langen Produzenten-Lebens, im Grunde seit den Achtzigern, machte Artur Brauner, der nun mit 100 Jahren gestorben ist, nur noch Filme, die ihm thematisch am Herzen lagen: "Hitlerjunge Salomon" (1990), "Der letzte Zug" (2006) und "Wunderkinder" (2011) - allesamt Werke über das Grauen des Holocausts, über Schicksale in der Nazi-Zeit.

Weil nicht alle die erhoffte Anerkennung fanden, weil es hier und da Querelen mit Beteiligten gab und weil er so etwas auch immer aussprach - deswegen ist Brauner in der jüngeren Vergangenheit vor allem als nimmermüder Mahner gegen das Vergessen und auch als streitbarer, sperriger Zeitgenosse in Erscheinung getreten. Das aber war nur eine Seite des leidenschaftlichen Unternehmers und Cineasten.

Das Fundament seiner Karriere legte Brauner in den westdeutschen Nachkriegsjahren mit Unterhaltungsfilmen. Monumental-Epen wie die Fritz-Lang-Abenteuer "Der Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" gehören genauso zu seinem über 300 Titel umfassenden Werk wie die "Dr. Mabuse"-Reihe aus den Sechzigern und diverse Karl-May-Verfilmungen. Auch mit Heimat- und Schlagerschmonzetten verschaffte er den kriegsgebeutelten Westdeutschen Ablenkung. Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen wurde reich, investierte im großen Stil in Immobilien und avancierte zur schillernden Größe der Berliner Society, die ihn mit dem Spitznamen "Atze" bedachte. Das war die andere Seite des Artur Brauner.

Dass er das nicht als Widerspruch empfand, sondern als sich ergänzende Teile einer Gesamtstrategie, erklärte er sinngemäß oft so: Er mache die Unterhaltungsfilme, um sich die anderen leisten zu können. Tatsächlich erzählt bereits eine seiner ersten Produktionen ein KZ-Flüchtlingsdrama: "Morituri" von 1948 bezog eigene Erlebnisse von Brauner ein.

Geboren am 1. August 1918 im polnischen Lodz als Abraham Brauner, versteckte sich der Sohn eines jüdischen Holzgroßhändlers während der deutschen Besatzung fünf Jahre lang in den Wäldern Ostpolens und rettete sich. 49 Verwandte aber verlor er nach eigenen Angaben in den Konzentrationslagern der Nazis. Gleichwohl ging er, von Kindesbeinen an filmbegeistert, nach Kriegsende nicht etwa nach Hollywood, wo andere osteuropäische Juden wie Louis B. Mayer oder die Warner Brothers die US-Traumfabrik mit aufgebaut hatten.

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Produzent Artur Brauner: Massenunterhalter und Mahner

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Brauner gründete stattdessen im September 1946 in Berlin mit amerikanischer Lizenz seine Produktionsfirma Central Cinema Company (CCC) - der Legende zufolge bildete ein Nerzmantel seiner Schwiegermutter in spe das Startkapital. 1949 begann er auf dem Gelände einer ehemaligen Giftgasfabrik in Spandau ein Filmstudio aufzubauen, das zwischenzeitlich zu den größten und modernsten Deutschlands gehörte.

Im Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre gingen die Geschäfte gut; Brauner fütterte den Markt mit teilweise über 15 Produktionen pro Jahr, darunter mit Kassenschlagern wie "Die Frühreifen" (mit Peter Kraus) und "Mädchen in Uniform" (mit Romy Schneider). Aber auch Robert Siodmaks Gerhart-Hauptmann-Adaption "Die Ratten" (mit Maria Schell und Curd Jürgens) brachte Brauner ins Kino, das Stauffenberg-Drama "Der 20. Juli" und den beeindruckenden Dürrenmatt-Film "Es geschah am helllichten Tag" mit Heinz Rühmann. "Der brave Soldat Schwejk", den Brauner ebenfalls mit Rühmann drehte, bezeichnete er später gern als seinen "vielleicht liebsten Film".

1963 zählte ihn der SPIEGEL , der ihm bereits 1957 eine Titelgeschichte gewidmet hatte ("Der Allein-Unterhalter") , neben dem Philosophen Ernst Bloch, den Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den Bankiersfamilien Warburg und Feuchtwanger und dem Schauspieler Ernst Deutsch zu denjenigen jüdischen Persönlichkeiten, die in Öffentlichkeit und Wirtschaftsleben der BRD eine herausgehobene Rolle spielten.

Großer Überlebenskünstler

Gleichzeitig war Brauner, der den Part des Produzenten stets mit Glamour zu verkörpern wusste, immer wieder Gegenstand von Anekdoten, die mehr oder weniger freundlich seine Sparsamkeit und Geschäftstüchtigkeit illustrierten. So ist von Robert Siodmak, dem jüdischen Regie-Rückkehrer aus Hollywood, die Einschätzung überliefert, das Kürzel CCC stehe für "Cahlt Ciemlich Cögerlich". Lex Barker erstritt einmal 100.000 Mark, als Brauner ihm für zwei Filme nur eine Gage zahlen wollte.

Mit dem Siegeszug des Fernsehens aber sank allgemein der Kinoumsatz, "Papas Kino" wurde für tot erklärt, als der Neue Deutsche Film von Fassbinder und Co. die Leinwände eroberte. Und auch im rein kommerziellen Sektor lief es für Brauner nicht optimal: Als die Produktionsfirma Rialto Film (mit seinem ehemaligen Angestellten Horst Wendlandt als Herstellungsleiter) mit Edgar-Wallace-Krimis und den Karl-May-Filmen zwei Boomreihen schuf, konnte er nur bedingt daran partizipieren: Ihm fehlten die wichtigsten Rechte.

Zwar versuchte er, mit der Figur des Superverbrechers "Dr. Mabuse" dagegenzuhalten und kaufte sogar Edgar Wallace' Sohn Wallace-Stoffe ab, um vom berühmten Namen zu profitieren. Doch der Etikettenschwindel fiel ab gegen den Kult der Konkurrenz. Ähnlich bei Karl May: Weil die Rechte an dessen Wildwest-Romanen ebenfalls bei der Rialto Film lagen, musste Brauner Motive mehrerer Romane zusammenflicken lassen ("Old Shatterhand") oder auf die Orientstoffe ("Der Schut") ausweichen.

Ein der der Zeit enthobener Solitär

Als Mitte der Siebziger Brauners vielsagend betitelte Autobiografie "Mich gibt's nur einmal" erschien, hatte er den Scheitelpunkt bereits überschritten: Seine große Zeit als Massenunterhalter war vorbei. Fortan schwebte er als der Zeit enthobener Solitär über dem hauptstädtischen Filmbetrieb.

Ein später Höhepunkt seines Produzentenschaffens folgte 1990 noch mit "Hitlerjunge Salomon". Auch wenn der von Agnieszka Holland inszenierte Film von der deutschen Auswahlkommission nicht ins Oscar-Rennen geschickt wurde, was Brauner immer wieder bitter beklagte, so gewann er doch einen Golden Globe und erfuhr große internationale Würdigung - eine Tatsache, die ihm viel bedeutete. Auch aus dem Umstand, manches und manchen überlebt zu haben, wusste der Familienmensch - seit 1947 mit seiner Frau Maria verheiratet und Vater von vier Kindern -, Befriedigung zu ziehen. Während er sich 2007 von einem Großteil seines Immobilienbesitzes trennen musste, bewahrt Tochter Alice sein filmunternehmerisches Erbe CCC.

Auf die Frage, was einen guten Produzenten ausmache, antwortete er 2006 in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau": "Dass er länger existiert als alle anderen." Nun ist der große Überlebenskünstler Artur Brauner im Alter von 100 Jahren gestorben.


Im vergangenen Jahr wurde Artur Brauner 100 Jahre alt. SPIEGEL-Redakteur Lars-Olav Beier porträtierte damals den "Berserker Brauner" - lesen Sie hier den ganzen SPIEGEL-plus-Text gratis.