Produzentenlegende Artur Brauner ist tot

Er überlebte den Holocaust und baute sich in Deutschland eine Karriere als Filmproduzent auf: Artur Brauner, der Filme wie "Die weiße Rose" und "Hitlerjunge Salomon" schuf, ist im Alter von 100 Jahren verstorben.

Artur Brauner (Archivbild von 2008)
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Artur Brauner (Archivbild von 2008)


Der Filmproduzent Artur Brauner ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Das wurde dem SPIEGEL bestätigt. Ein Mitglied der Familie habe den Tod auch der "Bild"-Zeitung gegenüber bestätigt, mit den Worten: "Wir sind in tiefer Trauer." Demnach überlebte Brauner einen Schwächeanfall nicht.

Artur "Atze" Brauner, am 1. August 1918 im polnischen Lodz als Abraham Brauner geboren, war einer der erfolgreichsten und produktivsten Filmschöpfer Deutschlands. Zu seinen größten Erfolgen zählen Zeitgeschichtsdramen wie "Die weiße Rose" (1982) und "Hitlerjunge Salomon" (1990). Für das italienische Faschismus-Drama "Der Garten der Finzi Contini" von Regisseur Vittorio de Sica erhielt Brauner 1970 den Goldenen Bären der Berlinale und 1972 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Die Themen Judenverfolgung in Europa und im Dritten Reich sowie die Beschäftigung mit dem Holocaust tauchen immer wieder in den rund 300 von Brauner produzierten Filmen auf.

Bereits als junger Mann reiste der Sohn eines Holzgroßhändlers in den Nahen Osten, um mit einer Gruppe von Amateurfilmern Dokumentationen zu drehen. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er in Lodz und entkam der Ghettoisierung der örtlichen Juden durch die deutschen Nationalsozialisten nach 1941, indem er in die Sowjetunion flüchtete und dort untertauchte. Nach seiner eigenen Aussage wurden 49 seiner Verwandten im Holocaust ermordet. Seinen Eltern und drei seiner vier Geschwister gelang es, nach Israel auszuwandern.

Die größten Regisseure und Stars

Nach dem Krieg kam Brauner nach West-Berlin und startete eine bald florierende Karriere als Unternehmer und Filmproduzent. Seine Produktionsfirma Central Cinema Compagnie baute Brauner ab 1949 auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik im Berliner Bezirk Spandau auf. Der erste Film der jungen Firma war 1950 das Lustspiel "Maharadscha wider Willen".

Unterhaltungsfilme begründeten auch weiterhin den Erfolg Brauners in den Nachkriegsjahrzehnten: Ob "Der Onkel aus Amerika", "Die Ratten", "Die Halbstarken" oder "Der brave Soldat Schwejk" mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle: Brauner drehte in jedem Genre und versammelte die größten Regisseure und Stars für seine Produktionen, darunter O.W. Fischer, Romy Schneider und Hans Moser.

Ab Mitte der Sechzigerjahre war Brauner mitverantwortlich für den Erfolg von Kassenhits wie "Es muss nicht immer Kaviar sein" und einer ebenso populären Fortsetzung, er produzierte auch viele der damals begehrten "Dr. Mabuse"-Filme und einige der Karl-May-Adaptionen aus dessen Orient-Phase, die bis heute als Klassiker gelten, darunter "Old Shatterhand", "Der Schut" und "Durchs wilde Kurdistan".

Auch klassische Stoffe ließ Brauner immer wieder verfilmen. 1967 bekam er für seine zweiteilige Nibelungen-Verfilmung die "Goldene Leinwand" verliehen. Im Verlauf seiner Karriere wurde Brauner zweimal mit dem Deutschen Filmpreis geehrt, 1985 wurde er mit "Bittere Ernte" erneut für einen Oscar nominiert, 1991 gewann er einen Golden Globe für "Hitlerjunge Salomon". 1993 erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Die Unterhaltungsfilme und Komödien brachten Brauner das Geld ein, seine eigentlichen Lieblingsprojekte zu finanzieren: Filme, die sich mit dem NS-Regime und der Judenverfolgung auseinandersetzten wie "Der 20. Juli", "Mensch und Bestie" oder sein allererster Film überhaupt, der teilweise autobiographische "Morituri" von 1948, der als einer der ersten Filme aus deutscher Produktion gilt, die den Holocaust thematisierte.

Einer der letzten Filme des bis ins hohe Alter aktiven Produzenten (lesen Sie hier eine Würdigung zu seinem 100. Geburtstag) war 2011 das Drama "Wunderkinder", das vom Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Ukraine während des Zweiten Weltkriegs handelt.

eth/bor



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Der_schmale_Grat 13.07.2019
1. Kein Kommentar?
Erst jetzt schaffe ich es, diesen kurzen und nüchtern geschriebenen Nachruf zu lesen und wundere mich, dass keiner hier sein Mitgefühl ausdrückt. Für mich war Herr Brauner sehr wichtig, weil ich in einer sehr sensiblen Phase meines Lebens seine Version von "Die weiße Rose" gesehen habe, die mich geprägt hat. Später lernte ich einen Enkel des Scharfrichters Reichhart der Weißen Rose kennen und es war surreal zu erleben, wie dicht die deutsche Geschichte mir auf den Fersen war. Artur Brauner war so wichtig als Filmschaffender und historische Person für dieses Land. Toda!
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