Chinesisches Gesellschaftsdrama Startschuss für eine andere Zukunft

In "Asche ist reines Weiß" verbindet Jia Zhangke die Liebesgeschichte zweier Kleingangster mit dem gesellschaftlichen Umbruch in China zu einem grandiosen Epos - unser Film der Woche

Neue Visionen

Von Dunja Bialas


Wie können wir in einer sich verändernden Welt überleben? Wie von ihr erzählen? Jia Zhangke, der große chinesische Independent-Regisseur, macht sich nach "Mountains May Depart" (2015) ein weiteres Mal auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

"Asche ist reines Weiß" ist ein Epos, das von den ersten achtzehn Jahren des neuen Jahrtausends in China erzählt, eine Zeitspanne, die es braucht, um erwachsen zu werden, und in der die Figuren die alten Strukturen und Werte hinter sich lassen, während die chinesische Gesellschaft sich für den Kapitalismus bereit macht.

Zhangke erzählt vom Wandel der Gesellschaft und vom Wandel der Individuen, stets bringt er beides zusammen. Im Zentrum seines mittlerweile zehnten Spielfilms, der im Jahr 2001 beginnt, steht der Jianghu-Clan, eine der Unterwelt zuzurechnende Gemeinschaft, die dem sozialistischen Diktat eigene Werte und Ehrenkodizes entgegenhält.

Der Alkohol fließt bei ihnen in Strömen, Schnaps und Likör, so sehen wir es in einer Szene, in der alle Clan-Mitglieder zusammengefunden haben, ergießen sich in einen Bottich wie Flüsse ins Meer, und genau das bedeutet "Jianghu": Flüsse und Meere. Es wird auf die Treue getrunken, noch gibt es den Zusammenhalt. Bald wird sich das ändern.

Fan Liao (Mitte) in "Asche ist reines Weiß"
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Fan Liao (Mitte) in "Asche ist reines Weiß"

Unter den Jianghu ist auch eine Frau, Qiao (Tao Zhao). Sie ist verliebt in den Kleingangster Bin (Fan Liao, Silberner Bär 2014 für "Feuerwerk am helllichten Tag"). Gemeinsam versuchen sie, der Armut des Proletariats zu entkommen, doch ihr Klassenkampf ist ein anderer als der der Alten.

So arbeitet Qiaos Vater in der lokalen Kohlemine, er streitet für den Erhalt der Arbeitsplätze. "Bekämpfen wir die Kapitalisten!", ruft er - während die Jüngeren schon den materiellen Werten des Westen hinterherjagen. Sie wollen die Glitzerwelt, das Vergnügen, schnelle Wagen und viel Geld.

Qiao und Bin scheinen diesen Zielen schon ganz nah zu sein, da werden sie auf dem Heimweg von der Disco brutal von einer Mofa-Gang überfallen. Qiao gibt mit dem Revolver von Bin einen Warnschuss ab, der ihr zum Verhängnis wird: Wegen illegalen Waffenbesitzes wird sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Welcher Mann und welches Land warten auf sie, wenn sie einst aus der Haft entlassen wird?


"Asche ist reines Weiß"
Originaltitel: "Jiang hu er nü"
China 2018
Regie und Buch: Zhangke Jia
Darsteller: Tao Zhao, Fan Liao, Yi'nan Diao, Xu Zheng

Verleih: Neue Visionen
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 28. Februar 2019


Tao Zhao, die Qiao spielt, ist Muse und Ehefrau Zhangkes, bei ihm war sie zum ersten Mal 2001 in "Unkown Pleasures" zu sehen, der in der nordchinesischen Provinz Shianxi, der Heimat von Zhangke, angesiedelt ist - ebenso wie "Asche ist reines Weiß". Schauplätze und Szenen lassen als Zitat den früheren Film aufleben wie in einer insgeheimen Retrospektive; selbst Zhangkes Debüt "Pickpocket" (1997), mit dem er die Ära des chinesischen Independent-Films einleitete, kehrt aus der Vergangenheit zurück, in einer schaukelnden Busfahrt gleich am Anfang von "Asche".

Doch Zhangke entwickelt seine Themen und Figuren stetig weiter, in "Asche ist reines Weiß" stellt er zum ersten Mal eine weibliche Hauptfigur ins Zentrum, mit ihr blicken wir auf die Welt, als sie nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis dem hinterher reist, für den sie sich geopfert hat. Im Tal der Dreischluchten, dem chinesischen Mammutprojekt für neue Energien, findet der Niedergang der Kohle aus dem ersten Teil ein Echo; zugleich tritt Qiao erstmals für sich selbst ein, steht zu ihren eigenen Bedürfnissen.

Auf der Fahrt auf dem riesigen Jangtse - eine Reminiszenz an "Still Life", der 2006 ebenfalls in dem Tal spielt - teilt sich im nüchternen Blick der Protagonistin mit: Hier ist kein Platz mehr für Nostalgie. Die geflutete Landschaft lässt die Unumkehrbarkeit der Zeit erahnen. Die Protagonistin sagt sich vom Melodram ihrer eigenen Geschichte los.

Der Trailer zum Film "Asche ist reines Weiß"

"Nichts ist reiner als die Asche eines Vulkans", sagt Qiao einmal zu Bin, "alles, was bei sehr hoher Temperatur verbrennt, wird rein." Mit Qiao, die ihre Leidenschaft verbrannt hat und unabhängig wird, erzählt Zhangke von einer aufrechten Figur sehr großer, auch moralischer Reinheit. Und er hat einen auf paradoxe Weise versöhnlichen Film geschaffen, denn "Asche ist reines Weiß" lässt erahnen, dass nur der Wandel die Schönheit des Vergangenen sichtbar machen kann.



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