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09. November 2018, 19:13 Uhr

Biopic über Neil Armstrong

"America first", wenigstens auf dem Mond

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Zu nationalistisch - oder nicht patriotisch genug? In den USA wird über die Filmbiografie "Aufbruch zum Mond" mit Ryan Gosling als Neil Armstrong gestritten. Doch so einfach ist die Beurteilung nicht.

So schnell kann es gehen: Eben war "Aufbruch zum Mond" noch von rechter Seite als unpatriotisch kritisiert worden, da der Film nicht zeigt, wie bei der Mondlandung die US-Flagge gehisst wird. Kurze Zeit später wird er von linksliberaler Seite als "versehentliches rechtes Fetisch-Objekt" verpönt.

Statt einen Start-Ziel-Sieg von den Filmfestspielen von Venedig bis zu den Oscars einzufahren, hat sich "Aufbruch zum Mond" so zu einem der umstrittensten Filme der vergangenen Monate entwickelt. Er ist zugleich einer der interessantesten.

In seinem ersten Film nach dem Erfolgsmusical "La La Land" erzählt Damien Chazelle von den individuellen wie auch den kollektiven Opfern, derer es bedurfte, bis am 21. Juli 1969 die Apollo 11 auf dem Mond landen und Neil Armstrong ihn als erster Mensch betreten konnte. Für die individuellen Opfer, namentlich die von Armstrong, findet Chazelle zusammen mit Drehbuchautor Josh Singer ("Spotlight", "Die Verlegerin") eine psychologische Erklärung. Einige Jahre vor den Apollo-Missionen war Armstrongs einzige Tochter Karen im Alter von zwei Jahren an einem Gehirntumor gestorben.

"America first!" auf dem Mond

Unfähig, gemeinsam mit seiner Frau Jane und ihren zwei Söhnen zu trauern, versteift sich Armstrong (gespielt von Ryan Gosling) auf seine Karriere als Astronaut. Sie wird für ihn sowohl zur Antithese zu Karens Tod - er überwindet schließlich die Beschränkungen irdischen Lebens - als auch zur Würdigung ihres Lebens. In einem entscheidenden Moment dichtet "Aufbruch zum Mond" Armstrong eine rundheraus sentimentale Geste, mit der er dem kleinen Mädchen gedenkt, an.

Diese Psychologisierung verblüfft - weil sie von der offiziellen Biografie Armstrongs, die als Buchvorlage diente, nicht gedeckt ist. Aber auch, weil Hollywood solche Erklärungsmuster eigentlich nur für Frauenfiguren vorsieht. Nur zwei Beispiele aus artverwandten Filmen: Sowohl in "Arrival" als auch in "Gravity" war es das Gedenken an die tote Tochter, das Amy Adams bzw. Sandra Bullock zu Höchstleistungen antrieb. Dass Neil Armstrong hier eine ähnliche Trauerarbeit zugedacht wird, macht aus ihm auf ganz anderer Ebene einen "First Man". Im All hört dich keiner weinen.

Für die überindividuellen Opfer finden Chazelle und Singer hingegen keine rechte Erklärung. Immer wieder geht ein Testflug grauenhaft schief und kehrt ein Kollege nicht ins NASA-Training zurück. Ist die Raumfahrt die zahllosen Toten und nicht zuletzt die Milliarden an Dollar wirklich wert? Wohin soll der "gewaltige Sprung für die Menschheit" genau führen? In den Führungsebenen der NASA werden solche Fragen mit Verweis auf die Erfolge der Sowjets weggewischt. Wenn schon nicht der erste Satellit und das erste Lebewesen im All, dann wenigstens auf dem Mond "America first"!

Einer statt aller

Diesem Triumphalismus widerspricht der Film nicht, weshalb er sich auch so unverhofft gut in die Trump'sche Agenda einfügt - zu der neuerdings auch wieder bemannte Raumfahrt gehört. Die rechtskonservativen Empörungsrufe nach der Premiere in Venedig, die sich ohne Kenntnis des Films daran abarbeiteten, dass das Hissen der US-amerikanischen Flagge fehlt, sind nach dem Kinostart entsprechend leise geworden.

Durchsetzungskraft ist Ehrensache, Kooperation zählt nichts. In "Aufbruch zum Mond" werden die kollektiven Anstrengungen der verschiedenen Apollo-Missionen zu Gunsten von Armstrongs singulärer Heldenrolle in den Hintergrund gedrängt. Buzz Aldrin, charismatischer wing man des spröden Armstrong, wird zum geltungsüchtigen Fatzke degradiert (hatte hier jemand noch eine Rechnung mit dem zweiten Mann auf dem Mond offen?); und auch die schwarzen NASA-Mathematikerinnen, die Theodore Melfis Filmhit von 2016 so mitreißend feierte, werden wieder zu "Hidden Figures" gemacht.

An anderer Stelle ist "Aufbruch zum Mond" jedoch offen und durchlässig. Als der Start der Apollo 11 näher rückt, erklingt für ein paar Takte Gil Scott-Herons "Whitey on the Moon", eine ebenso giftige wie groovende Erinnerung an die Anliegen der Bürgerrechtsbewegung.

Danach ist der Film nicht mehr der, der er war. Während Scott-Herons Musik bis weit in die Gegenwart nachhallt, wirkt "Whiteys" Mission bereits im Moment ihrer Erfüllung aus der Zeit gefallen.

Ganz mit seinem Modell heroischer Männlichkeit mag Chazelle aber noch nicht brechen, und in mancher Perspektive ließe sich "Aufbruch zum Mond" gemeinsam mit "Whiplash" und "La La Land" zu einer Streber-Trilogie bündeln. Allen drei männlichen Hauptfiguren ist gemein, dass sich gleichberechtigte Partnerschaft und beruflicher Erfolg für sie auszuschließen scheinen, sie das eine für das andere meinen aufgeben zu müssen. Nicht von ungefähr evoziert der Originaltitel "First Man" den ersten Mann gleich Menschen Adam, den Eva auch mal besser in Ruhe gelassen hätte.

Doch "Aufbruch zum Mond" findet zugleich einen kritischen Blick auf sein Einsamer-Wolf-Gebaren: Durch die großen, erzürnten Augen von Claire Foy als Armstrongs Ehefrau Janet sieht er auf einen Mann, der als letzter dafür Worte finden könnte, was er dort oben auf dem Mond nun wirklich geleistet hat. Die Bilder dazu haben Chazelle und sein Kameramann Linus Sandgren gefunden. Der Rest jedoch ist Schweigen.

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