Ausnahme-Anime "Mirai" Raus aus dem Trotz, rein in den Traum

Hohe Animationskunst trifft Coming-of-Age für Kleinste: In dem oscarnominierten Anime "Mirai" durchlebt ein Vierjähriger Zeitreisen durch die eigene Familiengeschichte. Findet er so seinen Platz in der Welt?

ddp images/ Capital Pictures

Es beginnt mit dem Albtraum jedes Kindes. Auf einmal ist ein Geschwisterchen da, vorbei die Zeit der exklusiven Liebe von Mama und Papa. Das ist die Prämisse von "Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft", einem wundersamen Anime über Großwerden, Angst und familiäre Geborgenheit.

Yokohama in der Gegenwart: Der vierjährige Kun kann kaum fassen, was da auf einmal an Mamas Brust klebt. In seiner bockigen Eifersucht attackiert er seine neugeborene Schwester, wo er nur kann. Die Eltern - zwei Architekten - versuchen, sich halbwegs souverän durch den neuen Alltag zu manövrieren. Doch statt abends zu reden, surfen sie müde auf ihren Smartphones.

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"Mirai": Bruder wider Willen

Diese ehrliche Alltäglichkeit lässt "Mirai" von Regisseur Mamoru Hosoda zunächst wie einen netten, aber etwas glatten Familienfilm aussehen. Auch pflegen die Figuren für einen japanischen Anime einen ziemlich austauschbaren Mittelstands-Lifestyle: Die Eltern fahren einen uralten Volvo-Kombi, der Vater nimmt Elternzeit, abends tönt zum Rotwein unterschwellige Ambient-Musik aus den Boxen. Überhaupt geht es der Familie eigentlich sehr gut - und das öffnet den erzählerischen Raum für Kuns Gedankenwelt, seine Eifersucht, seine Unsicherheit und seine Scham gegenüber sich selbst.

Als die Familie in den Urlaub aufbrechen will, macht Kun wieder einmal eine Szene und schließt sich im Bad ein. Kurz darauf ist es still, das Haus leer, die Eltern scheinbar weggefahren. Kun verliert den Boden unter den Füßen, fällt in eine Traumwelt, die von nun an den Film visionär begleiten wird. Für diese Sequenzen wurde "Mirai" zurecht für seine Animationskunst gepriesen und 2019 für den Oscar nominiert. Alles fließt, die Zeichnungen scheinen sich nicht auf einen Stil festlegen zu wollen, es ist ein synkopisches Potpourri, das am Ende doch Sinn ergibt.

Denn eigentlich sind es fantasievolle Zeitreisen, in denen Kun seine Familie ganz neu kennenlernt. Im Garten trifft er zunächst auf einen langhaarigen Mann, der sich als "Prinz des Hauses" ausgibt und beklagt, dass seine Herrchen nach Kuns Geburt das Interesse an ihm verloren hätten. Kun realisiert, dass es sich bei dem Mann um den Familienhund handeln muss, dem eigentlich niemand mehr Aufmerksamkeit schenkt.


"Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft"
Japan 2018

Drehbuch und Regie: Mamoru Hosoda
Produktion: Studio Chizu
Verleih: AV Visionen
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 30. Mai 2019


Später begegnet Kun in einem riesigen tropischen Gewächshaus seiner Schwester Mirai als Teenagerin. Die auf einmal ältere Schwester kümmert sich liebevoll um ihren Bruder und zeigt ihm, wie schön gegenseitige Fürsorge sein kann. So versteht Kun, dass sich die Welt nicht nur um ihn dreht und jeder Mensch unwillentlich in eine ganz bestimmte Zeit und ein ganz bestimmtes Milieu hineingeboren wird.

Noch offensichtlicher wird das, als Kun seinen Urgroßvater als jungen Mann kennenlernt, der ihn mit seinem Motorrad auf sonnendurchflutete Ausflüge durch das Vorkriegsjapan mitnimmt. Er widmet ihm Aufmerksamkeit, nimmt eine väterliche Rolle ein, mit der sein Vater zwischen Home-Office und Windeln überfordert ist. Dadurch lernt Kun, dass alles zu seiner Zeit kommt, dass vieles war, nur weniges ist und noch vieles sein wird.

Das ist Kuns Coming-of-Age. Er erkennt, dass er von nun an auf dieser Welt niemals mehr alleine sein wird und zu seiner Familie gehört. Diese Message mag Kitschpotential haben, doch "Mirai" nimmt Kuns Reise zu sich selbst ernst, ohne sie zu überemotionalisieren. Dabei kommt der immer vielfältiger werdenden Animation eine tragende Rolle zu. Sie fängt die grenzenlose Kreativität, aber auch die Sprunghaftigkeit der kindlichen Gedankenwelt ein.

Im Video: Der Trailer zu "Mirai"

AV Visionen

Als Kun in einer seiner Trotzaktionen alleine mitten im Bahnhof von Tokio landet, kann er am Anfang noch nicht einmal um Hilfe bitten. Denn seine Eltern heißen für ihn einfach Mama und Papa, er kennt ihre Vornamen nicht. Nur eins weiß er sicher: Seine Schwester heißt Mirai.

Am Ende wird die Eifersucht zur Zuneigung, die Unsicherheit zum Selbstvertrauen und die Scham zur Entfaltung. Kun und Mirai sind von nun an Bruder und Schwester.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
wiispieler 31.05.2019
1.
Ein schöner Anime, jedoch leider teilweise anstrengend. Daher leider der schwächste von Hosoda. Ich hoffe, dass der nächste Film von ihm besser wird.
bhang 31.05.2019
2. Toller Film.
So wie auch u.a. "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" und "Summer Wars" klasse waren. Er und Makoto Shinkai sind richtig gute Animé-Regisseure.
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