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23. April 2015, 18:07 Uhr

"Avengers"-Regisseur Whedon

"Dafür hat Gott Roboter und Zombies erfunden"

Ein Interview von

Mit "Age of Ultron" läuft jetzt die Fortsetzung der "Avengers" - und Regisseur Joss Whedon ist komplett hinüber. Doch der Stress hat sich gelohnt: Der Film bietet großes, düsternes Kino, das den Superhelden und Zuschauern einiges zumutet.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Whedon, irgendwie sieht es nicht so aus, als hätten Sie sich vom Dreh zu "Avengers: Age of Ultron" schon erholt...

Whedon: Das habe ich auch nicht. Und vermutlich werde ich noch ein ganzes Weilchen brauchen. Ich glaube, ich leide gerade an einer Art posttraumatischer Belastungsstörung für Filmemacher. Ich bin wirklich durch, kann man nicht anders sagen. Aber das Ende ist in Sicht. Nach unserem Gespräch hier habe ich noch einen Tag voller Interviews in Italien - und danach bin ich offiziell arbeitslos. Selten habe ich mich auf etwas mehr gefreut!

SPIEGEL ONLINE: Vom ersten "Avengers"-Film haben Sie sich erholt, in dem Sie bei sich zu Hause gleich den nächsten Film gedreht haben, die schwarzweiße Shakespeare-Spielerei "Viel Lärm um nichts". Planen Sie nun etwas Ähnliches?

Whedon: Nein, mit arbeitslos meine ich wirklich arbeitslos. Ich brauche wirklich eine Pause, im Ernst. Wann das nächste Projekt ansteht und was es sein wird, steht zur Abwechslung mal vollkommen in den Sternen.

SPIEGEL ONLINE: Superheldenfilme aus dem Hause Marvel und überhaupt alle Blockbuster dieser Tage sind riesige Maschinerien zwischen CGI-Bombast und Marketingwahn. Wo bleibt da der Platz für Ihre eigene Persönlichkeit als Regisseur?

Whedon: Mitunter frage ich mich das auch. Vor allem im Endspurt geht es so sehr um Dinge wie digitale Nachbearbeitung, jeden Tag kämpft man im Schneideraum um einzelne Minuten des Films. Da verliert man schon mal aus den Augen, dass es im Kern der Geschichte um etwas anderes geht. Nämlich um die Figuren. Und in denen steckt meine Persönlichkeit. Denn wenn wir mal ehrlich sind, schreiben Autoren letztlich immer nur über sich selber. Wobei ich das lustigerweise jedes Mal wieder ausblende und nicht wahrnehme. Bei "Buffy - Im Bann der Dämonen" fiel der Groschen bei mir erst drei Jahre nachdem die Serie eingestellt war: Oh verdammt, Buffy - das bin ja ich!

SPIEGEL ONLINE: "Avengers: Age of Ultron" ist deutlich düsterer als der Vorgänger, der Tod ist so präsent wie in kaum einem Marvel-Film bisher. Was war dafür der Auslöser?

Whedon: Ich hätte es einfach sehr unaufrichtig gefunden, wenn in einer Geschichte über Macht, Bedrohung und Heldentum nicht etwas auf dem Spiel steht. Die Kämpfe der Avengers müssen Konsequenzen haben. Das muss nicht zwingend heißen, dass jemand stirbt. Aber das Publikum sollte deutlich spüren, dass unsere Helden einen Preis zahlen für ihr Tun und das weder körperlich noch emotional an ihnen spurlos vorbeigeht. Pragmatische inhaltliche Gründe hat die Düsternis natürlich auch.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Whedon: Das über allem liegende Gefühl des Verlusts musste greifbar werden. Die Avengers als Team, so wie wir sie im ersten Teil kennen gelernt haben, wird es auf Dauer nicht mehr geben. Das sollte sich atmosphärisch vermitteln. Im ersten Film haben wir die Helden zusammengeführt, in diesem reißen wir sie nun auseinander. Nicht unähnlich wie damals mit "Der Pate II". Im ersten Film wird alles etabliert und werden die Ursprünge gezeigt, bevor es in der Fortsetzung richtig zur Sache geht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich nenne Coppolas Film nur aus Inspirationsgründen, nicht weil ich "Avengers: Age of Ultron" mit ihm in einem Atemzug nennen will. Ich weiß, dass "Der Pate II" der bessere Film ist.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben wir bei diesem neuen, bedrohlicheren Tonfall, der ja schon im letzten "Captain America"-Film spürbar war. Hat der etwas mit dem Erwachsenwerden des Genres zu tun?

Whedon: So pauschal kann man das nicht sagen. Auch wenn alle Filme im Marvel-Universum miteinander verknüpft sind, stehen alle einzeln für sich. Jeder hat seine eigene Geschichte und damit seinen eigenen Stil. Als "Captain America" zuletzt sehr viel ernster und düsterer war, ging ich automatisch davon aus, dass dies die allgemeine Vorgabe würde, an der auch ich mich orientieren solle. Dann wurde ein halbes Jahr später "Guardians of the Galaxy" zum Erfolg, und ich rechnete jeden Moment mit dem Anruf, ob wir die "Avengers" nicht bitte alberner gestalten und um ein sprechendes Tier ergänzen könnten. Nichts davon passierte. Genau wie bei den Comics nimmt sich Marvel trotz der übergreifenden Planung die Filme einzeln vor.

SPIEGEL ONLINE: Gegenspieler Ihrer Helden ist dieses Mal eine Maschine, die eine Armee weiterer gesichtsloser Maschinen auffährt. Wie groß ist die Gefahr, dass so ein Film zur reinen Materialschlacht verkommt?

Whedon: Das ist eine Gratwanderung. Wer von einem Helden - oder einer kleinen Gruppe von Helden - erzählen will, sucht immer nach einem Weg, ein 'David gegen Goliath'-Szenario zu entwerfen. Einer Übermacht von Feinden gegenüberzustehen, darum ging es schon im Western mit den Indianern. Nur bringt man in Hollywood heutzutage nicht mehr so gerne reihenweise Menschen um. Vor allem nicht im Superheldenfilmen. Aber dafür hat Gott ja Roboter und Zombies erfunden; die lassen sich ohne mit der Wimper zu zucken umlegen, da kräht kein Hahn nach. Nur so kann man noch ein ähnliches Underdog-Szenario kreieren wie damals in Filmen wie "The Wild Bunch", ohne die Helden zu Massenmördern werden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Den bereits erwähnten "Captain America"-Film haben die Brüder Anthony und Joe Russo inszeniert, die nun auch die beiden "Avengers: Infinity War"-Filme drehen werden. Welche Tipps geben Sie mit auf den Weg?

Whedon: Meinen Sie, die brauchen überhaupt welche? Angefangen haben die beiden mit der Sitcom "Arrested Development", also haben sie längst bewiesen, wie vielseitig sie sind. Und genau das muss man für eine solche Mammutaufgabe sein. Deswegen lautet mein einziger Ratschlag: Fangt an zu trainieren! Nehmt euch einen Fitnesscoach, und habt das Protein im Blick. Das meine ich bitterernst. Die körperliche Anstrengung, die so ein riesiges Projekt mit sich bringt, ist der Wahnsinn. Und die beiden müssen gleich zwei Teile drehen!

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie nur die physische Belastung dazu gebracht, sich nach zwei Filmen von den "Avengers" zu verabschieden? Oder sind Sie der Superhelden überdrüssig?

Whedon: Nicht überdrüssig oder gelangweilt. Aber natürlich sah ich die Gefahr, dass von Film zu Film die persönlichen Erträge für mich geringer werden. Abnutzung bleibt einfach nicht aus. Bei "Avengers: Age of Ultron" war mir extrem wichtig, dass der Film wie ein eigenständiger Film wirkt, nicht bloß wie eine weitere Episode. Nichts trifft mich mehr als der Vorwurf, meine Geschichte habe nur den Zweck, zur nächsten Fortsetzung hinzuleiten. Als Marvel sich dann entschied, "Infinity War" in zwei Teilen ins Kino zu bringen, war für mich die Entscheidung, meinen Hut zu nehmen, endgültig gefallen. Das würde ich physisch nicht überleben.

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