Banditen! Verbrecher der Herzen

In Barry Levinsons Actionkomödie "Banditen!" spielen Bruce Willis und Billy Bob Thornton zwei Bankräuber ­ und Cate Blanchett die Frau, die ihnen den Verstand raubt.


"Banditen!"-Star Willis: Raubzug durch ein Kinogenre
Constantin

"Banditen!"-Star Willis: Raubzug durch ein Kinogenre

Am Anfang ist das Ende nahe. Die Polizei hat die Bank umstellt, Scharfschützen liegen auf den Dächern. Joe und Terry sehen aus dem Gebäude, das fast nur aus Glas besteht: Wohin sie auch blicken, erkennen sie nur die Aussichtslosigkeit ihrer Lage.

Durch eine Serie von Banküberfällen, die sie entlang der amerikanischen Westküste begangen haben, wurden sie binnen kurzem berühmt. Nun drängeln sich die Menschen draußen auf der Straße, um die beiden mit eigenen Augen zu sehen. Das Publikum hat Platz genommen, die Bühne ist bereitet ­ die Show kann beginnen.

Joe (Bruce Willis) und Terry (Billy Bob Thornton) gehören zu jenen Menschen, denen der Ruf so weit vorauseilt, dass sie selbst kaum noch nachkommen. Aus einem Gefängnis in Oregon ausgebrochen, machen sie sich auf den Weg nach Mexiko und rauben ein paar Banken aus, um die Reisekasse aufzufüllen.

Doch ihre Höflichkeit, ihr Feingefühl und ihr Charme bei den Überfällen machen sie erst wirklich reich: Joe und Terry genießen in der Bevölkerung bald unbegrenzten Kredit. "Banditen!" erzählt die Geschichte eines Pop-Duos, das durch die Provinz tingelt, allerorten Begeisterung auslöst und schließlich in Los Angeles seinen großen Auftritt feiert.

In Hollywood zählen Leute, die mit Erfolg klauen, zu den Meistgesuchten. Doch sie kriegen keine hohe Strafe, sondern eine hohe Gage: Harley Peyton, Drehbuchautor von "Banditen!", und sein Kumpan, Regisseur Barry Levinson, nehmen uns mit auf einen Raubzug durch die Filmgeschichte. Vor allem die Gangsterballade "Bonnie und Clyde" (1967) räumen sie aus wie einen bis zum Rand gefüllten Safe.

Doch sie tun es ihren Helden gleich. Sie greifen vor aller Augen zu und stehlen sich dann mit spitzbübischem Vergnügen davon. Und weil sie stets in Ehren halten, was ihnen in die Hände fällt, bleiben nur glückliche Opfer zurück.

Rote Lippen füllen das Bild. Eine Frau wälzt sich in der Sommerhitze nackt auf dem Laken und umfasst vor Verlangen die Stangen des Bettgestells. So sah das 1967 aus, als sich Faye Dunaway in der Rolle der Bonnie Parker danach verzehrte, dass ein Mann ­ und mit ihm das Abenteuer ­ in ihr Leben trete.

Pop-Duo mit Muse: Joe (B. Willis), Terry (Billy Bob Thornton) und Kate (C. Blanchett)
Constantin

Pop-Duo mit Muse: Joe (B. Willis), Terry (Billy Bob Thornton) und Kate (C. Blanchett)

In "Banditen!" ist das Bild schwarz, dann wird es von einem Lichtschein erhellt, und wir sehen aus dem Innern eines Kühlschranks das Gesicht einer Frau. In tiefes Blau getaucht, wirkt es wie von einer Eisschicht überzogen. Viele Szenen später steht dieselbe Frau auf einem Felsen am Meer. Der Wind wirbelt ihr rotes Haar auf, und das Licht illuminiert es von unten: Kate (Cate Blanchett), eine Hausfrau außer Haus, steht nun in Flammen. Da muss was passiert sein.

Eine Leidenschaft, die glimmt und nur auf einen Funken wartet, spürt man schon, wenn Kate in ihrer Küche wild tanzt. Sie hat nur Bonnie im Kopf, aber eine andere Bonnie, Tyler mit Nachnamen. Deren Achtziger-Jahre-Hit "Holding out for a Hero" dröhnt aus den Boxen, während Kate den Küchenboden unter sich wie Bühnenbretter vibrieren lässt.

Doch dann kommt ihr Mann nach Hause, und der ist nicht "fresh from the fight", wie es im Song heißt, sondern müde von der Arbeit. Während Kate in Resignation langsam wieder erstarrt, lässt der Zuschauer den Blick durch den Raum gleiten, in die andere Hälfte der Küche, durch das Fenster, auf den Fluss, der vorüberfließt, und man ahnt: Kate zieht bald hinaus in die weite Welt.

Sie steigt in ihren Wagen, rast los und fährt Terry fast um. Levinson inszeniert den Augenblick, als sein Film die Richtung ändert und in eine Ménage à trois steuert, als Vollbremsung. Das ist etwas übertrieben, doch tatsächlich verliert der Film viel an Tempo. Fortan geht es um die Frage: Wer raubt wem den Verstand?

Joe, ein Mann der Tat, der vor Kraft strotzt, und Terry, ein Hypochonder, der vor lauter Planung das Handeln vergisst, stehlen sich auf unterschiedlichen Wegen in Kates Herz. Doch dann kommen sie nicht mehr heraus. Der Film lässt sich viel Zeit zu zeigen, wie zwei Männer, die auf freien Fuß gekommen sind, auf Freiersfüßen von einer Frau gefangen werden. Er verliebt sich zu sehr in seine Dreiecksgeschichte und verliert den Fortgang der Handlung darüber manchmal aus dem Blick.

Filmhelden Willis, Thornton: Männer, die nicht erwachsen werden wollen
Constantin

Filmhelden Willis, Thornton: Männer, die nicht erwachsen werden wollen

"Banditen!" zeigt Menschen, die aus ihrer gewohnten Umgebung ausbrechen und zu neuen Horizonten aufbrechen. Noch nie hat Levinson seine Figuren so oft in Landschaftstotalen gestellt wie in diesem Film. Fast immer sind Flüsse, Seen oder das Meer im Hintergrund zu sehen: Selbst wenn Kamera und Figuren verharren, vergisst man nie, dass alles im Fluss und in Bewegung ist.

Diesen Film zu sehen ist befreiend, denn seine Bilder sind weit und transparent, Innen und Außen werden fast nie ganz getrennt. In einer Szene sieht man durch ein Fenster, wie zwei Teenager im Wohnzimmer fernsehen. Joe und Terry sitzen im Vordergrund des Bildes auf einer Schaukel. Da weiß man nicht, auf welcher Seite der Scheibe die Erwachsenen sind.

Wie viele Levinson-Helden vor ihnen weigern sich Joe und Terry, endgültig erwachsen zu werden. Ein paarmal wirkt "Banditen!" wie "Diner" (1982) auf Rädern. Beim Wettstreit um Kate fühlt man sich in "Tin Men" (1987) versetzt, und schließlich merkt man, dass man in einem Road Movie sitzt, das einmal quer durch Levinsons Karriere führt.

Der Regisseur, in der zweiten Hälfte der Achtziger nach drei Hits in Folge einer der erfolgreichsten Hollywoods, hatte danach bei der Wahl seiner Projekte meist keine glückliche Hand. Diesmal scheint er in die Produktion eingestiegen zu sein wie in einen jener Wagen, an deren Karosserien er sich früher kaum satt sehen konnte. Dann ist er einfach losgefahren, hat die Reise genossen und über der Schönheit der Strecke bisweilen das Ziel vergessen. Der Film ist vorbei, aber Levinson vielleicht noch immer unterwegs. Mal sehen, wo er ankommt.


LARS-OLAV BEIER

"Banditen!" ("Bandits"). USA 2001. Regie: Barry Levinson; Buch: Harley Peyton; Darsteller: Bruce Willis, Billy Bob Thornton, Cate Blanchett; Länge: 122 Min.; Verleih: Constantin; Start: 1. November 2001



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