Regisseur Barry Jenkins über Hollywood "Wir haben ein Erdbeben hinter uns"

Sein neuer Film "Beale Street" erzählt eine schwarze Liebesgeschichte in einem rassistischen Amerika. US-Regisseur Barry Jenkins über den Kampf für Gleichberechtigung in Hollywood - und in Berlin.
Barry Jenkins

Barry Jenkins

Foto: Willy Sanjuan/ AP

Barry Jenkins, 39, wurde vor zwei Jahren berühmt, als er mit "Moonlight" den Oscar für den besten Film gewann. Dabei war versehentlich zunächst der falsche Sieger verkündet worden, das Musical "La La Land". In diesem Jahr war Jenkins erneut nominiert: für sein Drehbuch zu dem Film "Beale Street". Einen Oscar gewann letztlich Regina King als beste Nebendarstellerin. Das Drama, das diese Woche in den deutschen Kinos gestartet ist, beruht auf einem Roman des schwarzen Schriftstellers James Baldwin. Jenkins erzählt darin die Liebesgeschichte zwischen zwei Afroamerikanern im Harlem der Siebzigerjahre. "Beale Street" zeigt eine Welt voller Rassismus und Gewalt, aber auch voller Warmherzigkeit und Zärtlichkeit. Lesen Sie hier unsere Rezension des Films.

SPIEGEL ONLINE: Seit Ihrem Oscar-Gewinn mit "Moonlight" hat sich in Hollywood viel verändert, durch #MeToo, durch die Debatten über Diversität und Gleichberechtigung. Sehen Sie Fortschritte?

Jenkins: Auf jeden Fall. Heute weiß jeder, welche Torturen Frauen in Hollywood erleiden können, vor anderthalb Jahren war das noch kein Thema. Das Problem wurde einfach totgeschwiegen. Ich finde auch, dass das schwarze Kino in den letzten beiden Jahren große Durchbrüche erlebt hat. Es ist sehr präsent und enorm erfolgreich. Aber wir dürfen dort nicht stehen bleiben. Wir dürfen nicht faul werden.

SPIEGEL ONLINE : Wie sollte es weitergehen?

Jenkins: Es besteht die Gefahr, dass viele glauben, der Job wäre schon getan. Wer auf die vielen schwarzen Filme des letzten Jahres schaut und auf die über eine Milliarde Dollar, die "Black Panther" weltweit eingespielt hat, könnte glauben, dass alles in bester Ordnung sei. Ist es aber nicht. Frauen machen die Hälfte der Kinobesucher aus, besetzen aber nur wenige Führungspositionen in Hollywood. Von Diversität und Gleichberechtigung sind wir noch ziemlich weit entfernt.

SPIEGEL ONLINE : Die Debatten in Hollywood werden mit großer Vehemenz geführt. Als bekannt wurde, dass Tilda Swinton in einem Film eine asiatische Figur spielen soll, gab es einen Aufschrei der Empörung. Verstehen Sie die Aufregung?

Jenkins : Ja, denn asiatische Figuren sind in Hollywood jahrzehntelang von weißen Schauspielern verkörpert worden, deren Haut und Augen einfach umgeschminkt wurden. Stereotype. Das darf man nicht ausblenden. Man kann nicht so tun, als würden wir heute bei null anfangen. Während der Golden-Globe-Verleihung machte Sandra Oh einen Witz über Emma Stone, die in dem Film "Aloha" eine Frau mit asiatischen Wurzeln spielte. Emma rief: "I'm sorry" in den Saal. Das ist Fortschritt. Sie hätte auch angepisst reagieren können. Aber sie hat einen Fehler eingestanden.

Fotostrecke

"Beale Street": Ikonen der Liebe

Foto: Tatum Mangus/ Annapurna Pictures/ DCM

SPIEGEL ONLINE : Man muss kein Gangster sein, um einen Gangster zu spielen. Immer wieder verkörpern gesunde Schauspieler Menschen mit Behinderungen und gewinnen dafür Oscars. Wo verläuft die Grenze?

Jenkins: Immer genau da, wo es eine Geschichte der Diskriminierung gibt. Und die gibt es in Hollywood. Wir haben genug gute asiatische Schauspieler. Wenn die Rolle eines Asiaten besetzt werden muss, sollte man sie engagieren.

SPIEGEL ONLINE : Steven Spielberg hat gerade eine neue Version von "West Side Story" besetzt und großen Wert darauf gelegt, dass die Puerto Ricaner wirklich von Latinos gespielt werden. Engen solche Vorgaben einen Regisseur nicht ein?

Jenkins: Man darf sie nicht als Handschellen begreifen. Wenn sich Spielberg 8000 Schauspieler anschaut, davon 3000 aus Puerto Rico, und er entscheidet sich am Ende für jemanden, der nicht von dort kommt, ist das in Ordnung. Aber du musst da durch, durch diesen Prozess, durch diese 8000 Leute. Denn von diesen Kandidaten hatten viele bislang überhaupt keine Chance, zu einem Casting eingeladen zu werden. Sie haben es verdient.

SPIEGEL ONLINE : Verfällt Hollywood aber nicht gerade ins andere Extrem? Führt die politische Korrektheit nicht zu überzogener Strenge?

Jenkins: Veränderungen werden oft mit großer Aggressivität durchgesetzt, nicht nur in Hollywood. Wir haben ein Erdbeben hinter uns, alles ist anders als zuvor. Der Schock, das Chaos, all das war wichtig. Jetzt müssen wir uns in dieser neuen Welt erst mal zurechtfinden, die Regeln anders definieren und die richtige Balance finden.

SPIEGEL ONLINE : Gilt das auch für die #MeToo-Bewegung?

Jenkins: Unbedingt! Hollywood war wie traumatisiert. Es gab Entsetzen, Wut. Aber aus all dem Durcheinander haben sich sehr sinnvolle Forderungen entwickelt. Denken Sie nur an Frances McDormand, die bei der letzten Oscar-Verleihung gefordert hat, eine Klausel einzuführen, die verlangt, dass Frauen und Minderheiten bei Filmteams angemessen berücksichtigt werden. Das ist ein realistisches Ziel. Nur bei vier Prozent der großen Studiofilme führen Frauen Regie. Fordern wir sechs Prozent für das kommende Jahr und acht Prozent für das danach. Machen wir einen Schritt nach dem anderen.

SPIEGEL ONLINE : Wie wirkt sich die #MeToo-Debatte auf die Atmosphäre beim Drehen aus?

Jenkins: Ich habe "Beale Street" im Herbst 2017 gedreht, da war die Debatte gerade voll entbrannt. Dieser Film wurde überwiegend von Frauen produziert. Natürlich war #MeToo die ganze Zeit präsent, aber die Debatte hat uns nicht behindert. Sie hat eher dazu geführt, dass das Team enger zusammengerückt ist.

SPIEGEL ONLINE : Wird beim Film noch geflirtet?

Jenkins: Manche Männer beklagen jetzt, dass alles so unklar geworden sei. Darf man noch ein Kompliment machen? Oder ist das schon ein Übergriff? Was meinen Sie, wie oft Frauen Situationen erleben, die unklar sind? Will er jetzt nur einen Wein mit mir trinken? Oder will er mich betrunken machen? Will er mit mir über das Drehbuch reden? Oder will er mit mir ins Bett? Also, Männer, ihr Opfer der Unklarheit, willkommen in der Wirklichkeit!

SPIEGEL ONLINE : In "Beale Street" gibt es eine ungewöhnliche, sehr langsame und zärtliche Liebesszene, die aus der Sicht der Frau erzählt wird. Hätten Sie diese Szene anders gedreht, wenn es die #MeToo-Debatte nicht gegeben hätte?

Fotostrecke

Oscars 2019: Das sind die Gewinner

Foto: KEVORK DJANSEZIAN/ AFP

Jenkins: Gedreht nicht, aber geschnitten hätte ich sie anders. Ich hatte die ganze Szene in einer einzigen Einstellung gedreht. Während Fonny, der Mann, nackt zum Plattenspieler geht und die Musik anmacht, verweilt die Kamera auf dem Gesicht von Tish. Fonny ist kaum zu sehen. Diese Version zeigte ich voller Stolz einigen Regisseurinnen, mit denen ich befreundet bin. Sie sagten: "Barry, was soll das? Wenn da eine scharfe Frau nackt zum Plattenspieler gehen würde, würdest du sie doch auf jeden Fall zeigen. Den nackten Kerl zeigst Du uns aber nicht?" Tja, da musste ich umschneiden.

SPIEGEL ONLINE : Warum sind eigentlich so wenige Bücher von James Baldwin verfilmt worden?

Jenkins: Das gilt ja für die schwarze Literatur insgesamt. Denken Sie nur an Toni Morrison. Nur einer ihrer Romane ist bislang verfilmt worden, dabei ist sie eine unserer wichtigsten Schriftstellerinnen. Baldwin war in Hollywood lange Zeit tabu - vermutlich auch deshalb, weil es in den meisten seiner Bücher um Homosexualität geht.

SPIEGEL ONLINE : Baldwin schrieb "Beale Street" in Frankreich, Sie verfassten Ihr Drehbuch hier in Berlin. Hilft die geografische Distanz, einen klareren Blick auf die USA zu bekommen?

Jenkins: Ich glaube schon. Baldwin war bekannt dafür, aus der Fremde über Amerika zu schreiben. Sein Gefühl war, dass er auf diese Weise seine emotionale Verbindung zu den USA klarer sehen würde. Tatsächlich ging es mir bei der Adaption seines Romans genauso: Ich musste nicht in Harlem sein, um mit diesen Figuren zu leben. Es war ehrlich gesagt sogar hilfreicher, hier zu sein, in einer Kultur, von der ich zu jener Zeit wenig wusste. Das erlaubte mir, mich in eine intellektuelle und emotionale Isolation zu versenken, in der ich meine ganze Energie auf die Charaktere fokussieren konnte. Vor allem war ich aber natürlich ein junger Kerl mit einer Baldwin-Obsession, der diesen Schriftsteller nachahmen wollte, den er so bewunderte.

SPIEGEL ONLINE : Bewegen Sie sich als Afroamerikaner in Europa freier als in den USA, wo die Erfahrungen mit Alltagsrassismus und beständig drohender Polizeigewalt vielleicht eher für Befangenheit sorgen?

Jenkins: Befangenheit, ja, so könnte man das nennen. Ich muss mir als Schwarzer ständig bewusst sein, dass meine Hautfarbe mich jeden Moment in Gefahr bringen kann oder einfach nur jemanden ärgert. Dagegen muss ich mich beständig wappnen. Aber das ändert sich nicht, wenn ich die USA verlasse, das ist einfach immer und überall so, wenn man eine person of color in einer von Weißen dominierten Welt ist. Und auch wenn diese Mechanismen hier in Berlin kulturell etwas anders funktionieren: Natürlich fällt es den Leuten auch hier auf, dass ich schwarz bin.

SPIEGEL ONLINE : Was genau ist anders?

In diesem Moment geht der Fernseher in der Interview-Suite wie von Geisterhand an.

Jenkins: Wow, das ist ja irre! Was passiert da gerade? Sitzt einer von Euch auf der Fernbedienung? Nein? Das Ding geht einfach so an? Oh Mann, kennen Sie das, wenn man sich in solchen Momenten fragt: Warum genau geschieht das gerade jetzt? Vielleicht ist das ein gutes Beispiel für Ihre Frage: Geschieht das jetzt, weil ich ein Fremder bin? Weil ich schwarz bin? Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe sind, übrigens genau wie Frauen, mit so vielen Mikro-Aggressionen konfrontiert, dass die Frage nach dem Warum allgegenwärtig ist.

Die Fernbedienung wird gefunden. Der Fernseher ist wieder aus. Warum er sich anschaltete, bleibt ein Mysterium.

SPIEGEL ONLINE : Ein großes Problem für Afroamerikaner ist ihre Kriminalisierung: Sowohl in "Moonlight" als auch in "Beale Street" müssen Hauptfiguren ins Gefängnis.

Jenkins: Das ist fester Bestandteil schwarzer Lebenswirklichkeit in Amerika. Ich selbst habe Familienangehörige, die immer mal wieder mit dem Justizsystem zu tun hatten, also schon öfter eingesperrt wurden. Du musst als Schwarzer auf eine bestimmte Weise reden, du musst deine Kleidung mit Bedacht auswählen, du musst ständig signalisieren: Ich stelle für niemanden eine Bedrohung dar. Das Justiz- und Gefängnissystem in den USA ist eine Art… ... - ich zögere, es so zu nennen, aber es ist ein Business geworden, ein Ding, das ständig Nahrung braucht. Und das Futter, das ihm am besten den Schlund heruntergeht, sind junge schwarze Männer.

SPIEGEL ONLINE : Haben Sie darüber nachgedacht, die Handlung von "Beale Street" in die Gegenwart zu verlegen? Baldwins Buch wirkt in mancher Hinsicht sehr aktuell.

Jenkins: Für mich als Regisseur wäre es viel einfacher gewesen. Ich hätte mir keine Sorgen über zeitgemäße Kostüme oder Autos machen müssen. Aber ist der Effekt nicht viel stärker, wenn das Publikum diese Geschichte sieht und feststellt: Wow, nichts hat sich seit damals verändert!

SPIEGEL ONLINE : Warum lassen Sie Ihre Figuren in "Beale Street" so oft direkt in die Kamera blicken? Eigentlich ist das ein Tabu im Kino.

Jenkins: Ich will erreichen, dass sich der Zuschauer fühlt, als wäre er im Kopf einer Person, so wie in der Literatur. Ich will nicht nur, dass die Zuschauer sich vorstellen, in die Fußstapfen der Filmfigur zu treten. Ich will, dass sie ein paar Meilen in ihren Schuhen herumlaufen. Aus passiver Empathie wird so aktive Identifikation. Wenn Daniel in einer Szene sagt: "Der weiße Mann muss der Teufel sein", dann spüren Sie, dass er aus seiner Erfahrung spricht, und weil Sie ihn dabei direkt ansehen, sind Sie gezwungen sich vorzustellen, wie es sich für ihn angefühlt haben muss. James Baldwin sagte 1974, als "If Beale Street Could Talk" veröffentlicht wurde, in einem Interview: Um bei der Hoffnung anzukommen, müsse man erst durch die Verzweiflung gehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.