Terrorthriller "Bastille Day" Paris sehen und sterben

Smarter Starttermin oder zynischer Marketingcoup? Ausgerechnet zur Fußball-EM läuft mit "Bastille Day" ein Billig-Thriller über einen Terroranschlag in Paris.

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Auf einem belebten Platz in Paris geht eine Bombe hoch. Menschen sterben. Wer steckt hinter dem Attentat? In den sozialen Medien lenkt ein Unbekannter den Verdacht auf Muslime, bald entlädt sich der Hass auf sie in Straßenschlachten. Und in all dem Chaos rechnen die Behörden mit neuen Anschlägen.

Klingt wie der Albtraum, vor dem man sich in EM-Zeiten fürchtet und der bisher glücklicherweise nicht eingetreten ist. Da wirkt es schon berechnend bis zynisch, einen Thriller wie "Bastille Day" mit diesem Plot gerade jetzt zu starten.

Andererseits kann ein Verleih eben jetzt schon mal auf die Idee kommen, mit dem Szenario eines Terroranschlags in Paris wenigstens einige Sensationsgierige ins Kino locken. Europa- und Weltmeisterschaften sind ja Saure-Gurken-Zeiten für die Lichtspieltheater. Alle zwei Jahre verderben die Großereignisse den Start der Blockbuster-Saison. Auch 2016 kleben die potenziellen Kinogänger wieder vor der Mattscheibe oder treiben sich beim Public Viewing herum, während in den Kinosälen gähnende Leere herrscht.

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Film über Terroranschlag: Planlos durch Paris

Allerdings entpuppt sich die Prämisse des Terroranschlags sehr schnell als Trojanisches Pferd. "Bastille Day" ist eigentlich gar kein Terror-Thriller. Der Film ging ja auch schon im Oktober 2014 in Produktion, also noch vor den Anschlägen von Paris.

Zwar nutzt das Drehbuch anfangs durchaus die auch damals schon vorhandene Terrorangst, die bleibt aber diffus. Überhaupt will der Film kein düsterer Polit-Thriller, sondern perfekte Freitagabendunterhaltung sein, wie sein Regisseur James Watkins im Presseheft zitiert wird. Allerdings bietet an einem Freitagabend in EM-Zeiten selbst ein zweitklassiges Fußballspiel mitunter mehr Spannung als dieser missglückte Thriller-Versuch.

Wer hat denn nun also die Bombe gezündet? Radikale Islamisten jedenfalls nicht, und auch nicht die junge Pariserin Zoe (Charlotte Le Bon), die sie für einen politisch motivierten Anschlag durch die Metropole trägt. Es war vielmehr der amerikanische Taschendieb Michael (Richard Madden) - und auch der nur aus Versehen. Klingt ein wenig verwickelt. Ist es auch, es geht schließlich in diesem Film um eine mächtige Verschwörung.

Polierte Bilder, uninspirierte Action

Die finsteren Hintermänner benutzen Zoe nur, und Michael stolpert durch Zufall in das Komplott. Die Zusammenhänge werden dann aber von CIA-Agent Sean Briar (Idris Elba) schnell und übersichtlich aufgedröselt, damit das Trio den Rest des Films damit zubringen kann, waffenfuchtelnd und kalauernd auf Verbrecherjagd durch Paris zu hetzen.

Einen knallharten Thriller im Stil der Siebzigerjahre habe er drehen wollen, sagt James Watkins. Wir müssen an dieser Stelle noch ein wenig mehr aus dem Presseheft zitieren, denn es ist schon frappierend, was der Regisseur mit "Bastille Day" vor hatte - und was der fertige Film dann alles nicht einlöst. So ziemlich die gesamte Hall of Fame der Thriller-Regisseure ruft er da als Vorbilder auf, von Sam Fuller bis Walter Hill. Damit nicht genug: "Ich wollte einen Film drehen mit einer wirkungsvollen, gefährlichen Spannung wie in Sidney Lumets und William Friedkins Filmen".

Ist ja immer gut, Vorbildern nachzueifern. Wo sich allerdings all die Einflüsse in "Bastille Day" verstecken sollen, bleibt Watkins' Geheimnis. Der Plot ist aus Stereotypen zusammengezimmert, die polierten Bilder sehen nach Studio aus, die bombastischen Actionsequenzen sind uninspiriert inszeniert.

Dabei darf man dem Briten durchaus etwas zutrauen. Watkins' Thriller "Eden Lake" von 2008 mit Michael Fassbender genießt unter Fans Kultstatus. Der Film ist so blutig, dass er in Deutschland auf dem Index landete. Dass "Bastille Day" nun nie auch nur annähernd das von Watkins erträumte Niveau erreicht, hat, so darf man annehmen, viel mit den Produzenten zu tun. Die hätten dem Vernehmen nach gern den Franzosen Pierre Morel verpflichtet. Der verbricht regelmäßig Thriller-Kommerz wie "96 Hours" und pimpt seinen Euro-Trash mit Weltstars wie Liam Neeson auf.

Auch wenn James Watkins bei "Bastille Day" also als Ersatzmann einsprang, sieht der Film nach Pierre Morel aus. Und die Schauspieler schalten auf Autopilot. Nichts bleibt von dem Charisma, das Idris Elba als Warlord in "Beasts Of No Nation" verströmte, und "Game of Thrones"-Star Richard Madden bleibt völlig blass. In dieser schlechten Form haben sie trotz reichlich Explosionen, Verfolgungsjagden und Schusswechseln keine Chance gegen 22 Kerle, die auf einem Sportplatz einem Ball hinterherlaufen.

Im Video: Der Trailer zu "Bastille Day"

"Bastille Day"

    US/FR/DE 2016

    Regie: James Watkins

    Buch: Andrew Baldwin, James Watkins

    Darsteller: Idris Elba, Charlotte Le Bon, Richard Madden, Kelly Reilly

    Verleih: StudioCanal Deutschland

    Produktion: Anonymous Content, Vendome Pictures, StudioCanal

    Länge: 92 Minuten

    Start: 23. Juni 2016

  • Offizielle Website zum Film
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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
schwallofix5000 23.06.2016
1.
also wenn der film genau so ein "verbrechen" ist wie 96 hours. dann muss ich ihn unbedingt sehen, denn dann kann er ja nur gut sein :)
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