Batman, Bond und Co. Helden müssen heute heulen

Ein echter Hero - und Heulsuse? Aber ja. Was lange Zeit undenkbar war, findet endlich zusammen: Superhelden wie James Bond und Batman sind Kerle, die unter ihrem Panzer aus Eiseskälte und Einsamkeit ganz und gar gefühlvoll sind. Ein Hoch auf das moderne Männerkino!


"Ein Held ist einer, der fünf Minuten länger tapfer ist als der gewöhnliche Mann." So fabulierte es im 19. Jahrhundert Ralph Waldo Emerson, US-amerikanischer Philosoph, Schriftsteller, Transzendentalist, und anscheinend bereit, einfache Menschen recht schnell zu befördern: Denn wenn man nur fünf Minuten durchhalten muss, dann werden es eine Menge Leute schaffen, Helden zu sein.

In ihrem Gartenhäuschen in Massachusetts schrieb und formulierte die freundliche Intellektuellenclique um Emerson, Henry David Thoreau und Margaret Fuller ihre Bonmots und Grundsätze gegen einen zu starken Materialismus, gegen Rationalismus und für das friedliche Zusammenleben aller Rassen und Gruppen in einem großen, sonnigen Hippie-Camp.

Die Idee des einfachen Helden ist nie verschwunden. Die DDR kürte Zeit ihrer Existenz eifrig Helden der Arbeit, "die besondere Verdienste um den Aufbau und den Sieg des Sozialismus erworben haben" – Schweißerinnen, Bergmänner, Schneiderinnen, Bauern. Sie alle hatten irgendwann mal fünf Minuten länger geschweißt, gekloppt, geschneidert oder gemolken.

Die Tageszeitung "taz" vergibt jedes Jahr den "Panther"-Preis für "HeldInnen des Alltags" – in diesem Jahr hat der "Feldbefreier" Michael Grolm eine Auszeichnung bekommen, weil er sich durch Maisfelder schlägt, und die genmanipulierten Pflanzen durch unbehandelte Stauden ersetzt. Eine weitere ging an eine Frau, die mit Spendengeldern Schulen in Afghanistan baut.

Aber solche Fünf-Minuten-Helden von unten reichen natürlich nicht für Hollywoods Filmproduktionen mit Millionenbudget. Darum stöberte die Filmkunst beim Plotten stets eher in der Wiege des klassischen Helden der Antike: Der Held im Film ist und war eine Person mit herausragenden Eigenschaften.

Im alten Griechenland konnte der Held, passend zur Vielgötterei, recht schnell und unkompliziert Gott- oder Halbgottstatus annehmen. Und in der vom Comic inspirierten Filmgeschichte mutiert er zum Superhelden mit übernatürlichen Fähigkeiten.

Der moderne Held im (Action-)Film – nicht zu verwechseln mit dem "Filmhelden", der ja auch ein schlapper, ängstlicher Unglücksrabe sein darf – ist meistens drei Dinge: erstens männlich, zweitens überlegen (im körperlichen und geistigen Sinne) und drittens gerecht.

Seine weiteren Eigenschaften tun nichts zur Sache. Denn es ist für den Fortgang der Geschichte (und der Action) nicht wichtig, was ein Held fühlt, ob er Gewissensbisse verspürt, und welches schreckliche Kindheitserlebnis ihn zum verbissenen Überflieger gemacht hat. Schwäche zeigt der Held nur in Zusammenhang mit seinen Gefühlen, meist einer Frau gegenüber.

Oder gar nicht.

Genau darum war "Casino Royale", der erste Bond-Film mit Daniel Craig, ja ein solcher Coup. Denn der bis dato als zynischer Frauenflachleger bekannte Agent war das Gegenteil des Emersonschen Helden aus dem 19. Jahrhundert: stets um größtmöglichen Rationalismus bemüht, kalt, sarkastisch, menschenfeindlich, treu allein dem Vaterland.

Verglichen mit den martinikippenden und bondgirlsvernaschenden Connerys, Moores und Brosnans schien Craigs "Casino Royale"-Bond wie aus einem Ildikó-von-Kürthy-Buch zusammengeklöppelt. Er lachte, er scherzte, er liebte, er vertraute – und zwar so sehr und so früh, dass er den Namen seiner betrügerischen Geliebten noch vor der ersten Liebesnacht als Code für den Geldkoffer seines Gegenspielers Le Chiffre eingab.

Am Ende von "Casino Royale" passierte das, was den männlichen Super-GAU bedeutet, wenn man einmal das gefährliche Land der Emotionen betreten hat: Die Geliebte entpuppt sich als Herzensbrecherin. "The bitch is dead" sagt Bond zu M, und will, ganz wundenleckendes Liebesopfer, nicht glauben, dass sie sich eigentlich für ihn geopfert hat.

Der ungewöhnliche 007-Held George Lazenby wurde 1969 "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" zur Strafe für seine Gefühle, die ihn sogar zur Hochzeit verführten, komplett aus den Annalen gestrichen – er ist der einzige Bond-Darsteller, den keiner je wiedersehen wollte.

Modernes Heldentum und Gefühle passen eben nicht zusammen. Abgesehen von der angeblichen Schwäche, die Gefühle eben bedeuten, hat der Held ja normalerweise auch gar keine Zeit für den Schmu. Er muss das Goldene Vlies finden, den Drachen töten, den Sheriff von Nottingham verprügeln oder irre Multimillionäre am Welt-Wegbomben hindern.

Im neuen Bond ist der moderne Held Craig das Gegenteil seines Charakters in "Casino Royale". Alles, was ihn je menschlich machte – und damit weniger heldenhaft – liegt tief verschlossen in seinem kaputten Geheimagentenherz. Traumatisiert ballert und boxt er sich durch die Gegend, hat nicht mal Vergnügen an Wein, Weib und Gesang, er lacht nicht, er schläft nicht, er hat sich vorgenommen, seine von der Hexe aus Casino Royale so getaufte "Rüstung" nie wieder abzulegen. Übrigens die gleiche Rüstung, die seine Kumpels-im-Geiste Batman (in den Christopher-Nolan-Filmen) und Iron Man (wie der Name schon sagt) tragen: Sie schützt nicht nur, sie isoliert auch.

Das Motiv des traumatisierten Helden ist nicht neu - Batman musste zusehen, wie seine Eltern sterben, durch Spider-Mans Nicht-Eingreifen wurde sein Onkel Opfer eines Überfalls, der Waisenjunge Superman wurde als Kind allein in eine fremde Welt geschickt, und Iron Mans Aufenthalt im Wüstengefängnis hat ihn kirre gemacht.

Auch der neue Bond ist so ein einsamer und eiskalter Held mit Narben wie Moby Dick. Wie ein Gegenentwurf zu der langsamen gesellschaftlichen Annäherung zwischen Männern und Frauen erscheint der aktuelle Bond zunächst, ein Held, der eine Zeit beschwört, in der Frauen als schwächer galten, schlechter verdienten und für wichtige Posten nicht geeignet waren.

Das mag ein Quantum Trost für all die Männer sein, die, so heißt es ja allerorten in Umfragen und Untersuchungen, sich fürchten, weil sie sich ihrer Position als Held (der Arbeit, des Alltags) nicht mehr sicher sind. Wie sollten sie denn auch, wenn Frauen beruflich aufholen, Vaterzeit einfordern - und auch noch am Heldenthron sägen?

Dabei mäanderten zumindest die filmischen Heldensagen in die andere Richtung. Vor zwei Jahren drehte Martin Scorsese, nicht gerade für gefühlige Helden bekannt, ein Remake des Hongkong-Films "Infernal Affairs": In "The Departed" kämpfen Held und Antiheld zwar gegeneinander, schlüpfen aber jeweils in die Rolle des anderen – der Gute gibt sich als Schurke aus, der Böse hat sich bei der Polizei eingeschmuggelt. Und vor allem: Beide dürfen lieben, wenn auch die gleiche Frau. Die wiederum verknallt sich erst in den Guten, als der ihr in einer dunklen, vor Spannung knisternden Nacht Schwäche offenbart.

Auch der traumatisierte Bond und der einsame Bruce Wayne sind ja zutiefst emotionale Helden – denn ihre Verletzung beweist nichts anderes als die Tiefe ihre Gefühle. Und selbstverständlich wird der moderne Held mindestens fünf Minuten länger tapfer sein als alle anderen. Vor allem, wenn es um die Rettung der Welt geht.



insgesamt 24 Beiträge
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Haio Forler 10.11.2008
1. .
Ich sach' doch: irgendwann trinkt Bond Ayurveda-Tee. Dauert nicht mehr lange.
kunstdirektor 10.11.2008
2. Bond?
Wer ist Bond? Diese Action-Langeweile nervt. Aber am schlimmsten sind die gelangweilten Journaiilepraktikanten, die dieser Luftpumpe Zucker in den Arsch blasen.
DJ Doena 10.11.2008
3. Eindimensionalität
Eindimensionalität ist halt out. Und so unemotional war schon McClane nicht, der am New Yorker Flughafen nach seiner Frau brüllte, oder Rocky, der im RIng nach seiner Adrien schrie.
sam clemens, 10.11.2008
4. Netter Versuch, ...
... mehr aber nicht. Einerseits ist der filmgeschichtliche Exkurs gelinde gesagt unvollständig, wie schon DJ Doena bemerkt, andererseits ist die Wertung ein einziges textgewordenes Klischee. Die Damenwelt (oder zumindest die Autorin) sollte die Suche nach dem Traumprinzen aufgeben - das wäre mal ein ernstzunehmender Schritt in Richtung Emanzipation und in Richtung des real existierenden anderen Geschlechts jenseits von Moby Dick (ein Wal!!!), Robin Hodd (eine Erfindung) und Batman (eine gezeichnete Figur).
Dark Agenda 10.11.2008
5. Damals...
Vergessen wir doch nicht den Helden-Archetyp Achill, der um seinen gefallenen Freund Patroklos weinte. Natürlich dürfen Helden nicht wegen jedem Schnitt in den Finger losflennen, wie das manchmal so Mode ist.
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