"Beach Bum" mit Matthew McConaughey Fade Zudröhnung

Harmony Korine gelang mit "Spring Breakers" ein provokanter Publikumserfolg - jetzt erscheint sein neuer Florida-Film: "Beach Bum" begleitet einen hedonistischen Hallodri und sieht gut aus - das war's dann aber auch.

Constantin

Harmony Korines Filme provozieren und polarisieren. Schon sein Vorgängerwerk "Spring Breakers" über junge Frauen im Feierexzess wurde auf völlig verschiedene Weise rezipiert: als große Kunst gefeiert, aber auch als dilettantischer Trash belächelt. In der Teenie-Pop-Porno-Provokation wurden sowohl Kapitalismus- und Medienkritik als auch aggressiver Zynismus freigelegt. Ebenfalls unter der blendenden Sonne Südfloridas gedreht, kann "Beach Bum" als Fortsetzung des erfolgreichen Films von 2012 gesehen werden - jedoch fällt der Weiterdreh weitaus fader aus.

In "Beach Bum" geht es um die Eskapaden des dauerbekifften Dichters Moondog (Matthew McConaughey), der auf seiner Slacker-Odyssee auf nicht weniger verstrahlte Figuren trifft, dabei mit grellgrünem Ferrari durch Key West braust und auf einem mit "Well Hung" benannten Burnout-Kahn schippert, um sich darauf mit barbusigen Beauties zu vergnügen. Auf Bühnen rezitiert er vage pornografische Poesie, die oftmals einen liebevollen Blick auf seinen Penis beinhaltet - so auch das mehrfach zitierte "The Beautiful Poem" des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan, der laut Korine eine Inspirationsquelle für den Film darstellte.

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"Beach Bum": Bonbonbunte Momente

Moondog ist ein unverschämter Schwadroneur, der von seiner sehr wohlhabenden Frau Minnie (Isla Fisher) lebt. Obgleich diesem zugedröhnten Sloganizer von Belanglosigkeiten ständig von allen anderen attestiert wird, "he's from another dimension", enthält der Film uns diese Dimension vor. Seine vermeintliche Brillanz bleibt bloße Zuschreibung und Moondog selbst eine seltsam konturlose und flache Figur. Seine auf einer portablen Schreibmaschine getippten Texte wirken wie die Mitschrift eines halluzinatorischen Bewusstseinsstroms.


"Beach Bum"
USA 2019
Regie und Drehbuch: Harmony Korine
Darsteller: Matthew McConaughey, Snoop Dogg, Isla Fisher, Stephanie LaVie Own, Zac Efron, Martin Lawrence
Produktion: Iconoclast, Anonymous Content, Grisbi Productions
Verleih: Constantin Film Verleih
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Kinostart: 28. März 2019


Wäre die Geschichte einfach die eines charismatisch-debilen, im Moment lebenden Leistungsverweigerers könnte sie unterhalten. Doch sie ist allzu narzisstisch und gefällt sich in männlicher Anmaßung und Angeberei. Die kalkulierte Provokation entbehrt entweder Subtilität und Spontanität, vor allem ist der Plot allzu träge, um richtig in Schwung zu kommen.

Gags, davon wissen alle ihre Erfinder zu berichten, sind reine Balanceakte. In "Beach Bum" gibt es keine anarchische Komik, sie ist viel zu redundant, viel zu stilisiert und ordentlich gelenkt, um zu provozieren. Je länger wir mit Moondog und seiner abgehalfterten Slacker-Entourage abhängen, desto weniger interessant ist sie. Vielmehr schleppt sich der Plot in elliptischer Zähheit dahin und die Figurenentwicklung stagniert in hedonistischer Egal-Haltung.

Rosa glänzende Satinmorgenmäntel

Hochgradig imagebemüht und strategisch ist der gesamte Promi-Cast, den der Hipster-Regisseur Korine für seine Nummernrevue engagierte: Snoop Dogg als ikonischer Stoner, Jonah Hill als exaltierter Literaturagent Lewis und Martin Lawrence als alberner Captain Wack, der ins Wasser voller CGI-Haie springt, weil er meint, es handle sich um Delfine. Vor allem die Figur Moondogs spielt mit unserem Pop-Bewusstsein und dem vermeintlichen Image der Off-Screen Persona von Matthew McConaughey.

Vereinzelt amüsiert McConaugheys vernuschelter Slang und seine Körperperformance. Dauerbekifft neigt Moondog zu Unfällen und seine Körperkomik erinnert in ihren guten Momenten an die alter Stummfilmstars. Accessoires und Ornamente bringen Moondogs Körpergrenzen zum Flirren: Rosa glänzende Satinmorgenmäntel mit Federärmeln, kaputte, übereinander getragene Flip-Up-Brillen und bis zum Bauch offene Hawaiihemden inszenieren ein aufgebrochenes Verhältnis zum geregelten Raum.

Die Licht- und Farbgestaltung bescheren beglückende bonbonbunte Momente in Neonrosa und Lagunenblau. Ins Bild gesetzt hat den visuellen Irrsinn der belgische Kameramann Benoît Debie. Wie in "Spring Breakers" entwerfen Debies auf 35mm gedrehte Schwarzlicht- und Neonexzesse ein surreales Florida, das zugleich verkommen, traumhaft und klebrig aggressiv ist.

Trotz dieser abgründigen Schönheit Floridas bleibt das provokative Potenzial in "Beach Bum" aber weitgehend folgenlos, sodass man am Ende froh ist, wenn der Erfolg von "Spring Breakers", der 32 Millionen US-Dollar weltweit einspielte, in einem symbolischen Bild in die Luft geht.



insgesamt 4 Beiträge
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klogschieter 26.03.2019
1. Was ist das und was soll das?
McDingsbums als Kid Rock als Kerouac als der Musiker und ernstzunehmende Spinner Moondog? Wenn es auf dieser Welt etwas durch und durch Erzblödes und Überflüssiges gibt, dann ist das Kifferhumor beziehungsweise das, was diese trantütigen Eskapisten dafür halten in ihrem Dröhndöds.
brain0naut 26.03.2019
2. Leistungsverweiger
"Wäre die Geschichte einfach die eines charismatisch-debilen, im Moment lebenden Leistungsverweigerers könnte sie unterhalten" hm. mit einem wort, der dude. ich schätze, Korine wird kaum interesse an nem BigLebowski-rippoff gehabt haben. ausserdem, "SpringBreakers" schäumt ja auch nicht gerade über vor likeable-characters. "Doch sie ist allzu narzisstisch und gefällt sich in männlicher Anmaßung und Angeberei" hm. ist das nicht der punkt an der nummer? die in rosa verpackte misogynie seiner stoner-protagonisten dadurch schlicht deutlich zu machen? die hohlheit der "genialität" der figur moondog damit vorzuführen? "SpringBreakers" war ja auch zynisch bis zum anschlag in seiner satirirschen zelebrierung eines komplett falsch verstandenen feminismus.
Belasz 27.03.2019
3. Bemerkenswert
von Korines provokanten Filmen zu schreiben, und dann nicht weiter als bis zu seinem letzen Film zu blicken. Weil es die einzige Regiearbeit war, die das Kriterium Kasse erfüllt hat oder die einzige der Rezensentin bekannte ist? Eine Linie zu ziehen von Filmen wie Gummo über Mister Lonely zu Trash Humpers und dann Spring Breakers ergäbe den Blick auf ein faszinierendes Werk. Von einem "Weiterdreh" im Hinblick auf den vorangegangenen Film zu sprechen ist fürchterlich eng oder schlicht bösartig. Außerhalb etablierter Filmgrammatik zwingt Korine zu einem eigenständigen Standpunkt. Der Hinweis, wie der Film hätte unterhalten können, trifft wohl seinen Humor, scheint hier aber leider ernst gemeint zu sein. Bei den wenigen Filmbesprechungen finde ich es sehr richtig auf seinen neuen Film hinzuweisen. Bedauerlich, dass das so verständnislos geschah.
House_of_Sobryansky 27.03.2019
4. Angst 1,5
Ich habe auch Angst vor Sozialisationen, die Spaß an der Ausrottung haben. Man kann nur froh sein, dass diese psycho-fatale Ausgestaltung keine Relevanz hat. Nur eine Evidenz der Bescheidenheit, die natürlich angesichts barocker Entgrenzungen, wie in den 70ern, diese nur mit Retroetikett goutieren und verstehen kann.
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