Richard Curtis über seine Beatles-Liebe "Als spräche meine Mutter zu mir"

Er schrieb "Notting Hill", "Love Actually" - und jetzt die Beatles-Ode "Yesterday": Komödien-Guru Richard Curtis über die Pop-Pioniere, den Kitschradar von Danny Boyle - und das britische Feelgood-Bedürfnis in Zeiten des Brexits.

Die Beatles im Jahr 1968: "Diese Aura von regionaler Normalität"
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Die Beatles im Jahr 1968: "Diese Aura von regionaler Normalität"

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Zur Person
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    Richard Curtis, 1956 in Neuseeland geboren, verkörpert wie kein anderer die britische Kino-Komödie der Neunzigerjahre. Sein Drehbuch zu "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" begründete 1994 nicht nur den Ruhm der britischen Independent-Firma Working Title, es machte Hugh Grant zum Star und brachte Curtis eine Oscarnominierung ein. Der enge Freund von Komiker Rowan Atkinson schrieb zahlreiche Episoden der Comedy-Serien "Blackadder" und "Mr. Bean". Im Kino feierte er mit den Büchern zu "Notting Hill", "Bridget Jones" und "Love Actually" britische Blockbuster-Erfolge. Curtis dreht von Zeit zu Zeit auch selbst Filme, die Regie von "Yesterday" überließ er jedoch Danny Boyle.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Curtis, als Teenager wollten Sie bei einer Schulaufführung mit dem Beatles-Song "I'll Follow The Sun" auftreten, aber dann bekamen Sie die Band nicht zusammen und spielten stattdessen Brahms auf dem Klavier. Ich war überrascht, dass nun ausgerechnet dieses Lied nicht in "Yesterday" auftaucht.

Curtis: Oh wow, wo haben Sie denn das her? Aber es stimmt. Unsere Band sollte damals Versus heißen, ich finde ja immer noch, dass das ein ziemlich guter Name ist. Naja, aber "I'll Follow The Sun" ist jetzt sicher nicht der bekannteste Beatles-Song, und bei der Auswahl für den Film mussten wir uns für berühmte Beatles-Lieder wie "The Long And Winding Road" entscheiden, damit das Publikum diesen Aha-Effekt hat: Oh mein Gott, den kenne ich!

SPIEGEL ONLINE: Wieviel vom jungen Richard Curtis steckt denn in dem Musiker Jack Malik, der in "Yesterday" nach einem kosmischen Kurzschluss feststellt, dass er der einzige auf der Welt ist, der sich noch an die Beatles erinnert?

Curtis: Zum größten Teil basiert die Figur auf Ed Sheeran, der ja auch im Film mitspielt. Ed ist ein guter Freund von mir. Wie Jack Malik kommt er aus Suffolk und hat sich mit einem Mädchen verlobt, das er bereits zu Schulzeiten kannte. Der Rest von Jack bin ich wohl wirklich selbst, darüber nachsinnend, wie es gewesen wäre, als Musiker erfolgreich zu sein und von Lily James angehimmelt zu werden. Aber dieser Teil ist kleiner als in einigen meiner anderen Filme, denn die meisten Jungs in meinen Geschichten suchen ja immer verzweifelt nach Liebe. Jacks Fehler ist, dass er zunächst nicht kapiert, dass sie das Allerwichtigste im Leben ist.

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"Yesterday": Here comes the Kitsch

SPIEGEL ONLINE: Ihre Beschäftigung mit den Beatles reicht bis weit in Ihre Kindheit zurück. Was macht die Musik dieser Band so besonders für Sie?

Curtis: Ich liebte immer schon jede Art von Popmusik, aber die Beatles waren halt die Besten der Besten. Als das "Weiße Album" herauskam, war ich elf und im Internat. Ich hatte mitgekriegt, dass sie das ganze Album auf BBC Radio 1 spielen wollten. Also stand ich an diesem Tag um fünf Uhr morgens auf und setzte mich auf die Heizung in meinem Zimmer. Als die Oberin um acht hereinkam, war ich krebsrot und sagte, ich hätte Fieber. Also verfrachteten sie mich in die Krankenstation - und ich konnte da herumliegen und Radio hören. Ich war bereit, alles zu tun, um die Beatles zu hören.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie heute noch dasselbe wie damals, wenn Sie Beatles-Songs hören?

Curtis: Ja, das tue ich tatsächlich, ganz besonders, wenn ich die frühen Sachen höre, "Anytime At All", "Not A Second Time" oder "This Boy". Das fühlt sich für mich an, als spräche meine Mutter zu mir. Die Beatles waren einfach unfassbar gut, das konnte man hören, so wie man bei Marlon Brando gesehen hat, dass er besser war als alle anderen Schauspieler. Man spürt einfach, wenn man es mit purem Genie zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Heute gibt es viel mehr Musik als damals, Geschmäcker haben sich geändert, die Kids hören eher Hip-Hop und R&B. Warum glauben Sie, dass die Beatles-Lieder auch bei Jüngeren noch solche Macht entfalten können?

Curtis: Ja, man denkt immer, dass sie sich langsam in den Nebel der Nostalgie verflüchtigen müssten, aber dann fangen deine eigenen Kinder plötzlich an, Beatles-Songs in der Schule aufzuführen und die Lieder tauchen ständig in Casting-Shows auf. Die Beatles haben so viele Dinge ausgelöst, dass die Auswirkungen bis heute ausstrahlen. Und einer dieser Strahlen ist letztlich ja auch unser Film.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ed Sheeran, einer der größten Popstars unserer Zeit, eine ähnliche Wirkung wie die Beatles damals?

Curtis: Was er in jedem Fall hat, ist diese Aura von regionaler Normalität. So wie die Beatles. Sie waren einfach vier Jungs aus Liverpool, und Ed ist halt einfach ein lustig aussehender Bursche aus Suffolk mit ungepflegtem Bart. In seiner Stimme liegt eine große Wahrhaftigkeit.

SPIEGEL ONLINE: "Yesterday" ist eine leichte romantische Komödie, wie man sie von Ihnen gewohnt ist, Regie führte mit Danny Boyle aber Ihr Punkrock-Gegenpol aus dem britischen Kino der Neunziger. Als Sie die bürgerliche Komödie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" ins Kino brachten, schockierte er wenig später mit "Trainspotting". Wie heftig waren Ihre Auseinandersetzungen am Set?

Curtis: Ich war der erste, der Stress befürchtet hatte. Aber wenn sich Danny für ein Drehbuch entscheidet, das er mag, dann entscheidet er sich auch dafür, komplett in das jeweilige Genre einzutauchen. Er wusste ja, worauf er sich einlässt: dass es ein emotionaler Film sein sollte, der über die Beatles jubelt. Und letztlich hat er dann all seine umwerfenden visuellen Skills und seine ganze Energie als Regisseur angewendet, um etwas Fröhliches zu schaffen, ganz ohne Grusel- oder Schreckmomente. "Gegenpressing" nannte Danny dieses Konzept, einfach alles reinzuwerfen, was er hat. Ich glaube, den Ausdruck hat er vom deutschen Trainer des FC Liverpool, Jürgen Klopp.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese ungewöhnliche Kooperation also die beste Version des britischen Kinos?

Curtis: Haha, nein. Aber wir beide haben uns in den Dienst der besten Version britischer Kultur gestellt - die Beatles! - um etwas Liebenswertes zu erschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Damit das Kino-Publikum mit Großbritannien mal wieder etwas Schöneres verbindet als den Brexit und die hässliche Spaltung des Landes in EU-Freunde und -Gegner?

Curtis: Das war sicher nicht meine Intention beim Schreiben des Drehbuchs. Aber natürlich sind die Beatles so unfassbar britisch! Allein "Sgt. Pepper's" dreht sich nur um England, es geht um die Isle of Wight, um Liverpool, um DIY-Kultur und Musikpavillons. Und ja, je mehr du in "Yesterday" in ihre Songs eintauchst, desto mehr löst sich auch der Film von seiner reinen Lovestory und wird zu einer Geschichte über England. Die Beatles haben einst, mitten im Kalten Krieg, beim ersten global übertragenen Konzert, der ganzen Welt vorgesungen, dass alles, was du brauchst, Liebe ist. Wenn man also einen Film über die Beatles macht, dann sollte es immer ein Film darüber sein, Menschen zusammenzubringen.

Sehen Sie hier die Videokritik zu "Yesterday":

Universal Pictures

Hier können Sie unsere Filmkritik zu "Yesterday" lesen.



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