"Beautiful People" Vier Nächte im Hospital der Hölle

In seinem Debütfilm "Beautiful People" zeigt Jasmin Dizdar die Stadt an der Themse als Brücke zwischen den verschiedensten Menschen und empfiehlt: "Schlafen Sie niemals auf einem Hilfspaket!"

Von Gunnar Luetzow


"Beautiful People": Neues, cooles Britannien?

"Beautiful People": Neues, cooles Britannien?

Dicke Luft im Doppeldecker: Sieht man anfangs noch Menschen unterschiedlichster Herkunft, Lebensstile und Ziele, die einander so gut es geht ignorieren, durchbrechen zwei aus Bosnien stammende Fahrgäste den mit Mühe gehaltenen Minimalkonsens. Nicht einmal die Ermahnung des Busfahrers, das man sich im öffentlichen Londoner Personennahverkehr gefälligst zivilisiert zu benehmen habe, fruchtet: Der Zwist zwischen dem Serben und dem Kroaten mündet in einer Prügelei, die auch nach dem Rauswurf aus dem Bus mit allen Mitteln fortgesetzt wird. Ihr Ende findet sie erst im Krankenhaus, wo im kargen Dreibettzimmer bereits ein bei seinen eigenen Brandanschlägen verletzter walisischer Separatist auf die beiden Streithähne wartet.

So steigt "Beautiful People", der episodisch gestrickte Debütfilm des 39-jährigen Londoner Regisseurs Jasmin Dizdar, ein. Im weiteren, turbulenten Verlauf werden folgende Personen vorgestellt: Der einstige Basketballprofi Pero Gudzina, der Mann mit dem Ex-Leben. Er ist Ex-Soldat, hat mit seiner Ex-Frau eine Ex-Familie und stammt überraschenderweise auch aus Ex-Jugoslawien. Er lebt im Flüchtlingswohnheim. Seine Zukünftige, die er ebenfalls im Krankenhaus als Ärztin im Praktikum kennen lernt, stammt aus dem hochherrschaftlichen Haus einer sehr britischen und konservativen Familie: Papa Thornton ist Hinterbänkler bei den Tories. Ob das wohl gut geht mit den beiden?

Der Mann mit dem Ex-Leben

Der Mann mit dem Ex-Leben

Ebenfalls zu erleben ist ein BBC-Reporter, dessen schnuckelig-kreatives Heim in solider Lage mit putzigem Familienleben wohl den Vorstellungen des neuen, coolen Britannien entspricht. Doch der Preis seines materiellen Erfolges ist hoch: Seine Ehe ist zerrüttet und von seinem letzten Bosnienaufenthalt bringt er, nebst erschütternden Aufnahmen, auch gleich eine Wahnvorstellung mit: Seit er miterleben musste, wie einem Kriegsopfer ein Bein abgenommen wurde, mag auch er keine zwei mehr haben. Das jedoch stört seinen zynischen Vorgesetzten nur wenig, der sich für das kostengünstig eingesammelte Material herzlich bedankt: Daraus könne man ja eine ganze Serie machen, "Vier Nächte im Hospital der Hölle."

Und dann sind da ja auch noch Griffin Midge, ein besessener Fan der Tottenham Hotspurs und seine beiden bösen Kumpels Jim und Bigsby. Kriminelle Hooligans der harten Sorte, dem Konsum illegaler Substanzen alles andere als abgeneigt, der Ausländerfeindlichkeit wiederum mehr als zugeneigt. Ausgerechnet Griffin verschlägt es nach einem angetrunkenen Ausflug zum Endspiel gegen Holland in eine zerbrechende Welt, von deren Krieg er wenig wusste und deren Schrecken ihn im Schnellverfahren vom Saulus zum Paulus läutert.

Jasmin Dizdars eigene Geschichte ist die Geschichte einer langen Reise, die in Zenica, einer kleinen Stadt fünf Kilometer nördlich von Sarajevo ihren Anfang nahm: "Als ich 1987 das erste Mal nach London kam, erschien es mir ganz anders als das Westeuropa, das ich mir vorgestellt hatte. Natürlich hat mich beeindruckt, wie lebendig die Stadt ist, berstend vor Leben, elektrisch, geschäftig, voller Licht. Dahinter entdeckt man jedoch noch immer die Spuren des Empire, die alten viktorianischen Gebäude, in denen mir ein gewisses Geheimnis verborgen schien. Ich habe dieses Kleinstädter-Syndrom, und als ich erst einmal zum Studium in Prag war, wusste ich, dass ich auf dieser Welt nichts verpassen wollte. So bin ich dann mit dem Rucksack durch Europa gereist und in London gelandet und geblieben."

"Beautiful People" ist - trotz seines sentimentalen Hangs zum Happy End - ein sehenswerter Film geworden. Auch überzeugen seine tiefe Menschlichkeit und der bisweilen herbe Humor, mit dem die Härten des Lebens gleich viel besser zu nehmen sind. Und was genau hat der öffentliche Londoner Personennahverkehr mit all dem zu tun? Nun ja: Die Station, an der man, aus der südlichen Richtung von Dizdars Vorort-Wohnort Brockley kommend, gelegentlich umsteigen muss, um ins Zentrum zu gelangen, trägt einen schönen, sprechenden Namen: "London Bridge".

"Beautiful People". GB 1999; Buch und Regie: Jasmin Dizdar; Darsteller: Charlotte Coleman, Danny Nussbaum, Nicholas Farrell, Steve Sweeney, Edin Dzandzanovic, Rosalind Ayres, Heather Tobias, Siobhan Redmond; Verleih: Filmwelt; Länge: 107 Min.; Start: 5. Oktober 2000



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