"Being John Malkovich" Tunnel im Kopf

Hollywood im kreativen Aufschwung: Regie-Neuling Spike Jonze legt mit "Being John Malkovich" einen ebenso brillanten wie absurden Film über Identitätskrisen und Selbstsuche vor. Die bizarre Komödie gehört zu den Kino-Highlights des Jahres.

Von Jürgen Ziemer


Tunnelblick: Lotte (Diaz) und Graig (Cusack)
UIP

Tunnelblick: Lotte (Diaz) und Graig (Cusack)

Es gibt eine Menge Leute, die behaupten "Being John Malkovich" sei einer der besten Filme des Jahres. Das stimmt. Schon allein deshalb, weil sich lange niemand mehr eine so verrückte Geschichte ausgedacht hat: Der erfolglose Puppenspieler Craig Schwartz (John Cusack) wird von seiner Frau Lotte (Cameron Diaz) in einen Job als Aktensortierer gedrängt. Sein neuer Arbeitsplatz ist ein Büro in der 7 1/2 Etage eines New Yorker Bürogebäudes, wo die Decke so niedrig ist, dass die durchweg kauzigen Angestellten nur gebückt durch die 1,50 Meter hohen Räume schleichen können. Eine surreale Metapher für das Gefangensein im Alltag?

Möglicherweise, doch es kommt noch toller: Hinter einem Wandschrank entdeckt der Puppenspieler einen Tunnel. Der führt nicht etwa ins benachbarte Zimmer, sondern direkt ins Bewusstsein von John Malkovich (John Malkovich). 15 Minuten lang fühlt, sieht, riecht und schmeckt Schwartz mit den Sinnen des Schauspielers, danach fällt er buchstäblich aus heiterem Himmel neben eine Autobahn in New Jersey. Auch Lotte und Craigs Kollegin Maxine (Catherine Keener) rutschen daraufhin durch den geheimen Gang und sind ebenso verwirrt wie begeistert. Schnell schlägt das Trio aus der viertelstündigen Bewusstseinserweiterung Kapital und vermarktet den Tunnel als Erlebnistrip ins fremde Ich. Bis am Ende John Malkovich persönlich auftaucht und auch einmal rutschen möchte.

Will auch mal rutschen: Malkovich
UIP

Will auch mal rutschen: Malkovich

"Being John Malkovich" ist das Spielfilm-Debüt von Spike Jonze. Der 29-jährige Amerikaner, der eigentlich Adam Spiegel heißt, ist ein schrulliger "Weirdo", der prinzipiell nicht viel redet, schon gar nicht über seinen Film. Lieber lässt er Taten für sich sprechen. Bekannt wurde der als Wunderkind gehandelte Skateboarder durch Werbespots für Nike und Coca-Cola und durch seine fast schon legendären Musik-Clips für die Beastie Boys ("Sabotage") oder R.E.M.

Deren Sänger Michael Stipe war von der Zusammenarbeit mit Jonze so angetan, dass er sich als Produzent und Geldgeber an "Being John Malkovich" beteiligte. Dass sich auch John Malkovich auf diesen Spaß einließ, der immerhin zum großen Teil auf seine Kosten geht, zeugt von Selbstironie, hat aber auch etwas mit privaten Kontakten zu tun: Spike Jonze ist verheiratet mit Sofia Coppola, der Tochter von Francis Ford Coppola. Der rief Malkovich an und überredete ihn mit einem schlagenden Argument zu dem Projekt: "John, in ein paar Jahren arbeiten wir alle für den Jungen".

Wie man diese exzentrische Komödie interpretiert, das überlassen Stipe, Jonze und Charlie Kaufman, der Autor des brillanten Drehbuchs, ganz allein dem Zuschauer: Geht es darum, dass John Malkovich vom Puppenspieler Schwartz als Marionette missbraucht wird, damit jener sich somit selbst verwirklichen kann? Vielleicht. Aber was bedeutet dann die Tatsache, dass auch Lotte in den Körper des leicht schwabbeligen Stars schlüpft, um darin die schöne Maxine zu lieben? Die Purzelbäume, die dieser Film schlägt sind ebenso absurd wie brüllend komisch - beinahe so, als hätten die Monty Pythons eine Erzählung von Franz Kafka verfilmt.

Die verzweifelte Suche der Menschen nach Identität, Sinn und Kontinuität wird hier in Schwindel erregende Sphären getrieben. In atemberaubendem Tempo stellt "Being John Malkovich" jede Menge Fragen - die Antworten müssen wir uns schon selber ausdenken.

"Being John Malkovich". USA 1999, Regie: Spike Jonze, Buch: Charlie Kaufman, Darsteller: John Cusack, Cameron Diaz, John Malkovich. Verleih: UIP, Länge: 112 Minuten



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