Bergsteiger-Tragödie "Nordwand" Star aus Stein

Großes Kino, schwülstige Oper, cooler Clip: Die Bergsteiger-Tragödie "Nordwand" sollte das Meisterstück des Allround-Regisseurs Philipp Stölzl werden. Dafür stieg er sogar selbst auf den Eiger - und nahm SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt mit auf den Gipfel.

Was soll das, wieso tue ich mir das an? Leises Fluchen. Eine feuchte Felsrippe taucht im engen Kegel der Stirnlampe auf, ringsum jäh abbrechende Eisfelder.

Halb fünf Uhr morgens, eine dunkle Neumondnacht. Steigeisen knirschen, Karabiner klickern, zwischen den Stiefeln hindurch sieht er die Lichter im Tal, fern wie aus einem Flugzeugfenster. "Erstaunlich, was mit dem Mut der Verzweiflung geht", knurrt Philipp Stölzl. Er ist an der Grenze angekommen. Genau da, wo er immer hinwollte.

"Nordwand"-Darsteller Fürmann, Lukas, Friedrich (v.l.n.r.): Überlebenskampf im Schnee

"Nordwand"-Darsteller Fürmann, Lukas, Friedrich (v.l.n.r.): Überlebenskampf im Schnee

Foto: Majestic

Eigentlich wirkt Stölzl wie eine Fehlbesetzung auf dem Gipfelgrat des Eiger, einem fast 4000 Meter hohen Klotz aus Fels und Eis, der sich jäh über das Berner Oberland erhebt. Stölzls Schritte sind zaghaft, seine Funktionsklamotten neu. Er hat sich frei genommen von der Probenarbeit in Basel, wo ab Dezember seine Inszenierung des "Fliegenden Holländers" von Wagner gezeigt wird. Stundenlang kann er über Theater und Geschichte philosophieren; das hat er vielleicht von seinem Vater, der das Deutsche Historische Museum in Berlin geleitet hat und später Kultursenator in der Hauptstadt war.

Was also sucht Stölzl hier oben, schwitzend, mit einem schweren Rucksack, hoch über einem Gletscher, von dem her immer wieder Eisstürze dumpf grollen? Woher die Faszination am Risiko? Anlass ist sein gerade fertig gestellter Film "Nordwand".

Das Bergsteiger-Epos beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt vom Todeskampf zweier Seilschaften, die am Eiger im Juli 1936 umkamen. Die Nordwand galt damals als das "letzte große Problem" der Alpen, dem Erstdurchsteiger winkten Ruhm und eine Sondermedaille der Olympischen Spiele in Berlin.

Die beiden Helden, gespielt von Benno Fürmann ("Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken") und Florian Lukas ("Good Bye, Lenin!"), steigen gleichzeitig mit zwei konkurrierenden Bergsteigern aus Österreich in die unerforschte Wand, aus Ehrgeiz, Leichtsinn, aber auch aus Liebe: um ihrer Jugendfreundin (Johanna Wokalek) zu helfen, die Reporterin werden will und eine sensationelle Story braucht.

Das Wetter schlägt um, eine Lawine reißt alle Bergsteiger in den Tod, bis auf einen. Ein gewagtes Seilmanöver namens Pendelquergang verbaut ihm den Rückweg. Nach drei bitterkalten Biwaknächten ist er am Ende, ein Arm ist erfroren, aber er hat es fast geschafft. Es sind nur wenige Meter bis zu seinen Rettern.

Nun also steht Stölzl hier oben am Grat, als wollte er den tragisch gescheiterten Aufstieg seiner Hauptfiguren vollenden. Lohnt sich die Plackerei wirklich, das Krallen in Felsnischen mit den Stahlzacken unter den schweren Stiefeln? Und was will man überhaupt noch Neues erleben am Eiger, auf Postkarten verkitscht, von einer unterirdischen Touristenbahn durchbohrt, in Bollywood-Filmen zur Kulisse für Tanzeinlagen verkommen?

"Wir wollen möglichst nah ran an den Berg, wir wollen, dass sich die Zuschauer so fühlen, als hingen sie mit in der Wand", sagt Stölzl über seinen Film. Ihm selbst blieb diese Nähe bislang verwehrt, denn meist stand die Kamera zwischen ihm und der Natur. Drehs am Dachstein in Österreich, an Seilbahnstationen, in einem Kühlhaus, das als Studio diente. Aber kein zusammenhängendes Bergerlebnis vom Tal bis zum Gipfel und wieder zurück.

Von sich aus hätte er das nicht gemacht. "Kolja ist schuld", sagt Stölzl. Kolja Brandt, der Kameramann des Films, hat ihm diese Hochtour aufgeschwatzt vor zwei Jahren. In einem Helikopter knatterten sie damals auf der Suche nach Drehorten an der Route ihrer Helden entlang - fast zum Greifen nah an der Nordwand hoch bis zum Gipfel. Plötzlich sahen sie unter ihren Füßen den Mittellegi-Grat messerscharf zwischen zwei Abgründen. "Da müssen wir hoch", sagte Brandt. "Niemals", sagte Stölzl.

Jetzt steht er hier und weiß nicht weiter, sein Bergführer zieht behutsam am Seil und redet ihm gut zu. Kollegen beschreiben Stölzl als Perfektionisten. Ganz anders Brandt. Flüssig balanciert er über den handbreiten Eisgrat, lässig trägt er seinen Pferdeschwanz unterm Helm und schießt beiläufig Fotos - genau mit dieser Mischung aus Draufgängertum und Lockerheit rückte Brandt dem Berg bei den Dreharbeiten so dicht auf den Fels, dass die Wand im Film fast wie ein lebendes Wesen erscheint. Vor allem aber wirkt er authentisch, wie sogar die alpinistische Fachpresse lobt. Keine Selbstverständlichkeit, man denke nur an die dümmlichen Actionhampeleien in Filmen wie "The Eiger Sanction" oder "Cliffhanger".

Nicht nur Stölzl, auch Brandt war eine ungewöhnliche Besetzung für "Nordwand". Aufgewachsen in Kreuzberg im alternativen Milieu zwischen Kebab, Kinderläden und Kifferkneipen, wollte er eigentlich Fotograf werden, blitzte aber bei der renommierten Letteschule ab.

Er wurde Kameramann bei einem italienischen Nachrichtensender, und drängelte sich jahrelang mit einer Handkamera auf der Schulter durch Pressekonferenzen, nächtliche Unfallszenen und Vermischtes. Dann drehte er "Knallhart" mit Detlev Buck, eine brutale Milieustudie des Problembezirkes Neukölln. Brandts wacklige Handkamera sorgte für Aufsehen, sie wirkte unverstellt und authentisch.

Danach ging es steil aufwärts, thematisch gesehen, aus der Gosse auf den Gipfel. Nun bewegt sich der Kreuzberger souverän in der ihm eigentlich fremden Welt aus Eis und Fels. Seit den Dreharbeiten für "Nordwand" trainiert er mehrmals die Woche in einer Kletterhalle in Neukölln.

Der intellektuelle Opernregisseur und der quirlige Großstadtreporter - was für eine ungleiche Seilschaft. Am Vorabend der Tour sitzen sie vor der Berghütte. Wie auf einem Klassenausflug sind weitere Mitglieder des Filmteams dabei, Hauptdarsteller Lukas und Produzent Boris Schönfelder. Brandt tänzelt über die Felsen und fotografiert, Stölzl sitzt da und sinniert.

Drüben im Westen flackern Gewitter, Eisstürze rumoren unten am Gletscher. Eine Nebelbank verschluckt den Berg, dann reißt sie wieder auf wie ein Theatervorhang. "Mit dem Eiger verbindet mich eine Hassliebe", sagt Stölzl, "als Regisseur bist du gewohnt zu sagen, wo es langgeht, aber nicht in den Bergen. Berge sind zickig." Mit dem Kopf durch die Wand - nach diesem Prinzip flog Stölzl mehrmals in einem Hubschrauber die Route von 1936 ab, er brauchte diese Bilder aus dem Zweiten Eisfeld, aber das Wetter war zu warm, das Eis zu morsch für die Stuntmen, immerhin Spitzenbergsteiger wie Stephan Siegrist. Es war frustrierend.

Glücksfall Wettersturz und ein echter Skandal

Dann der Glücksfall: ein echter Wettersturz, wie damals 1936. Zufällig standen Stölzl und Brandt unter der Nordwand, als sie zu toben begann, Eisbäche spuckte, Geröll rotzte, ein vertikaler Hurrikan. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Viermal tauchen diese Zufallsbilder im Film auf.

Dramatische, erhabene Naturaufnahmen wie diese suchte Stölzl. "Die Bildwelt des Bergfilms ist ideologisch kontaminiert, seit die Nazis sie für sich vereinnahmt haben", sagt er. Nun will er hinter der Symbolik der Berge die nackte Physis wiederentdecken. Ein heikles Unterfangen, zumal für einen Provokateur wie ihn: Bekannt wurde Stölzl mit einem Videoclip für die Krawallband Rammstein, den er mit Leni Riefenstahls Bildern von der Olympiade 1936 untermalte. Der Clip kam auf den Index.

Dies Skandälchen zahlte sich aus. Stölzl hatte nun einen Namen als Enfant terrible und drehte 2002 den Spielfilm "Baby", der allerdings floppte. Er machte Videoclips für zahllose Musiker, von Madonna bis Westernhagen, dazu wagte er ab und an einen Pendelquergang hinüber ins Opernfach, besonders gern zu Richard Wagner.

"Nordwand" soll nun sein Meisterstück werden, eine Art Synthese seiner bisherigen Arbeiten: großes Kino, schwülstige Oper, cooler Videoclip, ein Tanz im absturzgefährdeten politischen Terrain. Diese Akrobatik führt zu einigen Verrenkungen, vor allem in der ersten Hälfte des Films. Stölzl liefert keine Superhelden in Lederhosen, im Gegenteil: Die beiden Hauptdarsteller werden zunächst als Rekruten in ihrer Kaserne gezeigt, beim Putzen eines Pissoirs.

Außerdem sprechen sie Hochdeutsch, was ein wenig die Illusion stört.

Und Ulrich Tukur als windiger, opportunistischer Journalist gerät durch das Drehbuch ebenso an den Rand des Klischees wie eine österreichische Seilschaft als Karikaturen strammer Nazis.

Wahres Heldentum dagegen ist den Liebenden vorbehalten: Die Reporterin, eine fiktive Figur, die bei den Originalereignissen 1936 nicht dabei war, kraxelt seilfrei durch die Wand, um ihren Geliebten zu retten. Dass diese pathetisch überfrachtete Konstruktion nicht abstürzt, verdankt der Film nicht zuletzt den eisigen Bildern von Brandt. Sie zeigen den Berg als eine Naturgewalt, die jeden Plan und Plot und Dialog wegfegt, wortlos und gewalttätig und physisch, wie man es selten im Kino sieht.

"Der Überlebenskampf im Schnee, das ist eigentlich der Kern der Geschichte", sagt Stölzl auf der Mittellegi-Hütte, als vor ihm der Nebel den Grat hochkriecht. "Ein Unwetter am Berg ist wie Wagner: ein Stimmungsbild ohne viel Handlung." Brandts Filmaufnahmen sind oft wackelig, teils hängen Wassertropfen auf der Linse, fast dokumentarisch anmutend wie in den Bergfilmen "Sturz ins Leere" (2005) oder "Am Limit" (2007), nur dunkler, unerklärlicher. Dazu wabernde Streicherklänge und das akustische Leitmotiv: Toktok, toktok - das Einschlagen von Mauerhaken in den Fels zur Sicherung der Seilschaft. Das Schlagen des Herzens, sagt Stölzl. Ein Wagner-Motiv.

Sturmwind tobt im Finale, Lawinen donnern, Dialoge verstummen, Farben verblassen fast bis zum Schwarzweiß, ein Landschaftsgemälde voller Schönheit und Schrecken, ein schwarzromantisches Gesamtkunstwerk.

Dann wird es ganz still. Der sterbende Held hängt im Seil, hilflos wie ein Gekreuzigter. Steigeisen knarzen auf Stein, nach viereinhalb Stunden Kampf mit dem Berg und sich selbst erreichen Stölzl und die anderen die Gipfelwächte.

Ein paar hilflose Triumphgesten, ein in die Höhe gereckter Pickel, Umarmungen. Unten Almen und Gletscher, oben Wolken und Weltraum. Die Stimmung ist gedämpft. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt.

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