"Berlin Alexanderplatz" auf der Berlinale Kaltes Kartoffelherz

Franz Biberkopf als afrikanischer Drogendealer, ein Literaturklassiker als Folie für ein Flüchtlingsschicksal: Burhan Qurbanis schmerzhaft aktuelle Verfilmung von "Berlin Alexanderplatz" hat Premiere auf der Berlinale.
Welket Bungué und Jella Haase in "Berlin Alexanderplatz": Auf der Suche nach Zuflucht in einer feindlichen Gesellschaft

Welket Bungué und Jella Haase in "Berlin Alexanderplatz": Auf der Suche nach Zuflucht in einer feindlichen Gesellschaft

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Stephanie Kulbach/ dpa

Ist er das jetzt, der große Wurf, der Wow-Effekt, auf den in diesem noch nicht recht zündenden Wettbewerb der 70. Berlinale alle warten? Am Mittwochnachmittag feierte mit "Berlin Alexanderplatz" der zweite deutsche Beitrag seine Weltpremiere, nachdem Christian Petzolds "Undine" zuvor zwar wohlwollend beklatscht wurde, aber hinter den Erwartungen der Kritiker zurückblieb. Der Druck, der auf dem dritten Spielfilm des 1980 in Erkelenz geborenen Regisseurs Burhan Qurbani lastet, könnte also, mit nur noch wenigen Filmen im verbleibendem Programm, größer nicht sein. Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, wenn die neuen Berlinale-Leitenden Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian diesen prestigeträchtigen Berlin-Film zur Eröffnung ihres ersten Festivals gezeigt hätten, als Statement. Aber dafür ist Qurbanis Klassiker-Adaption mit drei Stunden Laufzeit zu lang und wahrscheinlich auch zu kontrovers.

Dabei beginnt er mit starken Bildern, die dem Arthouse-Fan und -Verteidiger Chatrian gut gefallen haben dürften: Zwei Menschen kämpfen in einer blutrot gefärbten See gegen das Ertrinken, das Bild steht kopf, scharfe elektronische Töne stechen ins Trommelfell, dann setzen die sakralen Gesänge des Songs "Piel" des venezolanischen Musikers Arca ein. "Piel", das heißt "Haut", und darum, seine Haut zu retten, als Mensch gegen alle Widerstände und Versuchungen integer zu bleiben, Herz und Seele zu bewahren, geht es auch in dieser schmerzhaft aktuellen Version von "Berlin Alexanderplatz". Am Ende dieser eindrucksvollen Eröffnungssequenz stolpert der aus Guinea-Bissau stammende Francis (Welket Bungué) allein an einen europäischen Strand, seine Geliebte Ida ging im Meer verloren.

Regisseur Qurbani, l., mit Darstellern Jella Haase, Welket Bungué, Albrecht Schuch auf der Berlinale: Döblin als bildungsbürgerliche Folie

Regisseur Qurbani, l., mit Darstellern Jella Haase, Welket Bungué, Albrecht Schuch auf der Berlinale: Döblin als bildungsbürgerliche Folie

Foto: Gregor Fischer/ dpa

"Halb lebendig, halb tot" tritt er in sein neues Leben, erklärt eine Frauenstimme aus dem Off, sie stammt von Mieze (Jella Haase), die erst später im Film eine tragende Rolle spielt, aber schon jetzt von der Ankunft des Flüchtlings Francis in Berlin kündet - und seinem dreimaligen Scheitern daran, fortan nur noch "gut" zu sein. Diesen Schwur leistet er sich selbst, zum gottesfürchtigen Dank für die Chance auf eine Neugeburt. Dieser Francis ist ein moderner Wiedergänger des Underdogs Franz Biberkopf, der 1929 durch Alfred Döblins berühmten Roman und das allmählich ins Verderben kippende Berlin der späten Zwanzigerjahre streift. Qurbani, Deutscher mit afghanischen Wurzeln, sah Parallelen zwischen diesem Franz und den schwarzen Drogendealern, die er in seiner Nachbarschaft, auf der Kreuzberger Hasenheide alltäglich beobachtet.

"Ich wollte immer etwas über diese Jungs dort machen. Ich finde die Situation beschissen", sagte er im Interview  mit der "Süddeutschen Zeitung". "Da hast du diesen ultrabürgerlichen Park, wo die Mittelschicht mit ihren Kindern spazieren geht, und die kriegen ein ganz bestimmtes Bild von der Community in diesem Park: Schwarzer Mann gleich Dealer. Ich fand den Gedanken scheußlich und wollte einen Film über sie machen. Aber ich dachte: Egal, was du in Deutschland über die Community machst, es wird nicht wahrgenommen werden. Es wird versickern, und dann hat es keiner gesehen."

An Mut mangelt es nicht

 Also nahm sich Qurbani, der sich in "Shahada" (2010) mit der Lebenswirklichkeit junger Muslime und in "Wir sind jung, wir sind stark" (2014) mit den rassistischen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen beschäftigte, Döblins Klassiker als bildungsbürgerliche Folie, um Aufmerksamkeit auf ein marginalisiertes Milieu zu generieren. Fehlenden Mut kann man ihm nicht vorwerfen: Nicht nur Döblin drückt mit seiner literarischen Wucht auf das Projekt, sondern auch Rainer Werner Fassbinder, dessen Serie von 1980 die bisher letzte "Berlin Alexanderplatz"-Verfilmung war.

 Qurbanis Film hält all diesem Druck weitgehend stand, indem er seine eigene Bildsprache wählt: Die Erzählung ist wie eine Sinfonie in fünf Akten aufgebaut. Nachdem Francis durch den Verrat eines Kollegen seinen regulären, aber natürlich illegalen Job auf einer U-Bahn-Baustelle vor dem Roten Rathaus verliert, lässt er sich schließlich doch auf das Kobern des Hasenheide-Zampanos Reinhold (Albrecht Schuch) ein, der im Flüchtlingsheim mit Euroscheinen wedelt und Wohlstand verspricht, ein Leben, das mehr bereithält "als ein Butterbrot", wie es analog zu Döblin heißt.

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Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

Francis gerät also auf die schiefe Bahn, von der es auch kein Entkommen mehr gibt. Für die bürgerliche Welt bleibt er unsichtbar, sie ist im Film auch nie zu sehen, übrigens ebenso wenig wie der Lärm, das Getümmel, das Rasen - also das eigentliche Wesen der Großstadt. Alle Szenen spielen im Park bei den Dealern, auf nächtlichen leeren Straßen der Hauptstadt rund um den Alex – oder in Nachtklubs und Altbauwohnungen, die dezenten Zwanzigerjahre-Charme verströmen. Die Gangster-Freundschaft zwischen Reinhold und Francis ist toxisch, der körperlich versehrte Deutsche neidet dem Afrikaner seine Sehnsucht, seine Kraft und seinen Willen, etwas Besseres zu werden.

Selbst als Francis schließlich die Prostituierte Mieze/Kitty trifft und sich die Hoffnung auf Liebe und ein "normales" Leben auftut, lässt das Milieu den traumatisierten Flüchtling nicht los. Er greift nach der kriminellen Machtstellung auf der Hasenheide – und wird von Reinholds Niedertracht zu Fall gebracht. Auf einer Party ihm zu Ehren, steckt ihn der Deutsche in ein Gorillakostüm, während er selbst in Kolonialherrenkluft aufläuft. Da können die deutsch-afrikanische Barbesitzerin Eva (Annabelle Mandeng) und ihre markige Transgender-Partnerin Berta (Nils Verkooijen) noch so sehr im Champagnerrausch postulieren, dass sie "die neuen Deutschen" sind, die im Abseits zementierte Stellung von Migranten in der deutschen Gesellschaft bringt Qurbani mit diesem perfiden Mummenschanz auf den Punkt: Die Rotlicht- und Drogenszene unterhalb des Bürgertums ist auch nur ein Abbild des großen, undurchlässigen Ganzen.

Szene aus "Berlin Alexanderplatz" mit Welket Bungué: Moderner Franz Biberkopf

Szene aus "Berlin Alexanderplatz" mit Welket Bungué: Moderner Franz Biberkopf

Foto: Wolfgang Ennenbach/ dpa

Das ist als bittere Bestandsaufnahme des aktuellen deutschen Diskurses über Rassismus, gesellschaftliche Abschottung und rechten Terror ganz schön viel. Und es begeistert durchaus, dass sich Qurbani noch dazu entschieden hat, seinen "Berlin Alexanderplatz" nicht als naturalistisches Sozialdrama, sondern als ambivalente, immer wieder auch aus der Realität abstrahierte Parabel zu erzählen.

Ausgerechnet dem jungen Hauptdarsteller Welket Bungué, gelingt es jedoch nicht, zum emotionalen Zentrum des Films zu werden. Man bekommt kein Gefühl für die Qualen und inneren Zerreißproben seines Franz Biberkopf, auch die leider nicht sehr begabte Jella Haase ("Fack ju Göhte") ist ihm als Mieze keine große Stütze. So reißt den Zuschauer vor allem Albrecht Schuch mit seinen präzisen Manierismen und seinem Charisma als zerquälter, aber eben auch niederträchtiger Schurke mit – ausgerechnet die Kartoffel, um die es ja nun gerade nicht gehen sollte.

Daran scheitert dieser "Berlin Alexanderplatz" nicht, aber er wird es schwer haben, Qurbanis subversive Mission einzulösen, wenn das Herz seines Films streckenweise so leer und unbehaust bleibt wie der echte Alex an jedem gewöhnlichen Nachmittag. Oder der Potsdamer Platz während dieser Berlinale.

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