Berliner Türsteher Die Menschen hinter dem "Du heute nicht"

Sie beurteilen, wer cool ist und wer nicht: Die Kinodoku "Berlin Bouncer" porträtiert drei Türsteher aus dem Berliner Nachtleben. Aber ist das noch so legendär, wie weiterhin behauptet wird?

Farbfilm

Von Laura Ewert


Sie ist nicht totzukriegen, die Faszination am Berliner Nachtleben. An Frauen, die berauscht an Bars ihre Brüste blank legen. Körpern, die Stunden im Strobolicht zucken. Und an der Frage, ob im Berghain wirklich gebumst wird. Unzählige Kulturprodukte haben versucht, diese Faszination einzufangen, dabei wurde bewiesen: Nur Erzählbände über das Nachtleben sind furchtbarer als Serien darüber.

Dass die meisten Geschichten schon erzählt wurden, ignoriert Regisseur David Dietl nonchalant und begleitet für seinen Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" drei Servicemitarbeiter im Sicherheitsgewerbe, Schwerpunkt "Club". Es sind Männer, die darüber entscheiden, was aus der Nacht wird. Sie gelten als "legendär", zumindest wird das öfter behauptet.

Eine wichtige Frage des Films stellt Sven Marquardt, der gesichtstätowierte Türsteher, als der bereits halb vorbei ist. "Wollen die eigentlich mich oder das Berghain?", fragt er, als er über das gestiegene Interesse an seinen Fotoausstellungen spricht. Und diese Überlegung hat auch die Zuschauerin von "Berlin Bouncer": Geht es um Clubs oder das Leben der drei Protagonisten?

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7  Bilder
"Berlin Bouncer": Die Drei von der Türschwelle

"Exzessbetreuer" nennt sich Frank Künster, Türsteher und zuletzt Geschäftsführer des inzwischen geschlossenen Berlin-Mitte-Abschleppladens "King Size". Und verrät: Es gibt kein Geheimnis an der Tür. Sei einfach du selbst. "Hallo Samantha", begrüßt er eine junge Frau und küsst eine andere auf die Wange.

Smiley Baldwin war Türsteher im Cookies, hat heute eine Sicherheitsfirma, deren Angestellte freundlich bleiben und lächeln sollen. Er sagt, er handle nach Bauchgefühl, so male der Bouncer Nacht für Nacht das Bild des Abends. Kollege Marquardt sagt, er habe die Verantwortung darüber, dass die Menschen im Club genauso sein dürften, wie sie sind. Bei der Arbeit sieht man ihn nicht, Drehen im und am Berghain ist verboten. Auch eine Art, Faszination zu konservieren.

Unangenehm oft junge Frauen im Arm

Weil man also die Tätigkeit des Türstehers nicht zu fassen bekommt, wenn man sie nicht zeigen darf oder kann, weil sie im Kopf und Bauch passiert, möchte der Film die Menschen hinter dem "Du heute nicht" zeigen. Frank Künster etwa hat nach eigener Schätzung 5000 Bekannte in der Stadt, lebt mit vielen Bildern an den Wänden - halbnackte Frauen meist oder der Sonnenkönig. Unten drunter brutzeln die Briketts im Ofen und am Küchenschrank baumelt eine dicke Wurst.


"Berlin Bouncer "
Deutschland 2019
Regie und Drehbuch: David Dietl
Verleih: farbfilm
FSK: Ab 12 Jahren
Länge: 87 Minuten
Start: 11. April 2019


Smiley möchte nicht zeigen, wo er lebt, er hat Sorge um seine Kinder. Deswegen erzählt er von der Zeit als Polizist der in Berlin stationierten US-Armee und wie schön es war, als alle Respekt vor ihm hatten und wie schwierig, zu erfahren, dass das US-Militär auf den Berliner Ämter gar nichts zu sagen hatte.

Hier hätte man jetzt schön eine Geschichte erzählen können, über die Macht von Türstehern oder warum Künster unangenehm oft junge Frauen im Arm hat, aber dazu kommt der Film nicht, weil er noch so viel mehr erzählen muss: Dass dort, wo früher angesagte Bars waren, heute Immobilienunternehmen sitzen, dass Anwohner sich über Lautstärke beschweren, und natürlich darf der Mauerfall und seine Bedeutung für die Clubszene auch nicht fehlen.

Diese Erzählung übernimmt - wie so oft - Sven Marquardt, der in Ostberlin aufgewachsen ist und dort eine Ausbildung zum Fotograf bei der DEFA gemacht hat. Aber weil das scheinbar auch nicht reicht, lässt man ihn noch an die Ostsee fahren, über schwule alte Männer sinnieren, eine Ausstellung in Turin eröffnen. Und weil man jetzt eh schon den Durchblick verloren hat, wie das alles mit Berlin und Clubs zusammenhängt, begleiten wir noch Smiley auf seiner Suche nach Heimat, bei einer Reise auf die Virgin Islands, wo er seinem Onkel erzählt, dass Berlin sehr groß ist und Familienfotos von Staub befreit.

Im Video: Der Trailer zu "Berlin Bouncer"

Farbfilm

Die schönste Szene des Films zeigt Künster beim Klassentreffen in der Provinz irgendwo in Hessen, wo er und seine früheren Mitschüler sich mit maximalem Desinteresse aneinander unterhalten. Vielleicht ist das ja alles doch gar nicht so interessant mit dieser wilden Hauptstadt?

Nach 1000 Jahren Techno stellt sich zumindest auch bei ihren Bewohnern eine leise Ahnung ein: So wirklich Neues, also Trends, Revolutionsideen, entstehen im lauten Dunkeln der Clubs kaum noch. Cluberfahrungen sind keine Utopie mehr. Nur die Faszination bleibt diffus. Vielleicht wären die Porträtierten viel interessanter. Aber Dietl traut ihnen nicht. Lieber erzählt er die alten Geschichten.



insgesamt 3 Beiträge
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Newspeak 11.04.2019
1. ...
Ein guter Tuersteher laesst jeden rein, der nicht danach aussieht Stress zu machen, bzw. keinen, wenn der Club zu voll ist. Dieses ganze Gerede davon, dass der Tuersteher entscheidet, wie das Feeling an einem bestimmten Abend in einem Club ist, ist Unsinn. Waere dem so, wuerden am Eingang Psychologen stehen, und keine Boxer. Jeder vernuenftige Barbetreiber weiss, dass es nur auf eine Sache ankommt, naemlich ob der Kunde Geld im Club lassen will, sprich Alkohol trinken. Alles andere spielt eigentlich keine Rolle.
ZiggyOne 11.04.2019
2. @ newspeak
Meist bleiben die nicht deutsch aussehenden vor der Tür. Nicht die Stresser oder Besoffenen... Es geht aber ums Geldverdienen da stimme ich Ihnen zu.
MioMioMimi 12.04.2019
3.
Ich weiß ja nicht, in wie viele Clubs sie schon waren. Meiner Erfahrung nach, sind die Partys in Clubs, bei denen ordentlich ausgesiebt wird deutlich besser. Der Betreiber zielt auf ein bestimmtes Publikum ab und will dafür sorgen, dass sich jeder wohlfühlt wobei es gleichzeitig nicht langweilig werden darf (weil zu eintönig). Da wo jeder reinkommt, harmonieren die Menschen oft nicht. Nicht ambitionierten Clubgängen fällt das wahrscheinlich gar nicht auf.
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