Episodenfilm "Berlin, I Love You" Flieh, Engelchen, flieh!

Um den Episodenfilm "Berlin, I Love You" ist hinter den Kulissen Streit entbrannt. Doch auch vor der Kamera stimmt es nicht: Bei dem Versuch, die Vielfalt und Dynamik der Stadt abzubilden, scheitert das Werk redlich.

Warner Bros.

Von


Zwei Männer treffen sich an einem Sonntagmorgen zufällig am Ufer der Spree. Der eine trägt Frauenkleider, kommt aus einem Klub und hat Ärger mit seinem Freund. Der andere ist erst 16, wartet angeblich darauf, von seinem Vater abgeholt zu werden, und weiß nicht, ob er lieber Männer oder Frauen küssen möchte. Der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke macht aus dieser Begegnung eine hübsche, unterhaltsame Episode über Berlin als Großlabor für Lebensstile.

In zehn Episoden versucht "Berlin, I Love You" die Vielfalt und Dynamik der Stadt abzubilden. Er ist der fünfte Teil einer Reihe, die 2006 mit dem Film "Paris, je t'aime" begann. Das Konzept besteht darin, Liebesgeschichten aus den Metropolen dieser Welt zu erzählen. Es stammt von dem französischen Produzenten Emmanuel Benbihy, der noch weitere Stadtporträts plant, unter anderem eines über Shanghai.

Der Großteil des Berlin-Films wurde bereits 2017 gedreht, eine Episode mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei sogar schon 2015. Nicht zuletzt der Streit um diese Episode, der zwischen dem Lizenzgeber Benbihy und den deutschen Produzenten entstand (SPIEGEL 32/19) und dann immer weitere Kreise zog, sorgte dafür, dass "Berlin, I Love You" erst jetzt ins Kino kommt.

Fotostrecke

8  Bilder
"Berlin, I Love You": Kein Berlin-Film ohne Wenders-Zitat

Die Filme über Paris und New York, an denen Regisseure wie die Coen-Brüder, Alfonso Cuarón oder Fatih Akin und Schauspieler wie Natalie Portman, Gérard Depardieu oder Bradley Cooper mitwirkten, waren Potpourris aus individuellen Blicken auf die Städte und touristischem Sightseeing. Der Paris-Film hetzte durch alle 20 Arrondissements, er war eine Film gewordene Hop-on-hop-off-Bustour ohne Möglichkeit zum Hop-off.

Möglichst viel Stadt, möglichst viele Stars in rund zwei Stunden - diese Generallinie wurde im Lauf der Reihe ein Stück weit aufgegeben. Die deutschen Produzenten des Berlin-Films haben die Stadt eher in Milieus und Subkulturen unterteilt, in die Klubkultur, das politische Berlin, das Berlin der Flüchtlinge. Dann haben sie Regisseure gesucht, die sich für die jeweiligen Aspekte der Stadt interessieren.

Das Auto verweigert sich

So hat die iranisch-amerikanische Regisseurin Massy Tadjedin eine Episode über eine junge Britin (Keira Knightley) gedreht, die sich in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof um Flüchtlinge kümmert und eines Tages Besuch von ihrer Mutter (Helen Mirren) bekommt. Nebenbei erzählt Tadjedin dabei auch von dem Gefühl der Einsamkeit und der Leere, das einen in dieser Stadt unversehens befallen kann.

Berlin hat keine klare Identität, sondern ist in einem rasanten Wandel begriffen, von dem niemand weiß, wo er mal hinführen wird. Diese Stadt ist vielleicht der ideale Schauplatz, um von Menschen zu erzählen, die auf der Suche sind, nach einer Heimat, nach der Liebe, nach dem Sinn ihrer Existenz. Von solchen Sinnsuchern ist "Berlin, I Love You" bevölkert.


"Berlin, I Love You"
Deutschland 2019
Regie: Dianna Agron, Peter Chelsom, Fernando Eimbcke, Justin Franklin, Dennis Gansel, Dani Levy, Daniel Lwowski, Josef Rusnak, Massy Tadjedin, Til Schweiger, Gabriela Tscherniak
Buch: Fernando Eimbcke, Justin Franklin, Dennis Gansel, Alison Kathleen Kelly, Dani Levy, Massy Tadjedin, Gabriela Tscherniak, David Vernon
Darsteller: Keira Knightley, Helen Mirren, Luke Wilson, Jim Sturgess, Iwan Rheon, Hayden Panettiere, Dianna Agron, Mickey Rourke
Produktion: Bily Media Berlin, Rheingold Films, Shotz Fiction Film (line production), Walk on Water Filmproduction, Getaway Pictures, Ever So Close
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 120 Minuten
Start: 8. August 2019


Ein Mann, verzweifelt vor Liebeskummer, kommt nach Berlin, um sich das Leben zu nehmen. Er mietet einen Wagen, um sich damit zu Tode zu fahren. Doch das Auto fährt nicht nur selbstständig, es denkt auch selbstständig und lehnt es ab, als Mittel zum Suizid benutzt zu werden. Das ist ziemlich lustig. Ist es typisch Berlin? Der Wagen, der den Mann von seinen düsteren Gedanken abbringt, kommt jedenfalls aus Bayern.

Jede Stadt besteht aus ein paar einzigartigen und aus vielen anonymen Orten. Dass es in "Berlin, I Love You" Episoden gibt, die genauso gut auch in einer anderen Stadt spielen könnten, liegt in der Natur der Sache. Das Problem ist nicht, dass eine Bar in dem Film so aussieht wie in New York, Paris und Mailand. Sondern, dass sie hier zur Bühne für die darstellerische Eitelkeit eines Schauspielers wie Mickey Rourke wird.

Ferres berlinert wild

"Berlin, I Love You" hat kaum Probleme mit seinen Schauplätzen, wohl aber damit, sie adäquat zu füllen. Ein Waschsalon ist sicher ein Ort, an dem man sich viele interessante Begegnungen vorstellen kann. Doch hier wird er zur Kulisse einer eher ungelenken Episode, in der die #MeToo-Debatte aufgegriffen wird. Ein paar Frauen reden gerade über männliche Übergriffe, als ein besonders rüpelhafter Kerl durch die Tür kommt.

Diese Episode, die erst im vergangenen Jahr entstand, wirkt so, als solle sie davon ablenken, dass der Film im Grunde schon zwei Jahre alt ist und sich Berlin seither weiterentwickelt hat. Doch wenn Veronica Ferres in der Rolle der Waschsalon-Betreiberin dann auch noch anfängt, wie wild zu berlinern, wirkt eben alles falsch und aufgesetzt.

Im Video: Der Trailer zu "Berlin, I Love You"

Warner Bros.

Der Film ist stark, wenn er wenig will, wenn er einfach nur zwei Menschen bei ihren Gesprächen beobachtet, wie Eimbcke in seiner Episode. Oder wenn er die Stadt mit den Augen einer jungen Besucherin durchstreift wie ein Wunderland. Aber nicht selten wirkt er hohl, peinlich oder prätentiös. Statt mit den Klischees die er aufgreift zu jonglieren, fallen sie ihm immer wieder auf die Füße.

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kannebichler 08.08.2019
1. Oh je
Sie haben es geschafft: Veronica Ferres zu erwähnen. Ich hatte es gerade erfolgreich geschafft zu vergessen, dass es sie gibt. Und dann kommt dieser Artikel über diesen mediocren Film. Jetzt kommt alles verdrängte wieder hoch.
bhang 08.08.2019
2. Ja, gar nicht gut.
Die "I Love You"-Städtereihe über Paris, Rio, New York waren besser. Das einzige, was man dachte, als man den hier sah, war, "hoffentlich spielt Luke Wilson wieder in guten Filmen mit, wie etwa in denen von Wes Anderson"...
tortenmacher 12.08.2019
3.
So mies, wie man überall liest, ist der Film nicht. Eigentlich hat er Atmosphäre und teilweise schöne Bilder. Jede Episode hat unterschiedliche Stimmungen und Bildsprachen und jeder Zuschauer wird die eine oder andere Geschichte finden, die er mag oder eben nicht. Das ist bei allen Filmen dieses Formats so und liegt in der Natur des Konzepts. In "Berlin, I love you" werden einige der Geschichten im Laufe des Films wieder aufgenommen, bei "Paris je t'aime" gab es das nicht und führte zu einer additiven Aneinanderreihung. Das Resultat war ein Film ohne Zusammenhalt, in dem nur die Stadt die äußere Klammer war. Das war im Grunde wie Videoclips bei MTV. Der Verriss des Berlinale-Chefs, der Film sei grottenschlecht, ist überzogen und kann nur die Ursache in typischer deutscher Selbstkritik haben, getreu dem Motto, lieber nicht loben, denn das lässt höhere Ansprüche vermuten. Oder er wollte, wie man spekuliert, von der China-Problematik um Ai Weiwei ablenken. Veronika Ferres versucht zu berlinern, hält es aber nicht durch und sieht aus wie eine verbrauchte Putzfrau, meilenweit entfernt von einer MILF, wie sie peinlicherweise von ihren Kindern vor einem Jahr genannt wurde. Till Schweiger hat es irgendwie mit dem Thema Vater - Tochter. Könnte der überhaupt etwas produzieren, was nicht mit seiner eigenen Erfahrungswelt zu tun hat? Ob im Film, der Werbung, immer dieselbe Masche. So viel möchte man über seine Sichtweisen eigentlich gar nicht wissen. Dass der BR Hannelore Elsner als einzigen Lichtblick sieht, liegt daran, dass die Charaterdarstellerin in Bayern vermutlich als eine der ihren gefeiert wird. Vielleicht ist es auch eine Art Huldigung an die Verstorbene, das wäre noch nachvollziehbar. Schauspielerisch hatte sie in diesem Film jedenfalls keine Entfaltungsmöglichkeiten, so dass man sich über die BR-Einschätzung wundert. Interessant sind die Anspielungen an Wim Wenders. Melancholisch, entrückt, trist und trotzdem poetisch, lebensbejahend. Das kommt gut in der Geschichte mit der Besucherin aus Tel Aviv und dem Berliner rüber. Die Spuren des Dritten Reichs, des Krieges werden thematisiert, aber nicht penetrant, sie sind da, auch im Unterbewusstsein, aber letztendlich sind sie Vergangenheit. Vielleicht führen sie durch die Spurensuche zu besonders intensiven Wahrnehmungen. Die Szene in der früheren Wohnumgebung der Großmutter, die die junge Frau aus Tel Aviv aufsuchte, berührt ohne anzuklagen. Aber das war es dann auch, denn es geht um das Berlin von heute. Nach dem Film wissen auch alle, wie das Berghain von innen aussieht. Wer Berlin mag, wird diesen Film auch mögen. Er ist weitaus besser, als die schlechten Besprechungen es glauben machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.