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"Als wir träumten": Techno-Rausch statt Katerstimmung

Foto: Rommel Film/ Pandora Film

Bestseller-Verfilmung "Als wir träumten" Dreht den Bass auf, Jungs

Fünf Freunde, der Traum vom eigenen Techno-Klub und wenige Jahre, in denen alles möglich scheint: Andreas Dresens Verfilmung von Clemens Meyers Roman "Als wir träumten" spürt den Utopien der Post-Wendezeit nach.

Wenn der Traum aus ist, musst du ihn umso stärker feiern. Denn nicht seine Erfüllung ist das Grandiose am Traum. Sondern dass du überhaupt einen Traum hattest. Dass es in deinem Leben eine Zeit gab, in der du über das Jetzt hinaus gucken konntest.

Als Dani (Merlin Rose) seinen alten Freund Mark (Joel Basman) endlich findet, ist der Traum längst aus. Mark ist schwer drogensüchtig und dämmert im fahlen Licht des heruntergekommenen Kinos, zwischen dessen Sitzen er nunmehr lebt, seinem Ende entgegen. Ein letztes Mal versucht Dani bei seinem Freund die Erinnerungen an ihre ekstatischen Jahre nach der Wende zu wecken. Die Jahre, in denen sie im Chaos die Freiheit entdeckten.

Ein Filmprojektor wirft plötzlich seine Strahlen in den dunklen Raum, eine Hand reckt sich ins weiße Licht, es wandelt sich zum Scheinwerferlicht eines Klubs - und wir sind mittendrin in "Als wir träumten", Andreas Dresens Verfilmung von Clemens Meyers Bestseller, die am Montagabend Premiere im Wettbewerb der Berlinale feiert.

Zwei Poeten des Alltags haben hier zusammengefunden - oder besser gesagt drei, denn das Drehbuch hat der große Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny", "Sommer vorm Balkon") verfasst. Er hat Meyers wuchtige Prosa sanft geschliffen und die monumentale Geschichte einer Jungsclique im Leipzig der frühen Neunzigerjahre in Episoden überführt. Für den 83-jährigen Kohlhaase ist die Zeit von Techno, Ecstasy, Antifa und Nazi-Hools spürbar nicht die nächstliegende. Auch Dresen, Jahrgang 1963, merkt man die etwas mühsamen Schritte an, die er auf den Stoff zugehen musste.

Freiraum zwischen rechts und links

Doch die Annäherung an Meyers Figuren ist getrieben von den für Dresen typischen Motiven, nämlich vorurteilsfreier Neugier und wahrer Empathie. Und so fächert er die Geschichte von Dani, Mark, Rico (Julius Nitschkoff), Paul (Frederic Haselon), Pitbull (Marcel Heuperman) und Sternchen (Ruby O. Fee) derartig feinfühlig auf, dass sie am Ende gewohnt großherziges Dresen-Kino ist - nur eben mit mehr Bass, tatsächlich wie metaphorisch.

Denn ein eigener Techno-Klub, das ist der Traum, den die fünf Jungs gemeinsam haben. Noch ist Leipzig - und damit stellvertretend auch Ostdeutschland - nicht aufgeteilt; zwischen rechts und links, sozialistischer Vergangenheit und kapitalistischer Zukunft scheint noch viel Platz zu sein. Wieso diesen nicht nutzen - für einen Klub, für den Aufstieg zum Profiboxer, für die Liebe zu dem unerreichbaren Mädchen namens Sternchen?

Oft genug wurde die Post-Wende-Zeit als jahrelange Katerstimmung stilisiert, jüngst erst wieder in Burhan Qurbanis "Wir sind jung. Wir sind stark." über die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen. "Als wir träumten" dreht die Perspektive und macht anhand von Rückblenden in die Schulzeit von Mark, Rico und Dani verständlich, warum den frühen Neunzigern auch ein utopisches Versprechen innewohnte.

Sternchen zum Greifen nah

Im Unterricht wird für den Kriegsfall samt Krankenbaren und Umhängeschildern wie "Bauchschuss" geprobt. Wer sein Pioniertuch nicht tragen will, kommt vors Lehrertribunal: In leuchtend warmen Farben erscheinen die Episoden aus dem DDR-Alltag wie bunte Kinderkleidung, die die heranwachsenden Jungen ohne Wehmut ablegen. Nie wieder werden sie sich da reinzwängen müssen. Doch die Freiräume, die ihnen die blau-schattige Gegenwart bietet, schließen sich schneller, als sie wahrhaben wollen. Und plötzlich erscheint das letzte, worauf sie immer zählen konnten, auch in Gefahr: ihre Freundschaft.

Mit Dani als Hauptfigur führt Dresen durch die lose miteinander verwobenen Geschichten. Merlin Roses fein-kantiges Gesicht rechtfertigt das Interesse der Kamera an ihm, aber er ist nicht die stärkste Figur in einem reizvollen Ensemble. Gern hätte man mehr gesehen vom massigen Pitbull oder vom charmanten Rico, vom verklemmten Paul oder vom durchgeknallten Mark. Die einzige nennenswerte Frauenfigur, Sternchen, kriegt der Film ebenso wie Dani erst gar nicht zu fassen.

Als Ost-"Outsiders" oder Leipziger "Hexenkessel" funktioniert "Als wir träumten" denn auch nur leidlich gut. Wo die Romanvorlage kunstvoll Genrewucht entwickelte, zieht sich Dresen bewusst zurück. Posen werden nicht geglaubt, Selbststilisierung nicht mit bewundernder Kamera nachvollzogen. Diese feine Skepsis zeichnet Dresen als Filmemacher aus, der sich der Wahrhaftigkeit seiner Figuren stärker verpflichtet fühlt als dem Effekt.

Statt eines in seiner Kompaktheit überwältigenden Coming-of-Age-Epos hat er einen Film gedreht, der Lücken lässt und damit die Erzählung auch für politische Interpretationen öffnet. Wie Dani und Mark muss man sich letztlich entscheiden: Will man an der Gegenwart verzweifeln? Oder traut man sich, noch einmal zu träumen - von einem anderen Leben und vielleicht auch von einem anderen Land?