Filmnachwuchs auf der Berlinale Wir müssen ja nicht immer finden, was wir suchen

Wie leidet, wünscht und träumt die sogenannte Generation Y? Die Berlinale zeigt Antworten - und da ist viel Verzweiflung zu sehen. Aber ein Film macht Hoffnung.

"Die beste aller Welten"
RitzlFilm/ Berlinale

"Die beste aller Welten"


Wer auf der Apfelfarm Oklahoma im brandenburgischen Havelland tagsüber nicht genügend Äpfel pflückt, der kann nachts noch das verbliebene Soll aufholen. So gesteht es die Apfel-Chefin in Julian Radlmaiers "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" mit global-playerisch zur Raute geformten Händen zu. Wenn man also innerhalb der vorgegebenen Zeit nicht fertig wird, dann lässt sich der Feierabend problemlos nach hinten verschieben - es ist der feuchte Arbeitgebertraum von flexibler Arbeitszeit.

Die Programmauswahl der diesjährigen "Perspektive Deutsches Kino", der Plattform für den jungen deutschen Film auf der Berlinale, steht unter dem weit gefassten Motto der Generation Y, der sogenannten Millennials. Gezeigt werden Filme von Regisseurinnen und Regisseuren, die in den Achtziger- Neunzigerjahren geboren wurden und entsprechend unmittelbar vom Leiden, Wünschen und Verzweifeln dieser Millennials erzählen.

Jede Generation - das lernen wir im diesjährigen Programm - bringt ihre eigenen zeitlichen Ordnungen hervor, ihre eigenen Rhythmen, die wiederum das Leben, dessen Dramen und dessen feuchte Träume takten. Nun lässt sich ganz unterschiedlich davon erzählen: Flexible Arbeitszeit als grotesker Wirtschaftstraum ist eine Variante.

"Millennials": Leo (Leonel Ditsche) träumt von der Liebe
Florian Mag/ Berlinale

"Millennials": Leo (Leonel Ditsche) träumt von der Liebe

Jana Bürgelins Spielfilm mit dem sprechenden Titel "Millennials" zeigt eine andere: Ihr Film ist mit einer Zeit befasst, die davongaloppiert. Für Leo wird es höchste Eisenbahn, endlich seine Fotos auszustellen, für Anne wird es Zeit, ein Kind zu kriegen. Wo es die Menschen aus dem Rhythmus schleudert, den das Leben anschlägt, entstehen Resignation und Melancholie - so viel zur Diagnose dieses Films, mit der er sich, das muss man leider sagen, gerade angesichts der existenziellen Unzufriedenheiten seines Personals, fast fahrlässig zufriedengibt.

"Die beste aller Welten": Adrians Mutter ist heroinabhängig
RitzlFilm/ Berlinale

"Die beste aller Welten": Adrians Mutter ist heroinabhängig

Mascha Schilinski mit ihrem Film "Die Tochter" und Adrian Goiginger mit "Die beste aller Welten" nehmen einen anderen Weg. Zeitdiagnostik setzt für sie den Blick zurück in die Kindheit voraus. Ein Mitgeschleudertwerden im Rhythmus der Eltern - das ist das Drama dieser beiden Filme. Im ersten Fall geht es um ein kleines Mädchen, dessen Eltern sich im Griechenlandurlaub trennen, im zweiten um einen Siebenjährigen, dessen Mutter heroinabhängig ist. Gefangen in der Wiederholung, im Hin und Her der elterlichen Beziehung. Und gefangen in der zeitlichen Entgrenzung, in unzähligen zu Tagen gemachten Nächten.

Auch die Zeitordnungen der Kindheit gehören zur Realität der Millennials. Und dass Goigingers Film im Vergleich um Welten interessanter ist, liegt nicht daran, dass seine Tragödie schwerer wiegen würde, sondern daran, dass er sich inszenatorisch sehr viel konzentrierter mit solchen Ordnungen auseinandersetzt.

"Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes": Alltag auf einer ausbeuterischen Apfelplantage
faktura film/ Berlinale

"Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes": Alltag auf einer ausbeuterischen Apfelplantage

Mindestens unter solchen Gesichtspunkten ist "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" allerdings die spannendste Arbeit der diesjährigen Programmauswahl. Radlmaier spielt sich darin selbst, inszeniert sich als denjenigen, der dabei ist, den Film zu planen und zu drehen, den wir gerade sehen. Eine wild-erregte Suche nach dem Kommunismus, der Utopie der Kunst und dem Sex. Zusammen mit Camille, mit der er dringend schlafen will und der er die Hauptrolle in seinem Film verspricht, reist Julian als Erntehelfer auf die Oklahoma-Apfelfarm.

Es sei eine Recherchereise, so gibt er vor, um jene Zeit zu gewinnen, die es braucht, um Camille endlich rumzukriegen. Die hingegen will aber nicht so recht zurückflirten und reist stattdessen mit ihren neu gewonnenen Freunden, Hong und Sancho, sowie mit einem rätselhaften Mönch, den man auch Franz von Assisi nennen kann, nach Italien, um dort einen Kommunismus ohne Kommunisten zu finden.

Eine Art Automatismus: Will man auf den Punkt bringen, worum es in diesem Film geht, hat man sich schon verzettelt. Der Gag daran ist, dass dieser Film am ehesten noch davon handelt, dass sich eben nichts mehr auf den Punkt bringen lässt. Unzählige zeitliche Ordnungen scheppern hier derart wild durcheinander, dass sich von einem einheitlichen Lebensrhythmus nicht mehr sinnvoll sprechen lässt. Mit der Ernte muss man sich beeilen, um nicht nacharbeiten zu müssen, die Liebe lässt sich nicht realisieren, weil Julian stets den richtigen Zeitpunkt verpennt, aus längst vergangenen Jahrhunderten kommt der heilige, stumm vor sich hin klugscheißende Franz von Assisi vorbei, und der Obrigkeit des Betriebs ist das ewige Leben sicher: Die Chefin kommt zwar einmal brutal zu Tode, steht aber dennoch wieder auf.

Dann widersetzt sich der Film auch noch seinem eigenen Ende, erzählt sich noch weiter, obwohl er eigentlich gerade im Kino zu Ende ging: Eine Szene zeigt, wie eben jener Film, den wir gerade sehen, einem Publikum auf dem Filmfestival von Venedig schon zur Diskussion gestellt wird. Der vertagte Feierabend - wenn man nicht fertig wird, macht man eben nach Schluss noch weiter. Das Kino hat sich den feuchten Traum der ökonomischen Herrscherkaste einfach geschnappt und träumt ihn jetzt selbst. Flexible Kinozeit!

Gerade im Kontext seiner Kolleginnen und Kollegen im jungen deutschen Film fällt auf, wie klug und gelassen Radlmaier mit den Problemen einer modernen jungen Lebensrealität und ihren Zeitlichkeiten umgeht. Nicht, weil er sie intellektuell zerlegt und in selbstreferenzielle Metaspielchen überführt, wo sie sich dann endlos vor sich hin verkomplizieren können, sondern weil er sie wild scheppern lässt.

Fotostrecke

18  Bilder
Berlinale 2017: Die Filme im Wettbewerb

Hier gehen die zeitlichen Ordnungen mit der Welt durch wie die Fortpflanzungshormone mit Julians Körper. Klug ist das alles in dem Maße, in dem es komisch ist - und "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" ist ein perfekt pointierter und unglaublich witziger Film. Weder den Kommunismus noch den Sex findet er am Ende. Na und? Wir müssen ja nicht immer finden, was wir suchen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.