Berlinale-Film "7 Tage in Entebbe" Mitten im Nahostkonflikt

Inszenierung des Flugzeug-Geiseldramas in Entebbe im Sommer 1976: Faktenreich zerlegt Regisseur José Padilha im Polit-Thriller "7 Tage in Entebbe" israelische und links-ideologische Mythen.

Dass er sich auf ein politisches Minenfeld begibt, war José Padilha bewusst. "Na ja, auf mich wurden am Set schon Granaten geworfen, insofern war ich froh, dass es bei diesem Film immerhin kein echtes Minenfeld war", sagt der brasilianische Regisseur, der sich mit "7 Tage in Entebbe" erneut als Meister des faktenbasierten Polit-Thrillers beweist.

Akribisch und in minutiöser Inszenierung widmet sich Padilha in seinem Wettbewerbsbeitrag der Entführung eines Air-France-Passagierflugzeugs durch deutsche und palästinensische Terroristen. Nach einer Woche wurden die Geiseln am 4. Juli 1976 durch ein israelisches Spezialkommando auf dem ugandischen Flughafen Entebbe befreit.

Mehr als ein Dutzend Mal ist dieser ideologisch befrachtete Terrorakt bereits in Spiel- und Dokumentarfilmen bespiegelt worden. Doch Padilha, der 2007 mit seinem Polizei-Thriller "Elite Squad" den Goldenen Bären gewann, gelingt dennoch ein neuer, in die Gegenwart deutender Ansatz. Damit hätte er gute Chancen, auf dieser Berlinale zu den Gewinnern zu gehören, wenn "7 Tage in Entebbe" nicht außer Konkurrenz programmiert worden wäre.

Konsequent vermeidet Padilha eine Parteinahme und Heldenerzählungen. Yonathan "Yoni" Netanyahu beispielsweise, älterer Bruder des heutigen Ministerpräsidenten von Israel und heroisierter Befehlshaber des Angriffstrupps der "Operation Thunderbolt", spielt nur eine Nebenrolle. Sein Tod, nicht durch die Entführer, sondern durch ugandische Milizen, wie Padilha klarstellt, wird in einer Beiläufigkeit inszeniert, die in Israel für Aufsehen sorgen wird. Das Drehbuch von Gregory Burke ("71") basiert auf einem Buch des Historikers Saul David und konzentriert sich auf andere Aspekte des einwöchigen Geiseldramas.

"Was mich an seiner Recherche interessiert hat, war, dass sie das Ereignis nicht als militärische Operation betrachtet, wie es bisher fast immer der Fall war", sagt Padilha. Nachdem er eigene Nachforschungen betrieben hatte und sich mit Beteiligten, Zeitzeugen und Politikern getroffen hatte, um seinen eigenen Faktencheck zu machen, war er Feuer und Flamme, seine Version der Entebbe-Dramaturgie zu inszenieren. Dass er als Brasilianer einen neutralen Blick auf die erhitzte Nahost-Debatte behalten konnte, sieht er als Vorteil: "In Brasilien beschäftigen wir uns nicht viel mit Israel. Man kriegt mit, was passiert, aber es ist kein großes Thema."

Linke Revolutionäre, die Juden selektieren

Mehr Zeit als auf den Heldenmythos, auf den "Bibi" Netanyahu seine politische Karriere als Hardliner aufbaute, verwendet Padilha in seinem Film auf die deutschen Terroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike), damals essenzielle Mitglieder der RAF-nahen Revolutionären Zellen. Sie wandeln sich von marxistischen Revolutionstheoretikern zu überforderten Nervenbündeln, nachdem sie von ihren palästinensischen Kameraden in die absurde Situation gedrängt werden, jüdische Passagiere zu selektieren. Dabei wollten sie alles anders machen als die Nazis - und die Faschisten, das sind doch eigentlich die Zionisten? So wollte - und will - es zumindest die linke Kampfrhetorik, doch vor Ort, konfrontiert mit Auschwitz-Überlebenden und zum Gebrauch der Waffe gezwungen, argumentiert es sich nicht mehr so geschliffen.

Tanz als Teufelskreis-Metapher

Auch auf israelischer Seite sind die Dinge kompliziert: Während sich im schmuddelig-stillgelegten Terminal des Flughafens von Entebbe das klaustrophobische Geiseldrama entfaltet, debattieren in Jerusalem Verteidigungsminister Shimon Peres (Eddie Marsan) und Premierminister Yitzhak Rabin (Lior Ashkenazi) über die richtige Strategie. Peres, der Falke, plädiert für den Militäreinsatz, auch wenn er tödlich enden kann und diplomatische Verwicklungen nach sich zieht; Rabin weiß, dass es eigentlich klüger wäre, zu verhandeln, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden.

Ein israelisches Dilemma, das bis heute ungelöst bleibt. Padilha, dessen erster Film "Ônibus 174" (2002) eine Dokumentation über eine Bus-Entführung in Rio de Janeiro war, begibt sich faktendicht und emphatisch in diesen Druckkessel der radikalen Ideologien und existenziellen Ängste hinein, dessen explosive Dramaturgie sich auch in Entebbe letztlich nur mit Gewalt entladen konnte. Eine Teufelskreis-Metapher, die Padilha mit der suggestiven Choreografie des israelischen Batsheva-Ensembles verstärkt, die den Plot umrahmt. Die Tänzer in Ohad Naharins berühmter "Echad Mi Yodea"-Performance von 1990 entledigen sich nach und nach ihrer orthodoxen Kleidung, Symbol für die notwendige Abkehr von Dogmen, um den ewigen Konflikt - vielleicht - zu lösen. Einer der Tänzer behält seinen schwarzen Anzug stets an, und während die anderen sich ruckartig von ihren Stühlen erheben, fällt er leblos nach vorne.

In "7 Tage in Entebbe" kommt, außer der hilfsbereiten Flugzeug-Crew und den Geiseln, von denen glücklicherweise fast alle überlebten, fast niemand gut weg. Aber so leicht, die Welt in Gut und Böse, richtig oder falsch zu unterteilen, macht es sich dieser kluge, aufklärerisch motivierte Zeitgeschichtsthriller eben auch nicht. Das ist, in Zeiten von Fake News, Verschwörungsrhetorik und hermetischen Filterblasen, viel wert.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels fehlte der Hinweis, dass "7 Tage in Entebbe" im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wird.

Und was ist sonst noch sehenswert? Die Berlinale-Favoriten unserer Kritiker*innen

Fotostrecke

Berlinale 2018: Die besten Filme des Festivals

Foto: DREIFILM
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.