Österreichs Filmemacher gegen rechts "Nur weil Österreich klein ist, bedeutet das nicht, dass es nicht gefährlich ist"

Mit der Initiative #KlappeAuf rufen Österreichs Filmschaffende auf der Berlinale zum Protest gegen rechts auf. Mitinitiatorin Ruth Beckermann über die Ziele und Vorläufer der Aktion.
Szene aus "Waldheims Walzer"

Szene aus "Waldheims Walzer"

Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion
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imago/ Seeliger

Ruth Beckermann, geboren 1952 in Wien, ist eine der profiliertesten Dokumentarfilmerinnen im deutschsprachigen Raum. Für ihr experimentelles Filmporträt von Ingeborg Bachmann und Paul Celan "Die Geträumten" gewann sie u.a. den Preis der Diagonale. Ihr jüngster Film "Waldheims Walzer" hat gerade Weltpremiere auf der Berlinale gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Beckermann, Sie gehören zu den Initiatorinnen von "#KlappeAuf", einer Initiative österreichischer Filmschaffender gegen "Verhetzung und Entsolidarisierung", die sich soeben auf der Berlinale präsentiert hat. Worum geht es bei "#KlappeAuf"?

Beckermann: Wir Filmemacherinnen mit Arbeiten auf der Berlinale wollten zunächst einfach nur den Mund aufmachen und uns mit unseren Filmen gegen die aktuelle österreichische Regierung positionieren. Im Anschluss hoffen wir aber, uns mit anderen internationalen Filmschaffenden zu vernetzen, die vielleicht eine andere Agenda haben, zum Beispiel gegen die AfD Stellung beziehen wollen. Unter dem Hashtag #KlappeAuf wollen wir kleine politische Spots produzieren und im Internet verbreiten. Das kann sehr gern eine europäische Initiative werden - wir beginnen nun einfach mal damit.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich als Gruppe zusammengefunden?

Beckermann: Wir haben uns auf Initiative des Schauspielers Lukas Miko und des Kameramanns Gerhard Ertl hin getroffen. Wir waren 25, 30 Leute und überlegten, wann und wo wir etwas gegen die neue Regierung machen könnten. Die erste Gelegenheit, zu der wir uns öffentlich positionieren konnten und wollten, war dann die Verleihung des Österreichischen Filmpreises am 31. Januar. In einer gemeinsam geschriebenen Rede, die Lukas dort verlesen hat, haben wir den Fokus auf die Beteiligung von rechtsextremen Burschenschaftlern an der Regierung gelegt - denn von denen sitzen rund zwanzig auf verschiedenen Kabinettsposten und in den Parlamenten.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Protestrede ist es nicht geblieben, mittlerweile gehört eine Vielzahl an österreichischen Kreativen wie Ulrich Seidl, Jessica Hausner, Klaus Maria Brandauer und Birgit Minichmayr zu Ihren Unterstützerinnen. Wie kam es dazu?

Beckermann: Drei Tage vor Verleihung des Filmpreises haben wir zusätzlich angefangen, Unterschriften unter unseren Aufruf zu sammeln - Ende Januar waren es schon 300 Unterschriften, mittlerweile sind es über 600. Man kann sagen, dass fast die gesamte Filmbranche Österreichs unterschrieben hat.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die Zahl der Unterschriften überrascht?

Beckermann: Nein. Die breite Unterstützung hat sich schon beim Filmpreis gezeigt. Wir hatten vereinbart, dass wir 50 ursprünglichen Aktiven nach Lukas' Rede aufstehen und uns so zu erkennen geben. Von den rund 1000 Gästen an dem Abend sind dann fast alle mit uns aufgestanden - auch die kürzlich gewählte Landesfrau von Niederösterreich, wo der Filmpreis ausgerichtet wurde. Für eine ÖVP-Politikerin ist das fast schon ungewöhnlich - und ein gutes Zeichen in unserem Land. Der eigentliche Skandal ist nämlich, dass die ÖVP so bereitwillig in eine solche Koalition getreten ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Beteiligung von Burschenschaftlern denn so entscheidend für Sie als Filmschaffende? Wichtiger erscheint mir, dass die Schnittmenge von ÖVP und FPÖ in der Kulturpolitik so groß ist, dass man nun gemeinsam schnell durchgreifen will - zum Beispiel beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Beckermann: Natürlich, die interessieren sich tatsächlich weniger für die kleine Filmbranche, sondern für die großen Medien, speziell den Rundfunk, den sie grundlegend umbauen wollen. Wir haben in Österreich leider kaum noch eine seriöse Presse - es herrschen verkommene Medien wie die primitiven Gratiszeitungen oder die "Kronen"-Zeitung vor, die das völlig unkritisch begleiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb Ihre Initiative auf der Berlinale vorgestellt? Sind Sie auf Koalitionen mit internationalen UnterstützerInnen angewiesen?

Beckermann: Absolut, aber leider kommt von außen so wenig Kritik an Österreich. 2000 bei der ersten schwarz-blauen Koalition gab es noch Sanktionen der EU gegen Österreich - damals waren Westeuropa und die USA ganz anders ausgerichtet. Jetzt haben wir Trump und Orbán, Le Pen und AfD - und so gut wie niemand zeigt mit dem Finger auf unser Land. Dabei war Österreich, wie Karl Kraus gesagt hat, schon einmal das Laboratorium des Weltuntergangs. Nur weil Österreich klein ist, bedeutet das nicht, dass es nicht gefährlich ist.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem aktuellen Film "Waldheims Walzer" zeigen Sie, wie im Verlauf von Kurt Waldheims Kandidatur 1986 zum österreichischen Bundespräsidenten seine NS-Vergangenheit herauskommt, er aber trotzdem gewählt wird. Sie gehörten damals zu den Kreativen, die gegen Waldheim mobilisiert haben. Was haben Sie aus Ihren Erfahrungen damals mitgenommen?

Beckermann: Vor der Waldheim-Affäre war das Land wie unter einer Glocke - so viele Dinge waren tabuisiert. Als Jüdin habe ich mich auch nur selten geäußert, weil ich sofort angegriffen wurde. Die Waldheim-Affäre hat das Verdrängen und Verschweigen auf grausliche Weise aufgebrochen und gezeigt, dass es auch andere Menschen in Österreich gibt. Das sind seitdem meine Freunde. Bei aller Unzugehörigkeit habe ich mich doch zugehörig gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: War es denn nicht trotzdem auch eine Niederlage? Trotz erdrückender Beweise, dass Waldheim über Jahrzehnte hinweg über seine Nazi-Verstrickungen gelogen hatte, wurde er gewählt.

Beckermann: Nein, ab dem Zeitpunkt seiner Wahl ist die Diskussion über ihn, aber auch über Österreichs Nazi-Vergangenheit nicht mehr abgerissen. 1988, 50 Jahre nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, wurden schon ganz andere Debatten geführt und Mahnwachen mitten in Wien abgehalten. Zum ersten Mal hat man der Opfer von 1938 gedacht. Davor war ja Österreich das alleinige Opfer - da konnte es quasi keine anderen Opfer geben. Da hat sich vieles doch zum Besseren gewandelt. Das darf jetzt aber nicht mehr zurückgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: "Waldheims Walzer" ist, das haben Sie erzählt, auch entstanden, weil junge Leute in Ihrem Umfeld kaum etwas über die Affäre wussten. Was waren die Reaktionen der Jüngeren auf den Film?

Beckermann: Die haben sofort von Trump und Le Pen geredet; warum solche Leute trotz ihrer Lügen gewählt werden und womit sie die Leute überzeugen. Das populistische "Wir gegen die", das auch Waldheim so geschickt eingesetzt hat, lässt sich heute wieder überall finden. Ich habe von einigen Leuten deshalb auch schon gehört, dass für sie mein Film der "Film der Stunde" sei. Ein beklemmendes Lob, denn die "Stunde", in der wir uns befinden, ist ja eine schlimme.

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