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06. Februar 2019, 17:45 Uhr

Dieter Kosslicks letztes Programm

Das 5 x 3 der Berlinale

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Am Donnerstag eröffnet die Berlinale ein letztes Mal unter Dieter Kosslick. Zum Abschied gibt es ein Programm, das vor allem in seinen Nischen Aufregendes und Entdeckungen verspricht. Der Überblick.

Ob Dieter Kosslick eine gewisse Aufräum-Show auf Netflix geschaut und nun nach der KonMari-Methode klar Schiff gemacht hat? In seinem letzten Jahr als Leiter der Berlinale kommt das Festival jedenfalls vergleichsweise schlank daher: 17 Filme im Rennen um die Bären sowie sechs Jurorinnen und Juroren, die darüber entscheiden. Und Netflix-Filme sind auch dabei!

Ansonsten lässt einen das Programm etwas ratlos zurück. Wo sind die reizvollen Namen jenseits von Fatih Akin oder Agnieszka Holland, wo ist der rote Faden? Aber wir wollen es auch wie Marie Kondo halten und mit System ausmisten. Bis zur Preisverleihung am 16. Februar werden wir so viele Filme wie möglich an unser Herz drücken und uns fragen: Bereiten sie uns Freude? Hier sind 15 Produktionen und Personen, die das Zeug dazu haben und dazu fünf Wege durch das Programm bieten.

3 x Dokumentarisches

Als "Rückgrat" des diesjährigen Forum-Programms haben die Interims-Leiterinnen der Sektion den neuen Film von Thomas Heise bezeichnet. "Heimat ist ein Raum aus Zeit" hat aber auch das Potenzial, zum Rückgrat der gesamten Berlinale zu werden. In einem irren Akt der Selbstarchivierung arbeitet sich der 63-jährige Heise in vier Stunden Laufzeit durch seine Familiengeschichte - von der Vernichtung des Wiener Teils der Familie im Holocaust bis hin zum verblassenden geistigen Erbe seiner Eltern, den kritischen DDR-Intellektuellen Rosemarie und Wolfgang Heise. Am Ende kommt man in der Gegenwart sowohl eines unruhigen Menschen als auch eines unruhigen Landes an.

Allein aus Archivbildern sowie Originalschriften des Schweizer Dokumentaristen René Gardi hat Mischa Hedinger seinen ersten langen Dokumentarfilm "African Mirror" (Forum) montiert. Gardi prägte ab den Fünfzigerjahren mit Büchern und Filmen das Afrikabild in der Schweiz. Was man in seinen Aufnahmen erkennt, hängt, wie es der Titel schon sagt, maßgeblich von einem selber ab. Der genaue Blick lohnt sich also - auch deshalb, weil Gardi 1960 im Berlinale-Wettbewerb vertreten war und einige bezeichnende Szenen davon zu sehen sind. Wie ähnlich sich Filmfestivals und Völkerschauen doch waren und womöglich noch immer sind...

Mit einem Pilz den Kapitalismus zu erklären, hat zuletzt Anna Lowenhaupt Tsing mit ihrem Buch "Der Pilz am Ende der Welt" versucht. Ähnliches wagt der Hamburger Dokumentarist Bernd Schoch nun mit seinem Film "Olanda" (Forum). Er folgt dazu einer Truppe von Pilzsammlern in den Karpaten durch ihren beschwerlichen Alltag. Die mitunter märchenhafte Erzählung ist dabei verwoben mit Drones von Sonic Boom und Gedichten übers Pilzsammeln von Peter Handke.


3 x Filme übers Kino

Mit Justin Chang von der "LA Times" ist 2019 einer der besten Filmkritiker der Gegenwart in der Internationalen Jury vertreten. Die berühmteste Kritikerin des vergangenen Jahrhunderts ist dagegen in der Sektion Panorama Dokumente dabei: "What She Said" porträtiert Pauline Kael (1919-2001), die im "New Yorker" über Jahrzehnte hinweg ihre furiosen Urteile fällte. Nicht nur als Vorbereitung auf Rob Garvers Film die Lektüre wert: Kaels wegweisender Aufsatz "Trash, Art, and the Movies".

In Zeiten der Digitalisierung stellt sich die Frage, was wann in welche Art von Archiv aufgenommen wird, umso dringender. Die Sektion Forum sowie ihre Ausstellungserweiterung Forum Expanded widmen sich deshalb verstärkt den "Archival Constellations". Neben diversen Panel-Diskussionen im Filmprogramm: "What We Left Unfinished", Mariam Ghanis Spurensuche nach fünf unvollendeten Filmen, die zwischen 1978 und 1991 in Afghanistan entstehen sollten, doch Zensur und politischen Unruhen zum Opfer fielen.

Wie findet man als junge Filmemacherin zu seinem Stoff? In "The Souvenir" (Panorama) zeichnet die Britin Joanna Hogg ihre eigenen Wege und vor allem Irrwege ins Filmgeschäft fiktionalisiert nach. Noch nicht meta genug? Regie-Kollege Richard Ayoade ("Submarine") spielt dabei einen Regisseur, und Hoggs Alter Ego wird verkörpert von Honor Swinton Byrne, der Tochter von Tilda Swinton, die wiederum die Mutter der Hauptfigur spielt. Schon vor dem Jurypreis in Sundance einer der meisterwarteten Filme der Berlinale.


3 x Theater

2019 bedient sich die Berlinale aber nicht nur beim Kino als Inspirationsquelle: Auch die Verbindungen zum Theater springen einen an. So ist die Theater- und Filmschauspielerin Maryam Zaree, die als Autorin auch schon den Heidelberger Stückemarkt gewann, mit ihrem Debütfilm "Born in Evin" in der Nachwuchsreihe Perspektive Deutsches Kino dabei. In der Doku geht sie ihrer eigenen Geburt nach: Wie konnte es dazu kommen, dass sie im Teheraner Evin-Gefängnis, einer der berüchtigtsten Haftanstalten der Welt, geboren wurde?

Eine ganze Konferenz und noch dazu in seiner alten Wirkungsstätte, der Berliner Volksbühne, hält die Woche der Kritik (WdK) zu Ehren von Christoph Schlingensief ab. "Intensivstation Kino: Bitte eine Dosis Schlingensief" lautet der Titel der Konferenz, die die WdK am Mittwochabend ausrichtet. Ab Donnerstag wechselt die Kritiker*innen-Reihe dann wieder ins Kino und zu Filmen: Im Kino der Hackeschen Höfe verbindet die WdK bereits im fünften Jahr Screenings und Diskussionen, diesmal unter anderem mit Filmen von Albert Serra und Nathan Silver sowie Whit Stillman und Nina Power als Gästen.

Mit dem Ehren-Teddy für Theaterautor und -Regisseur Falk Richter ("Smalltown Boy") scheint es wie mit dem Goldenen Bären 2018 für "Touch Me Not" zu sein: Kein Preis für ein Kino, das schon ist, sondern eines, das man sich noch wünscht. Jenseits der Bühne hat der diesjährige Gewinner des queeren Ehrenpreises der Berlinale nämlich noch nicht viel gewirkt. Aber das kann ja noch werden. Und während es wird, gilt das Augenmerk der Panorama-Reihe, aus der heraus der Teddy-Award entstanden ist, ohnehin seiner eigenen Geschichte: Zum 40. Bestehen laufen 13 Filme aus vier Jahrzehnten, darunter erstmalig die digitalisierte Fassung von "Buddies", dem ersten Film über Aids.


3 x Angela Schanelec

Ausgerechnet Vertreter der sogenannten Berliner Schule haben es auf der Berlinale immer wieder schwer gehabt. So wird sich Thomas Arslan ungern an den Wettbewerb 2013 erinnern, und Christian Petzold kann sich zu Recht ärgern, dass es für "Transit" 2018 keinen Preis gab. Nun rückt Angela Schanelec erstmalig in den Wettbewerb vor. In "Ich war zuhause, aber" verschwindet ein 13-jähriger Schüler für eine Woche, das Geschehene lässt sich jedoch weder von ihm noch seiner Familie ohne weitreichende Konsequenzen rekonstruieren.

Von Schanelec aus führen noch weitere Spuren durch das Berlinale-Programm. So hat sie bei "Ich war zuhause, aber" zum ersten Mal mit Ivan Markovic als Kameramann zusammengearbeitet. Der ist auch noch mit seinem Regiedebüt vertreten: Das Forum zeigt "Chun nuan hua kai", einen kurzen Spielfilm über einen Nachtwächter in Beijing, von Markovic zusammen mit Wu Linfeng auf Mandarin gedreht.

Und nicht zuletzt gehört Schanelec zu den deutschsprachigen Filmemacherinnen, denen die Berlinale ihre Retrospektive mit dem Titel "Selbstbestimmt" gewidmet hat. Neben Klassikern wie "Unter dem Pflaster ist der Strand" von Helke Sanders-Brahms oder "Zur Sache, Schätzchen" von May Spils läuft dort "Das Glück meiner Schwester", Schanelecs Abschlussfilm von 1995. Zu der Retrospektive ist zudem ein Buch erschienen, in dem u.a. Schanelecs Darstellung von Stadträumen erkundet wird.

3 x Regiedebüts von Schauspielern

Chiwetel Ejiofor verkörpert bei der diesjährigen Berlinale gleich zwei Trends: Zum einen ist sein Film von Netflix eingekauft worden, ihm ist aber ein regulärer Kinostart zugesichert worden. Damit erfüllt Ejiofor die von Kosslick gesetzten Bedingungen an einen Streamingfilm - und sein Survival-Drama "The Boy Who Harnessed the Wind" (Berlinale Special) kann neben Isabel Coixets Wettbewerbsbeitrag "Elisa y Marcela" als zweiter Netflix-Film in den Hauptreihen laufen. Zum anderen ist der oscarnominierte Hauptdarsteller aus "12 Years a Slave" einer von mehreren Schauspielern, die in Berlin ihr Regiedebüt präsentieren.

Denn auch Jonah Hill ("Maniac") hat sich hinter die Kamera gewagt. "Mid90s" (Panorama) erzählt nach autobiografischen Motiven von einem Zwölfjährigen, der so dringend Anschluss an eine coole Skater-Clique sucht, dass er mehrfach höllisch auf die Fresse fliegt - im übertragenen wie im konkreten Sinne. Ein sanft nostalgisch durchwirkter Blick auf das, was wir für ein wenig Zugehörigkeitsgefühl bereit sind zu geben, der ab dem 7. März auch regulär im Kino läuft.

Die Welt kennt ihn als Pablo Escobar aus der Netflix-Serie "Narcos", in Berlin ist Wagner Moura vor allem wegen seiner Wettbewerbsfilme ein gern gesehener Gast. So spielte er 2008 im umstrittenen Gewinnerfilm "Tropa de Elite" mit und war 2014 am "Praia do Futuro" zu sehen. Mit dem Filmporträt "Marighella" des brasilianischen Schriftstellers und Politikers Carlos Marighella ist Moura nun erstmalig als Regisseur im Wettbewerb dabei, wenn auch außer Konkurrenz.


Die Berlinale läuft vom 7. bis 17. Februar. Das komplette Programm finden Sie hier.

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