Neuer Film von Christian Petzold auf der Berlinale "Titanic" im Stausee

Eine mordende Wassernixe, die sich für die Liebe wandeln will – daraus strickt Christian Petzold ein modernes Märchen. Paula Beer und Franz Rogowski brillieren in "Undine" - der jetzt auf der Berlinale Premiere feiert.
Paula Beer als "Undine" in Christian Petzolds gleichnamigem Film

Paula Beer als "Undine" in Christian Petzolds gleichnamigem Film

Foto: Marco Krüger/ Schramm Film/ Berlinale

Der neue Film des Regisseurs Christian Petzold zeichnet sich durch eine demonstrative erzählerische Unbeholfenheit aus, die man wahlweise dreist oder mutig finden kann. In "Undine" begegnen sich zwei hübsche junge Menschen, die beide dem Element des Wassers zugetan sind, nicht etwa in einem Ozean, sondern in den bescheidenen Fluten eines Zierfischaquariums.

Dieses Aquarium steht in einem Berliner Café und zerbirst just in dem Augenblick, als die Historikerin Undine, die Titelheldin des Films, zum ersten Mal dem schüchternen Berufstaucher Christoph gegenübersteht. Die Frau reißt den Mann zu Boden, um ihn vor Glasscherben und Aquariumsfelsbrocken zu schützen. Beide landen auf dem Rücken und blicken sich, umgeben von mickrigen Zappelfischen, Algengrün und Pritschelwasser, in aller Seelenruhe in die Augen.

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Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

Der Film "Undine", mit dem Christian Petzold im Wettbewerb der Berlinale antritt, bevor er Ende März in die Kinos kommt, ist ein Märchen. Paula Beer spielt Undine, das Wasserwesen. Sie ist vom Mythos dazu verdammt, jeden Kerl, der sich von ihr lossagt, abzumurksen und nach vollbrachtem Mord in feuchte Tiefen zu verschwinden. In Petzolds Version wohnt die völlig schuppen- und flossenfreie Heldin wie eine moderne Allerweltsfrau in einem Apartment in Berlins Mitte und arbeitet als Museumsführerin.

Ihr Job ist es, Touristen aus aller Welt riesige Stadtmodelle aus der Berliner Vergangenheit zu erklären – und ganz besonders die absurden Pläne für den Wiederaufbau des Stadtschlosses im ehemaligen Sumpfland (Achtung: Hier nässt die Symbolik!) des Berliner Zentrums. 

Todesdrohung mit stählernem Blick

Im Privatleben hat Undine einen äußerst windigen Kerl namens Johannes (Jacob Matschenz) zum Freund. Der verkündet ihr an einem Cafétisch unter freiem Himmel, er mache wegen einer anderen Frau Schluss mit ihr. Undine droht ihm mit stählernem Blick prompt den Tod an. Wenige Minuten später aber läuft ihr der Taucher Christoph über den Weg, der von Franz Rogowski mit wunderbar sanftmütigem Charme verkörpert wird. Das Aquarium zerplatzt – und Undine beschließt, den Ausbruch aus dem ihr angeblich vorbestimmten Schicksal zu wagen.

Der Regisseur Petzold ist offenbar stolz auf seinen Ruf als Geisterseher und Gespensterjäger unter den deutschen Filmemachern. Er hat 2005 in "Gespenster" die Schauspielerin Julia Hummer als kulturbegeisterte Streunerin durch ein surreal verwunschenes Berlin geschickt. Er hat 2007 in "Yella" die Abenteuer einer von Nina Hoss dargestellten rätselhaften Managerin geschildert, die im Moment ihres Todes ihr Leben an sich vorüberziehen sieht. Und er hat in "Transit" 2018 einen eigentlich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielenden Fluchtroman von Anna Seghers in ein diffuses Heute verlegt und bereits in diesem Film Paula Beer und Franz Rogowski als hinreißendes Liebespaar inszeniert.

"Es ist ein armseliger Spielraum, den die Mythen der Männer Undine lassen."

Christian Petzold

Von "Undine" sagt Petzold nun, das Werk sei der Beginn einer Trilogie über Motive der deutschen Romantik – und eine Abhandlung über die Zwänge der Liebe. Er sehe, so verkündet der Regisseur zum Film, einen leider nur "ganz armseligen Spielraum, den die Märchen und Mythen Undine lassen, die Mythen der Männer".

Tatsächlich erzählt "Undine" keinesfalls eine besonders komplizierte Befreiungsgeschichte, sondern ein herzerwärmendes Liebesdrama. Man sieht Christoph in einem Industrietaucheranzug in einem Stausee irgendwo im Westen Deutschlands seiner Unterwasserschweißarbeit nachgehen. Man sieht ihn in jungenhafter Begeisterung auf einem Provinzbahnsteig entlangrennen und in das Fenster des Zuges winken, als die zarte Undine ihn besucht. Und man sieht die beiden im Bett knutschen, mit einem Spielzeugtauchermännchen hantieren sowie ausgiebig bei gemeinsamen Schwimm- und Tauchexkursionen unterm Stauseefloß herumtollen.

Ein Film für die Verliebten dieser Welt

Sehr oft ist Cembalomusik von Johann Sebastian Bach zu hören, der natürlich kein Komponist der deutschen Romantik ist, aber doch immer für heiter-erhabene Stimmung sorgt. Einmal berichtet Undine über ihr Zusammensein mit Christoph: "Das hat mich glücklich gemacht. So glücklich, wie ich noch nie war."

Es folgt eine Wiederbegegnung mit dem untreuen Ex-Lover Johannes, die für diesen nicht gut ausgeht. Und es gibt eine Trennung der beiden liebestollen Protagonisten, die als emanzipatorischer Akt der Titelheldin mehr behauptet als begreiflich gemacht wird. Aber im Grunde ist hier nicht plausible soziale Interaktion das Thema, sondern Hingabe an das romantische Wunder der Liebe. Nicht die merkwürdig hölzern präsentierten Handlungswendungen verhelfen "Undine" zu einer in vielen Momenten berührenden Intensität und nicht die ein bisschen betulichen Kameraausflüge ins Wasser.

Die Körper- und Herzensbrunst zwischen Undine und Christoph ist das alleinige Kraftzentrum des Films. Leicht pathetisch gesagt: Seit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in "Titanic" hat man nicht mehr zwei verliebte Menschen so anmutig im Wasser herumplanschen sehen wie Paula Beer und Franz Rogowski. Das macht "Undine" zu einem Film, den man den Verliebten dieser Welt heiß empfehlen kann. Ob dieses Werk allerdings im Wettbewerb eines strengen Arthouse-Festivals wirklich gut aufgehoben ist, soll lieber die Jury ganz allein entscheiden.

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