Deutscher Nachwuchs auf der Berlinale Treiben lassen Richtung Heimat

Wo wird man heimisch? Die Filme der Nachwuchsreihe "Perspektive Deutsches Kino" suchen die Antworten 2020 in Dreiecksgeschichten, Autofabriken und der Karibik. Keine schlechten Spuren, denen sie da folgen.
Nina Schwabe in "Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt" von Eliza Petkova

Nina Schwabe in "Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt" von Eliza Petkova

Foto: Constanze Schmitt/ dffb/ Berlinale

"Ich habe keine Vergangenheit", behauptet Andrea, als sie mit ihrem Freund Philipp und dessen erwachsenem Sohn Martin beim Abendessen sitzt. Es geht darum, Anekdoten auszutauschen, jetzt ist Andrea an der Reihe. Dass von der rätselhaften Blonden, gespielt von Nina Schwabe, nichts kommt, überrascht einerseits und dann auch wieder nicht: An keiner Stelle von "Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt"  (großes Foto) ließ sich die Erzieherin für Kinder mit Down-Syndrom bisher in die Karten gucken.

Andrea ist pure Gegenwart. Und sie begegnet ihr, ohne lange zu zögern: Als Philipp (Henning Kober) auf Geschäftsreise fährt, etabliert sich nach einer Runde Jogging im Wald und einigen Gläsern Wein eine Affäre mit Martin (Theo Trebs). Regisseurin Eliza Petkova lässt Philipp, den gehörnten Vater, im Dunkeln, der sich lediglich an der neuen Lebenslust seines für gewöhnlich launischen Sohnes erfreut.

Inwieweit Stiefmutter Andrea dafür verantwortlich ist oder nicht – "Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt" lässt eine schmale Hoffnung, dass solche Fragen von gar keiner großen Bedeutung mehr sind: In schwarzem Dress übt Philipp meditative Schwertzüge im Garten, während Andrea und Martin vielleicht gerade im Kinderzimmer kuscheln. Gäbe es solch hinterlistige Gefühle wie Eifersucht und Habgier nicht, wäre jener Familienentwurf ein gar fortschrittlicher.

Wie zeitgerecht die Filme der Sektion "Perspektive Deutsches Kino"  in diesem Jahr tatsächlich sind, lässt sich leichter überprüfen denn je: Die Sektion ist unter der neuen Festivalleitung kleiner geworden; verspürt man ein ernsthaftes Interesse an einer Ausforschung, könnte es einem gelingen, alle acht Filme des Programms zu sehen. Dabei schließt die dokumentarische Form 2020 erstmals zur fiktionalen auf. Linda Söffker, seit 2011 Verantwortliche für die "Perspektive", sagt: "Die Verschlankung ist gewollt, die Parität ist Zufall. Natürlich gab es mit dem Leitungswechsel viele Gespräche über das Konzept der einzelnen Sektionen. Die Frage ist ja immer: Breite oder Tiefe?"

Bei der "Perspektive" hat man sich offensichtlich für Tiefe entschieden, oder, wie Söffker in einem Vergleich illustriert: für die "Autorenbuchhandlung Marga Schoeller" in der Berliner Knesebeckstraße und gegen die "deutsche Länderabteilung im Kulturkaufhaus Dussmann" auf der Friedrichstraße.

Jannis Niewöhner in "Kids Run" von Barbara Ott

Jannis Niewöhner in "Kids Run" von Barbara Ott

Foto: Falko Lachmund/ Flare Film/ Berlinale

Beide Orte ungleich behaglicher als die Wohnungen in Barbara Otts "Kids Run", dem Eröffnungsfilm der Sektion . Bei Andi (Jannis Niewöhner) schimmelt es schon. Der Vater dreier kleiner Kinder hat allerdings mit anderen Sorgen zu kämpfen. Denn wenn es ihm nicht gelingt, die 5000 Euro Preisgeld bei einem Boxwettbewerb einzukassieren, ist er die Wohnung ganz los. Und eine Wohnung mit Schimmel ist immer noch besser als gar keine.

"Wir brauchen dich nicht, Andi", meint eine seiner Exfreundinnen, die längst mit einem neuen Partner lebt und mit der er das Baby Fiou hat. Sätze, die den jungen Mann anstacheln. In anonymer Peripherie, wo es schmutzig ist, die Autos alle möglichen Kennzeichen haben und Gewerbe aus dem Boden wachsen, pendelt Andi zwischen den Kindsmüttern, Jobs und Klassenlehrerinnen. Barbara Ott, die die Regie für einige Folgen der erfolgreichen ZDF-Webserie "Druck" übernommen hat, zeigt ihren Protagonisten entlang der Pole Härte und Zärtlichkeit. Andis Hände können beides: Sie können zupacken, schlagen und verhauen. Und sie können sich sanft auf die Schultern seiner Kinder legen.

Szenenbild aus "Automotive" von Jonas Heldt

Szenenbild aus "Automotive" von Jonas Heldt

Foto: Jonas Heldt/ Berlinale

Auch "Kids Run"  ist ein Film des Moments. Begangene Fehler zählen nur noch insofern, als dass sie die zu schleppende Last erhöhen; zum Reflektieren bleibt keine Zeit. Jonas Heldts "Automotive" , ein Dokumentarfilm, übernimmt diese Leistung indes zwischen den Bildern. Vergangenes und Zukünftiges begegnen sich in den Hallen des Automobilherstellers Audi, wo Drohnen Lenkräder via Luftlinie befördern, während LeiharbeiterInnen um ihre Jobs bangen.

Eine von ihnen heißt Seda, die mit einer Dose Red Bull und einer Zigarette zwischen den Fingern in die Nachtschicht saust. Sie ist ausgebildete Kindergärtnerin, möchte in diesem Beruf aber nicht mehr arbeiten. Lieber wäre ihr ein Staplerschein. Dem hiesigen Arbeitsamt ist das allerdings nur schwer beizubringen. Als der Logistikdienstleister Imperial im Zuge von Skandalen bei Audi seine Arbeiter abziehen muss, ist auch Seda betroffen.

Eva, die zweite Frau, die Heldt in "Automotive" porträtiert, ist Headhunterin bei Pape. In feinen Blusen mit aufgedruckten Mini-Löwen sucht sie nach Personen, die eventuell das Wissen besitzen, Arbeitsvorgänge in der Automobilindustrie zu optimieren. Gut möglich, dass die eine die Wegrationalisierung der anderen vorbereitet. Grundsätzlich wohl in ihrer Haut fühlen sich beide Frauen. Heldt inszeniert in seinem Film keinen Konflikt: Er ist längst da.

"Der deutsche Film ist in seinen Erzählungen und mit seinen Dreh- und Spielorten internationaler geworden in den letzten Jahren, das kann ich als Entwicklung festhalten. Und er ist technisch perfekter, aber dramaturgisch und visuell nicht unbedingt experimentierfreudiger, aufregender geworden", befindet Linda Söffker. Außerdem gäbe es viel mehr interessante Frauen auf der Leinwand zu entdecken.

Szene aus "Walchensee Forever" von Janna Ji Wonders

Szene aus "Walchensee Forever" von Janna Ji Wonders

Foto: Flare Film/ Berlinale

Eine von ihnen ist Janna Ji Wonders. Ihr Dokumentarfilm "Walchensee Forever"  wurde vor fünf Jahren mit dem Förderpreis der Sektion zur Drehbuchentwicklung bedacht, jetzt ist er fertig und hat soeben den Bayrischen Filmpreis gewonnen. "Ich glaub, deine Zerrissenheit hat sich in mir fortgesetzt", sagt Wonders zu ihrer Mutter Anna gegen Ende des Films. Dazwischen lagen Zeiten, die "ekstatisch und besonders" waren, Rainer Langhans wohnte in der Besenkammer Annas, Schwester Frauke verlor und fand sich gleichsam in den Lehren des spirituellen Meisters Kirpal Singh. Konstante ist und war ein weiträumiges Café am Walchensee, anhand dessen sich die weibliche Linie in Wonders Familie nachvollziehen lässt.

Attestierte sich Andrea in "Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt" die Abwesenheit von Vergangenheit, ist in "Walchensee Forever" das Jetzt ohne sie undenkbar. Sie spukt und schmerzt. Sie wirft Fragen auf. Etwa diese: "Wo wird man heimisch?" Alle Filme der "Perspektive"  finden ihre eigenen Antworten darauf: Für Andrea ist es vielleicht ein Dasein im amourösen Dreieck, Andi hockt mit seinen Kindern plötzlich im Bus nach Maastricht, Seda sehnt sich in neue Autositze und Eva mit ihrer Freundin in die Karibik. Und die Premieren der "Perspektive" beheimaten sich fortan alle im Kino International auf der Karl-Marx-Allee.

Internationale Filmfestspiele 20.02.-01.03.2020 in Berlin 

Das sind die besten Filme der Berlinale

Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte