Berlinale-Blog Blutrache in Albanien, Bombenstimmung im Adlon

SPIEGEL-ONLINE-Redakteure bloggen täglich von den Tops und Flops des 61. Filmfestivals in der Hauptstadt. Heute: Andreas Borcholte über ein eindringliches Teenager-Drama in Albanien und einen explosiven Abschlussfilm, der in Berlin spielt - und die Festival-Besucher zum Jubeln brachte.
"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

Foto: Warner Bros.

16 Filme konkurrieren in diesem Jahr um den Goldenen Bären, die höchste Auszeichnung der Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Doch natürlich ist das nicht alles, was in den elf Berlinale-Tagen passiert. Die SPIEGEL-ONLINE- und SPIEGEL-Redakteure Andreas Borcholte, Christian Buß, Wolfgang Höbel, Hannah Pilarczyk, Stefan Kuzmany und Daniel Sander sind auf dem Festival unterwegs und bloggen täglich über die Höhepunkte und Flops des Wettbewerbs, die größten Stars, die kuriosesten Ereignisse, die spannendsten Filme in den Nebensektionen und den Gewinner-"Buzz". Natürlich interessiert uns auch brennend, wie Sie, lieber Leser, die Berlinale erleben, ob aus der Ferne oder direkt auf dem Festival. Diskutieren Sie in unserem Berlinale-Forum: Viel Lärm um Filme, die keiner sehen will - oder ein wichtiges Forum für politisches, engagiertes Kino?

Freitag, 18. Februar, Tag 9
Von Andreas Borcholte

Was gesehen? "Odem" ("Lipstikka") von Jonathan Sagall, "The Forgiveness Of Blood" von Joshua Marston, "Unknown Identity" von Jaume Collet-Serra, alle im Wettbewerb.

Wie war's? Kurz vor Schluss bewies die Berlinale noch einmal Kernkompetenz. Politische Konflikte, die sich im Privaten spiegeln, für solche Filme ist das deutsche A-Festival ja traditionell der beste Ort. So erzählt der in Israel lebende Regisseur Jonathan Sagall in "Odem" mit seinem kleinen, traurigen Liebes- und Vergewaltigungsdrama zweier entwurzelter Palästinenserinnen auch von den großen Verletzungen des Nahost-Konflikts. Noch besser gelingt es dem amerikanischen Regisseur Joshua Marston, der bereits mit seinem Debüt "Maria voll der Gnade" ganz tief in die Nöte einer jungen kolumbianischen Drogenkurierin eingestiegen war, Einblick in eine Gesellschaft zu nehmen, die sich selbst, der Zivilisation und dem Fortschritt im Wege steht. Sein Wettbewerbs-Beitrag "The Forgiveness Of Blood", der am Freitagmorgen der Presse gezeigt wurde, erzählt die Geschichte eines jungen Albaners und seiner Familie, die sich in eine archaische Blut- und Boden-Fehde verstricken und auseinandergerissen werden.

Der 17-jährige Nik hat große Pläne: Er postet Fotos auf Facebook, träumt von einem eigenen Internet-Café in seinem Heimatdorf und knüpft zarte Bande mit der bildhübschen Bardha. Seine Schwester Rudina ist ebenfalls weltoffen, interessiert sich für Biologie und ist die Beste in ihrer Klasse. Als sich Niks Vater Mark mit einem Nachbarn über ein Stück Feldweg streitet, das seine Familie seit Jahrzehnten mit dem Fuhrwerk befahren durfte, nun aber nicht mehr, kommt es zum Gewaltakt: Zusammen mit seinem Bruder bringt er den Streithammel um, woraufhin dessen Familie auf Rache sinnt und Marks Söhne mit dem Tod bedroht. Nach uralter Sitte, dem sogenannten Kanun, wird die Familie des Täters unter Hausarrest gestellt, bis ein langwieriges Mediations-Verfahren beginnen kann. Mark flüchtet in den Untergrund und lässt seine Kinder die Konsequenzen der Blutrache ausbaden: Rudina darf nicht mehr zur Schule, sondern muss mit Pferd und Wagen den Brotlieferdienst des Vaters übernehmen, während Nik zu Hause zum Nichtstun verdammt ist und seine Romanze alsbald zu den Akten legen kann. Klar: Welches Mädchen hat schon Lust, sich mit einem Typen einzulassen, der vielleicht mehrere Jahre nicht vor die Tür gehen kann? Und wenn er es doch tut, dann muss er damit rechnen, einfach abgeknallt zu werden. Frustriert sinnt Nik alsbald selbst nach Rache. Marston inszeniert diese anrührende Story über eine Gesellschaft im brutalen Übergang zwischen Tradition und Moderne mit ruhiger Hand und viel Gefühl für seine durchweg hervorragenden albanischen Jungdarsteller - ein echtes Highlight in diesem durchwachsenen Berlinale-Jahrgang.

Zum Abschluss lief dann noch der US-europäische Thriller "Unknown Identity", der unter deutscher Beteiligung komplett in Berlin gedreht wurde. Erzählt wird die konventionelle, aber äußerst spannende und mit zahlreichen überraschenden Wendungen versehen Geschichte des Uni-Professors Martin Harris (Liam Neeson), der in die deutsche Hauptstadt reist, um an einem Kongress über Biotechnologie teilzunehmen. Zusammen mit seiner Frau ("Mad Men"-Star January Jones) checkt er im Adlon ein, hat aber Aktentasche samt Pass am Flughafen vergessen. Auf dem Weg zurück nach Tegel baut seine Taxifahrerin (Diane Krüger) einen schweren Unfall, Harris liegt tagelang im Koma, und als er aufwacht, stellt er fest, dass ein anderer Mann seine Identität übernommen hat. Selbst seine Frau erkennt ihn nicht mehr.

Nachdem er beschlossen hat, nicht den Verstand zu verlieren, unternimmt er zusammen mit der Taxifahrerin den Versuch, im klirrend kalten Berliner Winter die ganze Sache aufzuklären - und entdeckt, dass ein Bombenanschlag in dem Berliner Nobelhotel geplant ist, an dem er vielleicht selbst nicht ganz unschuldig ist. Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra ("House of Wax") inszeniert diese außer Konkurrenz laufende Variation der "Bourne"-Filme mit viel Sinn für Timing und rasante Actionsequenzen. Die Verfolgungsjagd mit einem Taxi durch die Friedrichstraße, bei der auch die notorisch bemäkelten Berliner Verkehrsbetriebe ihr Fett wegkriegen, sorgte für Szenen-Applaus in der Pressevorführung. Und als die halbe obere Etage des Adlon in die Luft fliegt, war der Jubel im Publikum groß. Zehn Tage Festival im ruppigen, eisigen Berlin hinterlassen halt ihre Spuren, da freut man sich sogar, wenn ein Wahrzeichen der Stadt in Trümmer gelegt wird.

Beste Szene: Der Auftritt von Bruno "Der Führer" Ganz in "Unknown Identity" als ehemaliger Stasi-Offizier "Herr Jürgen", der Liam Neeson hilft, das Komplott aufzuklären. Die beiden treffen sich bei Ganz zu Hause, an der Wand Devotionalien aus dem Kalten Krieg. Ganz deklamiert: Vierzig Jahre habe er der Stasi gedient, "mit Stolz!". Spricht's, nimmt einen Schluck Cognac und kriegt einen spektakulären Hustenanfall. Herrlicher Slapstick mit Tiefgang.

Schlimmste Szene: Ebenfalls in "Unknown Identity", als die Taxifahrerin und illegale Einwanderin Gina (Diane Krüger) Liam Neeson vom Leid ihrer Familie in Bosnien erzählt: Es sind nur drei, vier Dialogsätze, aber unglaubwürdiger konnte man das kaum rüberbringen. Wer hat das Gerücht verbreitet, Frau Krüger sei eine gute Schauspielerin?

Star des Tages: Neben Bruno Ganz? Die junge albanische Schauspielerin Sindi Lacej in der Rolle der 15-jährigen Rudina in "The Forgiveness Of Blood": Phantastisch, wie sie sich mit sanftmütiger Miene in ihr Schicksal fügt, und sich als clevere Pragmatikerin entlarvt, als sie den Brothandel ihres Vaters in ein lukrativeres Zigarettengeschäft verwandelt und sein altes Pferd, Symbol für das mittelalterliche Brauchtum des Landes, kurzerhand verscherbelt. Der Gaul heißt übrigens "Klinsmann", und damit schließt sich der amüsante Tierkreis dieses Festivals.

Was gelernt? 1. Auch am letzten Tag können noch ganz unverhofft Höhepunkte im Wettbewerb auftauchen. 2. Ein spannender, gut gemachter Action-Thriller heitert nach zehn Tagen teils zäher, teils anstrengender Arthouse-Kunst ungemein auf, zumal, wenn er halb Berlin verwüstet.

Donnerstag, 17. Februar, Tag 8

Von Stefan Kuzmany

Was gesehen? "Un Mundo Misterioso" ("Rätselhalfte Welt") von Rodrigo Moreno, "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" ("Kommt Regen, kommt Sonnenschein") von Lee Yoon-ki und "Wer wenn nicht wir" von Andreas Veiel (alle Wettbewerb)

Wie war's? Lang. Und schweigsam.

In "Un Mundo Misterioso" wird Boris (Esteban Bigliardi) von seiner Freundin hinausgeworfen, zieht in ein Hotel, kauft sich ein Auto, fährt herum, geht auf eine Party, knutscht dort ein wenig, fährt ein wenig mit dem Bus, läuft durch Buenos Aires, fährt wieder Bus. Und noch mal Auto. Liegt auf dem Bett. Raucht. Dann geht das Auto kaputt und kommt in die Werkstatt. Boris reist mit einer Fähre nach Uruguay, da ist aber niemand, der ihn vom Hafen abholt. Also fährt er wieder zurück. Holt sein Auto ab. Fährt umher. Liegt auf dem Bett. Raucht.

Sollten Sie sich jetzt fragen, wann die eigentliche Handlung beginnt, dann geht es Ihnen wie dem Publikum. Allein: es beginnt keine. Während die Kamera Boris dabei zusieht, wie er seine Zeit totschlägt, kann man sich also schön seine eigenen Gedanken machen: über die eigene Beziehung zum Beispiel, die hoffentlich nicht so langweilig ist wie die von Boris und Ana (Cecilia Rainero). Oder über die Stadt Buenos Aires, die trotz des blauen Himmels erstaunlich hässlich wirkt in diesem Film. Oder über Argentinien, einer, wie es im Programmheft zum Film heißt, paralysierten und vom wirtschaftlichen Ruin bedrohten Gesellschaft. Diese Paralyse erfasst langsam aber sicher auch den Zuschauer: Nach einer Stunde hat man jede Hoffnung aufgegeben, dass sich noch etwas tun würde im Leben des Boris. Warum sich zwischendurch doch die eine oder andere Frau für ihn zu interessieren scheint (einer davon ist er nachgelaufen, weil eine andere, der er vorher nachgelaufen ist, in einem Hauseingang verschwunden ist und sie gerade zufällig als nächste vorbei kommt), bleibt ebenso rätselhaft wie der gesamte Film.

Auch in "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" wird die Geschichte einer gescheiterten Beziehung erzählt, auch hier macht die Frau (Lim Soo-jeong) gleich in der ersten Szene Schluss. Sie will aus dem gemeinsamen Haus und zu einem anderen Mann ziehen, aber draußen regenet es in Strömen, deshalb verzögert sich alles. Und so verbringen die beiden Namenlosen einen letzten gemeinsamen Tag. Es gibt keinen Streit, der Mann (Hyun Bin) scheint sich mit der Situation abgefunden zu haben. Zu sagen haben sie sich wenig. Sie bittet ihn, die Balkontür zu schließen, es regnet hinein, seltsamerweise kommt sie schon seit Jahren nicht mit der Balkontür zurecht, er erklärt ihr, wie es geht, draußen regnet es weiter. Zwischendurch läuft dem Noch-Paar ein durchnässtes Kätzchen zu, später kommen die Nachbarn vorbei, fragen nach dem Tier und bleiben noch ein wenig, setzen sich auf das Sofa, das Fernsehgerät läuft. Man sucht das Kätzchen, das Kätzchen taucht nicht auf, die Nachbarn gehen wieder. Das war der Action-Höhepunkt des Filmes. Später werden noch Nudeln gekocht. Paarroutine über 105 Minuten. Auch dieses Werk lässt den Zuschauern viel Zeit, über das eigene Leben nachzudenken, denn auf der Leinwand findet keines statt.

Vergleichsweise verstörend aufregend der dritte Film: Nachdem in den letzten Jahren sämtliche Hauptfiguren der Studentenrevolte und RAF medial mehrfach nach- und auserzählt wurden, nimmt sich "Wer wenn nicht wir" von Andreas Veiel einer Nebenhandlung an: der Beziehung der späteren Terroristin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) mit dem jungen Schriftsteller Bernward Vesper (August Diehl), mit dem sie ein Kind hatte, bevor sie Andreas Baader (Alexander Fehling) kennen lernte und in den Untergrund ging. "Wer wenn nicht wir" ist handwerklich sauber gemacht, Lauzemis und Diehl sind überzeugend inszeniert, und auch der Hintergrund der Politisierung der beiden Studenten wird lehrreich aufbereitet - wer wusste schon, dass Ensslin mit dem Sohn des Nazi-Schriftstellers Will Vesper liiert war und sich in sehr jungen Jahren gemeinsam mit diesem bemühte, dessen Blut-und-Boden-Schwulst im eigens gegründeten Verlag ganz groß heraus zu bringen? Der Wille zur Belehrung verdirbt jedoch schnell den Spaß: Immer wieder wird die streng linear erzählte Handlung von dokumentarischen Zwischenspielen unterbrochen, Kennedy berlinert an der Mauer, die Atombombe wird getestet, man fühlt sich bald wie im Grundkurs Geschichte am Gymnasium und wartet auf das Ende der Schulstunde, die mit 125 Minuten deutlich zu lange geraten ist.

Beste Szene: Wie sich Sebastian Blomberg (als Schriftsteller Klaus Roehler) in "Wer wenn nicht wir" mit einem Streichholzschachteltrick in der Küche Vespers und Ensslins eine Zigarette ansteckt - die cool gemeinte Geste entlarvt den Besucher elegant als Aufschneider. Schön auch, wie Esteban Bigliardi als der verlassene Boris in "Un Mundo Misterioso" an der Wand lehnt, nichts mit sich anzufangen weiß und sämtliche Klingeltöne auf seinem Mobiltelefon durchprobiert - ein treffendes Bild für die sinnlose Zeitverschwendung des Einsamen.

Schlimmste Szene: Nach gefühlten fünf Stunden "Un Mundo Misterioso" geht das Auto der Hauptfigur kaputt und muss zur Reparatur. Der Mechaniker gibt Boris Anweisungen für den Motortest: Jetzt Gas geben. Jetzt runter vom Gas. Jetzt Gas geben. Jetzt runter vom Gas. Jetzt wieder Gas geben. Spätestens hier hat man das Gefühl, dieser Film würde niemals enden. Das ist kein schönes Gefühl.

Star des Tages: Lena Lauzemis, die mit ihrem Spiel den Weg der sich selbst bestrafenden Pastorentochter Gudrun Ensslin zur weltbestrafenden RAF-Terroristin glaubhaft nachvollziehbar macht. Und selbstverständlich die kleine, nasse Katze in "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" - man ist ihr als Zuschauer zutiefst dankbar für ihr handlungsstiftendes Auftauchen.

Was gelernt: Terrorist und CSU-Politiker, das muss sich rein äußerlich nicht ausschließen: Alexander Fehling erinnert als Andreas Baader streckenweise frappant an einen jüngeren und schlankeren Markus Söder.

Mittwoch, 16. Februar, Tag 7

Von Andreas Borcholte

Was gesehen? "A Torinói Ló" ("The Turin Horse") von Béla Tarr, "Bizim Büyük Çaresizligimiz" ("Our Grand Despair") von Seyfi Teoman, beide Wettbewerb; "Mein bester Feind" von Wolfgang Murnberger (außer Konkurrenz), "También La Lluvia" ("Even The Rain"), Panorama.

Wie war's? Glück gehabt! Der Dienstag war, pünktlich zur Halbzeit, ein guter Tag auf der Berlinale. Morgens wurde Asghar Farhadis iranisches Scheidungsdrama "Nader and Simin, A Separation" gezeigt, das seither zumindest unter den anwesenden Kritikern als bisher einzig würdiger Bären-Kandidat gilt. Nachmittags dann stand die Geduldsprobe bevor: Ein neuer Film des ungarischen Meisterregisseurs Béla Tarr, das heißt: Strenger Formwille, noch strengere Schwarzweißbilder, minimale Dramaturgie, kaum Dialoge, dafür aber umso langwierigeres Auskosten einzelner Bilder und Einstellungen.

So auch in "The Turin Horse", der damit beginnt, dass eine Stimme aus dem Off erzählt, wie Friedrich Nietzsche 1889 einem Pferd zu Hilfe eilt, das von seinem Kutscher übelst geprügelt wird, weil es sich partout nicht bewegen will. Der Sprecher erzählt, der berühmte Philosoph sei dem Gaul um den Hals gefallen, habe sich von dem Vorfall nie wieder erholt - und sei zehn Jahre später im Zustand arger Demenz verstorben. Seine letzten Worte: "Mutter, ich bin so dumm". Was aus Fuhrmann und Pferd wurde? Man weiß es nicht.

Laut Béla Tarr haust der mürrische Tierschänder in einer wüsten Ödnis, die gar nicht wie Turin aussieht, zusammen mit seiner Tochter in einem kargen Haus. Zu Beginn sehen wir, wie er die schon recht gebeutelte Mähre durch einen Sturm nach Hause treibt, alles Weitere spielt sich weitgehend im Inneren der ärmlichen Hütte ab, denn der Sturm hört einfach nicht wieder auf. Sechs Tage lang, die der Film schön geduldig nacherzählt. Aber es gibt ja Beschäftigung! Akribisch und nahezu in Echtzeit zeigt Tarr, wie die Tochter den Papi an- und auskleidet, ihm jeden Tag zwei Gläser Selbstgebrannten serviert, ihm eine schön heiße Kartoffel kocht, die er gierig und einhändig seiner Pelle beraubt und dann pustend und schmatzend verschlingt. Einmal kommen ein paar Zigeuner vorbei, werden aber vertrieben, sonst passiert eigentlich nichts.

Und das Pferd? Weigert sich standhaft, aber auch immer kränklicher, den Stall zu verlassen. Am siebten Tag legt sich dann der Sturm, aber das Licht geht leider auch aus - und die Welt ist am Ende. Eine Geduldsprobe durchaus, aber wer die zweieinhalb Stunden von Tarrs invertierter Schöpfungsgeschichte durchhält, wird mit einem filmästhetischen Meisterwerk belohnt, das mit großem Einfühlungsvermögen vom Scheitern der Menschheit an sich selbst berichtet. Tarr, 55, hatte angekündigt, dass "The Turin Horse" sein letzter Film sein soll. Eine Berlinale-Bär zum Abschied wäre da doch eigentlich eine nette Geste.

Scheitern, dieses Wort wird ja gerne benutzt auf der Berlinale, vor allem, wenn es um Wettbewerbsfilme geht. Ein schönes Beispiel dafür wurde am frühen Mittwochmorgen der Presse gezeigt: Der türkische Regisseur Seyfi Teoman scheitert recht kläglich daran, mit "Our Grand Despair" eine recht simple Geschichte über zwei vielleicht schwule, vielleicht nur eng befreundete Männer zu erzählen, die sich in dasselbe junge Mädchen verlieben. Ganz nett, die Irrungen und Wirrungen, aber Teoman vergisst über allerlei Situationskomik leider, seinem Publikum die wichtigsten Details über Plot und Beziehungsverhältnis seiner Figuren zu verraten.

Nicht ganz so ärgerlich, aber ebenso überflüssig im Programm eines großen Festivals ist die Nazi-Groteske "Mein bester Feind" des Österreichers Wolfgang Murnberger ("Der Knochenmann"). Erzählt wird eine Verwechslungskomödie um einen jüdischen Kunstsammler-Erben aus Wien (Moritz Bleibtreu) und seinen arischen Jugendfreund (Georg Friedrich), der zur SS geht, als die Nazis in Deutschland die Macht ergreifen. Im turbulenten Verwirrspiel um den Verbleib einer kostbaren Michelangelo-Zeichnung zieht der Jude die Nazi-Uniform an und lässt seinen zum Schurken gewordenen Kumpel ins Lager bringen. Mit Burlesken über Holocaust und NS-Regime muss man ja bekanntlich vorsichtig sein, und Murnberger schafft es, anders als Oskar Roehler im vergangenen Jahr mit "Jud Süß", eine Katastrophe zu umschiffen. "Mein bester Feind", im Wettbewerb außer Konkurrenz zu sehen, hat einige gewitzte Dialoge und überraschende Twists parat - und bleibt trotz ernster Kulisse und historischer Belastung die ganze Zeit ein Lustspiel, das sich vor Ernst Lubitsch und Billy Wilder verneigt. Naja, verneigen kann man sich ja mal.

Beste Szene: Das immer hysterischer werdende Kichern einiger Besucher im stockdunklen Kinosaal, als in Béla Tarrs "The Turin Horse" immer wieder der nächste Tag angekündigt wird, also kein Ende des Films absehbar ist, die Handlung aber einfach nicht voranschreiten will.

Schlimmste Szene: In "Our Grand Despair" wird Essen und die Zubereitung diverser Speisen immer wieder als Metapher benutzt, man weiß nur nicht so genau, wofür. Für Festivalbesucher, zumal morgens, also vor dem Frühstück, ist das die reine Folter. Als die beiden Hauptfiguren im letzten Drittel des Films herzhaft eine saftige Melone verspeisen, hält es einen offenbar ausgezehrten Kollegen nicht mehr auf seinem Platz: Er springt auf und verlässt den Saal - vermutlich zum nächsten Coffee-Shop.

Star des Tages: Natürlich das so erbärmliche wie hellsichtige Pferd aus "The Turin Horse": Warum sich noch von der Stelle bewegen, wenn eh draußen die Apokalypse tobt?

Was gelernt: 1. Die Höhepunkte des Wettbewerbs dürften wir mit Béla Tarrs und Asghar Farhadis Filmen hinter uns haben. 2. Die Auswahl des Berlinale-Gremiums für den Wettbewerb bleibt ein Mysterium: Warum der spanische Oscar-Kandidat "Even The Rain" (También La Lluvia), ein durchaus engagiertes Werk über Unterdrückung und Rassismus vor der Kulisse eines Filmdrehs über Christoph Columbus in Bolivien, in der Panorama-Sektion laufen musste, ist ein Rätsel, gerade angesichts solcher Beliebigkeiten wie dem heutigen türkischen Beitrag.

Dienstag, 15. Februar, Tag 6

Von Daniel Sander

Was gesehen? "Les Femmes du 6ème Étage" (Wettbewerb, außer Konkurrenz), "Khodorkovsky" (Panorama Dokumente), "Nader and Simin, A Separation", "The Future" (beide Wettbewerb)

Wie war's? Halbzeit - damit beginnt unter den Journalisten traditionell das Lamentieren, dass das diesjährige Wettbewerbs-Programm ja noch viel enttäuschender sei als das vom letzten Jahr. Und das sei doch schon so schlecht gewesen! Dabei weiß kaum noch jemand, was im letzten Jahr eigentlich alles in Berlin gelaufen ist. Was ja auch kein Wunder ist bei der Masse von Filmen, die gesehen werden wollen. Dauerhaft in Erinnerung bleiben da nur Vollkatastrophen oder Meisterwerke.

Weswegen im kommenden Jahr wohl auch niemand mehr "Les Femmes du 6ème Étage" von Philippe Le Guay im Bewusstsein haben wird. Dafür ist der Film über einen Pariser Aktienhändler in den sechziger Jahren, der sich mit einem Haufen spanischer Dienstmädchen anfreundet, einfach zu staubig und zu flüchtig. Das Anschauen tut aber immerhin nicht weh (was viele für einen Grund dafür halten, warum der Film nur außer Konkurrenz läuft), und macht wegen der liebenswerten Schauspieler zwischendurch auch mal richtig Spaß. Mehr aber auch nicht.

Aber wenn schon niemand mehr damit rechnet, dann kommt es eben doch, das große Meisterwerk. Selbstverständlich in der stets am schwächsten besuchten Pressevorführung um neun Uhr morgens, damit es auch bloß nicht so vielen Leuten auffällt. Doch gegen müde Augen gab es heute früh kein besseres Mittel als den iranischen Wettbewerbsbeitrag "Nader and Simin, a Separation".

Das wohlhabende Ehepaar Nader und Simin steht in Teheran vor dem Familienrichter, weil sie zum Wohle der knapp zwölfjährigen Tochter das Land verlassen will, er aber bleiben möchte, um sich um seinen Alzheimer-kranken Vater zu kümmern. Sie waren mal glücklich, es gibt in der Ehe keine Gewalt und keine Drohungen, aber es funktioniert nicht mehr. Ein Ehedrama unter modernen Iranern, fern jeder Gottesstaats-Mentalität und Unterdrückung, so beginnt "Nader and Simin", und packt von der ersten Szene.

Doch dann taucht eine neue Haushälterin auf, eine nette, gottesfürchtige Frau, die ihr zweites Kind erwartet und das Geld braucht, seit ihr Mann arbeitslos ist. Sie macht einen schlimmen Fehler bei der Pflege des kranken Vaters. Der wütende Nader macht seinerseits einen schlimmen Fehler, als er sie danach aus dem Haus wirft. Sie verliert ihr Kind, und der Film wird zur großen Familientragödie, auf der Suche nach Schuld, wo es eigentlich nur anständige Leute gibt, die ihr Leben leben wollen.

Nebenbei zeichnet Regisseur Asghar Farhadi dabei das Bild von zwei Teheraner Welten - der gebildeten Mittelschicht, die mit Islamismus wenig anfangen kann, und die ärmeren Leute, die nicht viel mehr haben außer Gott. Kein Gut, kein Böse, nur Menschen. Regisseur Farhadi hat vor zwei Jahren mit "About Elly" immerhin schon einmal einen Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen, doch diesmal muss sich niemand wundern, wenn er den Goldenen bekommt. Mitreißend und meisterhaft erzählt. Eine Berlinale-Sensation.

Wobei man den Bären auch Künstlerin und Regisseurin Miranda July gönnen würde, die dem Wettbewerb mit ihrem neuen Film "The Future" den bislang wohl leichtfüßigsten Beitrag liefert. Eine nur auf den ersten Blick kleine Beziehungsgeschichte zweier etwas orientierungsloser Mittdreißigjähriger, die sich seit Jahren lieben, aber Angst bekommen, als sie erkennen, dass sie erst am Anfang einer womöglich endlos langen Zukunft stehen.

July reichert das im Stile ihres Erstlings "Ich und du und alle, die wir kennen" mit viel abgedrehtem Humor an (erzählt wird aus Sicht einer Katze), der den ernsthaften, traurigen Kern aber nicht lang verdecken kann. Ein schöner Film über Erwachsene, die nicht wahrhaben wollen, dass sie erwachsen sind. Der Vorführtermin ist auch nicht zufällig gewählt: An diesem Dienstag feiert Miranda July ihren 37. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

Sehenswert war auch Cyril Tuschis Dokumentarfilm "Khodorkovsky" in der Panorama-Reihe - wobei der Film nicht wirklich eine Chance hatte, den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Denn seit Tuschis Computer samt fertigem Film aus seinem Büro geklaut wurde, gab es wilde Spekulationen über verdeckte Aktionen des russischen Geheimdienstes, was auf ein hochkontroverses Werk hindeutete. Doch letztlich hat Tuschi keine spektakulären, neuen Erkenntnisse zum Fall um den seit mehr als sieben Jahren inhaftierten Unternehmer, Superreichen und Putin-Gegner Michail Chodorkowski zu bieten.

Aber gerade das ist die Qualität des Films: Dass er weiß, dass es hier nicht die eine Wahrheit gibt; dass Chodorkowski großes Unrecht geschehen ist, dass er aber auch kein Unschuldiger ist. Sehr viele Menschen kommen zu Wort, mit sehr vielen Meinungen, und bei niemandem kann man sich der totalen Ehrlichkeit sicher sein. Auch nicht bei Joschka Fischer, der als Gesprächspartner auftritt, und der für den Idealismus des Filmemachers nur ein spöttisches Lächeln übrig hat.

Beste Szene: Der Schluss von "Nader and Simin, a Separation". Über den hier nichts weiter geschrieben wird, weil jeder Zuschauer verdient, ihn für sich selbst zu erleben.

Schlimmste Szene: Die unglückliche Katze aus Miranda Julys "The Future" schaut aus ihrem Käfig im Tierheim auf eine Uhr, und ihre verletzte, eingewickelte Pfote streichelt sehnsüchtig das Gitter. Ihr langsames Erkennen, dass sie niemand mehr abholen wird, das Sterben ihres letzten Hoffnungsschimmers - zum Heulen.

Star des Tages: Das süße Baby-Flusspferd aus "Khordokovsky", das einer der Interviewpartner während des Gesprächs aus unerklärlichen Gründen mit Karotten füttert, während er von einem wirren Gleichnis erzählt, das mit Avocados zu tun hat.

Was gelernt? Unterschätze nie die Berlinale.

Montag, 14. Februar, Tag 5

Von Hannah Pilarczyk

Was gesehen? "Cave of Forgotten Dreams" (Wettbewerb), "Zhao Shi Gu Er" (Berlinale Special), "V Subbotu", "Coriolanus" (beide Wettbewerb)

Wie war's? Der Berlinale-Knick setzt normalerweise mit Ende des ersten Wochenendes ein. Die meisten Parties und Empfänge sind vorbei, die Geschäftsleute sind abgereist, die Pressekonferenzen werden leerer und unaufgeregter und die Filme meistens besser. Nicht so Werner Herzogs Wettbewerbsbeitrag "Cave of Forgotten Dreams". Der Jurypräsident des Vorjahres liefert mit seiner 3-D-Dokumentation über die südfranzösische Chauvet-Höhle, in der sich die ältesten Höhlenzeichnungen der Menschheit befinden, ein unausgegorenes Werk ab. Seine filmische Beschäftigung mit den Zeichnungen schwankt zwischen milder Neugier und genialischen Assoziationen. Wo er die eindrucksvollen Bilder von Nashörnern, Mammuts und Pferden mit seinem eigenen filmischen Gedächtnis abgleicht, entstehen aufregende Verbindungen. Wo er sich auf den wissenschaftlichen Wert der Funde konzentriert, lässt er große Lücken. Wie wurden die Zeichnungen angefertigt, welche Materialien kamen zum Einsatz? Was bedeuteten die Tiere damals für die Menschen, welche Funktion hatte ihre Darstellung? Mit einem bizarren Epilog über Albino-Krokodile, die ganz in der Nähe der Höhle aufwachsen, entlässt einen Herzog in die Unwissenheit.

Umso dringender stellt sich danach die Frage, warum "Zhao Shi Gu Er" vom chinesischen Star-Regisseur Chen Kaige nicht im Wettbewerb, sondern als Special läuft. Das Rachepos um Loyalität und Wahlverwandschaften gehört zu den stimmigsten Filmen, die bislang auf der Berlinale zu sehen waren. Souverän im Bildaufbau und mit feinem Gespür für erzählerische Volten bietet Chen Schauwerte im besten Sinne.

Mit politischem Kino, vor dem es die Berlinale-Besucher mittlerweile meist zu recht graust, geht es im Wettbewerb mit dem russischen Beitrag weiter. Doch "V Subbotu" ("An einem Samstag") überrascht: Alexander Mindadzes Film über den Samstag im April 1986, an dem es in Tschernobyl brennt, gerät über die erste Hälfte hinweg mitreißend. Zusammen mit dem Ingenieur Valery (Anton Shagin) rennt man atemlos durch eine Stadt, die sich ihrer Todesgeweihtheit noch nicht bewusst ist. Als die ersten Strahlenopfer auftauchen, deren unwissende Gesichter wie von der Sonne gerötet sind, fühlt man sich in einen zeitgeschichtlichen Zombie-Thriller versetzt. Valery versucht noch, sich und seine Freundin aus Tschernobyl zu retten, doch er verliert sich in einem Leben, das schon bald keines mehr sein wird. Er tanzt und trinkt auf einer Hochzeit, er findet alte Freunde wieder und überwirft sich mit ihnen. Wie Valery verliert sich hier auch der Film und kann den Stimmungswechsel nicht ganz plausibel vollziehen. In seinen besten Momenten leitet "V Subbotu" aber Groteske in Tragödie über (und zurück), wie es nur wirklich souveräne Filmemacher schaffen.

Von so einem Status ist Ralph Fiennes sehr weit entfernt. Sehr, sehr weit. Mit "Coriolanus" zeigt der Schauspieler ("Der englische Patient", "Harry Potter") sein Regiedebüt. Die in modernes Ambiente übertragene Adaption des gleichnamigen Shakespeare-Stücks gerät jedoch zur ersten richtigen Stinkbombe des Wettbewerbs. Die Geschichte eines blutrünstigen römischen Feldherren, der sein Volk zutiefst verachtet und ihm nicht nach dem Maul reden will, läuft als politische Analogie komplett ins Leere. Die testosteronspritzende Rivalität von Fiennes in der Titelrolle und Gerard Butler als sein Widersacher Aufidius macht die Sache noch schlimmer: Fiennes übertreibt maßlos mit seinem Kampfesgeist, selbst als Lord Voldemort mit Schlangengesicht war er überzeugender. Butler liefert mit irritiertem Blick und schottischem Akzent dagegen einige unfreiwillig komische Momente. Vereint in der Überforderung mit dem Stoff gehen sie gemeinsam unter.

Beste Szene: Die Kamerafahrt in "V Subbotu", die bei einem Paar magentafarbener Schuhe ansetzt, das eben noch zur Flucht aus Tschernobyl gekauft worden war und jetzt plötzlich tanzt. Mit der Kamera blickt man hoch zur Besitzerin der Schuhe und erkennt, dass sie gegen jedes bessere Wissen nicht fliehen wird.

Schlimmste Szene: Puh, da gab es so viele in "Coriolanus"... Vielleicht die "Clubszene", in der die kahlgeschorenen Krieger einen Friseursessel hochleben lassen, zu Industrial-Musik tanzen und einer von ihnen aus Übermut Haarspray versprüht?

Star des Tages: Der Steinzeitforscher, der in "Cave of Forgotten Dreams" im Rentierfell auf einer Knochenflöte "The Star-Spangled Banner" spielt.

Was gelernt? Nicht neu, aber wieder einmal bestätigt: Werner Herzog zu sein, muss einfach großen Spaß machen. Der Mann kann wirklich machen, was er will - er wird immer Geld und Anhänger für seine Projekte finden.

Sonntag, 13. Februar, Tag 4

Von Daniel Sander

Was gesehen?

"Yelling to the Sky" von Victoria Mahoney, "Les Contes de la Nuit" von Michel Ocelot, "Pina" von Wim Wenders (alle im Wettbewerb)

Wie war's?

Jetzt hat der 3D-Wahn auch die internationalen Filmfestivals erreicht. Auf der Berlinale gab es heute kein Vorbeikommen an den hässlichen Spezialbrillen, aber das macht ja nichts, wenn die Filme, die man sich durch die Dinger anschaut, so schön sind wie Wim Wenders Hommage an die große Pina Bausch und Michel Ocelots animierte Liebeserklärung an das Kino an sich. Vorher gab's aber noch eine 17-Jährige auf dem Kriegspfad zu erleben, ganz altmodisch in 2D.

In dem Fall reicht das auch völlig, denn Debütregisseurin Victoria Mahoney präsentiert ihre junge Heldin Sweetness (Zoe Kravitz, die Tochter von Lenny) auch charakterlich konsequent zweidimensional: Zuerst ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters das hilflose und zerbrechliche Opfer, das in der New Yorker Vorstadt nirgendwo hingehört, von den Gleichaltrigen gnadenlos gemobbt wird und mit den Stimmungsschwankungen ihres gewalttätige Alkoholiker-Vaters klarkommen muss.

Nach einer Dreiviertelstunde legt sie dann etwas Make-Up auf und wandelt sich plötzlich und unerklärlich zum bösen Ghetto-Mädchen, das ihre Lieblingsfeindin (Gabourey Sidibe aus "Precious") zu Brei schlägt, Drogen verkauft und sich mit dem Vertrauenslehrer ihrer Schule auf einer Party das Koks durch die Nase zieht. Bevor sie am Schluss von ihrem Vater wieder zum guten Mädchen bekehrt wird, weil auch der eine spontane und unglaubwürdige Metamorphose zum verständnisvollen Superpapa vollzogen hat. Schade, dass die Figuren so rätselhafte Schablonen bleiben, denn sie machen einen sonst druckvolles, energiegeladenes Filmdebüt kaputt.

Michel Ocelot ("Kiriku und die Zauberin") hat in "Les Contes de la Nuit" zwar auch keine realistischen Figuren zu bieten, die erwartet in einen Trickfilm aber auch keiner. Stattdessen verbringen ein Junge, ein Mädchen und ein alter Techniker eine Nacht in einem alten Kino, um Geschichten zu suchen und zu erfinden, und sie zum Leben zu erwecken. Einfache Märchen sind das, von einem Werwolf etwa, der in die falsche Prinzessin verliebt ist; oder von einem Trommler in Afrika, der allen auf die Nerven geht bevor er mit Hilfe einer magischen Trommel sein Dorf zu Frieden und Glück führt. Ocelot erzählt sie mit Witz und viel Herz und malt dabei eine bunte, dreidimensionale Traumwelt auf die Leinwand, wie es die modernen, digitalen Zeiten eben mittlerweile zulassen. Doch die Helden selbst scheinen aus einer ganz anderen Zeit herbeigezeichnet zu sein, aus den Silhouettenfilmen von vor hundert Jahren, sie sind schwarze, kantige Schatten, während hinter ihnen die 3D-Wunderwelt blüht.

Das wurde in der Pressevorführung heute früh mit freundlichem Applaus gewürdigt, wenn auch mit etwas weniger Jubel als bei Wim Wenders' lang erwartetem 3D-Porträt "Pina" der legendären Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. Als die im Sommer 2009 völlig überraschend an Krebs starb, schien das seit Jahren geplante gemeinsame Projekt der alten Freunde Wenders und Bausch am Ende, gerade als die Dreharbeiten beginnen sollten. Wenders hat den Film nun ohne Pina Bausch gemacht, nur flüchtig taucht sie manchmal in Archivbildern auf, oder auf Tonband, wie ein Geist, der nochmal einen Blick auf sein Leben werfen will.

An ihrer Stelle erzählen die Tänzer ihres berühmten Wuppertaler Ensembles, und sie tun es, wie sie es am besten können - tanzend. Wenders bringt Szenen aus den berühmtesten Bausch-Stücken auf die Leinwand, manche neu, manche Jahrzehnte alt, wie das berühmte "Café Müller". Und vielleicht war die 3D-Technik noch nie so sinnvoll eingesetzt wie hier. Das ist nicht einfach abgefilmtes Theater, hier hat die Bühne Raum und Tiefe, und die Tänzer sind einem dabei so nah, wie sie es in keinem Theatersaal sein könnten.

Beste Szene?

Ein Paar tanzt auf einer begrasten Verkehrsinsel in Wuppertal, über ihnen rauscht die Schwebebahn vorbei. Das Ganze dauert kaum fünf Sekunden, nur ein paar Blicke, Schritte, Schnitt - die schönste Liebesszene des bisherigen Festivals.

Schlimmste Szene?

Der Anblick von etwa fünfhundert Journalisten, die auf der überheizten ersten Etage des Cinemaxx am Potsdamer Platz nach einer halben Stunde Rumstehen auf engstem Raum zu einem wütenden Mob zusammenquellen, weil die Türen zur Pressevorführung von "Yelling to the Sky" nicht pünktlich öffnen wollen. Noch schlimmer nur: Der Geruch.

Star des Tages?

Auch wenn sie offiziell kein Berlinale-Gast ist: Madonna ist nun doch in Berlin gelandet und lenkt die gesammelte Aufmerksamkeit auf sich. Wie das eben so ihre Art ist. Dabei war bislang nicht viel von ihr zu sehen, da sie sich im edlen SoHo House regelrecht verschanzt zu haben scheint. Wer wohl die Glücklichen - oder eben nicht so Glücklichen -sind, die sich die ersten Ausschnitte aus ihrem neuen Film "W.E" ansehen dürfen? Oder schon durften? Vielleicht ja Werner Herzog, genial-wahnsinniger Meisterregisseur, der heute seinen heiß erwarteten neuen Dokumentarfilm "The Cave of Forgotten Dreams" in Berlin vorstellt, übrigens auch ein 3D-Werk. Irgendwie kann man sich die beiden ganz gut zusammen vorstellen, wie sie so da sitzen und über ihre Lieblingsfilme plaudern.

Was gelernt?

Nichts - das ist ja das Tolle. Nach Filmlektionen zu Finanzkrise, Militärdiktatur, Entwicklungshilfe und den Ghettokindern aus "Yelling to the Sky" gab es heute auf der notorisch lehrreichen Berlinale mal keine wichtigen gesellschaftspolitischen Erkenntnisse zu erlangen. Stattdessen ging es bei Wenders und Ocelot vor allem um die unendliche Magie der Bilder. Das ist ja bei einem Filmfestival auch mal ein ganz schöner Ansatz

Samstag, 12. Februar, Tag 3:

Von Christian Buß

Was gesehen? "Sing Your Song" von Susanne Rostock (Berlinale Special), "Schlafkrankheit" von Ulrich Köhler (Wettbewerb) und "Almanya" von den Schwestern Samdereli (Wettbewerb).

Wie war's? Wo ist Zuhause, Mama? Dreimal ging es um das schwere Thema Interkulturalität - das aber auf unterhaltsamste Weise.

Die Dokumentation "Sing Your Song" zeichnet zu unvermeidlich beschwingten Karibikrhythmen den Lebensweg von Harry Belafonte nach, der in Jamaika und der Bronx aufgewachsen ist, als sexy aufgeknöpfter Calypso-Sänger in den noch segregierten USA der fünfziger Jahre auch weiße Frauenherzen höher schlagen ließ, bei seinen Shows in Las Vegas aber immer durch den Dienstboteneingang kommen musste. Erst wurde er zum populärsten Gesicht der Bürgerrechtsbewegung, später dann zum Kämpfer für die Freiheit Afrikas.

Wie es um diese Freiheit Afrikas heute bestellt ist, kann man dann sehr schön in Ulrich Köhlers postkolonialistischem Psychotrip "Schlafkrankheit" sehen. Bislang als einer der strengsten jungen Regisseure des Landes bekannt, öffnet er hier bildgewaltig den Blick für die Widersprüche des Kontinents. Im Mittelpunkt steht ein europäischer Arzt (Pierre Bokma), der in Kamerun ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit leitet und dabei zwischen Humanismus und Herrschaftsdenken hin- und hergerissen scheint. Eine böse Reise ins Innere einer Entwicklungshelferseele, ins weiße Herz der Finsternis.

Herziger gehen die Schwestern Samdereli mit ihren Figuren in ihrer Tragikomödie "Almanya" um. Sie erzählen von einer deutsch-türkischen Familie, deren drei Generationen in die anatolische Heimat der Großeltern reisen, weil Opa dort ein Haus gekauft hat. "Türkisch für Anfänger" im Kinoformat - und ein wunderbarer Nachklapp zur Integrationsdebatte vom letzten Jahr.

Beste Szene? Als dem kleinen türkischen Junge in "Almanya", der mit seinen Eltern nach Deutschland auswandern soll und der die christliche Kultur noch nicht kennt, in einer amtlichen Horrorszene im Schlaf ein dämonisch fauchender Jesus Christus am Holzkreuz begegnet: Jede Religion erscheint martialisch, wenn man sie nicht kennt. Eine hübsch ironische Verdrehung der Islamophobie à la Sarrazin.

Schlimmste Szene? Ein fachfremder französischer Arzt muss in "Schlafkrankheit" in einem verwahrlosten Buschkrankenhaus einen Kaiserschnitt vornehmen - und lässt sich die gröbsten Schritte am Handy von einer Kollegin erklären.

Star des Tages: Eindeutig Pierre Bokma in "Schlafkrankheit": Wenn der holländische Schauspieler als weißer Arzt mit herrischem Eifer auf die Schwarzen einredet, dann sind die Grenzen der Persönlichkeit auf einmal sehr offen: Ist der Mann nun Idealist oder Kolonialist?

Was gelernt? Die ganz großen Themen Globalisierung, Integration und Emanzipation lassen sich am besten in kleinen persönlichen Geschichten erzählen.

Freitag, 11. Februar, Tag 2:

Von Hannah Pilarczyk

Was gesehen? "Margin Call" von JC Chandor und "El Premio" von Paula Markovitch, beide im Wettbewerb

Wie war's? Und das war's auch schon wieder mit den Berühmtheiten: Nach "True Grit" hat die Berlinale bereits mit dem zweiten Wettbewerbsfilm einen Großteil ihres Starpotentials verballert. Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany und Zachary Quinto sind für die Premiere von "Margin Call" angereist, danach gibt's erst mal Moritz Bleibtreu, bis am vorletzten Tag January Jones und Diane Kruger kommen und sich die Berlinale kurz vor knapp wieder wie ein weltläufiges Filmfest fühlen kann.

Aber Stars sind ja nicht alles, was auch "Margin Call" beweist. Regisseur und Drehbuchautor JC Chandor inszeniert die Anfänge der aktuellen Finanzkrise als Kammerspiel mit Thriller-Einschlag. Setting ist eine namenlose New Yorker Bank, in der ein kleiner Angestellter zufällig entdeckt, dass das Finanzierungskonstrukt seines Arbeitgebers nicht nur vor dem Kollaps steht, sondern die gesamte Branche in den Abgrund reißen könnte. Innerhalb von 24 Stunden kommen erst die Bosse, dann die Bosse der Bosse und schließlich der Boss von allen Bossen in die Bank, um das Allerschlimmste zu verhindern. Dieses Zeitkorsett gibt dem Film eine schöne Dringlichkeit und Dichte, die sich aus einem abstrakten Stoff wie der Finanzkrise nur schwer gewinnen lässt. Allerdings gelingt es Chandor nicht, seine Figuren ähnlich frisch wirken zu lassen. Vom Rookie, der das große Betriebsgeheimnis lüftet, bis zum Boss, der es wieder vertuscht, nimmt sich das Ensemble doch eher wie eine Ansammlung aus Versatzstücken anderer Wirtschaftsthriller aus.

"El Premio" von Paula Markovitch, ebenfalls ein Debütfilm, besticht dagegen mit subtiler Bedrohlichkeit, deren politische Codierung sich nur langsam erschließt. Eine Mutter (Laura Agorreca) und ihre siebenjährige Tochter (Paula Galinelli Hertzog) lassen sich an einer stürmischen Küstenregion in Argentinien zu Zeiten der Militärdiktatur nieder. Ihre Unterkunft ist nahezu lächerlich unwirtlich. Wenn es nicht gerade reinregnet, halten Sturm und Kälte die beiden Frauen vom Schlafen ab. Elegisch inszeniert die Argentinierin Markovitch diese Kargheit - für manchen Zuschauer wahrscheinlich mit allzu langem Atem. Doch wie sie dabei herausarbeitet, wie die Vorherrschaft des Militärs sowohl physisch als auch psychisch bis in dieses Küstendorf vorgedrungen ist, ist grandios.

Beste Szene? Als die drei herausragenden Kinderdarsteller in "El Premio" in einer Ruine zusammen finden und der Junge den zwei Mädchen eine buchstäblich ellenlange Narbe am Unterarm präsentiert - die Verletzung hatte er sich selbst zugefügt. Markovitch lässt hier Ekel, Unverständnis und Hysterie in ihren Figuren aufeinanderprallen, wie es nur jemandem gelingt, der ein tiefes Verständnis für die Psychologie von Kindern hat.

Schlimmste Szene? In der Pressekonferenz zu "Margin Call" ergriff eine kanadische Kollegin das Mikrofon, um zu erzählen, dass der Finanzthriller sie an das Begräbnis ihres Vaters, der vierzig Jahre lang ihre Mutter missbraucht hatte, erinnert hatte.

Star des Tages: Das "visa miracle team" aus dem Abspann von "Margin Call" - offensichtlich brauchte es eine ganze Heerschar von Leuten, um dem Briten Jeremy Irons ein Visum für die Dreharbeiten in den USA zu beschaffen.

Was gelernt? Keinen Film zur Finanzkrise fordern. Das gibt einfach keinen Kinostoff her.

Donnerstag, 10. Februar, Tag 1:

Von Wolfgang Höbel

Was gesehen? "True Grit", den Eröffnungsfilm von Joel und Ethan Coen

Wie war's? Diese Berlinale startet unter dem Motto "Probier's mal mit Gemütlichkeit". Man sieht's schon den grizzlyhaft tapsigen Bewegungen des ehrwürdigen Schauspielers Jeff Bridges an, der hier einen ollen Schieß- und Saufbären im Wilden Westen gibt. Ja, der Kampf um den Goldenen Bären wird diesmal als uriges Wohlfühlfest eröffnet. Man sieht's auch an den grimmig entschlossenen Teddybärenaugen der Kinderdarstellerin Hailee Steinfeld. Steinfeld spielt in dem Western-Remake "True Grit" eine unheimlich clevere 14-Jährige namens Mattie, die den Mord an ihrem Vater rächen will. Zwei ziemlich windige Männer des Gesetzes sollen ihr dabei helfen. Bridges (mit Augenklappe wie einst John Wayne in der Vorlage zu diesem Film) spielt den älteren, Matt Damon den jüngeren.

Es wird geballert, Whiskey gekippt und um Pferde geweint, wie es sich für einen Western gehört. Der Film ist für zehn Oscars nominiert und in den US-Kinos schon prächtig gelaufen, auch bei der Pressevorstellung am Mittag in Berlin lachten eine Menge Leute sich scheckig. Fans der Coen-Brüder halt. Wir wollen heute aber mal nicht Fans, sondern streng sein: "True Grit" ist eine Har-Har-Komödie der charmantesten Art. Die drei Helden reiten selbstzufrieden und nett und spannungsfrei durch die ansehnliche Winterprärie. Die Pointen und die Überraschungen sind streng rationiert. Die Musik ist die reine Genre-Schwelgerei. "True Grit" ist ein Film, der so glücklich mit sich selber ist wie ein gutmütiger Bär am Honigtopf. Er will auch die Zuschauer so unbedingt beglücken, dass es schon ein bisschen nervt. In aller Nettigkeit: Zum Glück läuft der Film im Wettbewerb außer Konkurrenz, denn diesem Coen-Werk müsste man in Berlin keine Trophäe nachwerfen.

Beste Szene? Der Showdown zwischen dem Mädchen Mattie und dem Mörder ihres Vaters. Sie steht mit den Stiefeln in einem Fluss und will Wasser holen, er tränkt am anderen Ufer die Pferde. Als er sie entdeckt, verhöhnt er sie und erklärt ihr noch, dass man bei einer Pistole den Hahn spannen muss, bevor man damit auf Menschen schießen kann. Die Reue ist ein scharfes Schwert.

Schlimmste Szene? Menschen tun einander in diesem Film, wie bei diesen Regisseuren zu erwarten, auf sehr genüssliche Art übel Gewalt an. Das Abtrennen zweier Finger wegen einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen Schurke und Schurke lässt das komplette Kino zuverlässig aufjauchzen.

Star des Tages: Hailee Steinfeld. Sensationell störrisches Dreingeschaue, dicke Lippen, kräftige Augenbrauen und eine großartig freche Schnauze - die oscarnominierte Newcomerin ist die einzig wahre Hauptdarstellerin dieses Openingfilms.

Was gelernt? Wie jeder gute Western ist auch der Edelluxushybrid-Western "True Grit" eine Schatztruhe der Philosophie. "Man muss für alles bezahlen im Leben, auf diese oder auf jene Weise", heißt der grundamerikanische Merksatz zu Beginn. Unsere Hypothese zur zentralen Botschaft dieses Films: Die Regisseure wollen uns in wunderbar prachtvollen Bildern vom Schmutz und der Gemeinheit des Wilden Westens erzählen und davon, wie wenig ein Menschenleben und ein Pferdeleben wert sind in dieser ruppigen Welt. Allerdings sagt Jeff Bridges einmal im Film, sinngemäß: "Ich will keine Hypothesen hören, das Leben ist so schon Spaß genug."

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