Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

Ein Schmerbauch aus Frankreich und ein Trunkenbold aus Japan: Kurz vor Schluss besinnt sich der Berlinale-Wettbewerb mit den Beiträgen "Mammuth" und "Otouto" darauf, dass auch aus den gewöhnlichsten Geschichten großartige Filme entstehen können.

Von Hannah Pilarczyk

Große Liebe kommt unerwartet. Und wenn sie ein französischer Fettsack ist oder ein japanischer Trunkenbold - dann muss man auch akzeptieren.

Nunja, vielleicht gilt das nicht fürs Leben allgemein, für den Berlinale-Wettbewerb aber in jedem Fall. Der überraschte nämlich zum Schluss im großen Stile - mit dem französischen Beitrag "Mammuth" und dem japanischen Abschlussfilm "Otouto".

In "Mammuth" führt Gérard Depardieu eine Wampe vor, für die andere physikalische Gesetze gelten müssen als für normale Leiber. Anders kann man sich nicht erklären, warum jemand mit so einem Fettwanst nicht umkippt. Zwillingschwangerschaft, mindestens. Zusammen mit einer grauenhaften blondierten Lockenmähne bringt Depardieu eine körperliche Präsenz auf, die an sich schon genug Schauwert für 90 Minuten Film böte. Aber das Regisseur- und Autoren-Paar Benoit Delépine und Gustave de Kervern hat zum Glück noch andere Sachen mit Depardieu vor. Sehr andere Sachen.

Um seine volle Rente zu erhalten, muss Schlachter Serge (Depardieu) nur noch ein paar Belege seiner vorherigen Arbeitgeber sammeln. Dann kann er es sich mit seiner Freundin Catherine (Yolande Moreau) im gemeinsamen Häuschen in der französischen Provinz gemütlich machen. Also schwingt sich Serge auf sein Motorrad, klappert seine alten Arbeitsplätze ab und absolviert damit gleichzeitig eine sentimental journey in seine Vergangenheit - wollte man meinen.

Doch hier beginnt der erste wunderbare Bruch mit den Erwartungen: Delépine und de Kervern lassen Serge nicht sein Leben gefühlig Revue passieren, sondern schicken ihn in die fürchterliche Arbeitswelt der Gegenwart. Was von Serges alten Arbeitsplätzen noch übrig ist, wird von prekär Beschäftigten geschmissen. Die haben nur noch Verachtung für ihn, der noch Anspruch auf Rente hat, übrig. Und wenn sie ihn nicht ausrauben, so schicken sie ihn zumindest beherzt zum Teufel.

Als diese Erzähllinie klar wird, biegt "Mammuth" aber wieder scharf ab und lässt plötzlich eine Reihe von skurrilen Figuren auftreten: Isabelle Adjani als tote Freundin, Miss Ming als semi-debile Nichte und nicht zuletzt Julie Delpys Vater Albert, der in einen der haaresträubendsten hand jobs der Filmgeschichte verwickelt wird.

Wie sich das zu einer unglaublich lustigen, aber gleichzeitig auch zutiefst wahrhaftigen Geschichte zusammenfindet - das muss man dann einfach gesehen haben. Vom Bauch ganz zu schweigen.

Der Clown und die kleinen Träume

Mit 126 Minuten ist der Abschlussfilm "Otouto - About Her Brother" (außer Konkurrenz) einer der längsten im Wettbewerb, doch er hat keinerlei Längen. Schwer zu beschreiben, woran es liegt, dass man nach wenigen Momenten weiß, dass diese Geschichte um das schwarze Schaf einer kleinen japanischen Familie genau diese Zeit braucht, um sich zu entfalten. Schließlich sind es unspektakuläre Bilder und bescheidene Menschen, die Regisseur Yoji Yamada zeigt.

Doch die Sicherheit, mit der er inszeniert, überträgt sich schnell auf das Publikum: In den kleinbürgerlichen Träumen der Alleinerziehenden Ginko (Sayuri Yoshinaga) und ihrer Tochter Koharu (Yu Aoi), die immer wieder vom trunksüchtigen, kindischen Onkel Tetsuro (Tsurube Shofukutei), gestört werden, wird bestimmt eine große Geschichte stecken. Und das tut sie schließlich auch.

Mit großer Geduld akzeptiert Ginko zunächst das erratische Verhalten ihres kleinen Bruders, seine Trinkexzesse, seine Unverschämtheiten, seine gescheiterte Schauspielerkarriere. Als er seine Freundin in die Schuldenfalle reißt, kommt es aber zum Zerwürfnis zwischen ihnen. Die Geschwister sehen sich über Jahre hinweg nicht. Ginko betreibt weiter ihre kleine Apotheke, Koharu zieht nach einer gescheiterten Ehe wieder bei ihr ein. Die zwei Frauen leben ein erfülltes Leben voller kleiner Aufgaben und kleiner Begegnungen.

Doch plötzlich ist darin wieder Platz für Tetsuro - und wie sich das ergibt, ist die wahrscheinlich hoffnungsvollste Geschichte dieser Berlinale: denn die Familie hat sich geändert. Nichts dramatisches ist passiert, trotzdem ist sie durchlässiger und großherziger geworden. Die Frauen lachen wieder über Tetsuros Witze und verzeihen ihm seine verzeihbaren Fehler. Eine Versöhnung, in der sich keine Seite verrät - zumindest in "Otouto" ist das tatsächlich möglich.

Der Mann auf unserer linken Seite hat als erster mit dem Schniefen angefangen. Der rechts von uns hat die letzte halbe Stunde durchgeweint.

Schöne Frauen, übel zugerichtet

Ultrahart, ultrazynisch: Michael Winterbottoms "The Killer Inside Me" mit Jessica Alba ist Slapstick der ganz fiesen Sorte. Aus Dänemark kommt ein ausgelassenes Familienfest. Und der argentinische Film "Rompecabezas" beweist, wie sexy das Legen von Puzzles sein kann.

Von Lars-Olav Beier

Noch ist unklar, ob die 60. Berlinale am Ende zu den besten Filmfestspielen aller Zeiten ernannt werden kann. Die dreckigsten sind sie ohne jeden Zweifel. Denn nun bringt die große Schneeschmelze auf der Alten Potsdamer Straße vor dem Berlinale-Palast den Schmutz des Großstadtlebens zum Vorschein. Die Reste der Feuerwerkskörper von Silvester etwa und den Hundekot und -urin der letzten zwei Monate, der sich in bräunlich-grün schimmernden Pfützen auflöst. Wenn sie das Wasser wenigstens blau färben würden, so dass es aussieht wie in der Lagune von Venedig!

Wie schön also, wenn man nach einen anstrengenden Tag auf der Berlinale nach Hause kommt, den Fernseher einschaltet und den deutschen Damen beim Curling zuschaut. Diese fleißigen Lieschen, wie sie aus Leibeskräften das Eis polieren! Welche Wonne! Wehmütig denkt man zurück an die ersten Tage der Berlinale, als man auf einer geschlossenen Eisdecke zum Kino eierte. Vorbei. Nichts bleibt von dem, was schimmerte und glänzte. Und so ist das auch mit manchen Filmen. Gerade bei denen, die sehr hell strahlen, verbirgt sich unter der Oberfläche manchmal ganz schön viel Dreck.

Der Regisseur Michael Winterbottom etwa wartet bei seiner Jim-Thompson-Adaption "The Killer Inside Me" mit sehr viel Star-Glanz auf, mit Casey Affleck in der Rolle des texanischen Deputys Lou Ford, mit Jessica Alba und Kate Hudson als seine Geliebten. Doch "The Killer Inside Me" ist nichts anderes als umgekehrter Truffaut. Der französische Regisseur hatte einst gesagt, Kino bedeute vor allem, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun. Hässlicheres als Winterbottom hat ein Regisseur schönen Frauen auf der Leinwand selten angetan.

Ultrazynischer Slapstick

Da schlägt Ford das Gesicht der Prostituierten Joyce (Alba) zu Brei; in der minutenlangen Sequenz zeigt Winterbottom das verunstaltete Gesicht immer wieder in Großaufnahme, kann von dem Anblick nicht genug bekommen. Gegen Ende des Films streckt Ford seine Freundin Amy (Hudson) zu Boden und tritt ihr in den Magen. Während sie um Atem ringt, entleert sich ihre Blase. Wenige Augenblicke später rutscht der Täter darin aus. Das ist nicht komisch. Es ist nur ultrazynischer Slapstick.

Das Schlimme ist nicht, dass Winterbottom die Geschichte aus der Sicht eines Psychopathen und Sadisten erzählt; auch wenn er so am Ende zwangsläufig mit einem Film dasteht, der genauso emotionslos und kaltherzig ist wie sein brutaler Held. Viel schlimmer ist die Anmaßung des Films, den Killer erklären zu können. In Kindheits-Rückblenden werden dem Zuschauer halb verdaute küchenpsychologische Erklärungsbrocken hingeschmissen. Winterbottom weiß ganz genau, wie es aussieht in Fords Kopf, lässt ihn sogar in Erinnerungen an das schöne Gesicht der Frau schwelgen, das er zertrümmert hat. Da wird der Film widerwärtig sentimental.

Vorhölle Familie? Nein, danke!

Die gestörte Persönlichkeit des Helden in "The Killer Inside Me" hat, wie nicht anders zu erwarten, die Ursprünge in seiner eigenen Familie. Dies ist eine der ganz großen Platitüden des Weltkinos, mit der man nirgendwo so penetrant behelligt wird wie auf den Großfestivals von Berlin oder Cannes. Gerade dänische Regisseure haben sich besonders darin hervorgetan zu zeigen, dass jedes noch so idyllische Familiendomizil mit wahren Katakomben voller Leichen unterkellert ist (wie etwa in "Das Fest" von Thomas Vinterberg). Insofern sind wir dankbar für jeden dänischen Familienfilm, der uns nicht in die Vorhölle schickt.

"Eine Familie" von Pernille Fischer Christensen zeigt ein so ausgelassenes Familienfest, bei dem alle so fröhlich miteinander tanzen, dass wir das Schlimmste befürchten. Und tatsächlich, es folgt prompt Schwarzfilm, und wir sind todsicher, im Hades wieder aufzutauchen. Aber dann zeigt der Film eben nicht, wie eine Familie zerfällt, sondern sich der Tatsache stellen muss, dass ihr Oberhaupt (Jesper Christensen) todkrank ist. "Eine Familie" ist ein Film über das Sterben, etwas überladen mit Konflikten und unnötig aufgepeppt mit dümmlichen Pop-Songs, doch tief bewegend in den Momenten, in denen er sich auf das Trauern konzentriert.

Wer eine wirklich heile Familie finden will, muss allerdings bis zu den Anden gehen. In "Rompecabezas", dem Wettbewerbsbeitrag einer argentinischen Regisseurin, die auf den schönen Namen Natalia Smirnoff hört, entdeckt eine Frau in den mittleren Jahren eine große Leidenschaft für's Puzzeln. Ihr Mann ist zwar etwas befremdet, weil sie tagelang kaum noch ansprechbar ist und der Kühlschrank erste Lücken aufweist, doch am Ende ist er stolz wie Oscar, dass sie einen Pokal vom Speed-Puzzeln mit nach Hause bringt, und lässt sie mit seinen beiden Söhne hochleben.

Viele Journalisten fanden den Film nichtig und langweilig. Klar, wenn die Frau eine Passion für's Fallschirmspringen oder Brandungssurfen entwickeln würde, ginge es natürlich etwas dramatischer zu. Beim Puzzeln kann man sich nichts brechen, dann landet man nicht im Rollstuhl, wenn's dumm läuft. Aber wie die wunderbare Hauptdarstellerin Maria Onetto diese unbeirrbare Beharrlichkeit und große Sanftheit spielt, mit der ihre Heldin die Puzzle-Teile zusammenfügt, das entwickelt einen ganz eigenen Charme, ja, sogar einen stillen Sex-Appeal.

Ein bisschen neidisch wird man schon, wenn man die Eheleute in "Rompecabezas" in einer sonnenüberfluteten Lagune angeln sieht. Aber wir werden ganz gewiss schon bald eine große Sehnsucht haben nach diesem ständigen Knirschen des Streusandes unter unseren Sohlen, das uns die Illusion gibt, über die Dorfstraße in einem Western zu schreiten, während wir uns dem Berlinale-Palast nähern. Ja, es wird uns fehlen, dieses Gefühl, dass sogar beim ersten Wettbewerbsfilm morgens um 9 schon zwölf Uhr mittags ist.

Tag 7 - Ich möchte ein Eisbär sein, am warmen Polar

Eitelkeits-Alarm auf der Berlinale: Der Russe Alexei Popogrebsky schildert den Zweikampf einsamer Männer im arktischen Sommer, die Bosnierin Jasmilla Žbanic zeigt religiösen Fanatismus in einer jungen Ehe - und Oskar Roehler wäscht einen als Nazi-Vollstrecker berüchtigten Schauspieler rein.

Von Wolfgang Höbel

Gefallsucht ist eine mörderische Charakterschwäche, diese Botschaft ist bei einem immer eifrig um Zuwendung buhlenden Glitzerfestival wie der Berlinale natürlich der Hammer. Der Wettbewerbsfilm "How I Ended This Summer" zum Beispiel, erster russischer Beitrag im Kampf um den goldenen Bären seit fünf Jahren, handelt von einem jungen Kerl, der unfähig ist, das Schreckliche auszusprechen. Für diese Menschenfreundlichkeit muss er ordentlich büßen.

Der Regisseur Alexei Popogrebsky sperrt zwei Männer in einer Wetterstation in der Arktis zusammen, der eine mittelalt und erfahren, der andere ein Greenhorn und Jungspund. Der Jüngere erfährt durch einen Funkspruch, dass die Frau und das kleine Kind seines Gefährten tödlich verunglückt sind - und gibt die Nachricht tagelang nicht weiter. Vielleicht, um dem anderen den Schmerz nicht früher als nötig aufzubürden. "How I Ended This Summer" sieht genauso aus, wie man sich russisches Männerkino vorstellt. Und packt einen trotzdem.

Man sieht Sonne über karger Landschaft, Eisschollen, felsige Berge und Nebelschwaden, man sieht grimmige, meistens stumme Gesichter und Schießgewehre, man sieht schmutzige Klamotten und bleiche nackte Leiber in der Sauna, und einmal jagt plötzlich ein hungriger Eisbär durchs Gelände.

Aufdringlich und grell sind in diesem Film nur die Bilder des Computerspiels, in dem der junge Bursche gegen die Langeweile anballert. Imponierend sind die Entschlossenheit, die Geradlinigkeit und die Geduld Popogrebskys: Über zwei Stunden lang führt er immer neue Eskalationsstufen eines Zweikampfs vor. Gut möglich, dass sich auch die Berlinale-Jury bei der Vergabe der Bären von dieser sibirischen Strenge beeindrucken lässt.

Selbstverliebtheit und Gefallsucht

Von Selbstverliebtheit und Gefallsucht erzählt auch die Regisseurin Jasmilla Žbanic. Ihr neues Werks "Na putu - Auf dem Weg" beginnt damit, dass eine modelmäßig schöne junge Frau namens Luna (Zrinka Cvitesic) mit ihrer Handykamera das eigene Gesicht und ihren Oberkörper abfilmt. Sie schaut so glücklich aus ihren bambibraunen Augen, dass man ihr Unheil schon heraufziehen spürt. Die Bosnierin Žbanic war schon mal die große Siegerin des Berliner Wettbewerbs, vor vier Jahren mit "Esmas Geheimnis". "Auf dem Weg" zeigt, warum.

Žbanic betrachtet mit psychologisch präzisem, einfühlsamem, aber nie gefühligem Blick die Nöte der vom Krieg traumatisierten Menschen Sarajewos. In "Na putu" geht es um ein fröhliches, modernes junges Paar, er Fluglotse, sie Stewardess, dessen Beziehung darunter leidet, dass der Mann erst unmäßig säuft und sich dann plötzlich zum strenggläubigen Moslem wandelt.

Das klingt absehbar. Tatsächlich aber überrascht einen dieser Film immer wieder, wenn er die Helden zum Beispiel auf eine Wildwasserfahrt im Schlauchboot schickt oder sie in einem Zeltlager am Rande eines bosnischen Bergsees herumspazieren lässt, in dem die Männer und die Frauen aus Glaubensgründen nicht gemeinsam baden dürfen. Manchmal ist "Auf dem Weg" arg konventionell, manchmal ist er auch lustig, stets aber bleibt er nah dran an seinen beiden Helden, ohne sie zu verurteilen oder zu verraten. Und je länger er die wirklich beeindruckende Schönheit von Lunas Gesicht feiert, desto besser beginnt man zu verstehen, dass ihr Mann zwar unfassbar frauenfeindliche Parolen seiner Glaubensgenossen nachplappert, aber schon ein paar gute Gründe hat, nach einem Sinn in seinem Leben jenseits der strahlenden Oberfläche zu suchen.

Buhrufe für Oskar Roehlers "Jud Süß"

Jetzt kommen wir zur Gefallssuchts-Lektion Nummer drei im Wettbewerb der Berlinale. "Jud Süß - Film ohne Gewissen", der heiß erwartete deutsche Beitrag von Oskar Roehler, verhandelt die ziemlich wahre Geschichte des Schauspielers Ferdinand Marian (1902 bis 1946). Marian war der Mann, der sich von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels für die Hauptrolle im ekligen und zugleich künstlerisch ehrgeizigen Hetzfilm "Jud Süß" einspannen ließ. Marian versuchte nein zu sagen, aber er konnte es nicht. Die Rolle war sein Verderben.

Mit seinen besseren Filmen wie "Die Unberührbare" hat sich Roehler den schönen Ruf erworben, ein illegitimer Neffe von Rainer Werner Fassbinder zu sein. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" merkt man an, dass Roehler hier seine "Lily Marleen" drehen wollte. Also einen Nazi-Film ohne "Der Untergang"-Gedröhne. Eine Studie über die Verführbarkeit und Erpressbarkeit des Künstlermenschen. Am Ende der Pressevorführung am Donnerstagmittag aber wurde Roehlers Film ziemlich beherzt ausgebuht. Weil er in vielen Szenen doch näher am Fernseh-Historienschmonz der Marke Nico Hofmann ("Dresden", "Die Luftbrücke") gelandet ist als bei Fassbinders kluger, fiebriger Eleganz.

Was zur Hölle will Roehler eigentlich erzählen? Das ist die Frage, die man sich bald stellt in diesem Film. Er stellt uns Marian als sympathischen Hansdampf und Frauenverführer vor. Tobias Moretti mit Clark-Gable-Charme und buschigem Schnauzbart ist dafür eine Eins-A Besetzung. Das kann man von Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels jetzt eher nicht so sagen, auch wenn er leutselig rheinisch schnarrt und zynisch die Zähne bleckt. Martina Gedeck ist Ferdinand Marians Frau, von seiner Fremdgeherei mehr amüsiert als gedemütig. Sorgen macht sie sich eher um den jüdischen Schauspieler (Heribert Sasse), den sie im Gartenhaus versteckt, noch dazu ist sie selber Enkelin einer jüdischen Großmutter.

Warum die Weißwaschung?

Von Anfang an ist also klar: Marian ist ein Erpressungsopfer. Er mag eitel sein, ein treuloser Kreuz-und-quer-Vögler, er mag sich nach Ruhm und dem großen Rampenlicht sehnen, aber die Hauptrolle des Jud Süß im Kinofilm des Regisseurs Veit Harlan spielt er nur, weil Goebbels ihn in der Hand hat: als Ehemann einer jüdischstämmigen Frau, die auch noch verbotenerweise einem seiner jüdischen Schauspielerkollegen Obdach bot.

Es ist gar nicht wichtig, ob Roehlers Marian der historischen Wahrheit entspricht. Wir sehen die Geschichte eines Mannes, der erst glaubt, er verhindere durch seine Darstellung noch Schlimmeres. Dann fällt er bei Goebbels in Ungnade, dann ermordet man seine Frau im KZ. Und am Ende fährt er selber im Nachkriegsbayern betrunken gegen einen Baum und ist tot. Die Frage ist: Warum widmet sich dieser Film der weitgehenden moralischen Weißwaschung einer Figur, die im berühmtesten und bis heute verbotenen Nazi-Hetzfilm (den man sich als Kinozuschauer nur in kommentierten Vorstellungen ansehen darf) die Hauptrolle spielte?

Es ist nicht alles schlecht an Roehlers Film, aber auf diese Frage gibt er keine Antwort. Vieles an "Jud Süß - Film ohne Gewissen" ist bieder, und als er einmal ins Surreale abheben will, da geht es richtig schief. Da treiben es dann Moretti und Gudrun Landgrebe in einem Dachbodenfenster, während über Berlin die Bombenblitze im Nachthimmel zucken. Es ist, da bin ich mir mit vielen Fachleuten einig, die viertschlechteste Sexszene dieser Berlinale.

Die schlechteste, die zweitschlechteste und die drittschlechteste Sexszene kommen alle übrigens auch in einem deutschen Film vor, der mit ganz viel Pomp auf der Berlinale gezeigt wurde, zum Glück aber nicht in den Wettbewerb gefunden hat: Jo Beiers fürchterlich verschmierten, vom Publikum ausgelachten und angeblich viele Millionen teuren Historienfilm "Henri 4". In dem ist die körperliche Liebe zwischen Mann (Julien Bosselier) und Frau (Chloe Stefani) ein fortwährendes Prügeln und Beißen und Kratzen und sieht so gotterbärmlich blöde aus, dass man vor lauter Scham über die Spezies Mensch ein Eisbär sein möchte, am warmen Polar.

Tag 6 - Immer Stress, immer Blut

Mit Tempo rast der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag "Shahada" am Publikum vorbei - das Episodendrama um Berliner Moslems ist völlig überladen. Dass man auch mit Leichtigkeit in die Tiefe vorstoßen kann, beweist Lisa Cholodenko mit ihrer Familienkomödie "The Kids Are All Right".

Von Hannah Pilarczyk

Sieger nach Problemen: eindeutig "Shahada". Mit einer misslungenen Abtreibung, einem versehentlich getöteten Kind, einem jungen Moslem, der seine Homosexualität nicht akzeptiert sowie einem liberalen Imam, der seine Frau durch Krebs verloren hat, und dessen Tochter zum religiösen Fanatismus findet, hält sich der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag nicht gerade mit Konflikten zurück. Diese Überladenheit mag damit zusammenhängen, dass "Shahada" ein Debütfilm ist und Erstlingsregisseure oft drehen, als dürften sie danach nie wieder ein Filmstudio betreten. Für diesen bislang unentschiedenen Wettbewerb ist die Gewalt, mit der Autor und Regisseur Burhan Qurbani auf die erzählerische Tube drückt, aber zunächst wohltuend. Mit ähnlichem Tempo verliert man aber auch wieder die Lust, Qurbani auf seiner Hetzjagd durch das Leben von drei Berliner Moslems zufolgen. Ihre Probleme wirken fast ausnahmslos nach konterintuitiven Zuspitzungsformeln berechnet, die letztlich nur einen Eindruck vermitteln: Moslem in Deutschland zu sein, bedeutet Dauerausnahmezustand - immer Stress, immer Blut.

Vor allem Maryam Zaree als ungewollt schwanger gewordene Imamtochter kann ihre Figur nicht zusammenhalten - aber wie sollte sie auch? Ebenso wie Carlo Ljubek als Polizist Ismael und Jeremias Acheampong als schwuler Koranschüler kriegt sie keinen Moment des Alltags zugestanden. Alle Szenen müssen der Geschichte dienen, nie darf es einfach mal um die Figur gehen. So dreht sich die Erzählspirale letztlich ohne die Zuschauer weiter und entschwindet irgendwann im milchig blauen Himmel von Berlin.

Biologische Vaterschaft? Geschenkt!

Die US-Amerikanerin Lisa Cholodenko arbeitet in ihrem sechsten Spielfilm "The Kids Are All Right" (außer Konkurrenz) aus der exakt entgegen gesetzten Richtung. Ihre Ausgangskonstellation erscheint auf den ersten Blick hochkomplex: Julianne Moore und Annette Bening spielen das lesbische Ehepaar Jules und Nic, das zwei Kinder vom selben Samenspender hat. Als ihre Tochter nach ihrem 18. Geburtstag zum ersten Mal Kontakt mit ihrem leiblichen Vater aufnimmt, gerät das vermeintlich stabile Familiengefüge, das sich Jules und Nic mühsam aufgebaut haben, ins Wanken. Denn Mark Ruffalo als genussvoller Restaurantbesitzer Paul nimmt zunächst seine Kinder für sich ein: Sie finden in seiner anpackenden Art Dinge wieder, die sie an ihren Müttern vermissen. Dann kommen die Frauen dran - und von denen findet eine noch viel mehr in Paul als nur ein bisschen männliche Tatkraft.

Weil Cholodenko ihren Figuren Raum zum Leben gibt, bewegt man sich bald mit dem größten Vergnügen an ihrer Seite. Man lernt ihre Schwächen kennen und kann ihre Seitenblicke deuten, man weiß, wann sie zu viel getrunken haben und wann sie sich vernachlässigt fühlen. So ergeben sich nach und nach sehr intime Einblicke in ein Familienleben, das aufgrund des lesbischen Elternpaares zunächst unkonventionell erscheinen mag. Im Grunde löst Pauls Erscheinen aber nur eine klassische Ehekrise aus. Er ist der Fremde, der eine langjährige Partnerschaft aufwirbelt - biologische Vaterschaft geschenkt. So kommt Cholodenko im Laufe des Films letztlich bei einer ganz einfachen Geschichte an.

Ihr folgt man dahin aber ausgesprochen gern, denn sie kann sich zum einen auf ein wunderbares Ensemble verlassen, in dem neben der verlässlich tollen Julianne Moore und dem umwerfenden Mark Ruffalo vielleicht Annette Bening die größte Entdeckung ist - wenn man das noch von einer Schauspielerin, die seit 24 Jahren im Geschäft ist, sagen kann.

Zum anderen hat Cholodenko zusammen mit Stuart Blumberg feinnervige Dialoge geschrieben, die so viel zum Lachen bieten, dass "The Kids Are All Right" wie schon beim Sundance Festival auch auf dieser Berlinale das Zeug zum Publikumsliebling haben dürfte. Sieger der Herzen: eindeutig "The Kids Are All Right".

Tag 5 - Erst der Sex, dann der Genuss

Essen, Sex und Knäste sind die Grundmotive dieser Berlinale: Im japanischen Wettbewerbsbeitrag "Caterpillar" werden die Kopulations-Szenen mit einem Kriegskrüppel zur Geduldsprobe - und in der norwegischen Komödie über einen Ex-Knacki gibt's Kompott nur gegen Körperdienste.

Von Andreas Borcholte

"Essen und schlafen, das ist alles, was Du machst". Das wirft die junge Shigeko wütend ihrem aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrten Ehemann im japanischen Wettbewerbsbeitrag "Caterpillar" vor. Da könnte man als Berlinale-Besucher fast neidisch werden: Essen und schlafen ist genau das, was hier zu kurz kommt.

Zu beneiden ist der gescholtene Leutnant Kurokowa aber doch nicht. Die Bewohner seines Dorfes verehren ihn zwar als Kriegs-Gott, das Vaterland dekorierte ihn mit den höchsten Orden, aber leider verlor er beim Einsatz nicht nur Stimme und Gehör, sondern auch beide Arme und Beine. Zum Torso reduziert, fristet er sein Dasein liegend auf einer Matte oder aufrecht eingepolstert in einem Weidenkorb - und muss sich von Shigeko füttern und versorgen lassen. Die geht der Pflege ihres Mannes beflissen nach und gehorcht sogar seinem äußerst ausgeprägten Bedürfnis nach Sex.

Vor allem die verstörenden Kopulations-Szenen, bei denen weder Kurokowa, noch seine Frau, noch das Publikum sonderlich viel Erotik oder Lust verspüren, dürften von "Caterpillar" im Gedächtnis bleiben. Zwar stellt sich bald heraus, dass Shigeko früher von ihrem heldenhaften Soldatengatten misshandelt wurde und der in Wahrheit ein Vergewaltiger und Kriegsverbrecher ist. Doch Regisseur Koji Wakamatsu, ebenso bekannt für softe Pornos wie für hochpolitisches Kino, nutzt kaum die Chance, ein psychologisches Drama zu erzählen.

Dafür ist er zu sehr damit beschäftigt, dem Zuschauer mit arg plakativen Szenen von Leichen und Vergewaltigungen die Botschaft zu übermitteln, dass Krieg im Allgemeinen eine furchtbare Sache ist und man die Opfer, die allein das Bombardement von Hiroshima und Nagasaki gekostet hat, nicht vergessen sollte. Das Ansinnen ist also löblich, aber auch banal. Interessanter und letztlich aufschlussreicher wäre ein genauerer Blick auf das von Rache, Scham und Verzweiflung geprägte Verhältnis zwischen dem Versehrten und seiner zur Servilität verdammten Frau gewesen. Doch da die Kommunikation zwischen den beiden dauerhaft gestört bleibt, muss man den Konflikt aus Krüppelsex und Fütter-Übungen ableiten, was auf die Dauer redundant und damit arg anstrengend wird.

"Caterpillar" ist kein guter Film, dennoch dürfte er die bisher größten Chancen auf den Goldenen Bären haben: Frauenschicksale vor exotischer Kulisse wurden in den vergangenen Jahren immer wieder und von den unterschiedlichsten Jury-Konstellationen auserwählt, man denke nur an den letztjährigen Siegerfilm "The Milk of Sorrow" oder das Jurten-Drama "Tuyas Hochzeit", das 2008 gewann. Dazu kommt, dass die Konkurrenz bisher nicht groß ist. Außer Benjamin Heisenbergs faszinierend kaltem Blick auf seinen der Gesellschaft davon laufenden "Räuber" gab es nicht viel, was sich vom Feld der Mitbewerber absetzen konnte.

Erst Quickie, dann Kompott

Dafür werden die Grundthemen dieser Berlinale inzwischen deutlicher: Neben einem klaren Knast-Motiv, das vom "Räuber" über den Rumänen "If I Want to Whistle I Whistle" und Thomas Vinterbergs "Submarino" bis hin zu Martin Scorseses "Shutter Island" und Roman Polanskis "Ghostwriter" viele Filme dieses Jahrgangs durchzieht, gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Kulinarik und Sex, beziehungsweise Liebe.

Deutlicher noch als in "Caterpillar" wurde diese sinnliche Verknüpfung bei der wunderbar lakonischen norwegischen Komödie "A Somewhat Gentle Man" von Hans Petter Moland. Darin wird der Mörder Ulrik (grandios mit grauem Zopf: Stellan Skarsgard) nach 12 Jahren aus dem Gefängnis (Aha!) entlassen und will ein neues Leben anfangen. Klappt natürlich nicht. Immerhin erfreut sich der bärige, aber grau gewordene Schweigsame großer Beliebtheit bei den Frauen, wobei er auf die Zuwendung seiner geradezu grotesk unansehnlichen Vermieterin wohl lieber verzichten würde. Vor jedem Quickie auf seiner kargen Bettstatt im Keller serviert sie ihm ein leckeres Abendessen und verschlimmbessert den Anblick ihrer krampfaderigen Beine mit immer wagemutigeren Outfits. Manchmal gibt es sogar Ulriks Lieblings-Kompott. Aber vor dem Genuss steht stets der Sex.

Klingt zum Glück alles schlimmer, als es im Film ist. Regisseur Moland hatte offenbar vor, die skandinavische Variante eines Coen-Brothers-Film zu drehen, was ihm zum Teil mit absurder Komik und trockenen Dialogen sogar gelang. Aber seine sympathische Geschichte über Lust und Leid eines Ex-Knackis hat keinerlei Tiefgang, so dass man sich fragt, was sie im Wettbewerb der Berlinale zu suchen hat. Die größten und herzlichsten Lacher des Festivals konnten Hauptdarsteller Skarsgard und Regisseur Moland trotzdem für sich verbuchen.

Das ist doch auch schon mal was.

Tag 4 - Mein Herz schlägt wie eine Dschungeltrommel!

Superkünstler Banksy nimmt in "Exit Through the Gift Shop" sehr clever den eigenen Ruhm auf die Schippe, ein junger Taiwanese erobert die rauen Berliner Zuschauergemüter und ein junger Deutscher überrascht mit gelungenen Banküberfällen.

Von Wolfgang Höbel

Ob so ein Riesenfilmfest wirklich gesund ist für den menschlichen Körper, der ohnehin zerrüttet ist vom deutschen Winter, vergiftet durch diverse Festivalumtrünke und noch dazu voller blauer Flecken wegen des fortwährenden Geschubses unter den übereifrigen Berlinale-Berichterstattern? In Benjamin Heisenbergs Wettbewerbsfilm "Der Räuber" begegnet man einem Helden, der fast immer einen Pulsmesser um die Brust geschnallt trägt und im komischsten Moment des Films nachguckt, wie sein Herz während eines von ihm selbst verübten Banküberfalls schlug: Da lachten selbst die Griesgrämigen und Komatösen unter den Gästen der Pressevorführung am grauen Berliner Montagmorgen.

Im wirklichen Leben mag Herzrasen oft ein Krankheitssymptom sein, im Kino ist es fast immer ein Qualitätsbeweis. "Der Räuber" beginnt mit bleichen, wie tot wirkenden Menschen, die sich hinter Zäunen und in engen Räumen bewegen und kaum reden. Also ziemlich genau mit der Sorte Kino, die man von einem Regisseur aus dem Umkreis der so genannten Berliner Schule erwartet. Die ist dafür berüchtigt, dass sie gern in stummen Endlos-Einstellungen dem Fallobst beim Schimmeln zusieht. Das Überraschende an Heisenbergs Film aber ist, wie toll er uns Zuschauer dann doch ein paar mal in echte, fiebernde Thrillerspannung versetzt.

"Der Räuber" beginnt im Knast. Dort läuft ein schmallippiger Mann namens Rettenberger (Andreas Lust) ein paar Runden im Gefängnishof und trainiert in seiner Zelle auf dem Laufband weiter. Dann darf er raus, weil er seine Strafe, sechs Jahre für einen versuchten Banküberfall, abgesessen hat. Heisenberg zeigt einen radikalen Eigenbrötler, der immer davonläuft und doch nicht von der Stelle kommt. Rettenberger zieht knallhart seinen Plan durch. Er trumpft beim Marathonlaufen auf und raubt reihenweise Banken aus. Bis ihm die sehr gemächlich in Fahrt kommende Liebe zu einer jungen Frau (Franziska Weisz) in die Quere kommt. Ein typischer Kinoschurke eben.

Echten Wumm geben diesem trotz einiger Opernmusik-Einsätze eher lahmen Krimi nur die Banküberfälle selbst. Da läuft plötzlich ein herrenloser Hund durch die Schiebetüren eines Sparkasseneingangs, während der Held ein Dutzend Bankkunden mit dem Maschinengewehr in Schach hält. Was jetzt? Wird das Tier sich auf ihn stürzen? Muss er schießen? Während unser Puls hämmert in einer ärztlich wirklich nicht empfohlenen Frequenz, wendet sich der Hund ab und trottet gemütlich zurück ins Freie.

Amélies chinesischer Bruder

Noch mehr Mörderstoff fürs Herz, aber von ganz anderem Kaliber bietet "Au Revoir Taipei", ein Film im Berlinale-Forum, von dem die dort Verantwortlichen vorab diskret herumschwärmten, weil es ja sonst nicht viel zum Dahinschmelzen gibt bei so einem sibirisch ernsten Filmfestival. Die Geschichte von einem liebeskranken jungen Mann, dessen Freundin nach Paris abgeschwirrt ist, von ein paar doofen Gangstern und einer tanzbegabten schönen Buchhändlerin ist ein zuckersüßer Spaß und zeigt Taiwans Hauptstadt Taipeh in Farben, als laufe hier ein chinesischer Bruder von Audrey Toutous Amélie durch eine wunderbare Welt im fernen Osten. Das Berliner Publikum jauchzte und jubelte und erkor den jungen Regisseur Arvin Chen sofort zu einem Liebling dieses Jubiläumsfestivals.

Die Fachjournalisten aus aller Welt dagegen stürzten sich mit maximalem Adrenalinpegel, japsend, drängelnd, völlig mit den Nerven am Ende auf ein Phantom namens Banksy. Wie nicht gescheit presste sich das Pressepack in die Vorführungen von "Exit Through The Gift Shop", dem Regiedebüt des ominösen Londoner Künstlers. Angeblich weiß keiner, wie Banksy aussieht, auf Filmaufnahmen versteckt er sein Gesicht meistens in einer Kapuze, seine Kunst heißt Street Art und besteht aus Sprühgemälden und kurios auseinander gewuchteten und neu zusammengesetzten Telefonzellen, die andere in seinem Namen verkaufen. Angeblich weiß auch keiner, ob Banksy ein Genie ist, ein gerissener Geschäftemacher oder nur ein schlechter Witz.

Würde man das nun in Berlin klären? Würde Banksy gar höchstpersönlich, verhüllt oder unverhüllt, in Erscheinung treten und eine Weltsensation auf den Potsdamer Platz brettern? Als die Pressevorführung schon mindestens zehn Minuten hätte laufen sollen, als also die Spannung echt nicht mehr auszuhalten war und ein paar Kollegen schon nach Luft japsten, trat eine Frau in glänzenden schwarzen Stiefeln vor die Leinwand, stolzierte in die Bühnenmitte und balancierte ein Mikrofon in ihren Händen. Schockschwerenot! Ist Banksy eine schöne Frau? Mein Herz schlägt like a jungle drum! Unfassbar!

Aber nein, die Frau stellte sich als Pressechefin der Berlinale vor und verkündete, Mister Banksy könne leider nicht selber kommen, habe dafür immerhin eine Videobotschaft aus London geschickt, die nun vor dem Film zu sehen sei.

Seufz, nix Sensation!

In der Botschaft erscheint dann Banksy, das Kapuzen-Phantom, vor einem Graffiti-verzierten Lieferwagen sitzend, und warnt uns: "Manche Leute werden behaupten, dieser Film sei ein Schwindel. Das ist ein Hohn. Denn "Exit Through The Gift Shop" ist einer der ehrlichsten Filme, die ihr je sehen werdet."

Tatsächlich beginnt "Exit Through The Gift Shop" als aufrechte, wackelige, brav belehrende Dokumentation über die Anfänge und die wichtigen Künstler der Steeet Art. Wir lernen einen Franzosen kennen, der in Los Angeles lebt und angeblich Thierry Guetta heißt. Seit 1999 filmt der Mann spontane und oft verbotene Kunstaktionen im Großstadtalltag. Er präsentiert uns im Stil von Amateuraufnahmen Pioniere des Genres wie Space Invader und den spätestens durch sein Obama-Logo weltberühmt gewordenen Shepard Fairey. Er zeigt, wie sie ihre Bilder auf Hauswände, Bürgersteige und Friedhofsmauern zaubern. Er berichtet, wie er dem geheimnisvollen Banksy in London näherkam und ihn filmen durfte.

So weit, so mittelinteressant. Ein paar schiefe Bilder von der Flucht vor der Polizei gibt's auch, wenn die Künstlerfreunde bei Sprüh- und Malaktionen gemeinsam mit dem Voyeur Thierry plötzlich abhauen müssen.

Wirbel von Zeichen und Bedeutungen

Zum großen, intelligenten Spektakel wird Banksys Pseudodokumentarfilm, wenn sich dessen Erzählung nun plötzlich gegen Thierry Guetta wendet. Wir sehen, wie Guetta, bislang der Beobachter, plötzlich selber zum Künstler beziehungsweise zum Street-Art-Millionär werden will. Er nennt sich "Mr. Brainwash", kurz MBW, und er kopiert und variiert die Kunstwerke seiner Freunde aus der Szene. Mit einer spektakulären Riesenausstellung in Los Angeles schafft er es dann wirklich, zum Shooting Star der internationalen Kunstwelt ausgerufen zu werden.

Sind Guetta und Mr. Brainwash Erfindungen von Banksy? Ist der reale Rummel um MBW ein weiterer Sieg seiner Subversionsarbeit? Ist alles ganz anders gelaufen? Oder ist die Story über den Mitläufer und Scharlatan der Street Art in groben Zügen wahr (und der Film also eine brutale Abrechnung mit dem realen Guetta)?

"Exit Through The Gift Shop" ist ganz sicher keine Enthüllung über den Kunstbetrieb. Er deckt nichts auf. Er ist ein verrückter, böser, lustiger Wirbel von Zeichen und Bedeutungen wie der Kunstbetrieb selber.

Der Clou an Banksys oft wunderbar komischem Film ist, dass er uns Zuschauer mit einer Menge kaum zu klärender Fragen zurücklässt. Fragen nach der Kunst, nach dem Kino, nach einem Ausnahme-Ereignis in einem Berlinale-Wettbewerb, über das man sich stundenlang alles mögliche heiß diskutieren kann: die Köpfe zum Beispiel und die rasenden Herzen.

Tag 3 - Lacht doch… wenn Ihr noch könnt!

Es kommt die erste Festival-Müdigkeit auf. Aber die Berlinale-Macher sind gefeit: Dem drohenden Missmut der Journalisten halten sie eine überdreht-bunte Nudelsuppenküchen-Klamotte von Zhang Yimou entgegen - und das tragikomische Neurotiker-Drama "Greenberg" von Noah Baumbach.

Von Andreas Borcholte

Wie könnte es anders sein: Das Wetter in Berlin wird besser, aber die Laune sinkt. Nach drei Tagen im emotionalen Wechselbad der Wettbewerbsfilme und drei Nächten ohne ausreichend Schlaf macht sich bei den Festivalbesuchern eine gewisse Anstrengung bemerkbar, da nützen auch die milderen Temperaturen und ein fahler Anschein von Sonne am Potsdamer Platz nicht viel. Man beklagt sich eher über die ungewohnte, in den geröteten Augen stechende Helligkeit beim Verlassen der Pressevorführungen.

Ja, zugegeben, es wird schon mal wieder auf viel zu hohem Niveau gejammert. Dabei gibt es nach Ablauf der ersten vier Berlinale-Tage eigentlich gar nicht viel zu meckern, zumindest nicht am Wettbewerbsprogramm, das bisher noch keinen richtigen Ausfall parat hatte. Gut, auch ein richtiges Highlight war - bis auf Martin Scorseses außer Konkurrenz gezeigtem Psychodrama "Shutter Island" - noch nicht zu sehen. Aber das kann ja noch kommen.

Als hätten die Programmverantwortlichen die heraufziehende Festival fatigue der Journalisten vorausgeahnt, sorgten sie am Wochenende mit der geschickten Verteilung der Filme im Ablaufplan sogar dafür, dass es etwas zu lachen gab. So wurde der müden Meute am Sonntagfrüh Zhang Yimous schreibunte und grandios überdrehte Halunken-Komödie "A Woman, A Gun And A Noodle Soup" präsentiert, ein im alten China angesiedelter Eastern, in dem sich der steinreiche, menschlich ungenießbare Besitzer eines Nudelrestaurants mit einer rachsüchtigen Ehefrau, ihrem nervösen - und sehr enervierenden - Feigling von einem Liebhaber, einem hasenzahnigen, aber smarten Koch sowie einem korrupten Polizisten, der zum kaltblütigen Killer wird, herumschlagen. Eine nicht ganz kleine Rolle spielt auch eine altertümliche Pistole mit drei Schuss Munition. Irgendwie logisch, dass am Ende kaum einer überlebt, oder?

Die Akrobatik des Nudelteigs

Das alles findet statt vor der malerischen Kulisse einer unwirklich gefärbten Berglandschaft im Niemandsland nahe der Chinesischen Mauer - inszeniert in atemberaubenden Bildern und mit der gleichen Wucht, die auch schon Zhangs Martial-Arts-Drama "House of Flying Daggers" zur Augenweide machte. Eine Hommage an "Blood Simple", den Erstlingsfilm der Coen-Brüder, soll seine Burleske ums Töten und Täuschen sein, sagt Zhang. So bitterböse und clever konstruiert wie der Coen-Thriller ist "A Woman, A Gun And A Noodle Shop" bei weitem nicht. Die federleichte ästhetische Fingerübung des zuletzt zu monumentaler Opulenz neigenden chinesischen Regie-Meisters lässt keinen noch so vorhersehbaren Gag aus und schreckt auch vor derben Clownerien und der akrobatischen Anfertigung eines Nudelteigs nicht zurück. Ein kleiner Film, aber ein großer Spaß.

Kaum weniger amüsant, aber um einiges vielschichtiger geht es im neuen Film des Amerikaners Noah Baumbach zu. In "Greenberg" spielt Ben Stiller einen frisch aus dem Sanatorium entlassenen 40-Jährigen, der ein paar Wochen auf das Haus seines reichen Bruders im luxuriösen Teil der Hollywood Hills aufpassen soll. Roger Greenberg hat einst die vielversprechende Karriere seiner Popband in den Sand gesetzt, als er sich weigerte, einen Plattenvertrag mit einem großen Label einzugehen. Seitdem hat er nicht mehr viel entschieden, folglich ist ihm auch nicht mehr viel gelungen.

Ben Stiller als neurotisches Nervenwrack

Man erfährt nicht genau, warum er einen Nervenzusammenbruch erlitt, aber man kann es sich auch so vorstellen: Greenberg ist der typische Vertreter der Generation "Alles Geht": Zu viele Optionen, zu wenig Mut, und am Ende stellt man fest, dass das Leben halb vorbei ist und sich nichts von ganz alleine zum Guten gewendet hat. Der Comedian Stiller spielt das neurotische Nervenwrack, das mit seinen Versuchen, doch noch mal alles richtig zu machen, ganz ohne die gewohnte grimassierende Komik. So kommt ein in dunklen Seelen-Abgründen brütender Charakterdarsteller zum Vorschein. In manchen Szenen scheint Stillers Figur so unter Strom zu stehen wie ein Verzweifelter kurz vor dem Amoklauf.

So weit kommt es glücklicherweise nicht, denn Greenberg verliebt sich in die junge, aber ebenso desorientierte Haushaltshilfe seines Bruders, die etwas zu pummelige Hobby-Sängerin Florence (Greta Gerwig). Baumbach zeigt die zaudernde Annäherung der beiden ungleichen Charaktere als Abfolge schmerzhaft peinlicher, aber dennoch absurd komischer Situationen. Wie schon in seinem leisen Scheidungsdrama "Der Tintenfisch und der Wal" schafft es der 1969 geborene Baumbach, seinen Zuschauern viele unbequeme Wahrheiten über die Schwierigkeiten des menschlichen Zusammenlebens vor Augen zu führen, ohne dabei eine Pointe auszulassen.

"Greenberg" erinnert dadurch oft an einen Woody-Allen-Film - mit weniger intellektuellen Exkursen, aber umso mehr Detail-Beobachtungen: Wenn Florence und Roger bei ihrem ersten Date in ihrem Apartment unbeholfen und linkisch zum spontanen Sex übergehen und einfach nichts klappt, lauert hinter dem ersten Lacher über die Situationskomik auch eine große Traurigkeit: Warum ist es bloß so unfassbar schwer, sich anderen Menschen zu öffnen und ihnen nah zu sein? Warum müssen der Kopf und all der emotionale Ballast, der sich über Jahre darin angesammelt hat, immer dem Herz in die Quere kommen?

Thomas Vinterbergs unterkühlte Bilder

Gänzlich ohne comic relief kommt hingegen der neue Film des dänischen Dogma-Mitbegründers Thomas Vinterberg aus. Sein tristes Familiendrama "Submarino" ist eine ganz schöne Strapaze, aber das soll und muss auch so sein, denn erzählt wird die Geschichte zweier Brüder, deren Leben schon in früher Kindheit dauerhaft aus den Fugen gerät, als ihr Baby-Bruder unter ihrer Obhut stirbt. Schuld sind die beiden Knirpse daran nicht wirklich, denn ihre Mutter, eine Säuferin, die lieber durch Bars tingelt, statt sich um einen geordneten Haushalt und die Pflege ihrer Kinder zu kümmern, überlässt die Sorge um ihr Kleinkind fahrlässig den beiden Jungs.

Aber als Erwachsene leiden die beiden natürlich noch immer unter diesem Trauma: Nick, der ältere Bruder, war lange im Gefängnis, lebt in einem Heim für Haftentlassene und versucht verzweifelt, sich um seine alleinerziehende Nachbarin und seinen sexuell gestörten Kumpel Ivan zu kümmern. Seine Bemühungen, zu beweisen, dass er letztlich doch in der Lage ist, für andere zu sorgen, führen jedoch ins Nichts und zur bitteren Erkenntnis, dass er noch nicht einmal auf sich selbst aufpassen kann. Auch seinem Bruder geht es nicht besser: Durch einen Unfall seiner Frau beraubt, muss er seinen kleinen Sohn alleine großziehen, kommt aber nicht vom Heroin los.

Vinterberg kehrt mit "Submarino" zu den Anfängen seiner Karriere zurück, zu den entfärbten, gnadenlos unterkühlten Bildern seiner bisher besten Arbeit "Das Fest" von 1998 - auch das zentrale Thema seines neuen Films sind die katastrophalen Auswirkungen von Kindesmissbrauch.

Doch auch wenn Jakob Cedergren als unter stoischer Fassade Verzweifelnder eindrucksvoll zeigt, dass er 2005 zu Recht zum "Shooting Star" der Berlinale erkoren wurde, fehlt "Submarino" - vielleicht auch durch sein allzu versöhnliches Ende und eine ungeschickte Dramaturgie - der packende, an die Nieren gehende Realismus, der zum Beispiel die Sozialdramen der Dardennes-Brüder zu intensiven Kino-Erlebnissen macht. Nun mal nicht so ungnädig, sagen Sie? Wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier.

Tag 2 - Veteranen unter sich

Mit Shah Rukh Khan und Martin Scorsese beehren zwei ganz große Namen die Berlinale mit neuen Werken. Den besseren Film hat aber ein unbekannter Rumäne mitgebracht.

Von Daniel Sander

Eines der vielen schönen Dinge an der Berlinale ist es, alte Bekannte zu treffen, die man sonst viel zu wenig sieht. Es tauchen zwar immer wieder neue Gesichter in der Akkreditiertenmeute auf, aber alles in allem kommt einem die Schar aus Produzenten, Journalisten, PR-Agenten und Irgendwas-beim-Film-Menschen auf dem Festivalgelände doch wohlig vertraut vor. Wer einmal dabei war, kehrt eben immer gerne wieder zurück.

So natürlich auch die Künstler. Martin Scorsese - für viele der größte lebende Regisseur der Welt - und Shah Rukh Khan - der unbestritten größte Schauspieler Bollywoods - waren beide schon vor zwei Jahren da, um ihre neuen Filme unter die Leute zu bringen. Sie haben gute Erfahrungen gemacht: Scorseses launige Rolling-Stones-Konzertdoku "Shine a Light" ist als einer der besseren Eröffnungsfilme in Erinnerung geblieben. Khan hat mit "Om Shanti Om" eine Fan-Hysterie ausgelöst, die damals höchstens von der ebenfalls anwesenden Madonna übertroffen wurde.

Trotz Schnee und Eiseskälte standen auch gestern wieder Hunderte Khan-Fans am roten Teppich, um ihren Helden zu bejubeln. Wer ihn liebt, liebt ihn nun mal bedingungslos. Wer es nicht tut, wird von seinem in Berlin außer Konkurrenz gezeigten Film "My Name is Khan" (Regie: Karan Johar) allerdings kaum vom Gegenteil überzeugt werden. Darin spielt er wie immer mit vollem Einsatz einen ehrenwerten indischen Muslim mit Asperger-Syndrom, der in den USA mit einer schönen allein erziehenden Hindu-Frau eine Familie gründet, die nach Stimmungsumschwung in den USA gegenüber Moslems nach dem 11.September 2001 und einer persönlichen Tragödie wieder zerbricht.

Daraufhin reist er quer durchs Land um alle zu überzeugen, dass er kein Terrorist ist, vor allem Präsident Bush. Gehört und verstanden wird er aber erst von Obama. Die ganz großen Themen, präsentiert in übergroßen Bollywood-Bildern (wenngleich auch mit deutlich weniger Gesang und Tanz als üblich), angereichert mit hemmungslosem Herzschmerz. Für europäische Sehgewohnheiten zumindest gewöhnungsbedürftig, für Fans von Understatement eine echte, nahezu dreistündige Prüfung.

Martin Scorseses lang erwartete Verfilmung von Dennis Lehanes Roman "Shutter Island" ist mit 138 Minuten immerhin eine knappe halbe Stunde kürzer, wurde aber bei von den Journalisten bei der heutigen Pressevorführung dennoch eher verhalten aufgenommen. Trotz spektakulärer Besetzung - Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Michelle Williams, Ben Kingsley und sogar Max von Sydow sind in die merkwürdigen Vorkommnisse auf einer sturmumtosten Nervenheilanstalts-Gefängnisinsel vor Boston im Jahr 1954 verwickelt.

Ein US-Marshall (DiCaprio) soll mit seinem Partner eine verloren gegangene Insassin ausfindig machen, hat dort aber auch seine persönlichen Dämonen zu bekämpfen. Das beginnt als straffer, spannender Thriller, wie man es von Scorsese kennt, verwandelt sich aber zunehmend in ein surreal anmutendes Psychodrama nach David-Lynch-Methode. Faszinierend ist das durchaus, möchte aber nicht so richtig zusammen passen.

Als Tagessieger kann daher vielleicht der rumänische Wettbewerbsbeitrag "Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich" ("Eu Cand Vreau Sa Fluier, Fluier") von Florin Serban gelten. Ein ganz kleiner Film um einen 18-Jährigen (George Pitereanu), der kurz vor seiner Entlassung aus dem Jugendknast zum Geiselnehmer wird, aus Liebe zu seinem kleinen Bruder, den er vor seiner verhassten Mutter beschützen möchte. Wacklige Bilder und eine hohe Dosis Osteuropa-Tristesse machen das Ganze manchmal etwas anstrengender als es sein müsste.

Trotzdem schaffen es Regisseur und vor allem der entwaffnende Hauptdarsteller, den Geist einer modernen Jugend zwischen Schwermut und Träumerei einzufangen, energisch und kraftvoll. Eine neue Großtat des rumänischen Kinos wie "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" von Christian Mungiu und jüngst "Police, Adjective" von Corneliu Porumboiu ist der Film nicht geworden. Mit den Großen mithalten kann er aber allemal.

Tag 1 - Heult doch, ihr Schreiberlinge!

Als Schriftsteller ist man auf der sicheren Seite? Von wegen. Wie man als Autor in lebensbedrohliche Situationen und moralische Kontroversen geraten kann, zeigen Polanskis Polit-Thriller "The Ghost Writer" und Robert Epsteins Ginsberg-Hommage "Howl".

Von Andreas Borcholte

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Berlinale Tag 1: Ein fiebriger Blick in die Seele der Verlorenen

Foto: Kinowelt

Wer sagt eigentlich, dass sich nur Filmemacher Ärger einhandeln? Auch das Schreiben kann einen in Schwierigkeiten bringen. Nein, das soll jetzt kein Jammern in eigener Sache sein, denn das eilige Verfassen eines Berlinale-Berichts, das Hoffen auf die Idee, mit der man die Filme mit dem Festival-Geschehen zu einem stimmigen Text zusammenfügen kann, ist ein Leichtes, gemessen an den Konflikten und Gefahren, in die Autoren manchmal geraten. Die über einen Plagiatsvorwurf stolpernde Jungautorin Helene Hegemann hätte dazu jetzt wahrscheinlich einiges zu sagen.

Gleich zweimal geht es am Freitag in den Wettbewerbsfilmen der Berlinale nicht um auf Zelluloid gebannte Bilder, sondern um riskante Buchstaben auf Papier: In Robert Epsteins Dokufiction "Howl" wird die Kontroverse um das bahnbrechende Gedicht "Howl" des Beat-Poeten Allen Ginsberg verarbeitet - und in Roman Polanskis Thriller "The Ghost Writer" gerät Ewan McGregor als Memoirenschreiber eines ehemaligen britischen Premierministers erst in moralische Nöte und muss dann sogar um sein Leben fürchten.

"I saw the best minds of my generation destroyed by/ madness, starving hysterical naked,/ dragging themselves through the negro streets at dawn/ looking for an angry fix". Mit diesen desperaten Zeilen beginnt Allen Ginsbergs Gedicht "Howl". Verhungert, hysterisch, sich durch die Straßen schleppend, zum Glück nicht nackt… da hat man natürlich die Festival-Journalisten vor Augen, die sich frühmorgens um acht nach wenigen Stunden Schlaf in den Berlinale-Palast zur Pressevorführung kämpfen. Fast schade, dass "Howl" bereits am zweiten Tag gezeigt wurde, statt am Ende des Festivals, wenn die Nerven der Besucher nach unzähligen Filmen, hastigem Schreiben und feuchtfröhlichen Empfängen so richtig blank liegen.

Aber auch im relativ ausgeruhten Zustand entfaltet Epsteins Film seine Wirkung: Der Schauspieler James Franco ("Spider-Man") spielt Allen Ginsberg in nachgestellten Interview-Passagen, dazu werden Spielszenen aus dem Prozess gegen den "Howl"-Verleger Lawrence Ferlighetti von 1957 geschnitten. Und natürlich wird das Gedicht ausgiebig zitiert, illustriert von psychedelisch-bunten Zeichentrick-Sequenzen des Ginsberg-Weggefährten Eric Drooker, untermalt mit einem suggestiven Jazz-Score von Carter Burwell.

Flammendes Plädoyer gegen die Zensur des Andersdenkenden

1956 veröffentlichte der junge New Yorker Dichter sein Langgedicht als Hommage an seinen Freund Carl Solomon, den er während eines Aufenthalts in einem Sanatorium kennengelernt hatte. Sofort danach wurde "Howl" wegen seiner vermeintlich obszönen Sprache verboten und es kam zur Gerichtsverhandlung über den literarischen Wert des Werkes und das Recht des Künstlers auf seine eigene, wenn's sein muss eben auch deftige, provokante Sprache.

Das Befreiungs-Geheul des Beat-Poeten Ginsberg, Freund und Zeitgenosse von Jack Kerouac und Neal Cassady, war nicht nur das eindrucksvolle Outing eines homosexuellen Dichters in spießiger Zeit, sondern ein furioser Blick in die Seele jener Verlorenen der amerikanischen Nachkriegsgeneration, die sich weigerten, ihr Leben nach den engen Richtlinien der Fünfziger zu gestalten: Birth, School, Work, Death… diesem Vierklang der Anpassung widersetzten sich die Hipster und Drifter der Beat-Generation durch Free Jazz, Sex und Betäubungsmittel jeglicher Art.

"Howl" war der Schlachtruf, den die Gegenkultur Amerikas brauchte, um sich gegen das Establishment zu erheben: Pop-Art, Flower-Power, Punk, all das wäre ohne Ginsbergs Gedicht vielleicht undenkbar gewesen. Robert Epstein, eine Schlüsselfigur der amerikanischen Schwulen- und Lesben-Szene und Oscar-Gewinner für seine Dokumentation "The Times of Harvey Milk", inszenierte seinen gemeinsam mit Jeffrey Lieberman gedrehten Film als flammendes Plädoyer gegen die Zensur des Andersdenkenden.

Manch einem Berliner Tageszeitungskollegen war diese kämpferische Collage zwar zu kitschig, aber in Wahrheit funktioniert Epsteins Film wunderbar als aufregender cineastischer Genremix und als sympathische Erinnerung an einen wichtigen Moment der Verteidigung der künstlerischen Freiheit.

Polanskis "The Ghost Writer" ist ein solider Polit-Thriller

Mit solchen grundsätzlichen Überlegungen hat der von Ewan McGregor gespielte Auftragsschreiber in "The Ghost Writer" wenig am Hut. Er lässt sich von seinem Agenten überreden, die Memoiren des stark an Tony Blair erinnernden Ex-Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) zu schreiben, nachdem dessen bisheriger Ghostwriter auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen ist. Die Herangehensweise des jungen Briten ist pragmatisch: Die 250.000 Dollar Honorar für die Überarbeitung eines länglichen, aber in den Grundzügen bereits fertiggestelltes Manuskript nimmt er gerne mit, ahnt aber noch nicht, worauf er sich wirklich eingelassen hat.

Dem durch seine Amerika-Treue im Irak-Krieg ohnehin unbeliebtem Ex-Premier wird plötzlich vorgeworfen, er hätte die Folter von inhaftierten Terrorismus-Verdächtigen gebilligt, was den unbedarften Schreiberling in moralische Konflikte stürzt: Darf man die Lebenserinnerungen eines Kriegsverbrechers verfassen? Zudem fühlt er sich zunehmend unwohler, je mehr er über den Tod seines Vorgängers herausfindet, der bei seiner Recherche auf ein Geheimnis in der Biographie des Politikers gestoßen war. Der Lohnschreiber wird zum Detektiv - und "The Ghost Writer" zum soliden Polit-Thriller.

Als Kulisse für den auf einem Roman von Robert Harris basierenden Film diente ein schmucker weißer Bungalow auf der amerikanischen Ostküsten-Insel Cape Cod, Zufluchtsort der Reichen und Mächtigen und wind- und wetterumtostes Exil für den in Ungnade gefallenen Ex-Premier mitsamt seiner gestrengen, aber attraktiven Assistentin (Kim Cattrall) und einer frustrierten Ehefrau (Olivia Williams), die alsbald mit dem Lohnschreiber anbändelt. Roman Polanski, inzwischen selbst in einem Schweizer Chalet festgesetzt, musste die Szenen allerdings auf Sylt und Usedom drehen, da er wegen seines drohenden Vergewaltigungsprozesses nicht in die USA einreisen durfte.

Als Londoner City-Szenerie diente ihm übrigens die Berliner Charlottenstraße. Und durch die wehen am Ende von "The Ghost Writer" munter Hunderte von Manuskriptseiten.

So bleibt am Ende von all der geschriebenen Mühe immerhin ein starkes Bild.

Eröffnung - Filme futtern gegen die Kälte

Von Andreas Borcholte

Da wären wir also wieder. Berlin, Potsdamer Platz, pendelnd zwischen Berlinale-Palast, Grand-Hyatt-Hotel und Cinemaxx-Kino, schlotternd und schlitternd im winterlichen Eishauch der Hauptstadt, Taschen, Handschuhe, Mobiltelefone und Kaffeebecher balancierend, auf dem Weg von einem Film zum anderen. 26 werden es am Ende sein, zählt man nur den Wettbewerb mitsamt einigen außer Konkurrenz gezeigten Produktionen. Zehn Tage lang ist Berlin, zum 60. Mal, wieder internationale Kinostadt.

Dieter Kosslicks

Das Schöne an der Berlinale ist ja, dass sie im Gegensatz zu den anderen beiden A-Festivals, Cannes und Venedig, ein echtes Großstadt-Festival ist. Und die Berliner wissen es jedes Jahr aufs Neue zu schätzen, dass die aus aller Herren Länder angereiste Cineasten-Clique hier nicht unter sich bleibt, sondern alle teilhaben können, alle mitschauen und mitdiskutieren können, wenn Autorenfilme gezeigt werden, die selten oder nie den Weg ins reguläre Kino finden. So waren die Menschenschlangen an den öffentlichen Ticketverkaufsstellen in den Arkaden am Potsdamer Platz am Donnerstag schon wieder bis zu 30 Meter lang. Erstaunlich und erfreulich angesichts eines Wettbewerbs- und Nebenprogramms, dass in den vergangenen Jahren unter der Regie Abstand genommen hat vom publikumswirksamen Staraufgebot à la Cannes - und dafür mehr und mehr die politische Kompetenz des Festivals stärkt.

So werden zwar am Wochenende internationale Stars wie Pierce Brosnan, Ewan McGregor und Leonardo DiCaprio über den roten Teppich flanieren - und das ist auch gut so, denn zum Filmgeschäft gehört immer auch ein bisschen Flitter. Aber im Mittelpunkt dieses Winterfestivals, das sich in diesem Jahr mit Schneeschauern und glatten Bürgersteigen von seiner grimmigsten Seite zeigt, stehen die unbequemen, in ihrer Verkopftheit und Nachdenklichkeit manchmal auch quälenden, meistens aber interessanten Filme, die über der conditio humana brüten und den Zustand der Gesellschaft reflektieren. "Gritty" nennt man diese Art der Grobkörnigkeit, die sich abseits des Glamours in den schmuddeligen Ecken verbirgt. Und das passt dann ganz gut zu dem braunen, wie getrockneter Kot aussehenden Rollsplitt, den die streusalzarme Stadt hier überall ausgestreut hat.

Weil in Berlin nichts ohne historischen Bezug geht

Aber wie gesagt, die Berliner machen all das gerne mit, weil sie es gewohnt sind, dass ihre Stadt grau und abweisend ist. Warum soll dann ausgerechnet das Kino hier wärmende Erbauung statt kalte Realität abbilden. So werden sich wahrscheinlich am Freitagabend, wenn der restaurierte Fritz-Lang-Klassiker "Metropolis" als Staatsakt im Friedrichstadtpalast und als Volks-Event open air am Brandenburger Tor gezeigt wird, mehr Berliner in der Eiseskälte vor ihrem Stadtwahrzeichen versammeln, als man bei diesen schneidenden Minus-Temperaturen vermuten würde. Zur Not packt man sich eben bei den Händen, mampft eine Currywurst und singt gemeinsam ein trauriges russisches Lied. Warum ausgerechnet russisch? Weil in Berlin nichts ohne historischen Bezug geht.

Diesem Credo folgend wurde wohl auch der Eröffnungsfilm der Geburtstags-Berlinale ausgesucht: "Tuan Yuan" ("Apart Together") heißt der und wurde von dem jungen Pekinger Regisseur Wang Quan'an in Shanghai gedreht. Es ist die Geschichte einer Familienzusammenführung, die unter anderen Vorzeichen auch in der lange geteilten deutschen Hauptstadt spielen könnte. Als China 1949 zur Volksrepublik wurde, flüchteten viele der im Bürgerkrieg auf der Seite der Antikommunisten kämpfenden Soldaten auf die dem Festland vorgelagerten Insel, die zur Republik Taiwan wurde. 50 Jahre später dürfen die Veteranen endlich wieder nach China einreisen, darunter auch Liu Yansheng, der in Shanghai seine ehemalige Verlobte aufsucht, um vielleicht doch noch sein spätes Glück zu finden.

Ein romantischer Plan, doch Qiao Yu'e, inzwischen gestandene Großmutter, hat einst, alleingelassen in den Wirren von Maos Kulturrevolution, einen Unteroffizier der kommunistischen Truppen geehelicht und mit ihm mehrere Kinder gezeugt. Liu platzt in diese Großfamilie wie ein Fremdkörper, doch vor allem von Yu'es Mann, ebenfalls im Rentenalter, wird er mit geradezu überbordender Herzlichkeit aufgenommen. Überraschender noch: Er scheint gar nichts dagegen zu haben, dass der Onkel aus Taiwan seine Frau in ein neues, anderes Leben entführen will. Leider regt er sich über die bevorstehende Veränderung seines Lebens so auf, dass er einen Schlaganfall erleidet. Und Yu'e muss sich zwischen dem Gewohnten und dem Ersehnten entscheiden.

Geist der Veränderung

Alles an diesem kleinen, aber sehr herzlichen Film atmet den Geist der Veränderung: Seine ehemalige Geliebte, die sofort wieder für ihn entflammt, erkennt Liu gerade noch wieder, aber die Boomtown Shanghai ist ihm, der die Hafenstadt Jahrzehnte zuvor verließ, fremd und unbekannt. Doch so wie die südchinesische Metropole in ein neues, kapitalistisch-kommunistisches Zeitalter aufbricht, brechen eben auch private Verhältnisse auf, werden Lebenswege neu entworfen und vielleicht sogar gegangen - selbst im fortgeschrittenen Alter.

Ganz im Sinne des großen Kino-Kulinarikers Dieter Kosslick dürfte es sein, dass in "Tuan Yuan" eigentlich am laufenden Band gegessen wird. Ständig hockt die Familie in wechselnder Konstellation vor reichlich gedeckten Tafeln, und der Reiswein fließt in Strömen. Die Liebe der Chinesen zur ausdauernden Mahlzeit ist ja hinlänglich bekannt, aber Yu'es Ehemann bringt es auf den Punkt: "Wenn du nicht mehr isst, ist alles vorbei", sagt er am Ende dieses beschwingt melancholischen Films, in dem übrigens auch viel gesungen wird. Mögen die wirtschaftlichen Verhältnisse auch kippen, mag die Historie auch Kapriolen schlagen - Essen hält Leib, Seele und letztlich auch die Familie zusammen. Und auf die, das betonte auch Kosslick am Donnerstagabend bei seiner Eröffnungsrede bei der wie immer arg tantenhaften Gala im Berlinale-Palast, reduziert sich in Krisenzeiten schließlich alles.

Damit wären wir dann wieder im Berliner Festivalalltag angekommen. Wir merken uns also für die nächsten zehn Tage: Immer schön futtern - und vor allem viel trinken - dann kann einem hoffentlich weder grimmiger Winter noch grausamer Wettbewerbsfilm etwas anhaben.